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Geschichte > Traisa

Stand: 11.06.2011

 

 

 



 

Von Weet und Speck

Autor:
Hanns Rauch †

übermittelt von
Karl-Heinrich Schanz







An der Speck und an der Weed erwa 1955





Während der „Rückkehr der Weedgänse“ in Bronzefiguren des Verkehrsvereins 2011.
Im Bild außen Verkehrsvereins-Vorsitzender Walter Göbel und Vereinsrechner Rudi Beutel, in der Mitte Bürgermeisterin Dr. Astrid Mannes




und von See, Woog und Teich

 

Begriffe entstehen und vergehen im Laufe der Zeit. Viele sterben, weil die Objekte, die sie bezeichnen, verschwinden. Andere ändern ihre Bedeutung und erhalten dadurch einen längeren Bestand. Zu den letzteren gehören „See" und „Teich". Im heutigen Sprachgebrauch sind sie zu Sammelbegriffen für größere und kleinere stehende Gewässer geworden. Solange es noch solche geben wird, werden auch die Begriffe erhalten bleiben. Anders verhält es sich mit „Woog". Diese Bezeichnung wird nur noch aus der Überlieferung beibehalten, ohne daß der ursprüngliche Sinngehalt des Wortes noch verstanden wird. Wenn der letzte Woog zugeschüttet sein wird, wird auch das Wort aus unserer Sprache verschwinden.

Nahe an diesem Punkt sind schon „Weet" und „Speck" angelangt. Wenn diese alten Bezeichnungen nicht künstlich erhalten werden, wie z. B. beim „Speckebrünnchen" in Traisa, werden sie über kurz oder lang vergessen sein. Es scheint daher angebracht, einmal den ursprünglichen Sinn der fünf in der Überschrift aufgeführten Begriffe zu erläutern.

Mit „See" bezeichnete man früher alle auf natürliche Weise entstandenen Gewässer. Die Größe spielte dabei keine Rolle, auch nicht, ob diese mehr oder weniger versumpft waren. In Traisa hatten wir einen solchen See im Gebiet zwischen Darmstädter Straße und Steinkaute. In einer Grenzbeschreibung der Gemarkung Nieder-Ramstadt aus dem Jahre 1629 wird die Ecke, die die Grenze zwischen Nieder-Ramstadt und Traisa hier hat (südlich vom Kinderheim Waldeck), als das „Eck am See" bezeichnet. Später, als durch Absinken des Grundwasserspiegels der „See" austrocknete, wurde die zurückbleibende, heute noch gut erkennbare Mulde, „Seegraben" genannt. Ein Straßenname erhält die Bezeichnung in Erinnerung.

Das Wort „Woog", mundartlich verfärbt aus dem ursprünglichen „Wag", das wohl über „Wäger" mancherorts auch zu „Weiher" geworden ist, ist auf den mittelhochdeutschen Wortstamm „wäc" zurückzuführen. Er bedeutet allgemein „Bewegung" und ist ja auch in diesem Wort, sowie in „Waage", „Woge", „Wiege" usw. enthalten. „Woog" ist die Bezeichnung für die in der früheren Landgrafenzeit, also vor dem Dreißigjährigen Krieg, angelegten Fischteiche.

Man erhielt diese Teiche dadurch, daß man einen Bach durch einen Damm aufstaute. In den Damm wurde eine Ablaßvorrichtung eingebaut, so daß man das Wasser nach Bedarf aufstauen oder ablassen konnte. Man hat damals die Fische nicht geangelt, sondern das „Ausfischen" eines Teiches war eine Art von Ernte, die möglichst schnell und rationell abgewickelt werden mußte.

Man ließ das Wasser ab, dessen Reste sich zusammen mit den Fischen in den tiefer gelegenen, oft künstlich angelegten Teilen des Teichbettes ansammelte. Diese wurden „Pfannen" genannt und man konnte hier die Fische bequem in wassergefüllte Gefäße einsammeln. Sie wurden zum Teil an Ort und Stelle verkauft, der Rest wurde an die zuständige Teichmeisterei abgeliefert, wo sie für eine gewisse Zeit für den Verkauf und für die Bedürfnisse der Hofküche lebend in Vorratsbehältern aufbewahrt wurden.

