Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

 

Geschichte > Traisa

Stand: 22.05.2012

 

 

 



 

Vom Spritzenhaus am Fahrweg

Ein altes Spritzenhaus mit Zukunft

Was tun mit einem alten, für seinen Zweck nicht mehr benötigten Spritzenhaus? Die unmittelbare Nachbarschaft zur Grundschule hat ihm das Leben gerettet: 2009 hat es der Landkreis als Schulträger erworben und in das Schulgelände eingegliedert. Für insgesamt rund 580000 Euro hat der Kreis das ehemalige Feuerwehrhaus umgebaut und die Bausubstanz saniert. Das Haus ist in seinem Baukörper mit seinem markanten Dachreiter, dem ehemaligen Schlauchturm, erhalten worden.

An der Schule wurde schon seit Jahren das Angebot "Betreuende Grundschule" vorgehalten, außerdem hat sie den Status "Pädagogische Mittagsbetreuung". Mit dem alten Spritzenhaus erhält die Schule Platz für weitere Angebote zur Nachmittagsbetreuung.

Im Erdgeschoss entstanden eine rund 60 Quadratmeter große Cafeteria, eine Essensausgabe und eine Spülküche, im Obergeschoss kann ein 58 Quadratmeter großer Gruppenraum genutzt werden.


Vor dem Bau des Spritzenhauses

Die Vorsorge gegen Feuergefahren war im kleinen Dorf recht einfach: Bereithaltung einer größeren Zahl von ledernen Löschwassereimern, Reißhaken und kurze Leitern. Im Ernstfall war das am wichtigsten das Heranschaffen von Löschwasser über lange Ketten von Helfern, durch die die Löscheimer von der Weet, den Brunnen oder auch Jauchegruben zum Brandherd „flogen“.

In einem Reglement für die Löschmannschaft aus dem Jahr 1858 heißt es in Paragraph II, 2 + 4:


Die jüngsten Ortsbürger haben, sobald das Zeichen zur Hilfeleistung gegeben wird, auf der Bürgermeisterei zu erscheinen, woselbst ihnen die Feuereimer eingehändigt werden und sie unter Aufsicht gemeinschaftlich nach dem in Gefahr schwebenden Orte sich begeben.
gez. Berth, Bürgermeister“

1865 bekam Traisa seine erste Feuerspritze. Sieben Ortsbürger wurden bestimmt, die Pumpe zu bedienen. Schon im Januar 1866 mußte sie sich beim Wohnhausbrand auf dem Dippelshof erstmals bewähren. Nieder-Ramstadt erhielt schon 1773/74 die erste Feuerspritze, die auch in Traisa und Waschenbach einzusetzen war. Sie war – wie auch die spätere Traisaer – von mehreren Mann zu tragen. Zum Brandherd wurde sie mittels Pferdefuhrwerk geschafft.

Stellungnahme der Gemeinde Nieder-Ramstadt vom 8. Januar 1853:


Bei auswärtigen Bränden ist die Bespannung sehr schnell bei der Hand.“


Alle Kleingeräte und die Feuerspritze waren bis zur Errichtung des Spritzenhauses in einem Nebengebäude des Rathauses, der Halle für den Leichenwagen, untergebracht.

Das Spritzenhaus

1906/07 baute die Gemeinde Traisa die zentrale Wasserversorgung aus. Dadurch wurde eine völlige Veränderung des Feuerlöschwesens erforderlich. Zur Entnahme von Löschwasser aus der Wasserleitung waren neue Geräte anzuschaffen. Dringend wurde eine Schiebeleiter benötigt, weil neue, höhere Gebäude entstanden waren.

1910 wurde das neue Spritzenhaus neben der Schule errichtet, in dem neben der Spritze alle Gerätschaften Platz fanden, zum Beispiel 2 Schlauchwagen, 300 m gummierte Schläuche, 3 Standrohre zur Wasserentnahme aus den neuen Hydranten, 3 Hydrantenschlüssel, 4 Strahlrohre mit Absperrvorrichtung. 1912 fand auch die neue, 20 m lange Schiebeleiter Platz im neuen Spritzenhaus.

