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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 17.12.2012

 

 

 


 

Fischerei und Teichwirtschaft


Fischerei und Teichwirtschaft war in früheren Jahrhunderten Privileg der Feudalherren, bei uns also der Landgrafen, die sich ja anmaßten, die Herren über Wasser, Wald und Weide zu sein. Bei uns war es vor allem Georg I. (1567 – 1596), der hier große Anstrengungen unternommen hat. Er hatte bei er Erbteilung nach dem Tod Philipps des Großmütigen die verhältnismäßig arme Obergrafschaft erhalten und versuchte nun mit allen Mitteln, die Erträge des Landes zu heben. Dazu gehörte unter anderem auch die Anlage zahlreicher Fischteiche. Die der Teichwirtschaft lag in den Händen eines Teichmeisters mit Sitz in Darmstadt, der dafür sorgte, daß die Vorratsbecken im Teichhaus stets mit genügend Fischen gefüllt waren. In erster Linie wurde dabei an die Befriedigung der Bedürfnisse des Hofes gedacht, nur der Überschuß durfte frei verkauft werden.

Die einzelnen Gewässer wurden überwacht von den Teich- und Bachknechten, von denen je einer auch in Nieder-Ramstadt und Nieder-Beerbach ansässig waren. Sie hatten die verschiedensten Obliegenheiten. So mußten sie in den fließenden Gewässern Krebse und Forellen fangen, die Teiche zu gegebener Zeit ausfischen und schließlich die in Brutgewässern aufgezogenen Jungfische in den größeren Teichen aussetzen. Die Anlage und Erhaltung der Teiche besorgten Teich- oder Seegräber.

Zur Anlage eines solchen Teiches wurde üblicherweise ein Bachtal durch einen quergelegten Damm geschlossen, in den ein Ablaßventil eingebaut war. An der tiefsten Stelle wurden die sogenannten Pfannen angelegt (oft genügte dazu das Bachbett) und das gesamte Becken mit Lehm abgedichtet und mit einem Kalküberzug versehen.

Nach Schließen des Ventils füllte sich der Teich und konnte mit Fischen besetzt werden. Zum Ausfischen wurde das Ventil geöffnet und mit einem Sieb abgedeckt. Das Wasser lief ab und die Fische konnten bequem aus den noch gefüllten Pfannen in Eimern eingesammelt werden. Sie wurden dann in Bottichen zur Teichmeisterei gebracht und in die Vorratsbecken gesetzt.

Hier findet man auch eine plausible Erklärung des Wortes »Woog« für viele der künstlichen Teiche. Es enthält ebenso wie das Wort »Weiher« den Wortstamm »wiegen«. Wie eine Waage hebt und senkt sich die Oberfläche beim Ein- und Ablassen des Wassers. Interessant ist, daß man die Bezeichnung nur bei vor dem Dreißigjährigen Krieg angelegten Gewässern findet. Später tritt nur noch der Name »Teich« auf.

Die noch bestehenden Teiche taugen möglicherweise als Löschwasserspender. Es ist aber nicht belegt, daß eine solche Nutzung ein Grund für den Bau der Teiche gewesen wäre.

In der Nieder-Ramstädter Gemarkung liegen oder lagen folgende Fischteiche:

Der Kirchbergsteich

Als beliebtes Ziel für Sonntagsspaziergänger dürfte er wohl der bekannteste Teich der Nieder-Ramstädter Gemarkung sein. Er wird von drei Quellen im Teichgrund gespeist. 1738 angelegt, wurde er das »Teichlein am Weinweg« genannt, noch auf einer Karte von 1752 heißt er „Der neue Teich“. 1740 wird er zum ersten Male ausgefischt. Dabei erbrachte er 4 Hechte von zusammen 5 kg und 140 Setzkarpfen, die an Oberjägermeister von Minnigerode verkauft wurden.