Die „Bewegung", die den „Woogen" ihren Namen verschafft hat, ist also wahrscheinlich das Senken und Heben des Wasserspiegels und nicht die Wellenbewegung der Oberfläche, da diese ja überhaupt bei allen Gewässern zu finden ist. Im Dreißigjährigen Krieg scheint jedoch das Wissen um die Bedeutung des Wortes verlorengegangen zu sein. Alle Anlagen der späteren Zeit, die nach genau den gleichen Prinzipien errichtet wurden, tragen nämlich die Bezeichnung „Teich". Dieses Wort ist von dem Damm oder „Deich", durch den diese Gewässer aufgestaut wurden, hergeleitet.

Als nächstes hätten wir die „Weet", eine den alten Traisaern noch wohlbekannte Einrichtung. Der Ursprung des Namens liegt im althochdeutschen „watan", was „waten" bedeutet. Das Watt oder Wattenmeer an der Seeküste ist auf den gleichen Wortstamm zurückzuführen.

In unserer Gegend bedeutet „Weet" eine Vieh- oder Pferdeschwemme. Wer die Traisaer Weet noch kennengelernt hat, der weiß, daß sie, an drei Seiten von Mauern umgeben, an der vierten Seite einen flachen, gepflasterten Eintrieb für das Vieh hatte.

„Weet" und „Speck" lagen in Traisa nebeneinander. Wasser ist an dieser Stelle schon immer reichlich geflossen, ganz besonders in einer Zeit, in der der Grundwasserspiegel noch hoch stand, daß der etwa 10 m höher liegende „See" bestehen konnte. Die Quellen, die hauptsächlich auf den Grundstücken Krichbaum und Beckers zu finden sind, speisten jedoch nicht nur die Weet und einige Brunnen, sondern ihr Wasser durchweichte auch den Untergrund derart, daß ein Knüppeldamm angelegt werden mußte, um den Zugang zu den Äckern am Birken- und Scherersberg zu ermöglichen. Weiter bachabwärts in der heutigen Ohlebachaue nennt Georg Wilhelm Justin Wagner in seiner „Statistik und Topografie des Landratsbezirks Reinheim“ einen Sumpf „neben dem Weg nach Nieder-Ramstadt“, dessen Fläche zwei Quadratklafter betrage, dessen Tiefe aber „bis jetzo“ (1827) noch nicht ergründet sei.

„Speck" bedeutet aber nichts anderes als „Knüppeldamm", und der Name rührt davon her, daß der Boden mit senkrecht eingetriebenen Pfählen „gespickt" werden mußte, um den daraufgelegten Knüppeln einen Halt zu geben. Man findet die Bezeichnung „Speck" auch andernorts an Stellen mit ähnlichen Bodenverhältnissen. Die nächstgelegene ist die „Speckbrücke" an der Lichtwiese, dort wo der Bessunger Heuweg den Darmbach überschreitet.

Zum Schluß sollen noch einige alte Fischteiche unserer näheren Umgebung, deren Entstehungsjahre bekannt sind, aufgezählt werden. Man erkennt hier deutlich, daß die Bezeichnung „Woog" nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) durch „Teich" abgelöst wurde.

1573 - Die drei Nieder-Ramstädter Wooge im Wiesengrund. Sie lagen zwischen der heutigen B 449 und der Dornwegshöhstraße

1579 - Der große Woog in Darmstadt

1686 - Der Walthersteich, ursprünglich „die beiden Teichlein im Rabenfloß"

1700 - Der Oberjägermeisterteich, ursprünglich „die drei Jägermeisterteiche", von denen zwei nicht mehr bestehen.

1738 - Der Kirchbergsteich, ursprünglich „das Teichlein am Weinweg".