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Geschichte > Traisa

Stand: 2. Okt 2012

 

 

 



 

Traisa bis zum 19. Jahrhundert

Verfasser:
Karl Dehnert †





Das Ortsgerichtssiegel von 1622 zeigt die Zunftzeichen des für die wirtschaftliche Lage der Gemeinde bedeutenden Bäckerhandwerks





Die drei Sterne im amtlichen Gemeindewappen (bis 1976) erinnerten an die Entstehung Traisas aus den „Drei Traisen“



Einfall der Mansfelder in Hessen

Neben Schadensaufstellungen ließ die landgräfliche Regierung einen amtlichen Bericht Über die Greueltaten der Mansfeldischen Truppen 1622 in unserer Heimat aufstellen und in allen Orten glaubwürdige Zeugen vernehmen. In den „Südhessischen Chroniken aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße 1983“ wird

Hans Luckhaupt

wie folgt zitiert:
Mansfeldisch Volk sei bei ihnen gewesen, er sich aber bald mit den Seinigen davon und nach Umstadt begeben und in vier Wochen daselbst ufgehalten. Hans Waltern hätten sie geknebelt, alles geplündert; sein, des Zeugen, beneben noch dreien Häusern seien abgebronnen. Aller Hausrat zerschlagen, allen Vorrat an Korn und Spelzen mitgenommen.





Traisas erste Schule, zugleich das älteste Haus am Ort,
Darmstädter Straße 4,
freilich im besseren Zustand als dem im nebenstehenden Text geschilderten



Die „alte Schule“
Ludwigstraße 72




Das neue Rathaus von 1866



Der renommierte Gasthof Riedmatter bzw. Behrens-Hufnagel
(nach versch. Besitzern)



Teil des Titelblattes einer Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Gesangvereins „Eintracht“ Traisa im Jahre 1913





Bahnhof „Nieder-Ramstadt/Traisa“ von 1871
(heute Haltepunkt „Mühltal“)



Das Kriegerdenkmal
zum Gedenken an den Krieg 1870/71
(Ausschnitt aus einer Postkarte
von 1917)

 

Traisas Gerichtstag an Laurenzi

 

Von 1527 an waren die dreu Deeyseb ub Händen der hessischen Landgrafen und gehörten nach der Teilung Hessens 1567 zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Verwaltungsmäßig waren Nieder- und Ober-Traisa schon in der Katzenlelnbogener Zeit der Zent Pfungstadt unterstellt, deren schriftliche Aufzeichnungen 1422 beginnen. Nach dem Weistum von 1492 ist der Landgraf oberster Vogt und Herr des Gerichts. Traisa gehörte der Zent und dem Zentgericht bis 1821 an.

Neben der hohen Gerichtsbarkeit der Zent gab es noch die Orts- oder Zentgerichte. In Nieder-Traisa hatten bis 1316 die Groschlag von Dieburg, dann das Kloster Höchst und ab 1372 die Schenken von Erbach das Dorfgericht inne bis es dann 1527 an Hessen kam. Die Dorfgerichte verhandelten Rügen und Veräußerungen von Besitz. Vom Traisaer Gericht ist das von 1551 bis 1634 geführte „Rügengerichtsbüchlein“ erhalten, in dem die Rechtsgrundsätze und Strafen aufgeführt sind. Ein Vermerk im Salbuch des Amtes Pfungstadt von 1571 bestätigt, daß Traisa ein Halbgericht mit sieben Schöffen hatte, das einmal im Jahr auf Laurentzentag gehalten wurde.

Das Ortsgerichtssiegel aus dem Jahre 1622 zeigt einen Wappenschild mit zwei Spitzwecken und einer Brezel sowie die Umschrift „DES GERICHT SIGILL ZU DRES". Es soll 1944 in Darmstadt verbrannt sein

 

Krieg und Notzeiten

 

In dieser Zeit wird unsere Heimat oft von Krieg und Not überzogen, worüber wir durch schriftliche Aufzeichnungen unterrichtet sind. Die Dörfer wurden geplündert und ausgeraubt, so 1518 in der Sickingschen, 1546 während der Schmalkaldischen Fehde. Damals scheint Traisa, weil es etwas abseits lag, weniger betroffen worden zu sein. Doch im 30jährigen Kriege mußte auch unser Dorf wie die Umgebung schrecklich leiden.

