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Geschichte > Traisa

Stand: 30. Mrz 2013

 

 

 



 

Das Hofgut Dippelshof

Obstgut und Ausflugsziel

Schon im 19. Jahrhundert wurde der Dippelshof dank seiner reizvollen Lage in einer Umgebung von vielbesuchten Mischwäldern zu einem beliebten Ausflugsort, vor allem für Spaziergänger aus Darmstadt, die hierher in 1 bis 1 ½ Stunden über bequeme Gehwege fanden. Reiseführer und die Darmstädter Lokaldichtungen beschreiben Gastlichkeit und Geselligkeit in Traisa und auf dem Dippelshof.

Mehrere Besitzerwechsel brachten mehrere Umbauen und Erweiterungen mit sich - aus der bäuerlichen Hofreite wurde ein Hofgut im Landhausstil der vorigen Jahrhundertwende. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gestaltete Friedrich Wilhelm Bullrich den den Dippelshof zu einer Art Herrensitz, vor allem durch den Jugendstil-Anbau. In der Denkmaltopografie des Landkreises Darmstadt-Dieburg heißt es dazu: „Die Gesamtanlage Dippelshof ist ein gutes Beispiel für eine geschlossene Hofanlage im Herrenhausstil des ausgehenden 19. Jh. Sie wird gebildet von dem U-förmigen Hof (Herrenhaus mit Jugendstilanbau und Remisengebäude) und einer im Westen anschließenden Parkanlage im englischen Gartenstil. Ihren Denkmalwert erhält sie durch die künstlerische Qualität der Gartenanlage und des Jugendstilanbaues, durch die ortsgeschichtliche Bedeutung als beliebter Ausflugsort des 19. Jh., der in die Literatur („Datterich“ von Niebergall) Eingang gefunden hat.“

Das langgestreckte zweigeschossige „Herrenhaus“ entstand 1888 anstelle des ehemaligen Wohnhauses. Der 1908 bis 1910 von Oberstleutnant a.D. Bullrich angebaute Flügel im Norden wurde von Prof. Edmund Körner als dreigeschossiger Baukörper mit 4 runden zweigeschossigen Erkern entworfen. Die Denkmaltopografie des Landkreises beschreibt den sog. „Blauen Saal“ im Erdgeschoß wie folgt:

Ein Musikzimmer

mit Marmorwandverzierungen (Einrahmungen, Friesen, Intarsien, Sockel und Fensterbänke), Marmorkamin, kreisförmigen Kristalleuchtern. In 3 Rundnischen befinden sich viertelkreisförmige Eckvitrinen. In der 4. Erkernische führt eine Wendeltreppe zu dem Herrenzimmer im Obergeschoß. An der Nordwand zwischen 2 hohen Fenstern ein Leinwandbild von Cissarz (Drei Frauen am Meer). Ihm gegenüber in einer flachen Nische mit kannelierten Marmorgewänden ein Relief von Bernhard Hoetgers („Der Tanz“). Das Mobiliar ist bis auf 2 Sofas und einen Tisch abhanden gekommen

Das Herrenzimmer

im Obergeschoß ist an den Wänden und der Decke mit poliertem Birkenholz verkleidet. Profilierte Einfassungen gliedern Raum und Rundnischen. ... Die Wände des Damenzimmers sind mit poliertem Ahornholz verkleidet und haben den Fenstern gegenüber oval stehende eingebaute Glasschränke. Die Stuckdecke ist konzentrisch in profilierten Rechtecken gegliedert, in den Rundnischen in Kreisen. ...“

Golf, Gastronomie und Gute Stube

Die Gemeinde Mühltal hat es sich in den siebziger Jahren etwas kosten lassen, um den Dippelshof mitsamt den ansehnlichen Ländereien vorübergehend zu erwerben, damit sie Einfluß auf Erhalt des kulturell und künstlerisch bedeutsamen Anwesens ausüben konnte. Dieser Einfluß hat verursacht oder mit dazu beigetragen, daß auf dem Areal des Hofgutes heute Golf gespielt wird, Reitplätze und 2 Reithallen stehen, ein (nichtkommerzieller) Angelteich betrieben wird, zwei gastronomische Betriebe die Tradition als Ausflugsziel wiederbeleben und erstmals auf dem Dippelshof auch Hotelbetten bereitstehen.

