Inhalt

Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

 

Geschichte > Traisa

Stand: 11.08.2012

 

 

 



 

Die ehemalige Aufbauschule in Traisa

Die Realgymnasiale Aufbauschule Darmstadt in Traisa, Waldstraße 1,
1945 bis 1954

Die Einrichtung der Schule nach dem Kriegsende:

Zur Situation - Gründe zur Eröffnung

Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Von den alliierten Siegermächten wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, welchen die jeweiligen Militärregierungen vorstanden. Hessen lag in der amerikanischen Zone. Politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen lagen darnieder, und es herrschte große materielle Not, weil es an allen Dingen des täglichen Lebens mangelte.

In unserer Region kam noch erschwerend hinzu, dass durch den Luftangriff auf Darmstadt in der Nacht vom 11. auf 12. September 1944 die meisten Wohnviertel total zerstört wurden und eine große Wohnungsnot entstand. Die total „Ausgebombten“ mussten von den Vororten Darmstadts angefangen bis weit in den Odenwald und die Rheinebene hinein eine beengte Notwohnung finden.

Aus dem Osten Deutschlands strömten sehr viele Menschen hierher, als „Heimatvertriebene“ und „Ostflüchtlinge“ bezeichnet. Um sie aufnehmen zu können, wurden z.B. auf der Lichtwiese (heute TU-Gelände) unter Selbsthilfe von Flüchtlingen eine Siedlung von sehr einfachen Häuschen mit Gartengrundstück zum Anbau von Nutzpflanzen und Haltung von Kleintieren erbaut. Als bleibende Siedlungen für Vertriebene entstanden bald nach Kriegsende im Westen Darmstadts Heimstätten- und Buchenlandsiedlung.

In den letzten Kriegsjahren und nach 1945 mussten viele Jugendliche ihre schulische Laufbahn wegen Vertreibung oder Einberufung zum Kriegsdienst abbrechen. Letzteres traf vorwiegend für männliche Schüler zu. Je nach Lebensalter – die Volljährigkeit begann damals noch mit 21 Jahren – wurden die älteren als Soldaten der Wehrmacht an die Front geschickt. Die jüngeren wurden zur Verteidigung der Heimat an der „Heimatfront“ zusammen mit nicht mehr einberufenen alten Männern z. B. in der Handhabung von Panzerfäusten oder bei der Flugabwehr an den Kanonen als „Flakhelfer“ eingesetzt.

Die überlebenden Kinder und Jugendlichen dieser schrecklichen Kriegseinsätze und Kriegsereignisse kamen seelisch erschüttert ohne Perspektiven für ihre persönliche zukünftige Laufbahn in den hiesigen Raum. Aber schon erstaunlich schnell wurden unter Billigung der amerikanischen Militärregierung von lokalen Behörden Initiativen ergriffen, um den jungen Menschen zu helfen, z.B. durch die Einrichtung einer Realgymnasialen Aufbauschule, die auf verkürztem Wege zum Abitur führen konnte.

Da im zerstörten Darmstadt für diese Schule kein Raum zur Verfügung stand, bot sich das in Traisa leerstehende Haus des Kinderheimes Waldeck hierfür an. Die ehemaligen Heimkinder wurden wegen der zum Kriegsende hin sich häufenden Luftangriffe auf das Land verschickt.

Die Eröffnung

Aus einem Zeitungsartikel vom 5. November 1945 geht hervor, wann, wo und wie realgymnasiale Aufbauschulen jungen Menschen doch noch den verkürzten Weg zum Abitur ermöglichen können.

„…Neben den seitherigen Schulen werden künftig auch wieder Aufbauschulen eingerichtet, um auch Kindern aus verkehrsarmen Gebieten eine höhere Schulausbildung zu ermöglichen. … Die Aufbauschulen sind mit Schülerheimen verbunden, in denen Unterkunft und Verpflegung zu einem sehr mäßigen Preis verabfolgt werden. …

In Starkenburg wird eine solche Anstalt für Knaben im ehemaligen Kinderheim „Waldeck“ bei Traisa errichtet, mit deren Eröffnung demnächst gerechnet werden kann. … Etwa 60 Schüler können dort beherbergt und verpflegt werden. Zug- Autobus- und Obus-Verbindung sichern den Fahrschülern leichten Zugang. … Meldung mit 1. Amtsärztlichem Gesundheitszeugnis 2. Letztem Schulzeugnis 3. Lebenslauf sind zu richten an den Leiter Studienrat Dr. Fritz Krämer, Darmstadt, Fichtestraße 26.“