1622 beim Mansfeldschen Einfall betrug der Schaden 2582 Reichstaler. 1634 nach der Nördlinger Schlacht hausten in Nieder-Ramstadt die Kaiserlichen, in Traisa die Schweden. In dieser Zeit wurde auch der gräfliche Hof in Ober-Traisa zerstört. Pest und Hungersnot taten das ihrige, um die Bevölkerung zu dezimieren. Auf dem Lande konnte sich wegen der Unsicherheit niemand aufhalten, so sind vor allem die Frauen nach Darmstadt geflüchtet, wo alle Kinder von 1636 bis 1650 getauft wurden. Auch später, nach dem 30jährigen Kriege, wurden die Ortschaften noch hart bedrängt. In den französischen Raubkriegen von 1672-1679 und im spanischen Erbfolgekrieg 1701-1714 gab es wieder Raub und Plünderungen, auch wurden hohe Kontributionen aus der Bevölkerung herausgepreßt.

 

Mittel-Traisa besteht nicht mehr, Streit um Ober-Traisa

 

In dieser Zeit wird Mittel-Traisa nicht mehr erwähnt. Aber Nieder-Traisa und die Ober-Traisaer Mark erscheinen noch immer als getrennte Teile.

Um die letztere entbrennt 1602 ein heftiger Streit mit der Gemeinde Ober-Ramstadt, später auch mit der Landgrafschaft, der bis 1730 anhängig war. Der Ausgangspunkt des Streites scheinen Unstimmigkeiten wegen des Weidganges gewesen zu sein, jedoch spielt der Tausch des der Gemeinde Ober-Ramstadt gehörenden Waldes „der Spieß“ und „das Pfarrholz" gegen die in Ober-Ramstädter Gemarkung gelegenen landgräflichen Höfe und den Hof in Ober-Traisa eine erhebliche Rolle. Über diesen Tausch liegt im Mühltaler Gemeindearchiv eine nicht gesiegelte Abschrift des Vertrages von 1621 vor, daß die Gemarkung, soweit dieselbe außerhalb des Wildzaunes lag, an die Gemeinde Ober-Ramstadt überging. Damit war der größte Teil der Ober-Traisaer Mark an Ober-Ramstadt gefallen, während der kleinere innerhalb des Wildzaunes gelegene Teil dem Landgrafen vorbehalten blieb.

Im Jahre 1634 wurde der Hof in Ober-Traisa zerstört und erst im Jahre 1710 von Johann Albert Dippel, dem Sohn eines Nieder-Ramstädter Pfarrers, wieder aufgebaut. 1730 wurde zwischen Nieder-Traisa, Ober-Ramstadt und der Landgrafschaft ein Vergleich geschlossen, wodurch die Ober-Traisaer Gemarkung an Nieder-Traisa fiel und der Weidgang geregelt wurde. Nach der Grenzfestlegung wurde die Gemarkung neu ausgesteint.

 

Aus drei Dreysen ist ein Traisa geworden

 

Die Traisaer Gemarkung hatte nunmehr ihre endgültige Gestalt bekommen. Als 1783 Nieder-Traisa zum Amt Darmstadt kam, wurde es fortan nur noch Traisa genannt, der Ober-Traisaer Hof „Dippelshof". Nur noch die Grenzsteine am Dippelshof erinnern an die frühere Zeit, denn sie tragen an der Innenseite die Bezeichnung „OT", was Ober-Traisa bedeutet. An die „drei Dreysen", aus denen das heutige Traisa entstand, erinnern nur noch die drei Sterne im goldenen Band letzten amtlichen Gemeindewappens Traisas.

