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Geschichte > Traisa

Stand: 03.10.2012

 

 

 



 

Traisa im 20. Jahrhundert

Verfasser
Karl Dehnert



Ergänzungen
Volker Teutschländer






Das Haupthaus des Dippelshofes
nach der Sanierung
2008



Grabstätte des Ehrenbürgers
Friedrich Wilhelm Bullrich
im Wald beim Dippelshof



Schulhaus von 1905
und Spritzenhaus von 1910



Postkarte (Ausschnitt)
des Vereins
Gartenstadt Nieder-Ramstadt/Traisa
1914



Denkmal für die Gefallenen und Vermißten des Ersten Weltkrieges
von Friedrich Hamscher
1925
1958 auf den Friedhof umgesetzt.




Der Steinbruch
auf dem Wingertsberg ~ 1940,
ein wichtiger Arbeitgeber für
Traisaer Familien



Das Schwimmbad,

Gemeinschaftswerk der Traisaer
1934/35



Bau der ev. Kirche
Bürgermeister Fritz Rindfrey

bei der Grundsteinlegung
1956

 

Traisa wird modernisiert

 

In der Zeit von 1900 bis 1914 wurde die Lebensqualität in Traisa entscheidend verbessert. Die Entwicklung ist mit dem Namen zweier Männer verknüpft, die die Gunst der Stunde zusammenführte: Bürgermeister Philipp Walter, Ortsoberhaupt von 1900 bis1922 und Oberstleutnant a. D. Friedrich Wilhelm Bullrich, der 1898 den Dippelshof erwarb und bis zu seinem Tod 1926 bewirtschaftete. Letzterer war nicht nur als der größte Steuerzahler, sondern auch wegen seiner Korrektheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den Problemen der Gemeinde allseits geschätzt.

Nach dem Bau der neuen Schule 1905, folgte der Bau des Wasserwerks und der Wasserleitung 1906/07 dann des Spritzenhauses neben der Grundschule im Jahre 1910. 1912 wurde elektrische Beleuchtung eingeführt.

In Würdigung seiner Verdienste um das Wohl der Gemeinde, die er sich als Bürgermeister erworben hatte, wurde die 1927 entstandene Seitenstraße zur Ludwigstraße „Philipp-Walter-Straße" genannt. Oberstleutnant Bullrich wurde nach einem Bericht der „Odenwälder Neuesten Nachrichten" vom 12. September 1905 zum Ehrenbürger der Gemeinde Traisa ernannt:

Der Besitzer des in unserer Gemarkung liegenden Obstgutes Dippelshof, Herr Oberstleutnant Bullrich, welcher sich der allgemeinen Beliebtheit erfreut, durch seinen großartigen Obstbau-Betrieb Beispiele, Anregung gebend, auch sehr wesentliche Beiträge und Selbstherstellung evtl. Unterhaltung von Wegen zugunsten der Gemeindekasse und Bewohner unseres Ortes freiwillig geleistet, wurde als Zeichen der Anerkennung von dem hiesigen Ortsvorstand zum Ehrenbürger der Gemeinde Traisa ernannt und das betr. Diplom von einer Deputation unter Führung der Herrn Bürgermeisters Walter ihm überreicht und von ihm unter herzlichen Dankesworten angenommen, somit das erfreulich freundliche Verhältnis besiegelt."

Bullrich hatte neben vielen anderen freiwilligen Unterstützungen der Gemeinde und von Gemeindeeinrichtungen ein Drittel der Gesamtkosten des Schulhausneubaues übernommen (17.000 Mark).

Die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse durch den Anschluß Traisas 1898 an die neue Chaussee vom Dreieck über das Chausseehaus zum Trautheim (Odenwaldstraße/ B 449) sowie die Straßenbahn vom Stadtrand am Böllenfalltor zur Stadtmitte Darmstadt trugen nicht unwesentlich dazu bei, die Bautätigkeit zu beleben, die der Verein „Gartenstadt Nieder-Ramstadt/Traisa“ angestoßen hatte.

Der Aufschwung zeigte sich auch deutlich an der Steigerung der Einwohnerzahl:

1880 = 635
1990 = 659
1900 = 772
1910 = 1057
 

Nicht nur die Landeshauptstadt Darmstadt bot gute Arbeitsplätze in Industrie, Handel und Gewerbe. Auch im Nahbereich fanden viele Traisaer Arbeit, so im Leferenz'schen Steinbruch Nieder-Ramstadt, seit 1898 Odenwälder Hartstein-Industrie AG, und durch die Ansiedlung der Firma Wacker und Doerr, im Jahre 1901. Beide Unternehmen entwickelten sich sehr schnell. 1912 beschäftigt die „Hartgummifabrik" Wacker und Doerr 600, die OHI 100 Arbeiter.