1786 war der Teich verschlammt und wurde zur Herrichtung empfohlen, damit er dem Eberstädter Bachknecht als Vorratsteich für Forellen dienen könne.

1839 wird in einem Bericht des Forstinspektors Kekule als »der leere Teich« angeführt: »Dieser vormalige kleine Teich liegt in dem Domanialwalddistrikt Hinterforst neben der Kirchschneise zunächst dem Weinwege und eignet sich gut zu einem Forellenteich, indem er drei Quellen besitzt, die hinreichend Wasser hierzu abgeben.« Hierauf ließ man den Teich durch zahlungsunfähige Forstfrevler wieder herrichten. In der Folgezeit wurde er jedoch wieder vernachlässigt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von einem Anglerverein gepachtet und wird seitdem instandgehalten.

Eine Schreibweise des Namens mit „Kirschbergsteich“ ist falsch. Der Teich liegt unterhalb des westlichen Abhanges des Kirchberges (280 m) in der Gemarkung Nieder-Ramstadt nahe des Weinweges, der früheren Gemeindegrenze zwischen Nieder-Ramstadt und Bessungen. Der Name des Kirchberges geht darauf zurück, daß von seiner Höhe der Kirchturm des Kirchspiels Nieder-Ramstadt zu sehen war – was heute wegen des Hochwaldes nicht mehr möglich ist.

Der Waltersteich

Heute ist oberhalb des noch einzigen Teiches der Damm und das leere Bett eines zweiten Teiches zu erkennen. Beide Teiche wurden 1686 mit Bewilligung des Ministers von Minnigerode durch Forstmeister Klipstein und Förster Kempf auf eigene Kosten als Forellenteiche angelegt. Sie wurden zunächst »die beiden Teichlein im Rabenfluß« (nach der Gewannbezeichnung der Waldschlucht Rabenfloß in der Gemarkung Nieder-Ramstadt an der Grenze zu Eberstadt) genannt und wechselten mehrmals den Besitzer. Beide Teiche wurden von der oberliegenden Lindenbergsquelle gespeist.

Zunächst erwarb sie der Jägermeister von Nimptsch, der sie später an den Teichmeister Reuling verkaufte. Da es nicht anging, daß dieser als Teichmeister selbst Fischzucht betrieb, bot er sie dem herrschaftlichen Oberforstamt zum Kaufe an. Das Amt erwarb sie 1775 für 50 Gulden und 6 Klafter Buchenholz. Sie dienten als Forellenteiche und erbrachten in den Jahren 1802 5,5 kg, 1817 6,3 kg, 1821 10 kg Forellen und 15 Krebse.

1823 wurden die Teiche auf herrschaftliche Verfügung wie alle anderen Teiche „die von Wald umgeben“ trockengelegt und aufgeforstet. 1839 empfahl aber Forstinspektor Kekule, den unteren Teich, hier erstmalig Waltersteich genannt, zur Wiederanlage. Die Reparaturen wurden von zahlungsunfähigen Forststrafschuldnern ausgeführt und der Teich zur Forellenzucht benutzt. Heute wird er von einem Anglerverein unterhalten.

Der Name soll von einem Fuhrmann Walter herrühren, der mit seinem Fuhrwerk ins Wasser gestürzt und darin umgekommen sein soll. Aber nicht nur er ist im Wasser des Waltersteiches umgekommen: Das Gewässer gilt bei Einheimischen als „Selbstmörderteich“!

Die drei Nieder-Ramstädter Wooge im Wiesengrund

Georg I. ließ im Winter 1573/74 im Schwinnengrund einen Fischteich, den »großen Woog«, anlegen. Diese Anlage gewann für Nieder-Ramstadt eine besondere Bedeutung, als nämlich der hierfür angelegte Damm Fuhrwerken ein bequemes Überqueren des Bachgrundes gestattete und damit neue Verkehrsmöglichkeiten mit Darmstadt schuf. Bis dahin war der Fahrverkehr dorthin nur über Traisa und die Alte Ober-Ramstädter Straße möglich gewesen. Die neue Verbindung kam auch allen zugute, die vom oberen Modautal über Nieder-Modau und den Breiten Stein kommend, in Nieder-Ramstadt über die Fahrgassen-Brücke die Modau passierten.