 

Schon einmal gemeinsam mit Nieder-Ramstadt

 

Als 1821 für das Gebiet des Großherzogtums Hessen-Darmstadt eine neue Gemeindeordnung in Kraft trat, die die seit Jahrhunderten gültige Gemeindeverfassung mit dem Schultheiß als herrschaftlichen Ortsvorsteher ablöste, war die Einwohnerzahl von Traisa nicht ausreichend, um als selbständiger Ort weiter bestehen zu können. Traisa hatte 1825 erst 451 Einwohner, also noch deutlich unter der Mindesteinwohnerzahl von 500 Seelen, die erforderlich war, um selbständig zu bleiben. Da Waschenbach seinerzeit noch weniger Einwohner hatte, wurden Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach zur „Bürgermeisterei Nieder-Ramstadt" zusammengefaßt. Traisa bekam anstelle des früheren Schultheißen und des Gerichts nur noch einen Beigeordneten und 5 Gemeinderäte, die fortan über die speziellen Traisaer Angelegenheiten mitzubestimmen hatten. Das galt insbesondere für die finanziellen Belange der Gemeinde.

 

Die „Alte Schule" in der Ludwigstraße

 

Um die Finanzkraft der Gemeinde war es damals schlecht bestellt. Nur mit Hilfe der reicheren Kirchengemeinden der Umgebung konnte 1813 in Traisa eine Schule eingerichtet werden. Es zeigte sich aber bald, daß das erworbene Schulhaus Darmstädter Straße 4 nicht nur zu klein, sondern auch baufällig war. Aus den Berichten zur damaligen Situation geht hervor, daß in der Schulstube täglich in 2 Schichten je bis zu 50 Schüler unterrichtet werden mußten, daß das Haus insgesamt feucht war, auch nur teilweise unterkellert, und das Dach so beschädigt war, das es in die Schulstube und dem Lehrer in die Schlafstube regnete. In einem Bericht wurde die Schule sogar als „feuchte Spelunke" bezeichnet. Dem jahrelangen Kampf der örtlichen Schulaufsicht, die seinerzeit der Nieder-Ramstädter Pfarrer Vogel ausübte, die Schulverhältnisse zu verbessern und ein neues Schulhaus zu bauen, verdanken wir neben anderen Quellen einige Interessante Einblicke in die Traisaer Verhältnisse um 1830: „. . . besteht der größte Teil der Traisaer Einwohner aus wenig bemittelten Leuten, welche sich hauptsächlich als Tagelöhner, durch Steinfuhren und durch den Verkauf von Milch und dergleichen nach Darmstadt ihren Lebensunterhalt erwerben, da sie bei ihrer sehr kleinen Feldgemarkung sich durch Ackerbau nicht vollständig ernähren können."

Traisa bekam 1833/34 ein neues Schulhaus, das heute noch als „Alte Schule" bekannte Haus Ludwigstraße 72. Der damalige Bau war einstöckig und enthielt einen großen Schulsaal sowie eine Lehrerwohnung. Ein kleines Türmchen mit der Schulglocke zierte ehedem das Haus. Nach der Inbetriebnahme der „Neuen Schule" in der Darmstädter Straße im Jahre 1906 wurde die Alte Schule als Wohnhaus genutzt. 1920 wurde sie wegen der großen Wohnungsnot um ein Stockwerk erhöht, um weitere Wohnungen zu gewinnen.

 

Traisa um 1830

 

Traisa hatte 1825 nur 51 bewohnte Häuser. „Hauptstraße" war damals die „Obergasse", später „Eberstädter Straße", heute Ludwigstraße. Die Bebauung reichte nur von der Einmündung des „Fahrwegs", heute Darmstädter Straße, bis zur Einmündung der Brunnengasse. Von der damaligen Ortsmitte führte die „Speck" vorbei an der „Weed" und dem „Röhren-Brunnen" vor den Häusern Beckers und Hamscher/Pech zur „Untergasse", zu dem Teil der Nieder-Ramstädter Straße, die heute noch als „Ochsengasse" bezeichnet wird. Allerdings reichte die Bebauung nur bis zum heutigen Anwesen Schmidt, dem früheren Faselstall – deshalb „Ochsengasse“. Ober- und Untergasse waren durch die Brunnengasse verbunden.