Diese Entwicklung sowie die Tätigkeit des Vereins Gartenstadt wurden durch den Ersten Weltkrieg 1914 jäh gestoppt und kamen dann völlig zum Erliegen.

 

Die schweren Nachkriegsjahre

 

Nach vier leidvollen und entbehrungsreichen Kriegsjahren nahmen 1919 die Vereine ihre Tätigkeit, die während der Kriegsjahre geruht hatte, wieder auf. Politische Spannungen führten zum Austritt einiger Mitglieder aus der Turngemeinde, die sich der 1911 gegründeten „Gesellschaft Fidelio" anschlossen. Letztere nannte sich in „Arbeitersportverein Fidelio 1911" um und trat dem Arbeiter-Turn- und Sportbund bei. Hauptbetätigungsfeld des Vereins war das Fußballspiel. Ansonsten war aber von den revolutionären Umwälzungen seit November 1918 im Ort wenig zu merken. Eine wichtige Neuerung war jedoch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, das das 3-Klassen-Wahlrecht beseitigte, und die Einführung des Stimmrechts für Frauen. Den Gemeinderat stellten 3 Gruppierungen: die organisierte Arbeiterschaft, der Gewerbeverein und der Bauernbund.

Größtes Problem der Zeit war nach der Heimkehr der Soldaten und Kriegsgefangenen neben Arbeitslosigkeit, Kohlennot und Lebensmittelknappheit vor allem der Wohnungsmangel, der sich bis 1923 zunehmend verschärfte. Wohnungen und Wohnräume wurden beschlagnahmt und von der aus Mitgliedern des Gemeinderates bestehenden Wohnungskommission vergeben. Zuzug war nur im Wohnungstausch möglich. Um zusätzlichen Wohnraum zu beschaffen, wurde die Alte Schule aufgestockt, der Rathaussaal zeitweise als Notunterkunft benutzt. 1923 bestanden konkrete Pläne, das Spritzenhaus umzubauen, um eine Wohnung zu gewinnen, doch vereitelte die galoppierende Inflation die Ausführung. Nach Einführung der „Rentenmark" am 15. Dezember 1923 war der Billionen-Spuk der Inflation vorbei. Zurück blieb aber viel Elend und Verzweiflung, denn durch die Abwertung hatten viele Bürger ihr Vermögen verloren.

 

Die Menschen suchen Gemeinschaft

 

Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre waren die Ortsvereine wieder aktiv und bauten ihre Aktionsfelder weiter aus. 1922 kam es zur Neugründung des Odenwald-Klubs. Ein Vorgängerverein, der vor dem Ersten Weltkrieg etwa 20 Mitglieder aufwies, trug den offiziellen Namen „Odenwald-Klub 'Petersilie'". Mehrere Mitglieder des ehemaligen Petersilie-Klubs gehörten zu den Gründungsmitgliedern des neuen Vereins.

Für die Sportler ging nach langwierigen Verhandlungen 1922/23 ein dringender Wunsch in Erfüllung. Arbeiter-Sportverein und Turngemeinde erreichten, daß die ehemalige Sandgrube am Schleifweg, heute Straße „Am roten Berg", sowie ein Stück des ehemaligen Fechenbach'schen Gutes als Ballspielplatz hergerichtet wurde. So hatten namentlich die Fußballspieler endlich die Möglichkeit auf einem ortsnahen und den damaligen Anforderungen genügenden Platz ihrem Sport nachzugehen.

Nach Überwindung der Inflation faßte auch die Wirtschaft wieder tritt. Die verbesserten Verhältnisse gaben der Gemeinde die Möglichkeit, ein Denkmal für die Gefallenen und Vermißten des Ersten Weltkrieges zu errichten. 1925 wurde das von dem Traisaer Steinbildhauer Friedrich Hamscher geschaffene Denkmal in einer kleinen Anlage an der Einmündung der Röderstraße in die Nieder-Ramstädter Straße aufgestellt und eingeweiht. Von dort wurde es 1958 auf den Friedhof umgesetzt.

