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Geschichte > Trautheim > Persönlichkeiten

Stand: 19.02.2013

 

 

 


 

Johannes Aff, der "Vater Trautheims"

 

Autor
Helmut Rückert





Johannes Aff
1879 – 1969

Mit dem Ersten Weltkrieg endete die erste Phase der Geschichte Trautheims. Sie war geprägt von drei Fakten: Die Besiedlung erfolgte mit wenigen Ausnahmen im nördlichen Teil um das "Trautheim" herum. Es waren kommerzielle (Leißler, Vollrath, Böning) oder ganz individuelle Interessen (Bopp, Hill), und es waren überwiegend wohlhabende Bauherren.

Nach 1918 änderte sich das grundlegend. Nun verlagerte sich die Besiedlung in die südlich gelegene Flur der unteren Alten Darmstädter Straße. Es stand der Gedanke der "Siedlung" im Vordergrund, also einer aus vielen Bauherren bestehenden Einheit, und man hatte mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Wie kam es zu dieser Entwicklung, die wesentlich von der Baugenossenschaft "Wildnis" und ihrem Gründungsmitglied Johannes Aff geprägt wurde? Sehen wir uns zuerst einmal den "Vater Trautheims", wie er später genannte wurde, an.

Johannes Aff, 1879 als Jüngster von 10 Geschwistern in der Nähe von Gießen in Oberhessen als Sohn eines Landwirtes geboren, trat nach Beendigung der Schule nicht in die Fußstapfen seiner Vorfahren, sondern wurde Finanzbeamter. Nach seiner Ausbildung bei der Sparkasse zu Grünberg bildete er sich beruflich weiter und wurde 1901 an das Hessische Finanzministerium Darmstadt berufen, wo er bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung 1937, zuletzt als Oberrechnungsrat am Rechnungshof, beschäftigt war. Seine Ablehnung des NS-Regimes, die er mit vielen seiner Freunde teilte, war der Grund für seinen Abschied . Johannes Aff war ein naturbegeisterter junger Mann, der auf Wanderungen seine neue Heimat in der Umgebung von Darmstadt durchstreifte. Über den Naturheilverein kam er zur Wandervogelbewegung. Diese bedeutende Reformbewegung war für Teile der Jugend eine Heimstatt in ihrem Bemühen, sich aus starren Konventionen und überholten Traditionen zu lösen. Selbstbestimmung war die Losung, neue Lebensformen der Ausdruck. Johannes Aff nahm an dem historischen Treffen der "Freideutschen Jugend" 1913 auf dem Hohen Meißner teil, wo als gemeinsames Bekenntnis die Formulierung entstand: "Wir wollen aus eigner Bestimmung, vor eigner Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit unser Leben gestalten". Wie für viele Teilnehmer war auch für Johannes Aff diese Zusammenkunft und die Botschaft für sein ganzes Leben prägend, und sie bestimmte sein Denken und Handeln auch für Trautheim bis in seine letzten Jahre.

1914 erwarb Johannes Aff ein großes Grundstück neben dem alten Sportplatz westlich der Alten Dieburger Straße. Es umfaßte das heutige Viereck Alte Dieburger Straße, In der Wildnis, Lindenberg- und Prinzenbergweg bis zu den Doppelhäusern auf dem ehemaligen Sportplatz. Dieses Gelände war mit niederen Kiefern und Gestrüpp bestanden, zum Teil versumpft und mit Schilf durchsetzt und gänzlich verwildert. Die Nieder-Ramstädter betrachteten es als Müllkippe. Noch während des Ersten Weltkriegs - Aff nahm als Sanitäter in Rumänien daran teil - rodete er mit Hilfe französischer Kriegsgefangener einen Teil des Geländes und ebnete es ein. Die Gefangenen wurden im Hause von der Leyen verköstigt; die lebenslange Freundschaft Affs und von der Leyens rührte aus dieser Zeit.

Als Johannes Aff am 27. April 1919 die Baugenossenschaft "Wildnis" gründete, wählte man mit Bedacht diesen Namen. Denn es war ja eine Wildnis, in der man etwas ganz Neues schaffen wollte; auf einem Platz, den auch die vielen Wandervogelfreunde "die Wildnis" nannten.

