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Geschichte > Traisa

Stand: 24.11.2012

 

 

 


 

Traisa als Ausflugsort


Traisas Gastronomie zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Am Anfang des 19. Jahrhunderts war Traisa ein kleines Bauerndorf mit rund 400 Einwohnern. In den 1830er Jahren gab es in Traisa drei Gastwirtschaften. Die älteste war der „Hessische Hof“ gegenüber dem späteren Rathaus. Er führte damals den Namen „Zum Schwarzen Adler“.

Schräg gegenüber, wo inzwischen das neue Postamt gebaut wurde, betrieb die Familie Daub die Gaststätte „Zum Goldenen Löwen“, im Volksmund seinerzeit kurz „zum Hannes“ genannt .Die Familie Daub gab Anfang des 20. Jahrhunderts den Gaststättenbetrieb auf. 1907 erwarb die Familie Seibert, die gegenüber der Alten Schule in der Ludwigstraße eine Gastwirtschaft betrieb, das Recht, diese „Zum goldenen Löwen“ zu nennen. Fritz Fischer setzte die Tradition fort. Es folgte die italienische Speisegaststätte „Barone Rosso“, die seit 2003 geschlossen ist.

Eine weitere, viel und gern besuchte Gaststätte unterhielt die Mennonitenfamilie Stähly, seit 1808 Pächter, später Besitzer des Dippelshofes, die bis 1858 bestand.

Zu den drei bestehenden Gasthäusern kam dann ab 1827 die „Mahr'sche Gaststätte“ hinzu, die durch Theaterstücke von Ernst Elisas Niebergall „Der tolle Hund“ (1837) und der „Datterich“ (1841) literarische Berühmtheit erlangte.
Das Anwesen, in dem die heutige „Datterichschänke“ untergebracht ist, geht auf die alte „Mahr'sche Gaststätte“ zurück, die später den Namen „Darmstädter Hof“ erhielt. Der im Jahre 1794 in Traisa geborene Johann Adam Mahr, von Beruf Bäcker und Wirt, ist nach dem Traisaer Brandkataster von 1827 Besitzer der Hofreite mit einem einstöckigen Haus mit Bäckerei, das 1831 auf zwei Stockwerke erweitert wurde und zusätzlich Scheune und Stall erhielt. 1836 wurde das Anwesen durch einen Anbau am Haus erweitert; 1842 kam noch ein Nebengebäude (Holzschuppen) dazu. Mit diesem Johann Adam Mahr beginnt also die Geschichte des Hauses.

Traisa wird Ausflugsziel der Darmstädter

Die Mahr'sche Gaststätte wurde schon bald zu einem bekannten Ausflugsziel, das durch seine „Pannekuche“ berühmt wurde. Die Entdeckung kommt dem Darmstädter Kammermusiker Johann Daniel Anton (1801 – 1853) zu. Nach den Opernproben im Hoftheater pflegte er abendliche Spaziergänge nach Traisa oder zum Dippelshof zu machen und dort einzukehren. Zunächst schlossen sich ihm mehrere Mitglieder der Hofkapelle an, die begeistert von der Schönheit des Weges und der Güte von Speis' und Trank erzählten. Neugierige folgten und so wurde Traisa sehr schnell ein beliebtes Ausflugsziel der Darmstädter. Wegen der „Entdeckung“ Traisas nannte sein Freundes- und Familienkreis Johann Daniel Anton „Kolumbus“ nach dem Amerika-Entdecker.

Dieses muntere Treiben hat Ernst-Elias Niebergall in seinen Theaterstücken „Der tolle Hund“ (1837) und dem „Datterich“ (1841) festgehalten, indem er einige Szenen in die Mahr'sche Gartenwirtschaft verlegt.
Die in beiden Mundartücken geschilderten Szenen aus den Traisaer Gaststätten sind dem tatsächlichen Geschehen entnommen. Das geht aus Berichten in der „Darmstädter Zeitung“, Jahrgänge 1840 bis 1844, ebenso hervor wie aus Beiträgen im „Gutenberg“, der sich als „Unterhaltungsblatt für Stadt und Land“ bezeichnete und ab 1842 erschien. Diesem ist der folgende Reim entnommen:


Sonnabends in Traisa

Kennst du den Ort, umkränzt von Waldesgrün,
wo Pfannkuchen dir entgegenglühn,
ein leck'rer Duft von jedem Tische weht,
und Apfelwein vor muntern Gästen steht?
Dahin, dahin,
laßt uns am Samstag Abend ziehn!