Hamscher hat auch das „Speckebrünnchen" geschaffen, das etwa 1926 in eine in dem Vorgarten des Anwesens Ophoven/Beckers eingelassene Nische gesetzt wurde. Früher gab es einen Brunnen in der Straßenmitte zwischen den Häusern Old-Fornoff und Hamscher-Pech.

Das Jahr 1925 brachte für die Entwicklung des dörflichen Lebens weitere bedeutende Ereignisse im kirchlich-sozialen Bereich: Am 25. Januar wurde der Evangelische Frauenverein gegründet, der sich die Aufgabe gestellt hatte, eine Krankenschwester-Station einzurichten und für eine geregelte Ortskrankenpflege zu sorgen. Der Verein verwirklichte rasch das Vorhaben und am 2. August 1925 wurde Schwester Marie Kolb vom Mutterhaus Dossenheim in ihr Amt eingeführt. Die Schwesternstation besteht, wenn auch in geänderter Form einer Diakoniestation für alle Mühltal-Gemeinden, heute noch.

Ein für die Zukunft bedeutsames Ereignis war die Einführung ständiger Gottesdienste in Traisa. Die Evangelische Landeskirche genehmigte eine Pfarrassistentenstelle mit der Auflage, daß der Amtsinhaber seinen ständigen Wohnsitz in Traisa nehmen müsse. Pfarrer Weißgerber wurde berufen und hielt am 3. Mai in dem zum Betsaal hergerichteten Sitzungssaal des Traisaer Rathaus seinen ersten Gottesdienst. Dies war der Beginn der selbständigen Kirchengemeinde, doch dauerte es noch 3 Jahrzehnte bis zur endgültigen Trennung von Nieder-Ramstadt.

 

Wirtschaftliche Scheinblüte

 

In den folgenden Jahren bis 1930 setzte eine rege, durch staatliche Förderungsmaßnahmen begünstigte Bautätigkeit ein. Dabei wurde im Ortsbereich die große Lücke geschlossen, die vom Haus Hermann Fischer in der Röderstraße bis zum Wohnhaus Wacker in der Ludwigstraße reichte. Dort entstand gleichzeitig eine Nebenstraße, die nach dem 1927 verstorbenen Altbürgermeister Philipp Walter benannt wurde. In der gleichen Zeit (1928) errichtete der „Kronenwirt" Karl Scheerer seinen „Saalbau", der bis in die jüngste Zeit als größter Saal am Ort Mittelpunkt des Kerwetanzes, der Fastnacht, von Festen und anderen Veranstaltungen war. Am 1. Juli 1964 ging der Saal mit der Gaststätte in den Besitz der Turngemeinde über, die ihn seitdem als Turnhalle, aber auch für gesellschaftliche Veranstaltungen nutzt.

Nach jahrzehntelangen Verhandlungen mit der HEAG wurde im Mai 1928 die Buslinie vom Darmstädter Böllenfalltor nach Ober-Ramstadt mit Haltestelle in Traisa eingeweiht. Die drei ersten mit Girlanden geschmückten Busse wurden von der Bevölkerung freudig begrüßt.

Die wirtschaftliche Scheinblüte in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre begünstigte auch die Vereine, die in dieser Zeit besonders aktiv waren. Große und kleine Feste wurden ausgiebig gefeiert, so 1928 das 65. Jubiläum des Gesangvereins „Eintracht", das 50. Stiftungsfest der Turngemeinde 1929, und das der Freiwilligen Feuerwehr 1930. Doch bald, nach dem Börsenkrach in New York am „schwarzen Freitag", am 24. Oktober 1929, machte sich die Weltwirtschaftskrise mit ihren verheerenden Folgen in einer in diesem Ausmaß bisher nicht gekannten Arbeitslosigkeit bemerkbar. Not zog aller Orten ein, denn damals gab es noch keine den heutigen Verhältnissen entsprechende Vorsorge hinsichtlich der Arbeitslosenunterstützung und der sozialen Sicherung.

