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Geschichte > Trautheim > Persönlichkeiten

Stand: 19.02.2013

 

 

 


 

Rudolph Vollrath

Autor:
Helmut Rückert


Im Jahr 1890 erwarb der Darmstädter Kaufmann Ru­dolph Vollrath ein etwa 10000 qm großes Areal, das sich von der heutigen Gaststätte Trautheim bis zur Rode an der Eisenbahn erstreckte. Mit Vollrath tauchte ein Mann auf, der sowohl mit seinen Aktivitäten dem keimenden Wohngebiet Impulse gab, als auch die Reihe der Indivi­dualisten und eigensinnigen Sonderlinge anführte, die in der Trautheimer Geschichte nicht selten sind und das "Image" Trautheims über lange Zeit prägten. Wer war dieser Vollrath?

Vollrath wurde 1854 in Apolda geboren, muß dann später nach Hamburg gezogen sein. Man erzählte sich, daß er von dort wegen der Cholera-Epidemie nach Hessen umsiedelte. Der strenge Vegetarier war ein echter Sonderling, der mit langen Haaren und Sandalen an den Füßen so gar nicht in das Bild der Zeit paßte. Er war strenggläubig, aber ein ausgemachter Antisemit, der Juden das Betreten seiner Gaststätte untersagte. Für die biederen Nieder-Ramstädter Bürger war es schockierend, daß Vollrath mit seiner großen Familie (er hatte 8 Kinder) auf seinem neuen Grundstück Freikörperkultur pflegte! Besonders die Schwestern im "Elim" waren empört, obwohl der hohe Bretterzaun jeden Einblick versperrte. Was sollte man von einem Mann halten, dessen Kinder Namen hatten wie Fürchtegott Veit, Treuherz, Wela und Ehregott Trautheim?

"Trautheim"? Richtig; nach seinem Zweitältesten Sohn nannte Vollrath sein 1895 errichtetes "Vegetarisches Speisehaus mit Gästezimmer", dessen Name später auf unser ganzes Wohngebiet übertragen wurde.

Vollrath erbaute 1891 nach Plänen des Architekten Konrad Drott ein Wohnhaus mit Remise, das er "Villa Irene" nannte; es ist das heutige Haus Flöth, Odenwaldstr. 73. Er suchte um die Konzession zum Betrieb einer Wirtschaft nach, die ihm auch 1894 erteilt wurde. Vollrath sorgte auch weiterhin für Diskussionen im Gemeinderat. Als am 7.10.1892 seine kleine Tochter im Alter von 10 Monaten an Blutarmut starb, stellte er den Antrag, sie nicht auf dem Friedhof, sondern auf seinem Grundstück zu beerdigen: "Dasselbe ist 10000 qm groß, ringsum eingefriedigt und gegenüber der Emmelinenhütte mitten im freien Felde gelegen". Er bekam seine Genehmigung, wenn auch unter Auflagen. 1895 erbaute Vollrath in der Nähe der "Villa Irene" die "Villa Trautheim", das heutige Wahrzeichen und Symbol unseres Ortsteils, das als vegetarisches Speisehaus mit Gästezimmern der Erholung und dem Fremdenverkehr dienen sollte. Auch hier bekam er die Konzession für eine Gastwirtschaft. Übrigens gab es damals schon Anlieger, die sich durch die Nähe von "Schankwirtschaften" in ihrer Ruhe gestört fühlten und, allerdings erfolglos, gegen die Erteilung der Konzession Einspruch erhoben. Die erste "Trautheimer Bürgerinitiative"!

Er schien es in seiner neuen Gaststätte nicht so genau mit der Sicherheit genommen zu haben, denn schon im Dezember 1895 erhielt er einen Strafbefehl, weil er Petroleum nicht ordnungsgemäß gelagert hatte. Als 1898 die "Neue Chaussee" ("Die Kreisstraße von der Staatsstraße Ober-Ramstadt - Eberstadt an der Schachenmühle nach der Emmelinenhütte") gebaut wurde, bedeutete das für Vollrath eine starke Beeinträchtigung, Er mußte Teile seines Geländes abgeben, auch wurde seine Gartenanlage in Mitleidenschaft gezogen. Erst nach langwierigen Verhandlungen und dem Versuch der Gemeinde, sich durch Ingangsetzung eines Enteignungsverfahrens ihren rechtlichen Verpflichtungen zu entziehen, erhielt Vollrath nach einem erfolgreichen Prozeß eine angemessene Entschädigung. Nach all diesen Querelen hielt es Vollrath nicht mehr lange in Trautheim. Auch war er wohl nicht der ideale Gastwirt, verschroben wie er einmal war. 1901 verkaufte er die "Villa Trautheim" und 4 Jahre später auch die "Villa Irene" und betrieb dann anderswo eine Gesperreschmiede und Schlosserei. 1907 wanderte der unruhige Geist mit seiner ganzen Familie nach Blumenau/Brasilien aus, wo er sich in der deutschen Kolonie "Hansa Humboldt" ansiedelte. Dort verstarb Rudolph Vollrath 1913 im Alter von 59 Jahren. Übrigens hat sich die Eigenart mit den seltsamen Vornamen in der Familie gehalten. Der älteste Sohn Vollraths nannte seine Kinder Arnfried Bertram Gelmar, Benno Egbert Rudolf, Ilsa Walburga Arnfrieda, Ortrud Siglind Gerlind und Harold Ortwin Teutomar.

Vollraths Gaststätte ging an den Darmstädter Gastwirt Adolf Krämer, der damals das "Café Oper" betrieb. 1903 taucht dann der Name "Kurhaus Trautheim" auf, der darauf hindeutete, daß man sich bemühte, Kurgäste und Erholungsuchende an diesen Ort zu locken. In einer Zeitungsannonce von 1903 heißt es: "Luftkurort (!) Trautheim i.O. bei Darmstadt..... eine Sehenswürdigkeit Darmstadts. Restaurant neu renoviert (!) Schönste Parkanlage mit großartigem Fernblick auf die Odenwaldberge. Pension von 4 Mk. an. Place of recreation and rest for English and American tourists. Employees speak English." Ob das der amerikanische Offizier wußte, als er 1945 das "Trautheim" beschlagnahmte? Jedenfalls war man schon 1903 "international".

Die Besitzer und Pächter wechselten bis in die Zwanzigerjahre in schneller Folge. 1914 hatte das Kurhaus neben einem großen und zwei kleinen Sälen eine große offene Terrasse und dreizehn Fremdenzimmer, eine gedeckte Liegehalle von 220 qm und eine schöne Parkanlage mit zwei Teichen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg spielte das Kurhaus Trautheim bei den Darmstädtern als Ausflugsziel eine bedeutende Rolle. Als nach 1921 Frau Anna Runge die Gaststätte übernahm, wurde das Angebot erweitert, eine Kuchenbackstube und Schlachterei eingerichtet und wöchentliche Tanzveranstaltungen durchgeführt. Das zog besonders die Studenten der Hochschule an. 1935 übernahm die Familie Andreas Gerhardt die renommierte Gaststätte, die dann bis in unsere Zeit im Familienbesitz blieb.