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Geschichte > Nieder-Ramstadt  

Stand: 19. Nov 2012

 

 

 


 

Weinbau in Nieder-Ramstadt


Der Wingertsberg war im 16. Jahrhundert eines der bedeutendsten Weinbaugebiete der Nieder-Ramstädter Gemarkung. Wein war als „Haustrunk“ weit verbreitet. Der Weinbau war in früherer Zeit neben dem Bäcker- und Müllergewerbe eine wichtige Einnahmequelle der Nieder-Ramstädter Bewohner.

Dies war auch im 1966 verliehenen Ortswappen deutlich dargestellt: die Rebblätter erinnern an den früheren Nieder-Ramstädter Weinbau, die Brezeln an die große Bedeutung der einstigen Bäcker- und Müllerzunft.

Wein ist ein alkoholisches Getränk, das aus Weintraubensaft hergestellt wird. Die Weinreben gedeihen auf terrassenförmigen Flächen, besonders in sonnigen Lagen, wobei der Boden einen besonderen Einfluß auf Wachstum und Qualität hat. Der Weinbau ist eine der höchsten Arbeitsaufwand erfordernden landwirtschaftlichen Kulturen, weshalb die Bewirtschaftung in den meist mit Arbeitskräften stark besetzten Familienbetrieben durchgeführt wird. Ein mäßig feuchtes, sonniges Klima ist Voraussetzung für gutes Gedeihen; hinzu kommt ein regelmäßiger Rebschnitt, Anbinden, 4-5maliges Hacken, 3-4 Laubarbeiten, Düngung und 3-4maliges Spritzen gegen Krankheiten und Schädlinge. Zu diesem alljährlich notwendigen hohen Aufwand an Arbeit und Betriebsmitteln tritt ein ebenso hoher Kapitalaufwand, da frühestens erst Jahre nach der Anlage des Weinbergs geerntet werden kann.

Heute macht der Wingertsberg seinem Namen keine Ehre mehr. Die Hänge sind nicht mehr mit Reben, sondern mit Wald und Hecken bewachsen. Die Flureinteilung der Gemarkung erfolgte in drei Fluren entsprechend der bis ca. 1800 üblichen Dreifelderwirtschaft:

Flur I nördlich der Modau
Flur II südlich der Modau, nördlich des Griesbaches
Flur III südlich der Modau, südlich des Griesbaches

Daß tatsächlich Wein in nicht unerheblichen Mengen angebaut wurde, belehren uns noch die heutigen Flurnamen, die schon durch ihren Namen auf ehemalige Weingärten hindeuten:

im Sandwingert“
„hinter Schumachers Weinberg“
„vorn am Kaysersberg bei Adam Krugen Weingarten“

Die Gewanne „in, auf und an der Schmallert“ waren während des 16. Jahrhunderts fast ganz und in den Jahren 1630 und 1700 noch zum größten Teil mit Reben bepflanzt.

Im Jahr 2002 ließ der damalige Kultur- und Heimatverein Nieder-Ramstadt die alte Tradition des Weinbaus wieder aufleben. Am „Weinberg zum Schmallert“, wie man seinerzeit formulierte, wurden pressewirksam die ersten Reben gesetzt. Zur ersten Weinlese, auf die jeder gespannt war und die frühestens in zwei bis drei Jahren hätte erfolgen können, ist es jedoch nicht gekommen, denn man merkte bald, daß Weinanbau mit viel Mühe und Arbeit verbunden ist. Heute gibt es nicht nur diesen Verein nicht mehr, sondern auch von den damaligen Anpflanzungen ist nichts mehr zu sehen. Soweit der Ausflug in die Neuzeit.

Früher bedeckten die Weingärten eine große Fläche in den Gewannen „in und am Schäfersberg“, „in der Mittelbach“ und „hinter den Wiesen“. Zahlreiche Wingerte gab es auch „ in der Griesbach“ und „im Selbenrech“. Ebenso war in der Gewann „auf dem Cloßberg“ noch 1630 ein ganzer eingehegter Bezirk nur mit Reben angelegt. Reben traf man außerdem häufig in den Gewannen „in der Steig“, „am Lotzenberg“ (Richtung Nieder-Beerbach) und vereinzelt auch „im alten Graben“. Der Stephansberg, die höchste Erhebung der hinter der Kirche ansteigenden Anhöhe, hieß früher „Stephanswingert“ und deutete ebenso auf Weinbau hin.

