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Geschichte > Trautheim > Persönlichkeiten

Stand: 19.02.2013

 

 

 


 

Prof. Dr. Martin Wagenschein

Autor:
Helmut Rückert






Dr. Martin Wagenschein
1896 – 1988
mit Ehefrau Wera

 

Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Trautheims war der 1988 verstorbene Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Wagenschein. Der promovierte Physiker war als Pädagoge und Didaktiker wegbereitend in der Entwicklung neuer Unterrichtsinhalte und Lehrmethoden im naturwissenschaftlichen Bereich. Er leistete bedeutende und grundlegende Beiträge zur Theorie des Lehrens und Lernens, war ein Praktiker, dessen Schüler und Studenten von seiner Persönlichkeit und seinem Unterricht gefangen und geprägt wurden, und er gab darüber hinaus ein Beispiel "für eine praktische, an den Bedürfnissen der Schule orientierte und hinderliche Fachgrenzen überwindende Pädagogik, die Modelle für neue Lösungen enthält und auf welche eine künftige schulpädagogische und fachdidaktische Forschung mit Gewinn zurückgreifen kann". So Walter Köhnlein in seiner Nürnberg-Erlanger Dissertation 1973. Oder wie es einer meiner Freunde, ein Schüler Wagenscheins an der Aufbauschule, einmal sagte: "Wenn er etwas erklärte, verstanden es alle sofort". Wohl das schönste Kompliment für einen Pädagogen!

Martin Wagenschein wurde 1896 in Gießen geboren, Dort studierte er nach dem Besuch des Realgymnasiums Physik und Mathematik. Beides Disziplinen, die ihm als vorurteilsfreie und objektive Fundamente allen Wissens erschienen. Später hat sich ihm die Auflösung dieses Irrtums als die "notwendige Aufgabe allen physikalischen Schulunterrichts enthüllt", kundgetan mit der Folgerung, daß "wir nicht Physiker Vorschulen, sondern Menschen zu bilden (haben)...so daß auch einige Physiker werden können". Nach dem Staatsexamen und der Promotion zum Dr. phil. in Physik 1921 war er ein Jahr lang Assistent an der Universität in Gießen und trat dann in den staatlichen Schuldienst ein. Dort lernte er Unterrichtsmetho­den kennen, die mit seinen persönlichen Vorstellungen nicht übereinstimmten. Er spricht später von "vorbeugenden Dompteuranweisungen wie Beherrschung der Klasse mit einem Blick, nie ihr den Rücken zukehren, fester Standort, nicht umhergehen, in den ersten Wochen niemals lächeln!" Dazu kamen die verständnislosen Gängeleien durch Vorgesetzte und Kollegen und der in Routine erstarrte Unterrichtsbetrieb.

So nahm er das Angebot des bekannten Reformers Paul Geheeb dankbar an, als Lehrer an seine Freie Schulgemeinde Odenwaldschule in Oberhambach bei Hep-penheim zu gehen. Die neun Jahre in dieser "pädagogischen Provinz am Waldrand" waren für den jungen Leh­rer von prägendem Einfluß für sein ganzes Leben. Die Zeit war für ihn "so bedeutsam hell wie die Antike für die westliche Welt" wie er einmal schreibt. Hier hat er Pädagogik als Lebensraum und die Freiheit des Lehrens erfahren, Austausch, nicht Belehrung als unverrückbare Basis des Unterrichts, eine Pädagogik, die ernst macht mit dem übergeordneten Lehrziel zum "mündigen Bürger". Wagenschein stand in der Odenwaldschule, wie er bemerkte, "nicht vor einer Klasse von Schülern, ich sah mich von Kindern umgeben, die ja etwas anderes sind als Schüler. Wenn sie Kind bleiben dürfen, dann wollen sie lernen". Kinder wurden ermutigt, ihre Sicht der Dinge angstfrei zu äußern. Wagenschein wurde zum Verfechter eines freien Lernens, "keine Jahrgangsklassen, kein Sitzenbleiben, statt dessen Fachgruppen, Epochenunterricht, Koedukation, radikale Verdichtung des Stoffes auf Themenkreise, keine Noten, wohl aber Urteile".

In dieser Zeit entwickelte Wagenschein eine eigenständige pädagogische Konzeption mit Impulsen für die Reform der Unterrichtsorganisation und Gedanken über die erzieherische Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Er plädierte dafür, an exemplarischen Beispielen, wo möglich am Kontext der Entstehungsgeschichte des Problems, in die Tiefe zu gehen und damit einerseits das Typische eines Faches sichtbar zu machen und andererseits die Fachgrenzen zu überschreiten. Der so "Gebildete" übernimmt Verantwortung für sein Lernen und behält den Stil des forschenden und entdek-kenden Lernens bei. Um das Prinzip des "Exemplarischen" kreiste seine gesamte pädagogische Arbeit.

