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Geschichte > Trautheim

Stand: 05.02.2013 

 

 

 



 

Kur und Erholung, Künstlersiedlung, Villenkolonie


Trautheim ist nach der Einwohnerzahl die drittgrößte Ortschaft im Mühltal. Die Siedlung ist entstanden auf dem Gemeindegebiet Nieder-Ramstadts und war folglich Teil Nieder-Ramstadts, bis die Gemeinde Nieder-Ramstadt in der neuen Gemeinde Mühltal aufging. Nieder-Ramstadt, Trautheim und der schon 1390 nachgewiesene Weiler Mordach sind somit heute drei Gemeindeteile Mühltals auf der Gemarkung Nieder-Ramstadt.

Ab 1871 entstanden die ersten Häuser nahe dem Forsthaus Emmelinenhütte. 1871 erbaute der Darmstädter Bankier Karl Heinrich Bopp ein Landhaus, 1891 folgte das heutige Floethsche Haus und 1895 die „Villa Trautheim", beide erbaut von Rudolf Vollrath. Dieser war aus Mitteldeutschland hierher übersiedelt und hatte sein zweites Haus nach seinem Sohn „Trautheim" benannt. Ein Novum war der Name indes nicht, denn im Schweizer Engelberg bestand schon ein großes Hotel dieses Namens.

Der Sohn Bopps
war ein enger Freund des letzten Großherzogs und Gründer des Schwimmklubs "Jung-Deutschland" in Darmstadt, des heutigen DSW. Er stellte vor dem Ersten Weltkrieg den Weißen Dragonern ein Grundstück östlich der heutigen Alten Darmstadt Straße, also schräg gegenüber seinem Vaterhaus, als Übungsgelände zur Verfügung. Diese "Funkerwiese" wurde bis 1918 vom Militär genutzt, später war sie Fußballplatz.

Am 1. Juni 1894 erhielt er die Genehmigung zum Betrieb einer Gastwirtschaft. Sie wurde seit 1903 als „Kurhaus Trautheim im Odenwald" bezeichnet, seit 1906 gab sie der entstehenden Siedlung den Namen. Veranlaßt durch die idyllische landschaftliche Lage, bequeme Spazierwege und das gute Klima entstanden weitere Villen auch in der Gewann „Auf der Steinkaute" nahe der Gemarkungsgrenze zu Traisa, 1893 die heutige Villa Tachtler - lange Zeit eine angesehene Naturheilanstalt - und 1894 die Kaffeewirtschaft von August Böning, Vorläuferin des weithin bekannten Hotels und Cafés „Waldesruh".

Weitere wichtige Impulse bekam die Bebauung mit baukünstlerisch wertvollen Wohngebäuden durch die Gartenstadtbewegung um die Jahrhundertwende 1900. Der Verein Gartenstadt Nieder-Ramstadt/Traisa scheiterte zwar im Ersten Weltkrieg, schuf aber bis dahin bemerkenswerte architektonische und künstlerische Werke am Rande von Traisa, auf dem Lohberg in Nieder-Ramstadt und in der Landschaft, die heute Trautheim geworden ist.

Trautheim, ein fruchtbarer Boden für kluge Geister

Das Trautheim der Dreißigerjahre war ein gutbürgerliches Wohngebiet, eine "Villenkolonie", so die offizielle postalische Bezeichnung. Aber Trautheim war keine "Künstlerkolonie", wie es manchmal hieß. Dazu waren die Künstler in der Minderzahl und die Motive zu unterschiedlich, die die Menschen bewogen, in Trautheim ihren Wohnsitz zu nehmen. Aber man hatte Freunde, Kollegen. Es sprach sich herum, daß „der Kleukens in Trautheim wohnt“ oder Hermann Velte ein schönes Atelier direkt am Wald hatte.

Man kann verstehen, daß sich Freundschaften bildeten mit Nachbarn, Menschen aus aus anderen Berufen, Beamte, Kaufleute, Pädagogen, Juristen, daß ein Klima des Miteinanders entstand, ein Lebensraum für geistigen und künstlerischen Austausch.

Vor allem zog es immer wieder Künstler nach Trautheim.

J. H. Müller
(mit Genehmigung aus einem Beitrag für den Regionalen Informationsdienst Odenwald am23.4.1997):

Eine Villensiedlung in unberührter Landschaft

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in unberührter Landschaft aus einem Naherholungsgebiet die Kolonie Trautheim. Sie entwickelte sich parallel zu den anderen "Gartenstädten" Darmstadts (Paulusviertel, Villenkolonie Eberstadt, Komponistenviertel), war jedoch ähnlich der Mathildenhöhe eine Kolonie, der Architekten, Künstler und Anhänger der Reformbewegung eine eigene Prägung gaben.