Neben den Darmstädtern haben auch Engländer gerne den gastlichen Ort aufgesucht. Im „Tollen Hund“ fragt Herr Puttel:

Fraa wie wehr'sch, ma wolle e bisje nooch Draase geh . . .“

Und Frau Puttel erzählt dann:

Wie mer nu nooch Draase kumme, hawwe mer uns in de Gahde gesetzt, un hawwe uns Pannekuche backe losse – es worn kriminolgude Pannekuche, so krachlisch, es Maul wässert mer noch danooch – un mei Mann hot sich es Buddelch Eppelwei bestellt“.

Auch im „Datterich“ spielt die Traisaer Gastwirtschaft eine große Rolle, eingeleitet mit dem klassischen Ausspruch Datterichs im ersten Szenenbild, wo er seine Genossen beim Kartenspiel fragt:

Komme Se nach Draase?“

und Bennelbächer ihm antwortet:

Eh wie net!“

Eine 1966 in der Ortsmitte nahe dem Speckebrünnchen angebrachte Tafel erinnert an diese Szene.

Der Nachfolger des Datterichwirtes

Nach dem Tod von Johann Adam Mahr übernahm sein 1825 geborener Sohn Johannes Wendel die Wirtschaft, die er noch beachtlich erweiterte. 1863 erfolgte der Bau eines Schuppens an der Straße, wodurch der Hof einen gewissen Abschluß bekam. Im gleichen Jahr erfolgte der Bau des Gartensaales, der 1993/95 umgebaut wurde und der DRK-Ortsgruppe Traisa als Unterkunft und Schulungslokal übergeben wurde. Weiterhin wurde 1864 ein Seitenbau mit 2 Stockwerken und einer Bäckerei errichtet. Durch diese Anbauten erhielt das Anwesen seine heute noch erkennbar Gestalt.

Johannes Wendel Mahr führte die Gaststätte 20 Jahr lang. Sie büßte in dieser Zeit nichts an Beliebtheit ein. Sie blieb das Ziel vieler Darmstädter Ausflügler, die mit ihren Familien zu Fuß oder mit Wagen und Chaisen die Wirtschaft aufsuchten.

Für die Gemeinde Traisa, seit 1837 wieder selbständig mit eigener Bürgermeisterei, war dieser Fremdenverkehr von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Der damals etwa 600 Einwohner zählende Ort hatte noch keine chaussierte Straßenverbindung nach Darmstadt. Bei Verhandlungen mit dem Kreisamt wegen des Straßenbaues 1864 schrieb der Gemeinderat u.a. an das Amt:

Die betreffende Straße soll nicht nur für die Traisaer Milchkarren dienen, sondern auch für anderes Fahrwerk. . . . Besondere Erwähnung verdient, daß Traisa ein Vergnügungs- und Erholungsort der Darmstädter ist, wobei es oft vorkommt, daß die in großer Anzahl Hierhergekommenen unerwartet vom Regen überfallen werden, wodurch dieselben in eine unangenehme Lage wegen des bodenlosen Heimwegs geraten. Die Darmstädter gehen nicht nur, sondern reiten und fahren auch hierher.“


Die Ära Riedmatter-Behrens

Im Jahre 1876 übernahm Bernhard Riedmatter aus Darmstadt die Gaststätte, die rund 30 Jahre im Familienbesitz blieb. Er baute sie planmäßig zum Hotel mit Fremdenverkehrsbetrieb aus. Trotzdem waren die Darmstädter die wichtigsten Gäste, dem von ihm dadurch Rechnung getragen wurde, daß er den Namen „Hotel Darmstädter Hof“ einführte.

1891 übernahm sein Sohn Julius das Geschäft, doch starb dieser schon 1904. Seine Witwe und ihre Kinder standen dem Haus noch bis 1907 vor.