Die Geschichte des Dippelshofes

Der Hof in der Obertraisaer Mark

Nach alten Quellen bestand im ausgehenden Mittelalter die frühere Traisaer Gemarkung aus 3 selbständigen Rechtsbezirken, nämlich Nieder-, Mittel- und Ober-Traisa. Die Ober-Traisaer Mark umfaßte den heutigen Dippelshof und das ehemals dazugehörende Ackerland.

In einem Abgabenregister der Grafen von Katzenellnbogen aus dem Jahre 1315 wurden erstmals 2 Höfe in der Ober-Traisaer Mark erwähnt. 1382 belehnten sie die Bache von Waschenbach mit zwei Dritteln des Zehnten von ihrem dortigen Hof. Als das katzenellnbogener Grafengeschlecht 1479 ausstarb, fiel die Obergrafschaft und damit auch die Ober-Traisaer Mark an die Landgrafschaft Hessen. Um 1540 wird im Ober-Ramstädter Gerichtsbuch das „Herrenhaus“ zu Ober-Traisa erwähnt. 1621 tauschte Landgraf Ludwig V von Hessen-Darmstadt seinen Hof mit 5 weiteren Höfen gegen den der Gemeinde Ober-Ramstadt eigenen „Spießwald“.

1730 wurde zwischen Nieder-Traisa, Ober-Ramstadt und der Landgrafschaft ein Vergleich geschlossen, wodurch die Ober-Traisaer Gemarkung an Nieder-Traisa fiel und der Weidgang geregelt wurde. Nach der Grenzfestlegung wurde die Gemarkung neu ausgesteint. Noch in den 1970er Jahren waren Grenzsteine mit der Markierung OT für Ober-Traisa zu finden – sie sind inzwischen wohl in Partyräumen von sogenannten Trophäensammlern verschwunden.

Ein Relikt aus der Zeit vor dieser Grenzregelung war die Zugehörigkeit der Bewohner des Dippelshofes zur Evangelischen Kirchengemeinde Ober-Ramstadt. Ein Leserbrief im Gemeindeblatt des Kirchspiels Nieder-Ramstadt (zu dem Traisa gehörte) aus dem Jahre 1933 schildert den Ärger der Menschen im Dippelshof über diesen Zustand:


. . . wären die Besitzer mit einer Umpfarrung gern einverstanden, suchen sie doch ihre kirchlichen Ansprüche in der . . . zugehörigen Stammgemeinde zu befriedigen. Alle religiösen Amtshandlungen geschehen von letzterer aus, die Kinder gehen dort zur Schule, in den Religionsunterricht und zur Konfirmation, auf ihrem Gottesacker finden verstorbene Gutszugehörige ihre letzte Ruhe. Schon öfters wurde versucht, diesen alten Zopf abzuschneiden, der sein Wachstum einem alten Vertrag von anno Dazumalszeiten gelegentlich Umtausch eines Waldstücks verdankt . . .“

Dann aber täuscht sich der Schreiber – wir schreiben das Jahr 1 des unglückseligen Heils -, indem er meint, der Herrgott habe jetzt eine rechte Schere in der Hand, indem das „neue Deutschland“ solche wohl ehemals berechtigten, aber inzwischen unsinnigen Zöpfe abschneiden werde. Tatsächlich hat die „unsinnige“ Zugehörigkeit des Dippelshofes zur Kirchengemeinde im entfernten Ober-Ramstadt auch das „neue Deutschland“ überdauert.

Erst 1952 endete der für die „Dippelshöfer“ unbefriedigende Zustand: Traisa war längst groß genug, um aus dem Kirchspiel Nieder-Ramstadt auszuscheiden und eigenständige Evangelische Kirchengemeinde zu werden. Mit diesem amtlichen Akt wurde gleichzeitig der Dippelshof aus der Ober-Ramstädter Kirche gelöst und der neuen Traisaer Kirchengemeinde zugeordnet.

Wiederaufbau durch Joh. Albert Dippel

Lange Jahre davor, 1634 in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, wurde der Hof durch die Schweden zerstört.Der jüngste Sohn des Nieder-Ramstädter Pfarrers Dippel, Johann Albert, erwarb 1710 den verwüsteten Hof und baute ihn wieder auf. Er kam in Geldschwierigkeiten und verkaufte das Gut mit Haus, Scheuern und allem Zubehör 1714 an einen Parforcejagd-Bediensteten, der ihn bald weiter an den Landgrafen veräußerte.