Bis 1871 nur ein Forsthaus

Bis 1871 war die Emmelinenhütte, der Vorgängerbau des heutigen Forsthauses, das einzige Gebäude in der Umgebung gewesen. Seit der Zeit der Romantik hatte sie sich zum beliebten Ausflugsziel der Darmstädter Bevölkerung entwickelt, die auf ihren ausgedehnten Spaziergängen über den Papiermüllerweg ins Modautal oder zum Lindenberg-Tempel hier Zwischenstation machte. Die schön gelegenen Felder und Wiesen am Waldrand boten sich geradezu an als Sitz von Wochenend- und Sommerhäusern. Und so baute sich als erster ein Darmstädter Bankier in direkter Nachbarschaft zum Forstwarthaus 1871 ein Landhaus.

Die Odenwaldbahn erhöht den Wohnwert

Mit dem Bau der Odenwald-Eisenbahnlinie 1870 hatte die klimatisch begünstigte Gegend zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Die Sommerhäuser wurden zu Wohnhäusern umgenutzt, eine Vielzahl von Kur und Erholungsheimen, Cafés und Gaststätten entstand. Das "vegetarische Speisehaus mit Gästezimmern der Erholung", das Rudolf Vollrath 1896 errichtete, gab der Siedlung ihren Namen. Einer seiner Söhne hieß Ehregott Trautheim, nach ihm benannte er die Gaststätte. 1911 ließ sich Christian Heinrich Kleukens, ein Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie, in Trautheim nieder. Ihm folgten viele andere Künstler und Architekten nach, sowie Persönlichkeiten, die der Jugend- und Reformbewegung nahestanden. Einer von ihnen war Johannes Aff, der maßgeblich an der Gründung der Baugenossenschaft 'Wildnis" 1919 beteiligt war und als der "Vater Trautheims" gilt.

Aus der „Wildnis“ wird eine Ortschaft

Die Baugenossenschaft wollte die "Künstlerkolonie" auch unter sozialen Gesichtspunkten weiterentwickelt wissen. Den Bau von gesundem und zweckmäßig eingerichtetem Wohnraum für sozial benachteiligte Familien, vorzugsweise Kriegsteilnehmer oder deren Angehörige, wollten sie zu billigen Preisen fördern. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren 21 Häuser entstanden, weit verstreut zu beiden Seiten der Odenwaldstraße, die erst zwischen 1896 und 1899 zur Chaussee ausgebaut worden war. Bis 1940 hatte die Siedlung im wesentlichen die heutige Ausdehnung erreicht, begrenzt von der Waldstraße und Bahnlinie im Norden und der Straße "Am Klingenteich" im Süden, eingefaßt von Wald und Wiesen im Westen und Osten. In der Nachkriegszeit wurde die Bebauung verdichtet, eine Entwicklung, die in jüngster Zeit verstärkt wieder eingesetzt hat und den ursprünglichen, weitläufigen Charakter der Kolonie Trautheim zu zerstören droht.

Ein Bilderbuch der Architektur

Beginnend am "Haus Elim" läßt sich bei einem Rundgang durch Trautheim wie in einem Bilderbuch der Architektur blättern. Die ganze Spannbreite der historisierenden Formen des Heimatstils, die Prägung durch den Darmstädter Jugendstil, die später unter funktionalen und experimentellen Gesichtspunkten entstandene Versachlichung, lassen sich am erhaltenen Baubestand ablesen.

"Haus Elim" (Alte Darmstädter Straße 9), 1889 als Erholungsheim gebaut, und die Gaststätte 'Villa Trautheim" (Am Trautheim 1) von 1896 sind als die ersten Bauten noch stark von der Gründerzeit geprägt. Weiter östlich zeugt das Jugendstil-Wohnhaus des Architekten Max Hill "Haus Eisenhut" (In der Röde 20) aus dem Jahre 1912 von dem Einfluß seines "Lehrers" Joseph Maria Olbrich. Am Ende dieser Straße liegt zurückgesetzt das Dachhaus (Odenwaldstraße 65), ebenfalls von Hill 1922 gebaut, das als Vorläufer der Fertigbauweise angesehen werden kann und nach nur drei Monaten Bauzeit bezugsfähig war.

Nicht alle dieser Baudenkmäler stehen noch

Auf dem Weg nach Süden durch die "Alte Darmstädter Straße" und die "Alte Dieburger Straße" gelangt man zu den beiden Häusern, die Prof. Franz Schuster aus Wien baute. "Die Arche" (Am Klingenteich 15) von 1933 ist wie das Dachhaus ein Versuch, die Holzbauweise durchzusetzen, um niedrigere Baukosten zu erreichen. Gegenüber liegt ein Holzhaus (Am Klingenteich 20), das Schuster als Musterhaus für Arbeitersiedlungen entworfen hat.

Auf dem Rückweg über den Papiermüllerweg durch den Wald kann man die Ruhe und Beschaulichkeit genießen, die die Begründer der Kolonie so geschätzt haben.“

Text:
Helmut Rückert

Volker Teutschländer





Ausschnitt aus einer Ansichtspostkarte
(Anfang 20. Jh.):
„Kurhaus Trautheim im Odenwald“, das der Siedlung und späteren Ortsteil den Namen gegeben hat.



Mehr zum Verein „Gartenstadt Nieder-Ramstadt/Traisa“: