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Geschichte > Nieder-Ramstadt  

Stand: 19. Sep 2012

 

 

 


 

Typhus in Nieder-Ramstadt

Ein Anlaß für den Bau der ersten Trinkwasserleitung

Im 19. Jahrhundert wurde Europa von mehreren Epidemien heimgesucht. Ruhr, Cholera und Typhus traten mehrfach auch in Deutschland auf. Allein 6 mal grassierte die Cholera in unserem Land, 1823, 1829-37, 1847-57, 1865-73, 1882-87 und 1892-93.

In langer Erinnerung blieb die Choleraepidemie in Hamburg von 1892-93. Die Sterblichkeit der von ihr befallenen Menschen betrug 40 bis 50 %. In den 1840er Jahren starben in Oberschlesien ca. 16 000 Menschen an Typhus. Ruhr trat plötzlich 1892 in verstärktem Maße in Gelsenkirchen auf und war danach ständiger Gast, meist in den Sommermonaten.

Kriegsereignisse und schlechte hygienische Verhältnisse in den Wohngebieten waren Auslöser dieser furchtbaren Krankheiten. Auch Nieder-Ramstadt blieb von dieser Geisel nicht verschont.

1885 wurde der Mühlenbesitzer Ludwig Zeh II. auf der oberen Quicksmühle von Unterleibstyphus heimgesucht, konnte aber wieder genesen. Aber schon im Januar 1892 schlug die furchtbare Krankheit auf der Mühle erneut zu. Die beiden Kinder des Müllers Ludwig Zeh II. und eine auf Besuch weilende Verwandte erkrankten an Typhus. Von den Hiobsbotschaften aus aller Welt aufgeschreckt, schlug man in Nieder-Ramstadt Alarm.

Bürgermeister Bender berichtete im Juni 1892 an das Großherzogliche Kreisamt in Darmstadt:

Nachdem seit etwa Jahresfrist in der Familie des Ludwig Zeh II. dahier wiederholt Typhus-Erkrankungen aufgetreten sind und in letzter Zeit sich diese Erkrankungen im Ort weiter ausdehnen, so daß jetzt 8 Personen oder mehr an Typhus erkrankt darniederliegen, hat man die Wahrnehmung gemacht, daß in dem Hause des Ludwig Zeh und den Mühlengebäuden, oberhalb des Ortes an dem Modaubach gelegen, sämtliche Abtritte sich in den Modaubach entleeren, bzw. so eingerichtet sind und daß hier die eingeflößten Typhusstoffe in dem Modaubach jedenfalls alle Erkrankungen hervorrufen, denn alle Erkrankten wohnen am Modaubach und kommen mit dem Wasser in Berührung. Jedenfalls sind solche Einrichtungen auch noch in anderen Mühlen vorhanden.

Eine solche Verunreinigung des Wassers ist doch ganz abscheulich. Man nimmt hier an, daß auch naheliegende Brunnen von dem Modaubach infiziert sind. Dringende Abhilfe dürfte hier geboten erscheinen".

30 Typhusfälle in Nieder-Ramstadt

Das war es in der Tat, denn im Laufe des Jahres erkrankten ca. 30 Menschen an Typhus abdominalis. Das Kreisgesundheitsamt ordnete die Impfung aller im Bereich der Modau wohnenden Einwohner an und berichtete im Juni an das Großherzogliche Kreisamt:

Es waren aber bis dahin die Dejektionen sämtlicher Erkrankten in den Mühlgraben, in welchen der Abort des Hauses direkt einmündet, entleert worden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das jetzige epidemische Auftreten des Typhus auf eine Infektion durch das Wasser dieses Grabens zurückzuführen".

Zu den drei Erkrankten in der oberen Quicksmühle waren 2 Personen in der Nachbarmühle des Wilhelm Spengler V, und grabenabwärts im Dorf, der Junge Georg Klöppinger erkrankt, „gegenüber dem neuerbauten Schulhaus wohnhaft", also am „Oberborn" in der Kesselgasse, auf den wir noch zurück kommen werden. Nach Aussage der Mutter des Jungen, hatte er in der heißen Jahreszeit oft in der Modau gebadet.

Selbst weit unterhalb des Dorfes, in der Papiermühle, erkrankte die Dienstmagd Rückert aus Traisa. „Sie hatte viel in dem Mühlbach bei der Wäschereinigung zu hantieren".