Besonders modern war der Dachreiter auf dem neuen Spritzenhaus, dem „Schlauchturm“. Benutzte oder gewaschene Schläuche ließen sich hier zum Trocknen aufhängen. Wie überall unterbrach der Erste Weltkrieg das öffentliche Leben. Auch die 1880 gegründete Freiwillige Feuerwehr gab es nicht mehr. Schon 1919 wurde die kleine Wehr aber wieder aktiv. Es wurde ein Start mit Hindernissen: Das Spritzenhaus war nämlich während er vier Kriegsjahre als Mehllager zweckentfremdet worden! Sämtliche Löschgeräte waren dadurch verstaubt, verstopft oder verrostet. Bis zum Abschluß der Reinigungs- und Reparaturarbeiten mußten die Wehrmänner ihr Gerät auf dem Dippelshof auslagern.

Die Motorisierung fordert ein neues Spritzenhaus

1929 brannten zwei Scheunen ab. Nur mit Hilfe der Darmstädter Wehr konnte ein Ausbreiten des Feuers auf Wohnhäuser verhindert werden. Neben der Wasserentnahme aus den Hydranten wurde wohl letztmals Löschwasser aus der Weet entnommen.

1944 erhielt die Traisaer Wehr eine Motorspritze TS/8 „Goliath“ - der Anfang der vollständigen Motorisierung war gemacht. 1958 folgte dann der große Schritt zu einem Löschfahrzeug LF/8. Im alten Spritzenhaus war es jetzt eng geworden, und die Arbeit der freiwilligen Feuerwehrmänner wurde sehr erschwert.

1967 kam zumindest zu einer Zwischenlösung: In der Nachbarschaft des Spritzenhauses bot sich der Betriebshof des Pflastergeschäftes Roth zum Tausch gegen eine Sandgrube an der Alten Dieburger Straße an. In der Fahrzeughalle des Betriebshofes waren Löschfahrzeuge und Geräte gut aufgehoben, und Platz für einen Aufenthalts- oder Unterrichtsraum blieb auch noch. Jetzt war es der Gemeinde Traisa 1968 bis 1971 möglich, der Ausdehnung der Ortslage mit der Anschaffung weiterer Fahrzeuge und Geräte Rechnung zu tragen. 1970 freuten sich Feuerwehr und viele Gäste über die Fertigstellung und Einweihung des neuen Feuerwehrheimes.

Aber das alte Spritzenhaus mit seinem Schlauchtürmchen von 1910 hatte damit längst nicht ausgedient, sondern wurde weiterhin für sperrige Gerätschaften genutzt – keine optimalen Arbeitsbedingungen für die freiwilligen Kräfte des Traisaer Brandschutzes in zwei, wenn auch benachbarten Häusern!

Der Zustand wurde 1993 von der Gemeinde Mühltal mit dem Neubau eines zentralen Feuerwehrhauses neben dem Bürgerhaus beendet. Die Übergangslösung im Feuerwehrheim auf dem ehemaligen Betriebshof war beendet. Und das schien der Tod des alten Spritzenhaus zu sein: Es verlor endgültig seine ursprüngliche Funktion. Vorübergehend nutzte nur der gemeindliche Bauhof das Haus als Geräteunterstand.

2009 wurde das Spritzenhaus zu Betreuungsräumen für die benachbarte Traisaer Schule umgebaut, die damit Ganztagesschule werden konnte.



 

Text:
Rektor i.R.
Friedrich Wegt


Volker Teutschländer



Das alte Spritzenhaus
ist zum Teil der benachbarten Schule geworden



Ansicht von Nordwest
(Ansicht aus den 1950er Jahren



Ansicht von Nordost
(Ansicht vor dem Umbau für die Vorschularbeit