Für die oben genannten älteren Kriegsteilnehmer wurden drei einjährige Sonderlehrgänge mit je 20 bis 30 allesamt männlichen Teilnehmern eröffnet. Sie erfuhren von dieser Möglichkeit durch den zitierten Zeitungsartikel, oder vom Hörensagen Da es noch kein Schulsekretariat gab, schickten die künftigen Absolventen ihre Bewerbungsunterlagen an die Privatadresse des ernannten Schulleiters, Dr. Fritz Krämer Er benachrichtigte die angenommenen Bewerber persönlich per Postkarte:



Somit begann der Unterricht im Hause Waldeck am 17. Dezember 1945 um 9 Uhr. Das kleine Kollegium der Lehrerinnen und Lehrer der ersten Stunde sowie Heimleiter und Personal des Internats begannen unter äußerst bescheidenen Anfangsbedingungen mit ihrer Arbeit. Von mir 2011 befragte Absolventen der Lehrgänge erklärten übereinstimmend, der Unterricht habe ihnen bei hoher Motivation aller Beteiligten – nach dem Ende einer grauenhaften Diktatur – wertvolle Möglichkeiten zur Gestaltung des Lebensweges aufgezeigt. Die Unterrichtsatmosphäre sei trotz schwerer materieller Notlage entspannt und von Seiten der Lehrer wohlwollend und fördernd gewesen. Aus der notwendigen Improvisation heraus ergaben sich Felder für kreatives Denken und Handeln.

Nach bestandener Prüfung wurde den Kursteilnehmern das „Zeugnis der Reife“ zuerkannt, welches den Zugang zu allen Universitäten und Hochschulen öffnete. Prüfungsvorsitzender war Ministerialrat Kammer.

Klassenunterricht

Parallel zu den Lehrgängen, die nach eins bis zwei Jahren ausliefen, wurde regulärer Klassenunterricht eingerichtet, der auf dem vollendeten 7. Volksschuljahr aufbauend, beginnend mit der Untertertia (Kl. 8) in sechs Jahren zum Abitur führte. Infrage kamen Schüler und jetzt auch Schülerinnen, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet hatten. Dies galt für die Geburtsjahrgänge 1932 aufwärts.
Bewerber/innen mussten eine Prüfung zur Aufnahme in die Untertertia bestehen. Aus einem Auszug aus der
Mitteilung der Schulleitung (1948 und 1949) gehen Anforderungen und Voraussetzungen sowohl zum Kenntnisstand als auch zur kognitiven Begabung der Kinder hervor:

Die gesamte Prüfung soll weniger den Wissensstand als die Begabung und Denkfähigkeit des Schülers feststellen. Die Prüfung dauert gewöhnlich von 8 bis 16 Uhr (eine Mittagspause eingerechnet)“.

Belegung der Schule – Schülerzahlen Stand 1949

Aus einem Artikel des Darmstädter Echos vom 28. 7. 1949 geht hervor, dass 62 Schüler im Schülerheim (d.h. im Dachgeschoss des Hauses Waldeck) als „Heimschüler“ den „Kern der Schule“ bildeten. Im Internat wohnten bis 1954 nur Jungen. 126 Schülerinnen und Schüler trafen täglich als „Fahrschüler“ aus Darmstadt, dem Vorderem Odenwald, der Bergstraße und dem Ried zum Unterrichtsbeginn um 8 Uhr in der Schule ein.

Raumnot Neubaupläne

Schon 1946 machte der Schulleiter Dr. Fritz Krämer auf die Raumnot aufmerksam und schlug vor, diese durch das „Aufstellen von 1 bis 2 Baracken“ zu mildern. Der Schulträger griff diese Anregung nicht auf, so dass nach anderen Lösungen gesucht werden musste. So wurden im benachbarten Café Waldesruh und vor allem im Traisaer Rathaus Unterrichtsräume angemietet. Die ehemalige Turnhalle in der Weingartenstraße ermöglichte im Winter Geräteturnen.




Eine weiterführende Lösung des Raumproblemes der erfolgreich wachsenden Schule hätte nur durch Neubauten auf dem Schulgelände erzielt werden können. Sowohl bauliche Erweiterungen als auch der Verbleib der Schule am dauerhaften Standort Traisa lagen mehrheitlich im Interesse von Schulleitung und Lehrerschaft, Elternschaft, Schülerschaft (Schulgemeinde) und auch des Schulträgers.