 

Weltwirtschaftskrise, die neuen Machthaber, Krieg

 

Um der schlimmsten Not zu steuern, wurden im Oktober 1931 ein Ortsausschuß gegründet, der eine Haussammlung zu Gunsten Bedürftiger durchführte. Beteiligt waren der Evangelische Frauenverein, der Odenwaldklub, die Gesangvereine „Eintracht" und „Sängerlust", der Spar- und Kohlenverein nebst Sterbekasse und Bezirkskonsumverein, die Turngemeinde, der Ortsgewerbeverein, die Landwirte sowie Bürgermeister Scheerer und Pfarrer Paul. Die Sammlung erbrachte 15 Zentner Kartoffel, 7 Zentner Obst, 7 Kilo Kolonialwaren, 10 Liter Milch, 150 Kilo Kohlen, 34 Gutscheine für je l Laib Brot, 45 Gutscheine für Lebensmittel je 1,-- Mark, Kleidungs- und Wäschestücke, Schuhe und Stiefel. Dazu 219,50 Mark Bargeld. Die Gaben wurden noch vor Weihnachten verteilt. Eine Wiederholung der Aktion 1932 fand eine deutlich geringere Resonanz, was auf politische Auseinandersetzungen zurückgeführt wurde.

Ab 1931 verschärfte sich die innenpolitische Situation. Auch in Traisa gab es Aufmärsche und Kundgebungen der Nationalsozialisten, der Kommunisten und des Reichsbanners. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der Wahl am 5. März 1933 hatten die Nationalsozialisten ihr Ziel erreicht, nämlich stärkste Partei zu werden, vielerorts sogar mit absoluter Mehrheit. Die der Wahl folgende „Machtergreifung" hatte erhebliche Folgen.

Der bisherige, auf demokratischer Grundlage gewählte Gemeinderat wurde abgelöst, die Gemeinderäte unter Mitwirkung des Ortsgruppenleiters der NSDAP nun „berufen". Die anderen Parteien und ihre Gliederungen wurden aufgelöst oder zur Auflösung gedrängt. Die der Arbeiterbewegung nahestehenden Vereine wurden ebenfalls aufgelöst, und ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. In Traisa waren betroffen: der Gesangverein „Eintracht", der Sportverein 1911 und der Radfahrer-Verein „Solidarität". Die verbleibenden „bürgerlichen" Vereine wurden „gleichgeschaltet" und fortan von „Vereinsführern" geleitet. Doch auch das Wirken dieser Vereine war nach 1933 sehr eingeschränkt, weil der „Dienst" in den Parteigliederungen, dem sich so leicht niemand entziehen konnte, Vorrang hatte.

Die neuen Machthaber propagierten mit Erfolg die „Volksgemeinschaft", das Zusammenstehen zur Beseitigung der Not. Sammelaktionen und „Eintopfessen", einmal sonntags im Monat, wobei das „Eingesparte" für das „Winterhilfswerk" gespendet wurde, gehörte damals zur Gepflogenheit. Auch der Schwimmbadbau 1934/35 wurde als Gemeinschaftsarbeit ausgeführt. Alle Männer und Jugendliche wurden aufgerufen, freiwillig Arbeiten zu leisten, um die Kosten möglichst niedrig zu halten. Dem Aufruf wurde gern gefolgt, und viele Arbeitsstunden wurden erbracht. 1935 konnte das Schwimmbad eingeweiht werden.

In ähnlicher Weise entstand die Straße „Im Rosengarten“: Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse setzte nach 1933 auch wieder eine zunehmende Bautätigkeit ein. Im Röderweg und im Gebiet „Rosengarten" wurden neue Wohnhäuser errichtet. Zur Erschließung mußte die Straße „Im Rosengarten" gebaut werden. Um dies zu ermöglichen, war es notwendig, eines der ältesten Traisaer Häuser, das Haus Göckel neben dem Rathaus, abzureißen. Die Straße wurde dann in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit 1938/39 vorwiegend von SA-Angehörigen angelegt und „Straße der SA“ benannt. Die Umbenennung erfolgte nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Nach Ausbruch des Krieges 1939 kam die Bautätigkeit rasch wieder zum Erliegen. Nach den Erfolgen in den Jahren 1939 bis 1942 ging es an allen Fronten immer schneller in die totale Niederlage. Die Zahl der Kriegsopfer wuchs, die Zerstörung der Städte nahm ungeahnte Ausmaße an, wie es am Beispiel Darmstadts jedem nicht drastischer vor Augen geführt werden konnte. Traisa war im September 1944 eine der nächstliegenden Zufluchtstätten für die Darmstädter Ausgebombten. Viele fanden hier eine Bleibe auch nach Kriegsende. Bis es so weit war, verging noch ein halbes Jahr. Am 24. März 1945 erreichten amerikanische Truppen die Bahnunterführung des Steinbruch. Am Sonntag, dem 25. März, 10.00 Uhr, fuhr ein mit einem amerikanischen Offizier und ein paar Soldaten besetzter Jeep zur Traisaer Bürgermeisterei und „nahm Traisa ein"