Dem großen Woog folgten bald zwei weitere den Stettbach aufwärts, deren einstige Lage heute noch am Schilfbewuchs deutlich zu erkennen ist. Der Damm des mittleren Wooges ist heute durchgraben, während die der beiden anderen einen Durchlaß für das fließende Wasser bekommen haben. Über den einen läuft die Dornwegshöhstraße, über den anderen der Fußpfad „Am Wallborn“, der vom Pfaffenberg kommend unterhalb des Wingertsberges in Richtung Trautheim zieht.

Die drei Teiche müssen in den Kriegsjahren des 17. Jahrhunderts weitgehend unbrauchbar geworden sein, denn sie sind im Verzeichnis der Fischgewässer in der Obergrafschaft von 1680 nicht aufgeführt. In den Jagdtagebüchern des Landgrafen Ernst Ludwig wird jedoch 1713 »der Nieder-Ramstädter Teich« erwähnt. Möglich ist hier natürlich, daß er zwar gefüllt war, aber nicht benutzt wurde.

Nachricht über Fischfänge gibt es wieder 1740, wo rund 1500 Karpfen gefangen wurden. Noch im 18. Jahrhundert kamen sie in den Besitz der Familie Hofmann beziehungsweise Illig, den Besitzern der Papiermühle. Nach einer amtlichen Schätzung des Teichmeisters Reuling vom Jahre 1800 lieferten sie alle drei Jahre etwa 9 Zentner Karpfen und 1 ½ Zentner Hechte.

Die Erhaltung der Teiche scheint jedoch mit der Zeit zu kostspielig geworden sein. Auf Karten von 1803, 1806 und 1825 findet man nur noch die beiden unteren Wooge, die dann in einer Karte von 1845 auch nicht mehr eingetragen sind. Ein Teil des Bettes des großen Wooges an der Dornwegshöhstraße wurde in den 1970er Jahren mit Erdaushub verfüllt.

„Ein Bächelchen, das Teichwasser genannt, entsteht hinter den sogenannten Niederramstädter Teichen, fließt durch die selben, und fällt bei der Bruchenmühle in den Modaubach.“ So heißt es in der „Statistik und Topographie des Landrathsbezirks Reinheim im Großherzogtum Hessen on Georg Wilhelm Justin Wagner“. Das „Bächelchen“ kennt man heute als Stettbach.

Der Klingenteich

Der Teich, dessen Bett in der Talsohle unterhalb des heutigen Tagungshotels noch deutlich zu erkennen ist und der der dortigen Straße seinen Namen geliehen hat, muß um etwa 1700 herum angelegt worden sein. Er wurde als Forellenteich benutzt und ist auf Karten noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zu finden.

Der Schneckenmühlenteich

Dieser Teich im Grund des Griesbaches an dessen Oberlauf nahe dem Waldrand muß wohl privatrechtlich zur Schneckenmühle gehört haben, denn er liegt nicht nahe genug an dieser, um seinen Namen aus der Lage zu erklären. Da er Privatbesitz war, wird er in den Akten der Teichmeisterei nicht erwähnt.

Jüngere stehende Gewässer . . .

. . . sind von privater Hand gebaut worden und werden von Eigentümern oder Pächtern befischt. Die Teiche liegen in der Mordach sowie an der Viehtrift in der Steige. Ein kleines Gewässer in der Mittelbach dient dem Vogelschutz.

Text:
Volker Teutschländer


Nach Quellen von
Karl Dehnert †

Hans Rauch †
Georg Zimmermann †

Beiträge zur Geschichte der Fischerei und Teichwirtschaft in Hessen-Darmstadt





Der Kirchbergsteich



Der Waltersteich