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Geschichte > Traisa

Stand: 11.03.2012

 

 

 






 

Vom Schwimmbad, dem kommunalen Freibad


Seit dem 14. Juli 1935 gibt es in Traisa das Schwimmbad, ein öffentliches Freibad, wie es sich seinerzeit kaum eine Gemeinde in der Traisaer Größenordnung nach damaligem modernem Standard leisten konnte. Das Geheimnis war ein einjähriger Selbsthilfe-Einsatz der Dorfgemeinschaft 1934 bis 1935.

Um es vorwegzunehmen: Nicht der Reichsarbeitsdienst hat das Schwimmbad gebaut – der war damals noch nicht einmal gegründet. Auch waren die Traisaer Männer für ihren Dienst am Bau nicht von NS-Stellen „rekrutiert“ worden. Solche unterschwellige Vermutungen hatte es in Traisa in der Vergangenheit gegeben. Es stand den Männern frei, sich nicht zu beteiligen - und diese Freiheit nahmen sich etliche. Und von keinem ist bekannt, daß er unter Sanktionen zu leiden gehabt hätte.

Der Reichsarbeitsdienst ist erst mit Reichsgesetz vom
26. Juni 1935 begründet worden, also nur drei Wochen vor Fertigstellung des Traisaer Bades. Schon 1931 allerdings hatte die Reichsregierung einen Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) eingeführt, der nur für gemeinnützige zusätzliche Arbeiten eingesetzt werden durfte.

Freilich nutzten die Repräsentanten des Dritten Reiches die Gemeinschaftsleistung der Traisaer für ihre Propaganda. Im Darmstädter Tagblatt hieß es am 15. Juli 1935 im Bericht über die Eröffnung des Bades: „ . . . war es auch eine der ersten Aufgaben, die sich die Gemeindeverwaltung im nationalsozialistischen Staate zum Ziele setzte, hier am Ort ein Schwimmbad zu schaffen . . . und damit gleichzeitig am nationalsozialistischen Aufbau mitzuhelfen.“

Über den beiden Rohrköpfen des Wassereinlaufes war ursprünglich eine Tafel eingemauert mit der Inschrift: „Dieses Bad entstand 1934, im zweiten Jahr nationalsozialistischen Aufbaues. Gemeinnutz vor Eigennutz.“

Robert Eckert (†) hat 1995, 60 Jahre nach Fertigstellung des Schwimmbades, aus Gesprächen mit Zeitzeugen, aus eigenen Unterlagen und aus Dokumenten des Gemeindearchivs die Entstehung des Werkes geschildert.

124 Männer waren es, die sich im Juli 1934 für die Bewältigung der Erdarbeiten einschrieben. Eckert verhehlt nicht, daß es Skeptiker gab, die dem Plan kein gutes Ende vorhersagten. Sie behielten ganz und gar unrecht, denn die Zahl der freiwilligen Mitarbeiter stieg sogar noch während der Bauzeit. Und vom ersten Spatenstich am 30. Juli 1934 bis zur Vollendung verging ja gerade einmal ein Jahr.

Nach den Plänen des Hess. Hochbauamtes sollte das Becken einen Umfang von 20 mal 55 m haben und absteigende Tiefen vom Sprungbecken (3,50 m) über Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich bis zum Planschbecken (0,25 m) erhalten. Zur Ausstattung gehörten – wie das Tagblatt aufzählt - Sprungbrett, Einsteigeleitern und Haltebügel, drei Brausen mit Fußbecken, Einzel- und Gruppenumkleideräume, Spielplatz, eine Liegewiese für Licht- und Sonnenbaden und ein Erfrischungsraum. Dafür waren rund 2000 Kubikmeter Erdreich auszuheben und für die künftigen Außenanlagen einzubauen.

Während der Ausschachtungen drangen bei einer Tiefe von 2,50 m völlig unerwartet Fließ- und Schwemmsand in die Baugrube ein bei verstärktem Druckwasserzufluß vom östlichen Hang des Birkenberges – eine sehr gefährliche Lage, durch die die südöstliche Böschung einzustürzen drohte und die trotz Tag-, Nacht- und Sonntagsarbeit von den Selbsthilfekräften mit ihren kaum besseren Gartenwerkzeugen nicht zu beherrschen war.

Der Freiwillige Arbeitsdienst (FAD) konnte kurzfristig und kurzzeitig mit rund hundert Arbeitsdienstmännern zu einem Noteinsatz gewonnen werden. Sie bezogen den nahen Gartensaal des heutigen Datterich-Anwesens und schafften in einwöchiger Tag- und Nachtarbeit und kleinem Maschineneinsatz die Verfestigung der Baugrube und ihre Vertiefung bis zur Sohle des vorgesehenen Schwimmbeckens, so daß sogleich mit den Betonierungsarbeiten begonnen werden konnte. Im Saal des Gasthauses Krone, der heutigen Hans-Seely-Halle, verabschiedeten die dankbaren Traisaer die FAD-Männer bei Musik und Tanz.

An der Eröffnungsfeier waren der Gesangverein Sängerlust und die Turngemeinde Traisa und eine Reihe von Schwimmerriegen und Rettungsschwimmern beteiligt.

Die Baukosten betrugen 35.915 Reichsmark einschließlich aller Erd- und Gärtnerarbeiten im Außenbereich sowie des Baues der Umkleidekabinen. Die amerikanischen Besatzer beschlagnahmten 1945 das Schwimmbad und feierten wochenlang hier ihren Sieg über das Hitlerregime.

Über die Jahrzehnte verfehlte das Schwimmbad in seiner reizvollen landschaftlichen Lage nicht seine Anziehungskraft auf die Menschen in der Region. Inzwischen wurde die Anlage mehrfach verbessert und verändert. Die Wassereinspeisung, ursprünglich durch den Ohlebach, erfolgt längst aus dem öffentlichen Versorgungsnetz. Erst in den sechziger Jahren erforderten die gestiegenen Ansprüche eine grundlegende Modernisierung mit Beheizung und Filterreinigung des Badewassers sowie verbesserten sanitären Einrichtungen, bis nach einem Großfeuer das Bad mit allen Nebeneinrichtungen sein heutiges Aussehen erhielt.


 


 

Text:
Volker Teutschländer

Quellen:
Karl-Heinrich Schanze
Robert Eckert (†)
Günter Bauer





Die ersten Erdarbeiten 1934



Selbsthilfekräfte 1934,
die Vertiefung für das Becken ist weit gediehen



Noch im „Urzustand“ 1935







Ansichten vor den ersten Modernisierungenin den 1960er Jahren



Das Planschbecken



Die Funktionssgebäude