 

Der Wiederaufbau

 

Die Zeit vom Kriegsende bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 war gekennzeichnet von Hunger, Wohnungsnot, Flüchtlingselend und Mangel an allen Dingen des täglichen Lebens. Trotzdem wurde sofort mit dem Aufbau geordneter Verhältnisse begonnen. Die amerikanische Militärregierung hatte zunächst vertrauenswürdige, durch die NS-Zeit unbelastete Personen in den Gemeindegremien eingesetzt, doch wurden schon 1946 freie Wahlen abgehalten und die Gemeinderäte und Kreistagsmitglieder gewählt. Diese wählten dann die Bürgermeister und den Landrat. So erhielt Traisa auch wieder eine demokratisch gewählte Ortsspitze, die den Wiederaufbau leitete.

Die Freiwillige Feuerwehr konnte sich bereits im September 1945 neu formieren. Es folgte die Gründung der Kultur- und Sportgemeinde KSG, der sich die vereinigten Sänger der ehemaligen „Eintracht" und der „Sängerlust", der Sportverein und die Rad-und Rollsportler anschlossen. Die Turngemeinde 1879 war, wie alle Turnvereine der amerikanischen Besatzungszone, durch die Militärregierung verboten und aufgelöst. Die Turnhalle wurde beschlagnahmt und durch die Gemeinde als Lager verpachtet. Die KSG hatte jedoch keinen Bestand und löste sich später wieder in Einzelvereine auf.

Zu den zahlreichen in Traisa verbliebenen Ausgebombten aus Darmstadt kamen 1946 noch viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Heimatvertriebene aus Ost- und Südosteuropa hinzu. Die Bevölkerungszahl stieg von 1336 Einwohnern 1939 auf 2031 Einwohner im Jahre 1946, darunter 245 Vertriebene und 84 Evakuierte. Die um rund 700 Personen erhöhte Einwohnerzahl mußte sich in den Wohnraumbestand von 1939 teilen, was zu einer langjährigen Überbelegung der Wohnungen führte.

Schon ab 1948 bemühte sich die Gemeinde, baureifes Gelände auszuweisen. Als erstes wurde der Waldrand an der Waldstraße abgeholzt und bebaut. Es folgten rasche weitere Baugebiete, so in der oberen Ludwigstraße ab Friedhofsweg, im Ebing, in der Röderstraße, im Kratz, in der Wiesenstraße und Goethestraße, in der Weingartenstraße und am Alten Sportplatz, am Roten Berg und zuletzt am Seegraben. So entstanden allein zwischen 1948 und 1954 etwa 115, von 1954 bis 1969 nochmal 197 Häuser. Traisa, das bisher frei von Industrieansiedlungen war, wies 1973 „In den Gansäckern" ein Gewerbegebiet aus, wo sich einige Betriebe ansiedelten. Es handelt sich ausnahmslos um rauchfreie, keinen Lärm verursachende Unternehmen.

Traisa ändert sein Gesicht

Die hohe Baufreudigkeit verlangte von der Gemeinde erhebliche Investitionen im Straßenbau und in öffentlichen Einrichtungen. Nicht nur durch die Ausweisung der Baugebiete, auch durch innerörtliche Maßnahmen änderte sich das Ortsbild vollständig. Hier nur eine tabellarische Übersicht wesentlicher Maßnahmen:

1952 Traisa wird selbständige Kirchengemeinde

1956 Grundsteinlegung zum Bau der evangelischen Kirche

1957 Einweihung der Kirche am 1. Dezember

1958 Einweihung der Friedhofshalle mit der Gedenktafel für die Opfer des 2. Weltkrieges; 79 Gefallene, davon 12 Neubürger, 22 Vermißte, davon 5 Neubürger

- Umsetzung der Kriegerdenkmäler für die Beteiligten und Gefallenen des Krieges 1870/71 und des 1. Weltkrieges auf den Friedhof.

1961 Traisa bildet mit den Nachbargemeinden den Abwasserverband „Modau" mit Sitz in Nieder-Ramstadt.

- Die Ev. Kirchengemeinde baut einen Kindergarten und Räume für eine Schwesternstation.

1962 Beginn der Arbeiten für den Bau des neuen Sportplatzes

1963 Die Wasserversorgung der Gemeinde wird von der Südhessischen Gas- und Wasser AG Darmstadt übernommen. Eine Abzweigleitung vom Dachsberg nach Traisa wurde gebaut.