An ihrer Einmündung in die Obergasse (Ludwigstraße) vor dem früheren Geschäft Wacker (heute Post-Agentur) befand sich ein weiterer öffentlicher Brunnen, von dem es jedoch keine Beschreibung gibt. Übrigens gab es in vielen alten Traisaer Gehöften Brunnen und Quellen, die zur Wasserversorgung genutzt wurden, die letzte im Anwesen Beckers. Nach alten Überlieferungen soll es in Traisa und seiner kleinen Gemarkung 230 Quellen gegeben haben. Die ergiebigste war die im „Grundlosen Boden" an der Nieder-Ramstädter Straße, die ab 1907 als einzige Quellfassung das Wasser für das damals errichtete Wasserwerk lieferte.

 

1836 wieder selbständig

 

Traisa wurde 1836 wieder selbständige Gemeinde. Carl Daub, bisher Beigeordneter, wurde am 1. Oktober 1836 durch das Großherzoglich-Hessische Ministerium des Innern und der Justiz zum Bürgermeister ernannt. Die Bürgermeister der kleineren Gemeinden waren damals (und bis 1976) ehrenamtlich tätig.

 

Traisa als Ausflugsort

 

Traisas Reize mit Natur und Landschaft und die Tüchtigkeit einer Reihe von Gastwirten förderten Traisas Ruhm als Ausflugsort seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Für die Gemeinde Traisa, inzwischen wieder selbständig mit eigener Bürgermeisterei, war dieser „Fremdenverkehr“ von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Weiteres wird in besonderen Artikeln behandelt.

Traisa blieb jahrzehntelang ein stark besuchter Ausflugsort. Durch den 1. Weltkrieg und die nachfolgenden schweren Zeiten ging jedoch der Besucherverkehr merklich zurück. Außerdem waren seit der Jahrhundertwende am Waldrand in der benachbarten Gemarkung Nieder-Ramstadt verkehrsgünstig gelegene Ausflugsziele entstanden, die Gaststätte „Trautheim" und das Cafe „Waldesruh", die einen beachtlichen Anteil der Ausflügler anzogen.

 

Die Struktur Traisas verändert sich

 

Bei der Volkszählung im Jahre 1856 hatte Traisa 560 Einwohner und 77 bewohnte Häuser. Innerhalb der letzten 30 Jahre hatte die Wohnbevölkerung um 109 Personen (19,5 %) zugenommen. Die neuen Häuser, die in diesen 3 Jahrzehnten entstanden, wurden meistens in der Ludwigstraße in Richtung Friedhof, der aber erst 1872 angelegt wurde, errichtet. Einzelne Häuser entstanden im Fahrweg zwischen Ludwig- und Jahnstraße sowie in dem Ochsengasse genannten Teil der Nieder-Ramstädter Straße.

Am interessantesten ist jedoch die Gliederung der Erwerbsbevölkerung, die sich aus dem Ergebnis der Erhebung herauslesen läßt. So wurden für Traisa neben 65 Tagelöhnern bereits 40 Fabrikarbeiter erfaßt, nämlich 28 % der Erwerbstätigen. Nieder-Ramstadt mit damals 1478 Einwohnern wies nur 17 Fabrikarbeiter, 4,3 % der Erwerbstätigen, aus. Pfarrer Vogel vermerkte „daß die Traisaer Arbeiter täglich in die Fabriken nach Darmstadt gehen und daselbst einen guten Verdienst haben". Das „Gehen" ist wörtlich zu nehmen, denn es gab damals weder Eisenbahn, noch Fahrrad oder gar Auto. Zu Fuß ging es durch den Wald, morgens hin und abends nach einem 12- bis 14-Stunden-Tag wieder zu Fuß zurück. Beliebt waren die Arbeitsstellen bei der Firma Merck, die sich damals noch am „Mercksplatz" befand, wo heute in Darmstadt das Finanzamt und das Hallenbad stehen. Der hohe und später ständig steigende Anteil an Arbeiterhaushalten an der Gesamtbevölkerung hat sich prägend für die Gemeinde Traisa ausgewirkt.