Nach dem 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) und später auch durch wirtschaftlichen, besonders landwirtschaftlichen Strukturwandel nahm der Weinbau immer weiter ab. Trotzdem gab es auch im 19. Jahrhundert in Nieder-Ramstadt und Umgebung (Bessungen, Darmstadt) noch einzelne Weingärten. Den letzten Weinberg in unserer Gemarkung bepflanzte der ehemalige Bürgermeister Friedrich Bender. Auf dem vorderen Schlottenberg, einem über dem Bahnhof gelegenen Wingert, wurden im Jahr 1887 die letzten Trauben geerntet.

Alte Rechnungen der Kellerei Darmstadt geben uns Aufschluß über die Menge des im 16. Jahrhundert erzielten Weines. Landgraf Philipp der Großmütige hatte eine Weinsteuer, das sogenannte “Um- oder Ungeld“ eingeführt, die für Nieder-Ramstadt schon 1513 erwähnt ist und halbjährlich berechnet wurde. Sie machte den zehnten Teil des Geldwertes aus, den die Reifwirte für verzapften und ausgeschenkten Wein eingenommen hatten.

Die jährlichen Steuererträge betrugen für Nieder-Ramstadt in den Jahren

1568 = 152 Gulden,
1569 = 154 Gulden,
1570 = 233 Gulden,
1572 = 274 Gulden und
1573 = über 188 Gulden.

Wenn man diese Zahlen mit 10 multipliziert, erhält man die von den Schankwirten vereinnahmten Summen. Demnach haben die Nieder-Ramstädter Schankwirte im Jahr 1572 = 2740 Gulden eingenommen. Das entsprach im Jahr 1913 = 15579.- RM. Nieder-Ramstadt stand mit diesen Summen an erster Stelle von allen Orten des Amtes Darmstadt.

Die Menge des 1572 in Nieder-Ramstadt verschankten Weines betrug 953 Hektoliter, wobei ein Durchschnittspreis von 12 Pfennigen für die Maß (= 2 Liter) angenommen ist. Davon haben natürlich die Einwohner selbst einen beträchtlichen Teil getrunken, da es nicht möglich war, den gewöhnlichen und sicherlich sauren (herben) Wein auswärts zu verkaufen. Die Reifwirte haben somit überwiegend ihren eigenen Wein ausgeschenkt, da sie selbst ja auch Wein angebaut haben. Wenn man davon ausgeht, daß auch damals schon in steuerlicher Hinsicht manipuliert wurde, scheint eine Summe von 1100 Hektoliter als realistisch.

Wir sehen also, daß der Weinbau somit zu den wichtigsten Einnahmenquellen der Bauern gehörte. Schon damals wußte man, daß Weintrinker gesellige Menschen sind. In den Wirtschaften ging es oft hoch her!

Durch die hohen Erträge des Weinbaus wurde natürlich auch die Trinkfreudigkeit der Einwohner gefördert, so daß im Jahr 1614 der damalige Pfarrer Stumpf sich von der Kanzel aus gegen die ausgedehnten Gasthausbesuche und sonntäglichen Zechereien aussprach und die Lockerung der guten Sitten anprangerte.

An vielen Häusern im Ort hing seinerzeit ein Faßreif als Zeichen für die Vorbeikommenden, daß die Wirte, ähnlich wie heute bei den Straußwirtschaften, die Erlaubnis zum Ausschank des Weines erhalten haben und sie somit einluden, bei ihnen einzukehren.

An Wirtsnamen sind uns folgende überliefert:


Jerg Bauer
Petter Kremer
Hanß Spiß
Mor Lengen (Leonhard Mohr)
Jacob Leckhaup (Luckhaupt)
Hanß Leckhaup
Hanß Stumpf
Philips Leckhaup
Drisser Henche (Hennchen Traiser)
Lorentz Motze (= der damalige Pfarrer – von 1526-1560 im Amt - Die evangelische Landeskirche hat heute noch ihr eigenes Weingut in Rheinhessen und verkauft ihren Wein bei der Kirchenverwaltung am Paulusplatz in Darmstadt)

Hanß Beßhan
Philips Nongesser
Wenlin Schlosser
Lenhardt Kremer
Ehwaldt Pfeiffer
Veltin Schumacher
Hanß Hoffmann
Dilmann Schneider
Stheffen Herder
Quirin von Wimpffen, u.a.


Das Ungeld wurde von 33 Weinbergbesitzern bzw. Schankwirten entrichtet.

