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Geschichte > Trautheim

Stand: 5. Feb 2013 

 

 

 


 

Das Dachhaus

Pilotprojekt späterer Fertigbauweisen


Dachhaus, ein wandloses Gebäude, dessen Dach unmittelbar auf dem Baugrund steht. Urform des Hausbaus, übernommen in der Grundkonstruktion der »Finnhütte«,“ so ähnlich heißt es in Architekturlexika (http://www.arts4x.com/). Wikipedia beschreibt es so: „Ein Nurdachhaus ist eine vielgestaltige Architektur-Form für Häuser, denen ein Merkmal gemeinsam ist: außer den Giebelseiten existiert sichtbar oberhalb des Erdbodens nur das Dach. Es gibt also beim Nurdachhaus unter den Dachtraufen keine Seitenwände; das Dach reicht bis zum Erdboden herab.“

Am 18. Mai 1922 wurde der erste Spatenstich für das Dachhaus Ecke Odenwaldstraße / In der Röde gegraben – und nach damals wie heute sensationell anmutender Bauzeit von 6 Wochen fertiggestellt: Das als eines der interessantesten unter den als Kulturdenkmäler eingestuften Trautheimer Wohnhäusern.
Es war gedacht als Prototyp eines in kürzester Zeit aufzustellendes Gebäudes aus vorgefertigten Fertigbauteilen – in der damaligen Zeit der sich täglich überstürzenden Geldentwertung ein wichtiger Gesichtspunkt.

Ursprünglich war das Haus als Schule für eine private Waldorfschule vorgesehen, deren Gründung aber nicht zustande kam.

Die Zeit war wohl noch nicht reif für eine derartige Bauweise; es wurden keine weiteren Fertighäuser in diesem Stil gebaut.

Walther von der Leyen, Architekt seines Leyenhofes am Willgraben und anderer bedeutender Häuser in Trautheim, entwarf zusammen mit Adolf Theiß und Max Hill, Schüler von Joseph Maria Olbrich, den quadratischen Baukörper des Dachhauses. Dessen eigenwillige Form besteht aus einem flachen Pyramidendach mit steilem Mansardwalmdach, das an allen vier Seiten bis zu einem Untergeschoß aus Bruchsteinen hinabreicht. Fenster- und Eingangszonen sowie eine Loggia sind aus der Dachform herausgeschnitten.

Holzgroßhändler Hamm aus Mainz hatte das Grundstück gekauft und den Bau finanziert. Er lieferte das Holz an die Zimmerleute Gruß, die das Gebälk auf ihrem Zimmerplatz in der Gartenstraße in Nieder-Ramstadt fertig zurichteten und auf dem Bauplatz aufschlugen. Das Fundament und der Aufbau des Untergeschosses hatte Baumeister Blum aus der Kilianstraße in Nieder-Ramstadt gegossen und aufgesetzt.

Da die neuen, schon angelieferten tonroten Bieberschwanz-Ziegel nicht den ästhetischen Vorstellungen der Architekten entsprachen, suchten sie eine Möglichkeit zum Umtausch, ohne die angestrebte Kürze der Bauzeit zu verlängern. Ein Landwirt in Hahn nahm gerne die große Fuhre fabrikneuer Bieberschwanzziegel frei Haus an im Tausch gegen seine alten, ergrauten Dachziegel, die schon Jahrzehnte seine Scheune bedeckt hatten.

Dadurch erhielt das Dachhaus sein scheinbar düsteres Aussehen, das zu der Vermutung eines im Innern dunklen, lichtlosen Hauses verführte. Das Verhältnis des Lichteinfalls zur Raumgröße entsprach jedoch den damaligen Regeln der Baukunst. Dennoch hielt sich der falsche Eindruck, bis bei der Sanierung doch neue tonfarbene Dachziegel aufgebracht wurden.

Seit 1985 war das Dachhaus unbewohnt und drohte zu verfallen, bis die Denkmalbehörde und die Gemeinde Mühltal massiv eingriffen, um den Erhalt des Hauses zu erzwingen. 1998 wurde es grundlegend saniert und ist wieder bewohnt. Bis dahin war der Park um das Dachhaus weiterer Wohnbebauung geopfert worden. Dadurch fehlt zur optischen Wirkung des Baukörpers die nötige Freifläche um das Dachhaus.

Im Innern des Hauses bestehen auf drei Ebenen helle und geräumige Wohnräume mit senkrechten und wärmeisolierten Innenwänden. „Wandlos“ ist das Haus also keineswegs. Vor dem Einbau einer modernen Gasheizung wurde das Haus mittels Kachelofen beheizt.

Beim Bau von Mehrfamilienhäusern auf dem Grundstück des Dachhauses haben die Bauherren den Erdaushub k. H. rund um das Dachhaus verfüllt. Dadurch ist das untere, mit Bruchsteinen gemauerte Geschoß unter die neue Gelände-Oberkante geraten. Die Gestalt des Hauses wirkt daher inzwischen gedrungener als zuvor. Die neue Eigentümerin seit 2007 hat die östliche Front des Grundstücks auf die ursprüngliche Grundstückshöhe zurückgebaut, was die ursprüngliche Gebäudeproportionen erkennen läßt.

Das Landesdenkmalamt Hessen hatte das Dachhaus 2003 zum „Denkmal des Monats März“ ausgerufen.



 

Text:
Helmut Rückert
Volker Teutschländer

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Das Landesdenkmalamt Hessen:
Denkmal des Monats März 2003






Das Dachhaus mit Teilansicht des ehem. Parks in einer Zeichnung von Willi Potratz (aus der Sammlung von Helmut Rückert)