Dann übernahm Joseph Alfred Eichler aus Wiesbaden, der dort Hotel-Portier gewesen war, das Haus. Er behielt es jedoch nicht lange; 1910 folgte Johanna Maria Sinn. Diese blieb nur 2 Jahre Inhaberin und machte 1912 Karl Behrens-Hufnagel Platz.

In der kurzen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erlebte die Gaststätte unter Karl Behrens-Hufnagel noch einmal eine hohe Blüte. Größe und Einrichtungen des Hauses waren für die damaligen Traisaer Verhältnisse sehr beachtlich. Es umfaßte 4 Gastzimmer im Erdgeschoß, Billardzimmer, Frühstückszimmer und Saal im 1. Obergeschoß, dazu 16 Fremdenzimmer, den Gartensaal und die Gartenwirtschaft.

Traisa blieb jahrzehntelang ein stark besuchter Ausflugsort. Viele Traisaer erinnern sich noch an das aus dieser Zeit stammende Hinweisschild am Bahnübergang Ludwigstraße, mit welchem der Gasthof Behrens-Hufnagel den Luftkurort Traisa und seine Dienste anpries.

Durch den Ersten Weltkrieg und die nachfolgenden schweren Zeiten ging jedoch der Besucherzuspruch merklich zurück. Außerdem waren seit der Wende vom 19.zum 20. Jahrhunderte am Waldrand das Kurhaus „Waldeck“ sowie in unmittelbarer Nähe in der Gemarkung Nieder-Ramstadt verkehrsgünstig gelegene Ausflugsziele entstanden, die Gaststätte „Trautheim“,das Kaffeehaus „Waldesruh“ und das Naturheilsanatorium, die einen beachtlichen Anteil der Ausflügler anzogen.

Eine wirtschaftliche Erholung in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre war nur von kurzer Dauer. Karl Behrens jun., der das Geschäft 1929 übernommen hatte, übergab es 1931 an Karl Theis aus Frankfurt, der es bis 1936 weiterführte und dann aufgab. Das Anwesen wurde von der Gemeinde Traisa erworben.

Kriegs- und Nachkriegszeit

Vor dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich die Gemeinde, das Anwesen geeigneten Zwecken zuzuführen. Mit einem interessierten Arzt wurden erfolgversprechende Verhandlungen gebührt, um dort ein Sanatorium einzurichten. Die schon recht weit gediehenen Bemühungen haben sich durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerschlagen.

Während im Ersten Weltkrieg im Hotel und im Gartenhaus Teile eine Funkerkompanie einquartiert war, diente das Haus im Zweiten Weltkrieg längere Zeit als Unterkunft für Fremdarbeiter.

Nach dem Krieg fanden dort Ausgebombte und Flüchtlinge eine Bleibe. Trotz aller Schwierigkeiten sorgte die Gemeinde für die Erhaltung des Hauses, das mittlerweile auch Gewerbebetrieben eine Heimstatt bot. Die nicht mehr benötigten alten Nebengebäude, die Remise und der Holzschuppen wurden abgerissen und gleichzeitig die Mauer zur Straße entfernt, wodurch sich das bisher gewohnte Bild stark veränderte. Im Zuge dieser Maßnahmen fielen auch die großen Kastanienbäume unter denen sich jahrzehntelang das Wirtschaftsleben abgespielt hatte.

1972 wurde der freie Hofraum als Fest- und Parkplatz ausgebaut, und das daran anschließende, zur Ohlebach hinziehende Gelände als Spielplatz ausgebaut – im Volksmund „Der Sinai“.

Mit der Eröffnung der Datterichschänke im alten Haupthaus im November 1971 wurde die alte Tradition des Hauses wieder belebt. Nach weiteren 20 Jahren wurde die Gaststätte umgebaut und erhielt eine zusätzliche Terrasse, die den Eingangsbereich mit einbezieht

Neugründungen

Zu den drei bekannten Gaststätten in der Dorfmitte kamen seit Ende der 1880er Jahre weitere hinzu. Den Anfang machte 1880 das Gasthaus „Zur Traube“ in der Ochsengasse (Nieder-Ramstädter Straße), zuletzt Gasthaus von Heinrich Monn, das 1964 seine Pforten schloß.