Über die Baugenossenschaft "Wildnis" wird an anderer Stelle berichtet. Begleiten wir Johannes Aff weiter auf seinem Lebensweg. 1924 erbaute er sein schlichtes Fachwerkhaus als Heim für sich und seine Familie, wie es seinen Vorstellungen entsprach. Es wurde bald zum "Haus der offenen Tür", denn die vielen Wanderfreunde gingen ständig ein und aus. Für seine Frau Hilde war das sicher nicht immer einfach. Das "Wildnishaus" war Synonym für Gastlichkeit, Seelenverwandschaft und Wandervogelromantik. Jahrzehntelang feierte man "Erntefest in der Wildnis" im Kreis der Freunde mit Gesang, Tanz und fröhlicher Bewirtung. Ansonsten lebte man bescheiden und zurückgezogen. Einfachheit und Natürlichkeit waren die Leitlinien. Johannes und Hilde aff bewirtschafteten ihr großes Anwesen, betrieben biologischen Gartenbau, hielten Schafe und Ziegen, Hühner, Gänse und Bienen. Heute würde man sie als "Alternative" bezeichnen, ihre Lebensweise war so ganz anders als die der ersten Bewohner Trautheims.

Das kam nicht überall gut an. Bei vielen Leuten galten die "Wildnisleute" als Spinner und Außenseiter. Für die Nieder-Ramstädter war Johannes Aff der Prototyp des Trautheimers: von auswärts, stadtorientiert, (man ging z.B. nach Darmstadt in die Pauluskirche), neuen reformerischen Ideen aufgeschlossen und auch vom Äußeren her so ganz anders. Wenn er ins Dorf ging, den Rucksack auf dem Rücken und Gesundheitssandalen an den Füßen, mit vollem Bart und forsch ausschreitend, sahen die Leute hinter ihm her. Der "Aff aus der Wildnis" war bekannt wie der berühmte bunte Hund, und es dauerte seine Zeit, bis man seine Fähigkeiten und sein Engagement für Trautheim anerkannte und ihm später die verdiente Achtung zollte. Johannes Aff und Trautheim wurden zu einem untrennbaren Begriff. Erst mit den von ihm initiierten Ideen und Vorstellungen nahm Trautheim wirklich Gestalt an.

Neben seiner Tätigkeit in der Baugenossenschaft engagierte sich Johannes Aff auch weiterhin stark in der Wandervogelbewegung bzw. deren historischer Aufarbeitung. Er war an der Gründung der Jugendburg Ludwigstein bei Witzenhausen, dem Zentralarchiv der Deutschen Jugendbewegung und Symbol dieser Zeit, maßgeblich beteiligt, zuletzt als Ehrenvorsitzender. Auch arbeitete er im Jugendherbergsverband mit, wobei ihm besonders die Jugendherberge Otzberg am Herzen lag. Als sich dann das Jugendherbergswerk dem veränderten Freizeitverhalten anpaßte, zog sich Johannes Aff grollend zurück. Nach dem Kriege war er Mitbegründer des "Vereins zur Betreuung von gefährdeten und straffälligen Jugendli­chen in Hessen", wofür ihm 1952, "stellvertretend für viele andere" wie er meinte, das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Für seine Verdienste um Trautheim erhielt er 1968 die Ehrenplakette der Gemeinde Nieder-Ramstadt.

Wie alle starken Persönlichkeiten war Johannes Aff nicht einfach zu nehmen. Seine idealistische Grundein­stellung stand oft im Gegensatz zu einer gewissen Exzentrik. Duldsamkeit und Einfühlungsvermögen erwartete er von anderen, ihm selbst fiel Anpassung an andere Vorstellungen nicht immer leicht. Er hatte die Gabe, seine Mitmenschen zu bewegen, wußte aber auch seine Interessen durchzusetzen. Ich kannte ihn gut, er war mein Großonkel. Fast 90jährig ist er 1969 in seinem Wildnishaus verstorben.