Heute erkennt man vielerorts noch im Gelände die ehemals vorhandenen Weinterrassen und staunt immer wieder, wie stark der Weinbau in unserem Gebiet verbreitet war. Man hat den Eindruck, als wäre er wichtiger gewesen als etwa der Getreideanbau. Leider ist nicht bekannt, welche Rebsorten angepflanzt wurden. Er war ohnehin ohne Sorten- und Qualitätsangabe überwiegend für den Eigenbedarf bestimmt. Dieser einst so bedeutende Wirtschaftszweig ist heute in Nieder-Ramstadt überhaupt nicht mehr vertreten.

Der Weinbau ist staatlich geregelt, wobei immer mehr EG-Regelungen der Sache wenig dienlich sind, sondern sie vielmehr verschlimmbessern. Weinberge gibt es nur in festgelegten Weinanbaugebieten. Außerhalb derselben werden keine neuen genehmigt

Wir befinden uns hier im Weinanbaugebiet „Hessische Bergstraße“ – Bereich Starkenburg. Bergsträßer Weine gelten heute als edel und hochqualitativ, ihre Winzer als innovativ und seriös. In unserer näheren Umgebung wird Weinanbau gewerblich u.a. in Seeheim, Roßdorf, Reinheim , Groß-Umstadt und selbstverständlich entlang der gesamten Bergstraße betrieben.

Hobbywinzer finden wir aber auch in Neutsch (Gaststätte Lautenschläger), in Eberstadt am Steigertsweg (Arbeitsgruppe des Eberstädter Bürgervereins), in Pfungstadt (Stadt) und in Darmstadt (Polizeipräsidium). Dieses Schlupfloch ist möglich, weil die „Hessische Verordnung über die Abgabe für den Stabilisierungsfonds nach dem Gesetz über die Maßnahme auf dem Gebiet der Weinwirtschaft“ vom 13. August 1963 im § 2 bestimmt, daß Anpflanzungen dann nicht als Weinbergflächen gelten, wenn sie mit weniger als 100 Weinreben bepflanzt sind. Hier haben wir die magischen 99 Rebstöcke, die jedermann ohne staatliche Genehmigung anpflanzen kann.

An manchen Hauswänden, Fassaden, Zäunen und Lauben wachsen auch in Nieder-Ramstadt heute noch Reben. Die Trauben sind jedoch wegen ihrer vielen Kerne und zäher Haut nicht allzu beliebt. Vögel jedoch sind davon ganz begeistert!

Zum Weinbau gibt es natürlich auch einige Bauernregeln:


Hat der Wein abgeblüht auf St. Vit (= 15. Juni), bringt er schönes Weinjahr mit.
Nur in der Juliglut, wird Obst und Wein dir gut.
Septemberregen ist dem Bauer gelegen, wenn er aber den Winzer trifft, ist er ebenso schlecht wie Gift.
Oktober – Sonnenschein schüttet Zucker in den Wein.


Auch viele unserer Dichter und Denker haben sich über den Wein ausgelassen:


„Wo´s keinen Wein mehr gibt, gibt`s keine Liebe.“ (Europides)
„Wo der Wein fehlt, sterben selbst die Reize der Aphrodite und machen der Menschen wüst und freudlos.“ (Europides 480 – 406 v. Chr.)
„Zuviel kann man wohl trinken, doch nie trinkt man genug.“ (Gotthold Ephraim Lessing)
„In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit.“ (Platon)
„Guter Wein ist der beste Diplomat!“ (Talleyrand)
„Wein ist kein Genußmittel, sondern eine Medizin.“ (Louis Pasteur 1822 – 1895)
„Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ (Martin Luther - angeblich)

Autor:
Harald Zeitz




Ein zusammenfassender Aufsatz
von Hans Hohlmann



Weinbau

war weit über die Region hinaus ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft. Im Nachbardorf Nieder-Modau hat sich für dessen Einheimische über die Jahrhunderte der Spitzname „Murrer Essig“ erhalten – wohl in Anspielung auf die Eigenart des dortigen Weines.





Der mißlungene Versuch,
im Angedenken an die Rämschter Weinbaugeschichte einen kleinen Wingert auf der Schmallert anzulegen


Südhang der Schmallert
mit Einfahrt zum Straßentunnel.
Die in den Hang hineingearbeiteten Terrassen, die die Bearbeitung des Bodens und der Reben erleichterten, sind gut zu erkennen.


Blick von der Schmallert
nach Traisa.Im Hintergrund der Taunus


Blick vom Klosberg
über das Waschenbachtal zur Schabeck