1934 mußte Geheeb emigrieren, und Wagenschein trat, wieder als Lehrer für Physik und Mathematik, in Darmstadt in den Schuldienst ein. 1938 erwarb er ein Grundstück in Trautheim, In der Rode 21, und bezog dort ein Jahr später sein kleines Haus, in dem er bis zu seinem Tod lebte. Nach 1945 unterrichtete er an der Aufbauschule in Traisa. Diese Zeit bezeichnete er als seine zweite pädagogisch schöne Zeit. Die Kinder kamen fast alle vom Land oder aus dem Osten, dazu etwa 50 ehemalige Kriegsteilnehmer, die hier ihr Abitur nachholen wollten. Alle waren begierig auf Wissen und Bildung. Trotz der widrigen Umstände - alle Säle waren ständig überfüllt, (Wagen­schein bezeichnet dies als den "Glanz der Improvisation") - entwickelte sich ein Unterricht nach seiner Art. "Freie Gespräche mit Fragen, wie sie weder früher noch später kamen". Einige Zeit danach gehörte er zum Gründerkreis des "Schuldorfes Bergstraße", an dem er erfahren konnte, was es heißt, "im Rahmen der Natur zu lehren".

Seit etwa 1950 verlegte Wagenschein seine Tätigkeit immer mehr auf Einrichtungen, wo er mehr für die Reform des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts tun konnte als im beengten Rahmen von einzelnen Schulen. Er machte aber keine pädagogische Kompromisse, übernahm nie eine Leitungsfunktion in der Schulverwaltung oder im Universitätsbetrieb. Er beteiligte sich an praktischen staatlichen Schulversuchen und an Bildungsplänen besonders zur Auflockerung der Oberstufe. 1951 nahm er an der Konferenz "Universität und Schule" in Tübingen teil, an der sich namhafte Wissenschaftler und Schulpraktiker mit Problemen einer Umgestaltung der Bildungseinrichtungen und Lehrmethoden beschäftigten. Wagenschein, der an der wichtigen "Tübinger Resolution" mitarbeitete, brachte seine Theorie des "Exemplarischen Lernens" ein, wo sich Widerstand formierte gegen eine flüchtig angesammelte Vielwisserei und die Häufung von Prüfungsfächern im Abitur. Bei der Gruppe der gymnasialen Physiker stieß er teilweise auf Ablehnung, aber er hatte auch viele Befürworter. Dies war die Geburtsstunde des "exemplarischen Prinzips" in der modernen Pädagogik, das mit dem Namen Wagenschein aufs engste verbunden ist.

Es folgten Lehraufträge an der Universität Frankfurt und der TH Darmstadt. Von 1956 bis 1978 lehrte er als Honorarprofessor an der Universität Tübingen. Er war im Landesschulbeirat Hessen tätig und Mitglied im Ausschuß Höhere Schulen des Deutschen Ausschusses für Erziehungs- und Bildungswesen. Die Reihe seiner Ehrungen ist lang, sie alle aufzuzählen, würde diesen Rahmen sprengen. Zwei seien hier erwähnt. 1978 verlieh ihm die TH Darmstadt die Würde eines Doktors ehrenhalber für seine Verdienste um die Verbesserung des Unterrichts für die Gesamtheit der Schulen. In der Laudatio heißt es u.a.:"... die Ideen dieses Mannes voll hilfsbereiter Güte und Weisheit sind zum Grundbestand der Ausbildung künftiger Lehrer geworden". Diese Auszeichnung hat ihn besonders "überrascht und beglückt", sah er sich doch als "Outsider". "Eben deshalb", sagten diejenigen, die ihn ehrten. 1986 bekam er den Ehrenpreis für Didaktik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, dem erlauchtesten Gremium deutscher Physiker.

Wagenschein hat nicht nur eine Generation von Naturwissenschaftlern didaktisch geprägt, sein Einfluß dehnte sich auch auf Lehrer anderer Fachrichtungen aus. Viele seiner Ideen wurden zwar anerkannt, werden aber nicht praktiziert, da sie einerseits stark von seiner Persönlichkeit geprägt waren, andererseits unsere Gesellschaft die Schulen immer noch vorrangig als Institutionen zur Auslese junger Menschen für gesellschaftliche Positionen sieht. Deshalb nannte der international führende Mathematiker Hans Freudenthal 1978 Wagenschein: "Das pädagogische Gewissen des Fachwissenschaftlers".

Wagenschein war ein großer Verehrer des Ober-Ramstädter Physikers, Schriftstellers und Spötters Georg Christoph Lichtenberg; beide einte die Kritik am bloßen Kompendienwissen und der Widerstand gegen das Auseinanderdriften von Geistes- und Naturwissenschaft.

Martin Wagenschein war einfach, bescheiden und anspruchslos in seiner persönlichen Lebensführung, die den Akzent auf das Qualitative setzte, auf Menschlichkeit, auf das Staunen und Sichergreifenlassen. Er lag damit im Widerspruch zum Zeitgeist. Den Trautheimer Mitbewohnern sind die Wagenscheins als naturliebende Wan­derer in Erinnerung: Zwei hochgewachsene Gestalten, bis ins Alter aufrecht schreitend, den kleinen Rucksack auf dem Rücken, freundlich dem Gruß dankend.