- Beginn des Baues der Kanalisation. Ganz Traisa ist für Jahre Großbaustelle. Letzte Arbeiten in Neubaugebieten bis 1968

- Die Turngemeinde erwirbt die Gaststätte und den Saal des Kronenwirtes. Der Saal wird als Turnhalle genutzt, die alte Halle in der Darmstädter Straße an Otto Müller verkauft.

1965 Umgestaltung des „Dallesplatzes" und der „Speck". Die „Weed", Pferdeschwemme und Löschwasserreserve seit 1763, wurde durch eine Anlage ersetzt in die das „Speckebrünnchen" eingegliedert wurde, das mitten vordem Anwesen Ophoven/Beckers stand

Errichtung eines Pavillons mit 2 Schulsälen, sowie einer Pausenhalle im Hof der Traisaer Grundschule.

1966 Die Gemeinde tritt dem Schulverband „Mittelpunktschule Nieder-Ramstadt“ bei, der bis 1970 Träger der Pfaffenbergschule bleibt, die dann vom Landkreis Darmstadt übernommen wird.

1966 Der neue Sportplatz mit Sportheim wird eingeweiht. Die Mitglieder der sporttreibenden Vereine, die Turngemeinde 1879 und der Sportverein 1911, haben tausende freiwillige Arbeitsstunden geleistet und damit erheblich zur Kostensenkung für das Projekt beigetragen.

- Die Gemeinde feiert die 650. Wiederkehr ihrer ersten urkundlichen Nennung.

1967 Die Gruppenkläranlage im Mühltal nimmt ihren Betrieb auf.

1968 Die Kirchengemeinde baut einen Kindergarten und Räume für die Schwesternstation.

1970 Die „Panorama-Hütte" am Schwarzen Stock wird errichtet.

1971 Erste Gespräche über eine Gebietsreform der Gemeinden.

- Bürgerinitiative zur Verhinderung einer Nordtrasse der geplanten Umgehung im Zuge der B 449.

- Beginn der Arbeiten am Vogelteich. Selbsthilfeeinsatz der Mitglieder des Vogelschutzbundes.

- Das Teilstück der ehemaligen Kreisstraße Nieder-Ramstädter Straße - Röderstraße -Ludwigstraße - Darmstädter Straße - Waldstraße bis zum Kinderheim - wird auf Kosten des Kreises ausgebaut. Dabei werden die Ebereschen am Wiesenrand der Nieder-Ramstädter Straße entfernt.

- Schwimmbadmodernisierung begonnen, 1974 abgeschlossen.

1972 Spielplatz zwischen Ludwigstraße und Schwimmbad angelegt.

1973 Grünanlage am Ohlebach geschaffen, Grillplatz am „Schwarzen Stock", Reitplatz am Fürthweg.

1974 Drei Tennisplätze unter Mitwirkung des Tennis-Clubs im Anschluß an den Sportplatz entstehen.

Hessisches Gesetz über die Gebietsreform erlassen: Traisa bildet ab 1. Januar 1977 zusammen mit Nieder-Ramstadt, Nieder-Beerbach, Frankenhausen und Waschenbach eine neue Gemeinde Mühltal.

1976 Kleintierzuchtanlage an der Eisernhand-Straße durch Kleintierzuchtverein angelegt.

- Der Golf-Club Darmstadt pachtet Dippelshofgelände und legt einen Golfplatz an.

Das Ende der kommunalen Eigenverantwortung

Am 31. Dezember 1976 war es soweit. Traisa wurde mit den anderen Gemeinden zur neuen Gemeinde Mühltal zusammengeschlossen. Die Traisaer waren und sind stolz auf ihre Gemeinde, ihre Einrichtungen, auf das gemeindliche Zusammenleben. Traisa war Dank einer Reihe tatkräftiger und weitblickender Männer in den verantwortlichen Gemeindegremien und Bürgern mit Gemeinsinn im Laufe von rund 100 Jahren eine moderne Gemeinde mit vorbildlichen Gemeinschaftseinrichtungen und einem guten Wohnwert geworden.

Der Zusammenhalt der Menschen in Traisa, der Einheimischen wie auch vieler Neubürger, hat durch den Verlust der kommunalen Eigenverantwortung nicht nachgelassen; der traditionelle Gemeinschaftsgeist der Traisaer wird auch dann bestehen bleiben, wenn die Wunden des ungerecht empfundenen Gesetzes in der „Erlebnisgeneration“ vernarbt sein werden.