Das Gesundheitsamt zog auch in Erwägung, daß der Ausbruch der Krankheit in den beiden Quicksmühlen von deren beiden Trinkwasserbrunnen ausgehen könnte:

Die Familie Zeh, welche ihren eigenen Brunnen aus Anlaß der anfangs dieses Jahres vorgekommenen Typhuserkrankungen im Haus selbst nicht zu benutzen wagt, entnahm das Trinkwasser dem Brunnen des Nachbarhauses (Spengler V) welcher in äußerst schlechtem Zustande (Holzpumpenstock) ist und nur wenige Schritte von dem hier überwölbten Mühlgraben entfernt liegt, so daß wohl leicht ein Überfließen oder Durchsickern des Wassers von dem höher gelegenen, gestauten Mühlgraben nach dem tiefer gelegenen Brunnen erfolgen kann".

Es wurden nun Desinfektionsmaßnahmen mit „roher Carbolsäure" für die Aborte und ihre Umgebung angeordnet. Dejektionen durften nicht mehr in den Bach geleitet, und es mußten zementierte Abortegruben angelegt werden. Das Baden im Mühlbach und das Reinigen von Wäsche darin wurde verboten und die beiden Trinkwasserbrunnen in den Quicksmühlen geschlossen.

Im Laufe der Sommermonate folgten nun in rascher Folge weitere Meldungen über neue Erkrankungen. Man gelangte allmählich zu der Überzeugung, daß die mangelnden hygienischen Verhältnisse im Dorf der Grund zum Ausbruch der Epidemie waren. Der Ruf nach einer Trinkwasserleitung und die geordnete Abführung der Abwässer wurde wach.

Aus der Not geboren: Die erste Wasserleitung

Die Trinkwassernot in den Quicksmühlen veranlaßte den Mühlenbesitzer Ludwig Zeh eine eigene Wasserleitung von einer Quelle in der Mittelbach, hinter dem Bahndamm, bis zu seinem Wohnhaus in der Traisaer Gasse zu verlegen. Es war dies die erste Wasserleitung in Nieder-Ramstadt. Die Wassernot sollte im Laufe des Jahres 1892 aber noch sehr groß werden.

Über die mangelhafte Abwässerbeseitigung berichtete Bürgermeister Bender an das Großherzogliche Kreisamt:


Schon seit einiger Zeit bemerken wir, daß in der Traisaer Gasse die Floßrinnen ständig mit Küchenabfall und Waschwasser (farbige Seifenbrühe) gefüllt waren und Leute sagten aus, daß auch der dort wohnende Metzger Krug sein Schlachtwasser aus seinem Hof auf die Straße kehre. Gründliche Abhilfe von unserer Seite war kaum möglich. In dieser schmalen Gasse müssen die Fuhrwerke beim Ausweichen bis in die Floßrinne fahren und haben sich infolge dessen in den durchweichten Floßrinnen die Steine eingedrückt, so daß das Wasser keinen Abfluß mehr hat und sich ein schwarzer Schlamm mit grünen Pilzen bildet durch vernachlässigte Reinigung".

Die Floßrinnen wurden wieder repariert, aber nun sollte auf die Anlieger eingewirkt werden, sie auch sauber zu halten. Bender schreibt:

... erlauben wir uns zu bitten, hohe Behörde wolle den Gendarm Hoffmann von Oberramstadt beauftragen, alle Verunreinigungen unnachsichtig zur Anzeige zubringen, denn unser Verbot reicht hier nicht aus".

Die Klagen des Bürgermeisters waren häufig. Trotz bekannter Ursachen der Epidemie in der Bevölkerung, war man wenig bereit etwas zur Verbesserung der Verhältnisse durch eigenes Mittun beizutragen.

Modau, Mühlgraben und nahe Brunnen

Im August wurden sämtliche „öffentliche Lustbarkeiten irgendwelcher Art" verboten und sogar angeordnet das Kirchweihfest zu verschieben oder gar gänzlich abzusagen.

Im Laufe des August wurden alle Brunnen in der Nähe der Modau geschlossen. Dazu gehörten auch die stark beanspruchten drei Brunnen am Kesselgäßchen, „Kesselbrünnchen" oder auch „Oberborn" genannt. Es waren zwei Brunnen mit Holzpumpenstöcken und ein Zieh- oder Schöpfbrunnen.

Nun gab es heftige Proteste der Anlieger, da man bei der herrschenden Sommerhitze Wasser in erhöhtem Maß benötigte. Aber alles protestieren nützte nichts.