Zur Verwirklichung dieser Wünsche wurden im Einvernehmen zwischen Schulträger und Schulgemeinde Baupläne erarbeitet und viele Begründungen dafür angegeben.

Folgende Zitate gewähren Einblicke in die Aktivitäten zur möglichen Schulentwicklung:

Schriftwechsel zwischen Bauamt und Regierungpräsident:

„Neubau eines Schülerheims – In der Anlage legen wir gemäß mündliche erteiltem Auftrag des Herrn Reg. Präs. Darmstadt vom 22.5.50 in dreifacher Ausfertigung das Vorprojekt im Maßstab 1:200, Lageplan 1:500 und den Kostenvoranschlag nach cbm umbautem Raum sowie Erläuterungsbericht zu oben genanntem Bauvorhaben mit der Bitte um Überprüfung … vor.“

Später reifte der Gedanke, das bestehende Haus Waldeck als Schülerheim auszubauen und neue Unterrichtsgebäude zu errichten:

Darmstädter Echo vom 1. Juni 1951:

... „Da die Stadt kürzlich das Kinderheim Waldeck, in dem die Schule untergebracht ist, zum Verkauf angeboten hat, könnte – so führte Oberstudiendirektor Dr. Krämer aus – durch den Erwerb dieses Hauses, das durchgearbeitet werden müßte, und den Neubau eines Pavillons mit 3-4 Sälen für den naturwissenschaftlichen Unterricht der jetzigen Raumnot mit verhältnismäßig geringen Mitteln abgeholfen werden.“

Auch der Vorsitzende des Elternbeirates, Dr. med. Heinrich Johannes Geißler – damals Leitender Arzt der Nieder-Ramstädter Heime der Inneren Mission – setzte sich vehement für den Standort Traisa ein.

Argumente zur Begründung:

DE vom 18.7.49

… „Die Lage der Schule außerhalb der Stadt zwischen Feldern und Wäldern, ermöglicht es den Lehren, den Unterricht durch fast tägliche Exkursionen in die Umgebung aufzulockern. Neben den botanischen, zoologischen und geologischen Streifzügen gilt dem musischen Element besbesondere Aufmerksamkeit. Organisch in den Unterricht eingebaut werden Theaterstücke vorbereitet, Literatur und Musik gepflegt“ …

Der Bau der großen Freilichtbühne im benachbarten schon lange stillgelegten Steinbruch „Kausert“ machte durch viele Aufführungen die Schule beliebt und bekannt.

DE vom 1. Juni 1951

… „Manche Eltern aus dem vorderen Odenwald erklärten, daß ihre Kinder im Falle der Verwirklichung des Projektes (Verlegung) auf eine höhere Schulbildung verzichten müßten, da sie die Unterbringung im Heim nicht bezahlen könnten. Es würde auch die herzliche Verbundenheit zwischen Schule und Nachbarschaft, die nur bei einer kleineren Anstalt möglich ist, verloren gehen. Für die nähere und weitere Umgebung von Traisa ist die Aufbauschule heute schon ein unentbehrliches Kulturzentrum. Alle Möglichkeiten der Erwachsenenbildung liegen hier offen“ …

Leider verlief die Entwicklung der Schule nicht in diesem Sinne, denn es war abzusehen, dass mit der Planung des Schuldorfes Bergstraße die Realgymnasiale Aufbauschule Darmstadt in Traisa geschlossen werden sollte. Zum Schuldorf Bergstraße gehört – neben anderen Schulformen – ein „Aufbaugymnasium“, das sowohl Lehrerinnen und Lehrern als auch Schülerinnen und Schülern der Traisaer Schule offen stand. Mit der Zeugnisausgabe zum Ende des Schuljahres 1953/54 war die erfolgreiche Epoche der Realgymnasialen Aufbauschule Darmstadt in Traisa abgeschlossen.

Alle in die Oberprima versetzten Schülerinnen und Schüler absolvierten ihr letztes Schuljahr im Schuldorf Bergstraße und bildeten somit dessen ersten Abiturjahrgang 1955. Viele in der Traisaer Aufbauschule ersonnene und in die Alltagspraxis umgesetzte pädagogische Ideen wurden vom Schuldorf Bergstraße übernommen und weiterentwickelt.

 

Text:
Kurt Bischoff




Briefkopf