 

Streben nach Fortschritt, Bildung, politischen Freiheiten

 

Ab 1863 erlebte unsere engere Heimat eine Welle von Vereinsgründungen. Liberale Ideen schlugen sich nieder, es entstehen Arbeiterbildungsvereine, Fortschrittsvereine und ähnliche. In Traisa wurde ein Arbeiterbildungsverein gegründet, wobei nach der Überlieferung Bürgermeister Rückert, Ober-Ramstadt, Pate stand. Dieser Verein, dessen ideelle Zielsetzung „die Hebung der Bildung in den einfachen Ständen" war, gewann rasch einen großen Teil der Bevölkerung und zählte nach kurzer Zeit 120 Personen als Mitglieder.

Über die Vereinstätigkeit der Anfangsjahre ist leider nur wenig überliefert, doch wurde von Anfang an vierstimmiger Männergesang gepflegt. Der Traisaer Verein erlitt jedoch das gleiche Schicksal wie die Vereine in anderen Gemeinden, nämlich Einstellung der Aktivitäten wegen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Österreich 1866, sowie dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Erst danach lebte die Vereinstätigkeit wieder auf und so erscheint ab Januar 1873 Traisas erster Verein wieder, jetzt aber unter dem Namen „Gesangverein Eintracht".

 

Die neue Mobilität erfordert Straßen

 

Im Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau einer chaussierten Wegeverbindung nach Darmstadt ist uns ein interessanter Bericht über die wirtschaftlichen Belange der Gemeinde Traisa erhalten. Damals verlief die wichtigste Straße von Ober-Ramstadt bzw. dem oberen Modautal über Nieder-Ramstadt, nämlich über die Dornwegshöhstraße und Alte Darmstädter Straße zum späteren Gasthaus Trautheim und von dort etwa auf der Trasse der B 449 zum Böllenfalltor.

Die heutige direkte Verbindung über die Odenwaldstraße (B 449) vom „Dreieck" (an der Modaubrücke) zum Trautheim wurde erst 1898 fertiggestellt. Die Traisaer benutzten bis dahin unbefestigte Wege zur „Alten Ober-Ramstädter Straße", den „Valtinsweg" am Kinderheim vorbei, heute „Datterichpfad", den „Fahrweg", teils auch den „Röderweg".

Der Traisaer Gemeinderat setzte sich sehr für eine chaussierte Direktverbindung nach Darmstadt ein, lehnte jedoch den Anschluß an die über Nieder-Ramstadt führende Straße ab. Die Begründung war einleuchtend:

Die Traisaer haben noch niemals den chaussierten Weg von Traisa über Nieder-Ramstadt benutzt um nach Darmstadt zu kommen und werden ihn auch künftig nicht benutzen, weil er einen Umweg von 700 Klafter (ca. 3 km) = 21 Minuten hat und außerdem wegen seinem abwechselnden Gefäll (Dornwegshöhe) schwierig zu fahren ist."

Im übrigen unterstreicht der Gemeinderat die Notwendigkeit, einen chaussierten Weg zu bauen mit dem Hinweis auf die wirtschaftliche Situation der Gemeinde:

Die betreffende Straße soll nicht nur für die Traisaer Milchkarren dienen, sondern auch für anderes Fahrwerk. Von Traisa werden nach Darmstadt Steine, Holz, Mehl und allerlei Feldgewächse gefahren. Auch die Traisaer Fußgänger werden bei schlechter Witterung den fraglichen Weg benutzen. Besondere Erwähnung verdient, daß Traisa ein Vergnügungs- und Erholungsort der Darmstädter ist, wobei es oft vorkommt, daß die in großer Anzahl Hierhergekommenen unerwartet vom Regen überfallen werden, wodurch dieselben in eine unangenehme Lage wegen des bodenlosen Heimwegs geraten. Die Darmstädter gehen nicht nur, sondern reiten und fahren auch hierher."