Der Geheime Medizinalrat Dr. Pfeifer vom Ministerium des Innern und der Justiz untersuchte zusammen mit dem im Ort praktizierenden Arzt Dr. Beyser aus Eberstadt die Angelegenheit. Man kam zu dem Schluß, daß die Brunnen geschlossen bleiben müssen: „Wir unsererseits müssen auf der Schließung der Brunnen bestehen und sprechen uns dahin aus, daß für den Ort Nieder-Ramstadt die Errichtung einer Wasserleitung mit reinem Quellwasser die einzige Möglichkeit bietet, die Gefahren des Modaubachs und der diesem angrenzenden Brunnen gründlich zu beseitigen".

Anders sah es Bürgermeister Bender, der stark bedrängt von der notleidenden Bevölkerung an das Kreisamt schreibt:

Die Ansichten sind leider sehr geteilt. Herr Dr. Beyser von Eberstadt hat, als der Typhus am stärksten hier war, bestritten, daß die Bazillen im Modaubach vorhanden, bzw. der Ansteckungsstoff darin liege und hat vor unseren Augen ein Glas stehendes Bachwasser getrunken und erklärt, er mache sich verbindlich jeden Tag ein Glas ohne Nachteil zu trinken. Man weiß wirklich nicht was man davon halten soll".

Chemische Untersuchungen des Wasser vom Oberborn und drei weitere Brunnen zeigten, daß sie verseucht waren. Lange wurde noch gestritten, ob die Untersuchung auch richtig durchgeführt wurde. Am Ende verblieb es dabei, daß alle Brunnen entlang der Modau für immer geschlossen wurden.

Bau der öffentlichen Wasserversorgung

Hinsichtlich der Verhältnisse im Ort, ist der Bericht des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz an das Großherzogliche Kreisamt Darmstadt, vom 21. August 1892 besonders interessant. Darin heißt es u. a.:

Nach dem Ergebnis dieser Lokalbesichtigung können wir uns, wie seither mit den vom Großherzoglichen Kreisgesundheitsamt angeregten Maßnahmen nach allen Richtungen nur einverstanden erklären. Wir möchten hier zunächst nochmals darauf hinweisen, wie die Reinlichkeit innerhalb der Hofreiten in der Gemeinde allgemein in hohem Maße vernachlässigt wird und daß insbesondere die Beschaffenheit der Aborte und Dunggruben auch nicht den bescheidensten Anforderungen der Hygiene entspricht.... Nicht unwesentlich beteiligt an den ungünstigen hygienischen Verhältnissen des Ortes, namentlich des vom Typhus betroffenen Ortsteils, erscheint außerdem die Beschaffenheit des Modaubaches und wohl auch des Mühlgrabens...

In den besichtigten Hofreiten befanden sich die Brunnen in durchweg schlechter Lage in der nächsten Nachbarschaft von Abtritten und Miststätten oder dicht bei jaucheführenden Gossen und Floßrinnen. Abgesehen von den meist schlechten halbfaulen Pumpenstöcken, waren die Brunnenkränzen im Mauerwerk undicht, die Deckung des Brunnenschachtes mangelhaft, so daß das Einfließen von Jauche gar nicht abgehalten wird. Dieser Notstand wird aber noch mehr zur Geltung kommen, wenn Regengüsse und Schneewasser die Miststätten auslaugen und in vermehrter Menge die Jauche den Brunnen zuführen....

Bei dieser Sachlage erscheint als der einzige geeignete Ausweg die Beschaffung einer Wasserleitung, die das Wasser aus einem nicht verseuchten und somit unbedenklichen Untergrunde abseits vom Orte entnimmt und einer Anzahl öffentlicher Brunnen neben der Beteiligung der Privaten zum Wasserbezug zu Gebote stellt".

Noch 1894 drängte das Kreisamt auf Beseitigung von Mißständen. Die Brunnen sollten gereinigt und Pfuhlgruben zementiert werden. Der Typhus abdominalis klang ab, aber seinen Schrecken hatte er noch nicht verloren. In Nieder-Ramstadt begann man mit den Beratungen zum Bau einer Wasserleitung.

Dr. Wilhelm Ludwig Friedrich schreibt in „Geschichte von Nieder-Ramstadt . . .“ 1913: „Die Gemeinde besitzt seit dem Jahre 1901 ein eigenes Wasserwerk.“

Verfasser:
Karl-Heinrich Schanz




Vom Mittelbachtal jenseits der Eisenbahnbrücke wurde die erste Trinkwasserleitung nach Nieder-Ramstadt verlegt



Die Quellfassung der ersten Trinkwasserleitung ist inmitten der ersten Wiese unter dem Kaiserberg noch vorhanden, auch das Wasser sprudelt noch reichlich. Das Wasserrecht steht einer nahen Gärtnerei zu.