In der Nachbarschaft eröffnete Karl Daub 1889 eine Gaststätte, nämlich das später unter Gastwirt Karl Scheerer bekanntgewordene Haus „Zur Krone“. „Kronenwirt“ Scheerer errichtete
1928 seinen Saalbau, der bis zum Bau des gemeindlichen Bürgerhauses als größter Saal am Ort Mittelpunkt des Kerwetanzes, der Fastnacht, von Festen und anderen Veranstaltungen war. Am 1. Juli 1964 ging der Saal mit der Gaststätte in den Besitz der Turngemeinde über, die ihn seitdem als Turnhalle, aber auch für gesellschaftliche Veranstaltungen nutzt.

Eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal erbaute Georg Heß, nebenbei Barbier, 1895 in der Kleinen Hohl (Röderstraße). Unter dem Namen „Zur Starkenburg“ bestand sie noch bis Ende der 1950er Jahre.

Im späteren Kinderheim „Haus Waldeck“, ehemals von dem Darmstädter Bankier Nauheimer als Wohnsitz erbaut, wurde um 1900 eine „Kuranstalt mit Gaststätte“ eingerichtet. 1917 erwarb die Stadt Darmstadt das Anwesen und verwendete es als Kinderheim, zeitweise als Realgymnasiale Aufbauschule.

1908 entstand am „Dalles“ die Gastwirtschaft der Familie Seibert. Als 1925 Ernst Carl Daub das Gasthaus „Zum Löwen“ schloß, erwarb Friedrich Seibert das Recht, diesen Gasthaus-Namen zu übernehmen. Gastwirt Fritz Fischer, der das Haus bis 1981 führte, ist ortsbekannt in Erinnerung geblieben.

Die jüngste Neugründung war die von Wilhelm Leißler. Er betrieb seit 1910 das Gasthaus „Zum Erlkönig“ in der Darmstädter Straße, das bis zum Zweiten Weltkrieg bestand. Die Namenswahl stand wohl im Zusammenhang mit der in der zweiten Hälfte des 19. Jh. aufgetauchten Behauptung, Goethe habe die Anregung zu seinem Gedicht „Der Erlkönig“ durch eine Begebenheit erhalten, wonach der weltberühmte Theologe und Alchemist Johann Konrad Dippel aus Nieder-Ramstadt, der Bruder des Wiedererbauer des Hofes in der Obertraisaer Mark („Dippelshof“) seinerzeit mit einem kranken Kind nach Darmstadt zum Arzt ritt, jedoch bis zu seiner Ankunft das Kind verstorben sei. Die Goetheforschung kennt keine Bestätigung für diese Geschichte.

Autor
Karl Dehnert †


Randvermerke
Volker Teutschländer




Nach dem Ersten Weltkrieg
warb vor allem das Hotel „Behrens-Hufnagel“ mit dem Prädikat „Luftkurort“.
Auch Pensionen in Nieder-Ramstadt und Nieder-Beerbach führten seinerzeit die Bezeichnung „Luftkurort“.
Eine staatliche Anerkennung als Kurort, wie sie heute für ein solches Prädikat erforderlich wäre, ist nicht bekannt.





Die Datterichschänke
am Datterichplatz
heute



Hotel Darmstädter Hof
Traisa im Odenwald“
Titel der Postkarte aus 1894



Luftkurort Traisa …
Wegweiser an der Odenwaldstraße
Ende der 1920er Jahre



Der in die regionale Literatur
eingegangene Garten des
Darmstädter Hofes
nach einer Postkarte von 1910


Die bekannteTraisaer Datterichszene im Bronzerelief am Speckebrünnchen
von Bildhauer Hans Philipp


Das ehem. Gasthaus zur Traube in der Nieder-Ramstädter Straße Ende der 1950er Jahre


„Luftkurort Traisa im Odenwald“
mit dem Behrens-Hufnagelschen Gasthof im Vordergrund – Postkarte aus dem Jahr 1893



Der Hessische Hof
von Philipp Walter

(„Bürgermeister Philipp“)
1965



Das Kurhaus Waldeck
Gastronomie bis 1917



Das Haus „Starkenburger Hof“
in der Röderstraße