Albert Dippel wurde und wird – auch in amtlichen Unterlagen – häufig mit seinem älteren Bruder Johann Conrad verwechselt, dem berühmten Nieder-Ramstädter Chemiker, Mediziner und Theologen.

Johann Albert Dippel ließ sich als Arzt in Hungen (Oberhessen) nieder, wo er lange Jahre wirkte. Der von ihm wiedererbaute Hof wurde in amtlichen Unterlagen auch weiterhin als Obertraisaer Hof bezeichnet. Erst seit der Neuordnung des Amtes Darmstadt im Jahre 1783 wurde er auch in den amtlichen Verzeichnissen „Dippelshof“ genannt.

Der Hof als freies Gut

1732 erwarb der Darmstädter Kriegsrat Heinrich Christoph Rentz das Gut. Auf Grund seiner Verdienste gewährte ihm Landgraf Ernst Ludwig 1735 „auf ewige Tage“ Zehntfreiheit und weitere Privilegien, wodurch der Wert des Gutes erheblich gesteigert wurde. Es wurde zum Wertobjekt und wechselte seitdem bis heute 18 Mal den Besitzer.

Unter diesen ist die Mennonitenfamilie Stähly zu erwähnen, die seit 1808 den Hof bewirtschaftete und wohl 1811 aus der Konkursmasse des Vorgängers erwarb. Jakob Stähly betrieb neben der Landwirtschaft erstmals auf dem Hof eine Gaststätte, die sich bald eines besonderen Rufes erfreute und ein bevorzugtes Ausflugsziel der Darmstädter wurde.

Ernst E. Niebergall hat dies im „Datterich“ festgehalten, indem er diesen sagen läßt:

Meine Herrn, ich stimm davor, daß mer noch e bißje ufs Dippelshof geht.“

Nach Jakob Stählys Tod führte seine Witwe die Gaststätte weiter. Sie übergab Hof und Gaststätte 1842 an ihren Sohn Jakob, der die Liegenschaft 1862 verkaufte. Die Gaststätte wurde von den wechselnden Nachfolgern teils mit Unterbrechungen weitergeführt, verlor aber ihren Ruf als Ausflugsziel. 1890 wurde der Gaststättenbetrieb endgültig eingestellt.

Die Ära Bullrich

Nachhaltig geprägt wurde der Hof durch Oberstleutnant Friedrich Wilhelm Bullrich aus Herrnstadt (Schlesien). Er erwarb 1898 den Hof als Familiensitz und sorgte für einen standesgemäßen Ausbau. In diesem Zusammenhang wurde der Jugendstil-Anbau an der Nordwestseite des Wohngebäudes nach Plänen von Prof. Körner, seit 1911 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie, um 1912 errichtet. Im Erdgeschoß entstand ein Musiksaal, der sogenannte „Blaue Saal“, ein Kleinod des späten Darmstädter Jugendstils, darüber Wohnräume unter Einbeziehung der bereits vorhandenen Räume im angrenzenden 1. und 2. Stockwerk.

Der Anbau und die Wohnräume wurden alle von Mitgliedern der Darmstädter Künstlerkolonie gestaltet und ausgestattet. Leider sind die Decke, die die Inneneinrichtung und der Intarsienboden 1953 bei einem Wasserrohrbruch stark beschädigt worden. Erhalten, wenn auch schwer beschädigt, blieb das Wandgemälde von Johann Vincenz Cissarz „Drei Frauen am Meer“ und die Reliefplastik von Bernhard Hoetger „Drei Amazonen“ sowie die schönen Marmorintarsien an den Wänden, Blumengebinde darstellend.

Friedrich W. Bullrich starb 1926 und wurde im Bereich des Hofes auf dem Privatfriedhof beigesetzt. Seine Frau folgte 1934. Neben dem Grabmahl der Eheleute Bullrich befinden sich die Gedenksteine für deren im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne, Hauptmann Wilhelm Bullrich (gef. 1914) und Oberleutnant zur See Ernst Bullrich (untergegangen mit dem U-Boot 61).

Der Hof erlebte nach dem Tod Friedrich W. Bullrichs einen wirtschaftlichen Niedergang, blieb aber bis 1956 im Besitz der Familie. Er wurde von der Nassauischen Siedlungsgesellschaft erworben.