Die im Bericht erwähnten „Traisaer Milchkarren" weisen auf die Bedeutung eines Gewerbes hin, das über 100 Jahre von vielen Traisaern betrieben wurde. Die „Milcher", wie sie allgemein genannt wurden, brachten mit ihren Karren Milch, aber auch Eier, Butter und andere Erzeugnisse nach Darmstadt und verkauften sie in ihren Bezirken „an der Haustür". Die Milcher hatten die Erlaubnis, mit ihren Karren einen Weg neben der Alten Ober-Ramstädter Straße zu befahren, der dadurch den Namen „Milchpfad" bekam.

Im gleichen Jahr 1866 wurde auch das erste Haus am Weg nach Nieder-Ramstadt erbaut, das Haus Nieder-Ramstädter Straße 51, Müller-Krämer-Dehnert, das fast 100 Jahre den Ortseingang bildete. Erst zwei Jahrzehnte später wurden dort weitere Häuser errichtet.

1866 war Kriegsjahr. In der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland stand Hessen auf Seiten der Österreicher. Die schnelle Niederlage der österreichischen Armee bei Königgrätz ließ ihren Verbündeten keine Chance. Unsere Heimat wurde von preußischen Truppen beseetzt, Auch in Traisa wurde ein preußisches Kontingent einquartiert.

 

Die Odenwaldbahn – der Anschluß an die Welt

 

Schon 1861 wurden bei der Hessischen Ludwigsbahn Überlegungen über eine Bahnverbindung zwischen dem Odenwald und Darmstadt angestellt. Das führte zu Bemühungen in allen größeren Orten dieses Raumes um einen Bahnanschluß, weil sich die Bewohner durch die besseren Verkehrsanbindung eine Erhöhung des privaten und kommunalen Wohlstandes versprachen.

Nach der Entscheidung über die Trassenführung kam es in den Anliegergemeinden, so auch in Traisa und Nieder-Ramstadt, zu schwierigen Verhandlungen wegen der Bereitstellung des erforderlichen Geländes für den Bahnkörper, aber auch wegen der teilweise notwendigen Änderung der Trassenführung von Straßen und Wegen.

In einer für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Eile konnten die Probleme gelöst und schon 1869 mit dem Bau begonnen werden. Andere Schwierigkeiten gab es wegen der Bodenverhältnisse beim Bau der Überführung der Nieder-Ramstädter Straße kurz vor dem Bahnhof. Die Gewann „Im grundlosen Boden“ machte ihrem Namen alle Ehre! Der Brückenbau wurde erheblich verzögert, weil sich für die Fundamente in üblichen Tiefen kein tragfähiger Boden fand. Letztlich wurden Faschinenbündel in den morastigen Grund versenkt, auf die die Brückengründung aufbetoniert wurde.

Im Dezember 1870 wurde der Streckenabschnitt Darmstadt (Ost) – Nieder-Ramstadt/Traisa fertiggestellt, und am 27. Dezember lief der erste Zug aus Darmstadt auf dem Bahnhof ein.

 

Das neue Rathaus

 

1866 erhielt Traisa sein schönes, für die damalige Zeit stattliches Rathaus. Es wurde an der Stelle des ehemaligen Hirtenhauses errichtet. Im oberen Stockwerk befand sich ein Saal, wo zunächst die Gemeinderatssitzungen, aber auch Holzversteigerungen und ähnliches stattfanden. Später, wahrscheinlich ab 1876, diente dieser Raum als Schulsaal, denn durch den stetigen Bevölkerungsanstieg hatte die Schülerzahl so zugenommen, daß eine zweite Klasse eingerichtet werden mußte.

In einer alten Federzeichnung ist an der linken Seite des Rathauses zu ebener Erde ein Tor zu sehen, das nach Breite und Höhe die Einstellung eines Wagens ermöglichte. Der dahinter liegende Raum war wahrscheinlich der Aufbewahrungsort der Feuerwehrgeräte, bevor das Spritzenhaus in der Darmstädter Straße erbaut wurde.

