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Geschichte > Trautheim > Persönlichkeiten

Stand: 19.02.2013

 

 

 


 

Dr. Georg Politsch

Georg Politsch, geboren 1895 in Usenborn (Oberhessen/Wetterau), gestorben 1968 in Trautheim. gehört zu den „Pionieren“ der „Wildnis“, jenes westlichen Gemarkungsteiles Nieder-Ramstadts, das durch seine Schönheit der Landschaft und und der intakten Natur zwischen Wiesenauen und Hochwäldern besticht. Künstler und Gelehrte, sozial gesinnte und fortschrittlich denkende Menschen hat diese Wohnlage vor allem nach der 1900er Jahrhundertwende angelockt, die seinerzeit keineswegs nach dem heutigen Begriff als „bevorzugt“ anzusehen war.

Bald nach dem Ersten Weltkrieg lernte Politsch Johannes Aff, den „Entdecker“ der Wildnis, kennen, durch den er hier heimisch wurde und 1921 zusammen mit seiner Frau Elisabeth das eigene Haus beziehen konnte. Politsch lernte neben Johannes Aff Nachbarn kennen, mit denen ihn schließlich enge Freundschaften verbanden, vornehmlich den bekannten Kirchenmaler Hermann Velte und den renommierten Baumeister Walter von der Leyen. Gemeinsam schufen sie mit weiteren Gesinnungsfreunden 1919 die Baugenossenschaft „Wildnis“, die bodenreformerische Ideen Adolf Damaschkes zu verwirklichen suchte.

Von der Leyen schuf Politschs zweigeschossiges Wohnhaus im Landhausstil. Über der breitgelagerten Fachwerkkonstruktion dominiert ein großes Walmdach mit breiten Fledermausgauben. Als bedeutender Bestandteil der Bauten von der Leyens ist es als künstlerisches Kulturdenkmal einzustufen, heißt es dazu in der Denkmaltopografie des Landkreises.

Schon zum Beginn seiner Ausbildung am Lehrerseminar in Friedberg ab 1914 entwickelte er die reformerischen Gedanken, die Grundlagen für sein verdienstvolles späteres Lebenswerk bildeten, nämlich sein Wirken für eine fortschrittlicher Pädagogik, vor allem auf dem Gebiete der „Hilfs- und Sonderschule“, und Erwachsenenbildung. 1922 wurde er als Lehrer an das Kinderheim Waldeck bei Traisa versetzt. Parallel dazu studierte er an der Universität Frankfurt Psychologie, Pädagogik, Geschichte und Philosophie, ging 1927 nach Gießen und wurde 1929 von der Philosophischen Fakultät an der Hessischen Ludwigsuniversität promoviert mit seiner Dissertation über Friedrich Heinrich Christian Schwarz, den Begründer der pädagogischen Geschichtsschreibung („Ein Beitrag zur Historiographie der Pädagogik im Zeitalter der Romantik“).

Wegen des regionalen Bezuges wird hier ein Absatz aus Politschs Lebenserinnerungen wörtlich wiedergegeben:

„In Waldeck wurde für den Unterricht ein Zimmer im Dachstock von etwa 14 qm Größe zur Verfügung gestellt. Die Kinder saßen rundum eng gedrängt an den Wänden, ich hatte kaum Platz zum Stehen. Kein Schulmeister des 18. und 19. Jahrhunderts kann unter ärmlicheren Umständen gearbeitet haben. Die Umsiedlung in das neuerbaute kleine Schulhaus, dem ich einen Vorbau als Werkraum geben ließ, brachte die ersehnte Besserung. 16 Jahre habe ich hier als Lehrer einer einklassigen Schule seelisch gefährdete, geistig vernachlässigte oder schwach begabte Kinder unterrichtet. Die Kinder blieben etwa ¼ Jahr im Heim. Zusammen mit den Schwestern, die durchweg gern auf pädagogische Einsichten reagierten und die Kinder im Heim betreuten, lernten wir, Kinder planmäßig zu beobachten. Die täglichen Beobachtungen wurden abends notiert, Schulleistungen und Fortschritte im Verhalten wurden beobachtet und beurteilt. In den meisten Fällen waren die Kinder schon nach wenigen Wochen nicht mehr wiederzuerkennen. Ich lernte, dass Fürsorgezöglinge mit dreiviertellangen Hosen auch seelisch uniformiert blieben, wir kleideten die Kinder daher individuell. Alles, was sie als Anstaltskinder abstempelte, wurde verpönt, wir gaben ihnen, soweit es verantwortlich schien, die Freiheit, allein oder zu zweien auszugehen, sie durften soweit möglich ihre Eltern besuchen. Körperstrafe war ausgeschlossen.“

Die Teilnahme an beiden Weltkriegen hatte Politschs Gesundheit stark angegriffen, und nach mehreren Herzinfarkten wurde er 1955 als „Hilfsschulrektor“ pensioniert. Zu den Jahren bis 1955 schrieb er folgendes:

Die Jahre 1948 bis 55 waren zermürbend, aber trotz Erkrankung auch die fruchtbarsten meines Lebens. Ich habe in dieser Zeit nach kurzer Verwendung als Dozent am Seminar für soziale Berufsarbeit und im Verwaltungsseminar die Hilfsschule in Darmstadt wieder aufgebaut, habe der Erziehungsberatungsstelle die letzte Form gegeben und als dauernde Institution begründen helfen, war Dozent für Entwicklungspsychologie bei der Ausbildung von Hilfsschullehrern und mehrere Jahre bis zu meiner Pensionierung Inhaber eines Lehrauftrags für Hilfsschulpädagogik im Päd. Institut in Jugenheim. Unzählige Vorträge über das gefährdete Kind habe ich vor Organisationen aller Art gehalten, eine Reihe von Artikeln erschienen in Zeitschriften und Tageszeitungen. Dies alles neben meiner täglichen Arbeit als Leiter einer 16-klassigen Hilfsschule und als Leiter der Erziehungsberatungsstelle.

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Anton Wittersheim





Dr. Georg Politsch (†)





Das denkmalgeschützte Wohnhaus
Dr. Georg Politsch
von Walter von der Leyen