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Geschichte > Traisa

Stand: 30.05.2012

 

 

 



 

Waldeck: Kurhaus, Kinderheim, Aufbauschule

Vornehmlich Wohnbebauung wird es auf dem Gelände des ehemaligen Kinderheimes Waldeck in Traisa geben. Daß dem Namen Waldeck eine andere Bedeutung als eine Beschreibung des Standortes zukommt, ist nicht anzunehmen. Auch das benachbarte Hotel und Kaffeehaus „Waldesruh“, etwa um die gleiche Zeit wie Sanatorium und Kurhaus entstanden, nutzt einen solchen rein standortbezogenen Namen. Ein Bezug zum Fürstentum gleichen Namens in Nordhessen kann ebenso ausgeschlossen werden, weil herrschaftliche Beziehungen zu unserem Raum nicht bestanden.

Nach einer Ansichts-Postkarte ist das Haus Waldeck vor der Jahrhundertwende 1900 von dem früheren Darmstädter Bankier Nauheimer als Wohnsitz erbaut worden. Um die Jahrhundertwende wurde es zum Kurhaus und Restaurant umgestaltet, zu einer Zeit, als in Traisa und Nieder-Ramstadt (auf dem Gebiet, das man später Trautheim nennt) etliche Erholungs- und Kurheime entstanden, die einen nennenswerten Fremdenverkehr beförderten. In ganz naher Nachbarschaft entstand etwa zu gleicher Zeit das
Naturheilsanatorium Glück-auf Traisa im Odenwald“. Dieses Haus firmierte zwar unter „Traisa“, lag – und liegt noch heute – in der Straße „An der Steinkaute“ auf dem Gebiet Nieder-Ramstadts, das man heute Trautheim nennt.

Der Erste Weltkrieg beendete die Hoffnungen auf „sanften“ Tourismus (wie man das heute nennen würde) als neues wirtschaftliches Standbein im Mühltal, der sich danach in beiden Orten im wesentlichen mit Angeboten für Tagesausflügler in Grenzen hielt, und das auch nur noch für wenige Jahrzehnte.

Der letzte Besitzer Blümlein verkaufte das Areal 1917 an die Stadt Darmstadt, die vor ihren Toren in landschaftlich schöner und am Waldrand gesunder Lage ein Heim für Kinder aus der Stadt eröffnete.

Dr. Georg Politsch (Trautheim),
fortschrittlicher Pädagoge vor allem auf dem Gebiete der Hilfs- und Sonderschulpädagogik sowie der Erwachsenenbildung, wurde 1923 Lehrer an der einklassigen Volksschule auf Waldeck in der er rund 50 Kinder antraf. Eine Passage aus seinen Lebenserinnerungen werfen ein Bild auf die beschwerliche Erziehungsarbeit in der Einrichtung zwischen den Kriegen:

In Waldeck wurde für den Unterricht ein Zimmer im Dachstock von etwa 14 qm Größe zur Verfügung gestellt. Die Kinder saßen rundum eng gedrängt an den Wänden, ich hatte kaum Platz zum Stehen. Kein Schulmeister des 18. und 19. Jahrhunderts kann unter ärmlicheren Umständen gearbeitet haben. Die Umsiedlung in das neuerbaute kleine Schulhaus, dem ich einen Vorbau als Werkraum geben ließ, brachte die ersehnte Besserung. 16 Jahre habe ich hier als Lehrer einer einklassigen Schule seelisch gefährdete, geistig vernachlässigte oder schwach begabte Kinder unterrichtet. Die Kinder blieben etwa ¼ Jahr im Heim. Zusammen mit den Schwestern, die durchweg gern auf pädagogische Einsichten reagierten und die Kinder im Heim betreuten, lernten wir, Kinder planmäßig zu beobachten. Die täglichen Beobachtungen wurden abends notiert, Schulleistungen und Fortschritte im Verhalten wurden beobachtet und beurteilt. In den meisten Fällen waren die Kinder schon nach wenigen Wochen nicht mehr wiederzuerkennen. Ich lernte, dass Fürsorgezöglinge mit dreiviertellangen Hosen auch seelisch uniformiert blieben, wir kleideten die Kinder daher individuell. Alles, was sie als Anstaltskinder abstempelte, wurde verpönt, wir gaben ihnen, soweit es verantwortlich schien, die Freiheit, allein oder zu zweien auszugehen, sie durften soweit möglich ihre Eltern besuchen. Körperstrafe war ausgeschlossen.“