 

Zwei Kriege in fünf Jahren

 

1866 war Kriegsjahr. In der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich stand Hessen-Darmstadt auf Seiten der Österreicher. Die schnelle Niederlage der österreichischen Armee bei Königgrätz ließ den österreichischen Verbündeten keine Chance. Am 18. Juli wurde Frankfurt, am 21. Juli Darmstadt von preußischen Truppen besetzt. Auch in Traisa wurde ein preußisches Kontingent einquartiert.

Das Jahr 1870 brachte überraschend den Deutsch-Französischen Krieg. Die Stimmung der Bevölkerung gibt ein Vermerk in der Nieder-Ramstädter Pfarrchronik wieder: „Mächtig war die Erregung, die der im Juli so plötzlich hervorbrechende Krieg in den Gemütern unserer Gemeindemitglieder hervorrief". Aus Traisa zogen 19 Bürger ins Feld, einer von ihnen fiel, zwei wurden verwundet.

Die heimgekehrten Krieger schlossen sich 1873 im „Kriegerverein Traisa" zusammen, der zunächst Zweigverein des Kriegervereins Ober-Ramstadt war, aber seit 1875 als selbständiger Verein mit 25 Mitgliedern fortgeführt wurde. Zur Erinnerung an den siegreichen Feldzug errichtete der Verein an der „Speck" an der Straßenseite gegenüber der „Weed", zunächst eine Gedenktafel und pflanzte eine Friedenslinde.

Der Platz wurde 1899 neu gestaltet. Es entstand der „Dallesplatz", eine Art Marktplatz in der Dorfmitte. Dabei mußten der Gedenkstein und die Linde entfernt werden. Ein neues Denkmal wurde im Anschluß an den „Dalles" errichtet und anläßlich des 25. Stiftungsfestes des Kriegervereins im Jahre 1900 eingeweiht.

 

Frieden: Wirtschaft und Gemeinschaft wachsen

 

Die folgenden drei Jahrzehnte in der Entwicklung Traisas verliefen verhältnismäßig ruhig. Der Ort wuchs langsam aber stetig. Die Bebauung der Ludwigstraße erfolgte sowohl in östlicher Richtung bis zum Friedhofsweg, in westlicher-jedoch nur auf der Nordseite - bis zum Röderweg. Einzelne Häuser wurden auch in der Röderstraße zwischen Ludwig- und Nieder-Ramstädter Straße erbaut. Dieses Straßenstück hieß damals „In der kleinen Hohl" und war seinerzeit noch nicht als Straße ausgebaut.

Bedeutung hatten damals zwei Vereinsgründungen, nämlich die der Turngemeinde im Jahre 1879 und der Freiwilligen Feuerwehr 1880. Die Zahl der Ortsvereine war damit auf vier angewachsen, wodurch eine nicht unwesentliche Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens eintrat. So haben die Turner 1881 die Traisaer Fastnachtstradition begründet. Damals wurde erstmals am Fastnachtsdienstag der „Prinz Karneval" mit Musik und Tamtam am Bahnhof abgeholt und ein zünftiger Lumpenball gehalten. Die Errichtung der Turnhalle 1886 in der Darmstädter Straße/Ecke Weingartenstraße (heute EDEKA-Markt) war ein bedeutender Schritt, konnten doch jetzt auch die Turnstunden im Winter abgehalten werden..

In dieser Zeitspanne machte auch der Dippelshof wieder von sich reden. Nach dem Verkauf des Hofes 1858 durch Jakob Stähly wechselten die Besitzer und Pächter rasch, was für die Entwicklung des Hofes keineswegs förderlich war. Die Gaststätte verlor an Ruf und Bedeutung. 1888 erwarb der Kaufmann Gebhardt aus Elberfeld den Hof, schloß die Gaststätte und wandelte den landwirtschaftlichen Betrieb in eine Obstplantage um. Auch die Baulichkeiten wurden verbessert. Nachdem der Betrieb wieder auf einer gesunden Grundlage stand, verkaufte er diesen 1898 an Oberstleutnant Friedrich Wilhelm Bullrich. Dieser Besitzwechsel hatte nicht nur für den Hof, sondern auch für die Gemeinde Traisa nachhaltige Folgen.