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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 22.02.2013

 

 

 


 

Nieder-Ramstadt – ein Winzerdorf?

Da wird wohl mancher Zeitgenosse ungläubig den Kopf schütteln. Zwar gibt es mittlerweile wieder in paar Hobby-Winzer, aber immer noch weniger als etwa vor dem letzten Weltkrieg, wo noch viele Fassaden, Zäune und Lauben weinumrankt waren.

Jedoch vor dem Dreißigjährigen Krieg, im 16. Jahrhundert, der Blütezeit des Rämschter Weinbaues, kam man in ganz Südhessen an den Rämschtern nicht vorbei, wenn man schon von Wein sprach. Daß man dies so genau weiß, verdanken wir dem Umstand, daß der Fiskus – unabhängig von Staats- und Regierungsform – schon immer versucht hat, zur Deckung sogenannter öffentlicher Ausgaben Steuern und Abgaben zu erheben, die auf halbwegs kontrollierbaren gewerblichen Umsätzen beruhen.

So hat auch Landgraf Philipp der Großmütige in seinen Landen den Weinausschank mit einem Um- oder Ungeld belegt. Im Amt Darmstadt war es sogar schon früher eingeführt und Nieder-Ramstadt erscheint schon 1513 in den Listen der Darmstädter Kellerei. Greift man aus diesen Aufstellungen das Jahr 1572 heraus, so ergibt sich für Nieder-Ramstadt eine Summe von 274 Gulden, für Darmstadt von 192 Gulden, für Arheilgen von 133 Gulden, für alle anderen Orte weniger,

Welch wichtige Einnahmequelle das Ungeld war, mag man daran erkennen, daß z.B. 1596 für die Stadt Darmstadt das Weinungeld 293 Gulden = 22 v.H. der Haushaltseinnahmen ergab. Wenn wir jedoch noch einmal auf das Jahr 1572 zurückgreifen,so läßt sich die Menge des offiziell von den Reifenwirten*) ausgeschenkten Weines mit 953 Hektoliter errechnen. Wenn man ein gewisses Maß an Eigenverbrauch hinzurechnet und davon ausgeht, daß auch damals schon in steuerlicher Hinsicht manipuliert wurde, erscheint eine Summe von 1100 Hektolitern als realistisch. Das bedeutet bei rd. 800 Einwohnern einen Verbrauch von 130 Litern pro Kopf und Jahr. Da kann man schon von einem „Weindorf“ sprechen.

Durch den Dreißigjährigen Krieg und später auch durch wirtschaftlichen, bes. landwirtschaftlichen Strukturwandel, ging der Weinau immer mehr zurück. Die letzte mehr oder weniger gewerbliche Weinernte fand im Jahre 1887 auf dem Schlottenberg statt, das ist der Berg unmittelbar über dem Bahnhof. Der letzte „Weinbauer“ war der damalige Bürgermeister Friedrich Bender, dessen Sohn, der „Löwenwirt“, noch etlichen Rämschtern in Erinnerung sein wird (1994). Als Kuriosum soll erwähnt werden, daß sich der erste evangelische Pfarrer Laurentius Motz, der von 1526 bis 1560 im Amt war, unter den Reifwirten fand.

An den Weinbau erinnern noch zahlreiche Gewannamen wie z.B.“ Wingertsberg“, „Im Sandwingert“, „Hinter Schumachers Weinberg“, „Auf dem Klosberg“ (Clos = umfriedeter Wingert), aber auch Geländestrukturen, wie dies besonders deutlich an der fein terrassierten Schmallert erkennbar ist.

So gesehen haben natürlich „die blauen Rebblätter in den silbernen Feldern“ des 1966/67 neu geschaffenen Nieder-Ramstädter Wappens ihre volle Berechtigung.

*) so genannt, weil ein Faßreif am Haus auf den Weinausschank hinwies.


 






























Autor:
Hans Hohlmann †


Das amtliche Wappen
der Gemeinde Nieder-Ramstadt
(bis 31.12.1976)

mit den Zeichen der bedeutendsten Wirtschaftszweige in der Vergangenheit,dem Müller- und Bäckergewerbe sowie dem Weinbau.





Der Wingertsberg
war einst eine der bedeutendsten Lagen im Weindorf Nieder-Ramstadt.
Seit 1896 wurde in seinem Innern Gabbrogestein abgebaut – der Berg wurde zum Krater (Luftbild: Otto Reeg †)