Der Dippelshof heute

Die Nassauische Siedlungsgesellschaft verkaufte 1958 den Hof an den Bauer Hardt aus Kelsterbach am Main, der dort wegen des Baues der Raffinerie aussiedeln mußte. Dessen Sohn Heinrich versuchte die Gaststätten-Tradition wieder aufleben zu lassen und richtete im Haupthaus eine kleine Schänke ein, in die er auch den Blauen Saal nach einer einfachen, leider aber nicht fachgerechten Restaurierung einbezog. Doch bereits 1978 verkaufte er das Anwesen an die Gemeinde Mühltal.

Derzeitiger Besitzer ist die Planungsgesellschaft Weber und Partner (Mühltal), die das heruntergekommene Anwesen 1993 für eine neue wirtschaftliche Nutzung erwarb und gründlich instandsetzte. Das Hauptgebäude blieb in seiner Substanz erhalten; es wurde außen von Grund auf renoviert. Der Blaue Saal wurde unter Beachtung von Auflagen der Denkmalpflege rekonstruiert. Die Nebengebäude, Scheune und Ställe wurden von Grund auf erneuert und in eine Eigentumswohnanlage, die sich dem Hauptgebäue anschließt, umgewandelt.

Im Hauptgebäude wurde ein Hotel-Restaurant eingerichtet, das den Blauen Saal einschließt. In den oberen Stockwerken sind die Fremdenzimmer entstanden. Daneben gibt es auch noch drei Tagungsräume verschiedener Größe. Der sich an das Hauptgebäude anschließende kleine Park wurde hergerichtet, durch den der Zugang zum Hotel-Restaurant über eine Terrasse, die auch als Freisitz genutzt wird, führt. Am 17. September 1997 wurde das Haus in einer schlichten Eröffnungsfeier seiner Bestimmung übergeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch im Bereich der ehemaligen Wirtschaftsflächen beachtliche Veränderungen. Dippelshofsweg und Alte Dieburger Straße wurden durch eine neue Straße verbunden, an der 2 Wohnhäuser erbaut wurden. Weiter erfolgte die Errichtung einer privaten Reithalle. Der Anglerverein Traisa erbaute am Dippelshof-Teich ein Vereinsheim.

Das restliche Dippelshof-Feld wurde vom Golfclub Darmstadt-Traisa erworben und in einen Golfplatz umgewandelt. Er erwarb auch einen Teil der ehemaligen Nebengebäude und errichtete dort ein Klubhaus mit Gaststätte. Ein privater Investor sorgte für eine vorbildliche Sanierung des Herrenhauses im Sinne des Denkmalschutzes einschließlich der Jugendstilräume. Die Gemeinde Mühltal verbesserte die Verkehrsanbindung mit einer neuen Zufahrtsstraße über das Gewerbegebiet Gänsäcker und mit einem befestigten Parkplatz.

 

Verfasser:
Karl Dehnert †

Volker Teutschländer




Mehr über den berühmten Chemiker, Mediziner und Theologen Johann Conrad Dippel, den Bruder von Johann Albert Dippel, des Wieder-Erbauers des Dippelshofes:


Mehr über Friedrich Wilhelm Bullrich:






Das Herrenhaus von Osten



und won Westen



Der Blaue Saal



Gastronomie und Golf



Erholen, Angeln, Reiten



Aufnahmen aus den 1930er Jahren
aus der Sammlung von
Elfi Weich:



Ausschnitt aus einer Ansichtspostkarte












Obstanbau



Obstlese
mit Saisonkräften zumeist aus dem Vogelsberg (Fuldaer“)



Vermutlich Erntedankfest 1934:
Was aus einem Apfel Gutes werden kann::
„1934er Dippelshöfer Sandbuckel“ (Apfelwein)



Trauerfeier nach dem Ableben von Marie Antoinette Bullrich im Blauen Saal 1934



Privatfriedhof Bullrich im Wald am Dippelshof
nach dem Ableben der Frau Bullrich 1934



Johann Conrad Susemihl 1816 (Ausschnitt)



Einer der noch nicht angemalten Grenzsteine der Gemarkung Ober-Traisa aus Melaphyr des aufgelassenen Traisaer Steinbruchs „Kausert“