Die Geschichte Waldecks als Kinderheim erfuhr zwischen 1945 und 1954 eine bedeutsame Unterbrechung. In Darmstadt fehlten nach den Kriegszerstörungen in großer Zahl Schulräume. Gleichzeitig waren junge Kriegsteilnehmer und Flakhelfer, die das Kriegsende überlebten, Ausgebombte, Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene und Schüler, die wegen Einberufungen zur Wehrmacht oder des Umbruchs bei Kriegsende ihren Schulabschluß nicht absolvieren konnten, zu einem Bildungsabschluß zu führen. Sie erhielten auf Waldeck die Chance, in Sonderlehrgängen und Kursen ihre Abiturprüfung abzulegen und die Reife für ein Hochschulstudium zu erlangen. Die Stadt Darmstadt, privatrechtliche Eigentümerin von Waldeck nach wie vor, nutzte das geräumige Haus um zur

„Realgymnasialen Aufbauschule Darmstadt in Traisa“.

Schon bei der Eröffnung verfügte die Schule unter der Leitung von Dr. Fritz Krämer über ein Internat, um auch Schülern, die im Umland Unterkunft gefunden hatten, den Besuch der Schule zu ermöglichen. Studiendirektor i.R. Kurt Bischoff (Nieder-Ramstadt) erlebte als Schüler selbst „die Aufbauschule“ von 1948 bis 1954 und steuerte als Zeitzeuge die Informationen zu diesem Aufsatz bei.

Schon nachdem die ersten Jahrgänge der Kriegsteilnehmer die Schule durchliefen, wurde das Angebot für jüngere Jahrgänge erweitert für Heimschüler und Fahrschüler, die keine Gelegenheit hatten, die Klasse 5 (Sexta) eines Gymnasiums zu besuchen. Auf die Klasse 8 der Volksschule
aufbauenddaher der Name Aufbauschule – führte dann nach bestandener Aufnahmeprüfung der Weg im Klassenverband zur Oberprima (Kl. 13). Nach speziellen Lehrplänen zum Fächerkanon des Gymnasiums wurde von Gymnasiallehrern und -lehrerinnen unterrichtet. Dr. Martin Wagenschein, der berühmte Trautheimer Pädagoge und Didaktiker, gehörte wohl von Anfang an zum Kollegium. Die Schülerzahl wuchs an, auch Mädchen wurden als Externe aufgenommen.

Im benachbarten stillgelegten Steinbruch "Kausert" (nach der seinerzeitigen Betreiberfirma Kaus) errichtete die Schülerschaft unter Leitung von Heimleiter und Lehrer Otto Lorenz, der mit seiner Familie im Seitenbau wohnte, eine wunderbare Freilichtbühne. Unter seiner Regie gelangten u.a. Theaterstücke (Shakespeare, Luserke u.a) sowie Musikabende zur Aufführung, woran auch die Traisaer Bürgerschaft gerne Anteil nahm. 1954 wurde die Aufbauschule geschlossen. Inzwischen war das neue
Schuldorf Bergstraße eröffnet worden, wohin ein Teil der Lehrer- und Schülerschaft überwechselte.

Das Haus Waldeck wurde wieder Kinderheim. Nach etlichen Änderungen des pädagogischen und sozialen Konzeptes sowie baulichen Veränderungen und Erweiterungen hat die Stadt Darmstadt die Einrichtung aufgegeben. Die Gemeinde Mühltal hat Gebäude und Gelände aufgekauft. Vermutlich wird nur ein kleiner Teil für die ursprünglichen soziale Zwecke übrig bleiben, der größere Teil aber wieder in „Darmstädter Hände“ fallen, wenn auch anders als 1917 für sozial benachteiligte Kinder, sondern in Form von Baugelände für Eigenheime Betuchter.


Mehr zur ehem. Realgymnasialen Aufbauschule Darmstadt in Traisa
von Studiendirektor Kurt Bischoff (Klick in die Grafik):



(Briefkopf aus der Anfangszeit))


Text:
Kurt Bischoff
Volker Teutschländer





Kurhaus bis 1917



Aufbauschule 1950



Der „Kausert“,
von der Lehrer- und Schülerschaft
der Aufbauschule zum Freilichttheater ausgebauter aufgelassener Steinbruch