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Geschichte > Trautheim

Stand: 05.02.2013  

 

 

 



 

Ein Bilderbuch der Architektur


Eine Villensiedlung in unberührter Landschaft

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in unberührter Landschaft aus einem Naherholungsgebiet die Kolonie Trautheim. Sie entwickelte sich parallel zu den anderen "Gartenstädten" Darmstadts (Paulusviertel, Villenkolonie Eberstadt, Komponistenviertel), war jedoch ähnlich der Mathildenhöhe eine Kolonie, der Architekten, Künstler und Anhänger der Reformbewegung eine eigene Prägung gaben.

Bis 1871 nur ein Forsthaus

Bis 1871 war die Emmelinenhütte, der Vorgängerbau des heutigen Forsthauses, das einzige Gebäude in der Umgebung gewesen. Seit der Zeit der Romantik hatte sie sich zum beliebten Ausflugsziel der Darmstädter Bevölkerung entwickelt, die auf ihren ausgedehnten Spaziergängen über den Papiermüllerweg ins Modautal oder zum Lindenberg-Tempel hier Zwischenstation machte. Die schön gelegenen Felder und Wiesen am Waldrand boten sich geradezu an als Sitz von Wochenend- und Sommerhäusern. Und so baute sich als erster ein Darmstädter Bankier in direkter Nachbarschaft zum Forstwarthaus 1871 ein Landhaus.

Die Odenwaldbahn erhöht den Wohnwert

Mit dem Bau der Odenwald-Eisenbahnlinie 1870 hatte die klimatisch begünstigte Gegend zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Die Sommerhäuser wurden zu Wohnhäusern umgenutzt, eine Vielzahl von Kur und Erholungsheimen, Cafés und Gaststätten entstand. Das "vegetarische Speisehaus mit Gästezimmern der Erholung", das Rudolf Vollrath 1896 errichtete, gab der Siedlung ihren Namen. Einer seiner Söhne hieß Ehregott Trautheim, nach ihm benannte er die Gaststätte. 1911 ließ sich Christian Heinrich Kleukens, ein Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie, in Trautheim nieder. Ihm folgten viele andere Künstler und Architekten nach, sowie Persönlichkeiten, die der Jugend- und Reformbewegung nahestanden. Einer von ihnen war Johannes Aff, der maßgeblich an der Gründung der Baugenossenschaft 'Wildnis" 1919 beteiligt war und als der "Vater Trautheims" gilt.

Aus der „Wildnis“ wird eine Ortschaft

Die Baugenossenschaft wollte die "Künstlerkolonie" auch unter sozialen Gesichtspunkten weiterentwickelt wissen. Den Bau von gesundem und zweckmäßig eingerichtetem Wohnraum für sozial benachteiligte Familien, vorzugsweise Kriegsteilnehmer oder deren Angehörige, wollten sie zu billigen Preisen fördern. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren 21 Häuser entstanden, weit verstreut zu beiden Seiten der Odenwaldstraße, die erst zwischen 1896 und 1899 zur Chaussee ausgebaut worden war. Bis 1940 hatte die Siedlung im wesentlichen die heutige Ausdehnung erreicht, begrenzt von der Waldstraße und Bahnlinie im Norden und der Straße "Am Klingenteich" im Süden, eingefaßt von Wald und Wiesen im Westen und Osten. In der Nachkriegszeit wurde die Bebauung verdichtet, eine Entwicklung, die in jüngster Zeit verstärkt wieder eingesetzt hat und den ursprünglichen, weitläufigen Charakter der Kolonie Trautheim zu zerstören droht.

Ein Bilderbuch der Architektur

Beginnend am "Haus Elim" läßt sich bei einem Rundgang durch Trautheim wie in einem Bilderbuch der Architektur blättern. Die ganze Spannbreite der historisierenden Formen des Heimatstils, die Prägung durch den Darmstädter Jugendstil, die später unter funktionalen und experimentellen Gesichtspunkten entstandene Versachlichung, lassen sich am erhaltenen Baubestand ablesen.

"Haus Elim" (Alte Darmstädter Straße 9), 1889 als Erholungsheim gebaut, und die Gaststätte 'Villa Trautheim" (Am Trautheim 1) von 1896 sind als die ersten Bauten noch stark von der Gründerzeit geprägt. Weiter östlich zeugt das Jugendstil-Wohnhaus des Architekten Max Hill "Haus Eisenhut" (In der Röde 20) aus dem Jahre 1912 von dem Einfluß seines "Lehrers" Joseph Maria Olbrich. Am Ende dieser Straße liegt zurückgesetzt das Dachhaus (Odenwaldstraße 65), ebenfalls von Hill 1922 gebaut, das als Vorläufer der Fertigbauweise angesehen werden kann und nach nur drei Monaten Bauzeit bezugsfähig war.

Nicht alle dieser Baudenkmäler stehen noch

Auf dem Weg nach Süden durch die "Alte Darmstädter Straße" und die "Alte Dieburger Straße" gelangt man zu den beiden Häusern, die Prof. Franz Schuster aus Wien baute. "Die Arche" (Am Klingenteich 15) von 1933 ist wie das Dachhaus ein Versuch, die Holzbauweise durchzusetzen, um niedrigere Baukosten zu erreichen. Gegenüber liegt ein Holzhaus (Am Klingenteich 20), das Schuster als Musterhaus für Arbeitersiedlungen entworfen hat.

Auf dem Rückweg über den Papiermüllerweg durch den Wald kann man die Ruhe und Beschaulichkeit genießen, die die Begründer der Kolonie so geschätzt haben.

Text:
J. H. Müller
(mit Genehmigung aus einem Beitrag für den Regionalen Informationsdienst Odenwald am 23.4.1997)