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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 14.10.2011

 

 

 



 

Das Schützenwesen

Text:
Karl Dehnert †
Volker Teutschländer

Von der Landesverteidigung zum Sportschießen

 

Hessens Landgraf Georg I. (1547 - 1597) war nicht nur bestrebt, sein Land wirtschaftlich zu fördern, sondern auch gegen Angriffe von außen besser zu schützen. Schon bald nach der Übernahme der Regierung kam im Jahre 1569 der landgräfliche Erlaß, im Waffenhandwerk Geübte („versuchte Kriegsleute“) zu registrieren. Er förderte überall die Bildung von Schützenvereinigungen, die für die Schießausbildung und Ausrüstung der Schützen sorgten.

Schützenfeste und offizielle Preisschießen unterstützten die Aktivitäten. Durch Erlaß des Landgrafen Georg I. vom 1. September 1573 wurde eine Schützengesellschaft in Nieder-Ramstadt ins Leben gerufen. Diese nahm mit 46 Mann an dem im gleichen Jahr in Darmstadt durchgeführten Preisschießen teil.

 

Eine vorhandene Traditionsscheibe der Schützengilde Nieder-Ramstadt von 1573 ist vorhanden. Mit ihr bestätigt die Privilegierte Schützengesellschaft Darmstadt im Jahr 1878, daß die Schützen aus Nieder-Ramstadt vom 7. bis 10. Oktober 1573 am Landesschießen teilgenommen haben und das Gründungsjahr 1573 urkundlich belegt ist.

Wörtlich heißt es im Text, der schneckenmäßig um die Mitte geschlungen ist:

Die Schützengesellschaft Nieder-Ramstadt wirde gegründet durch Erlaß Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht, des Landgrafen Georg I von Hessen vom 1. September 1573. Dieselbe zählte damals 46 Mitglieder. Zu dem Hessischen Landesschießen in Darmstadt vom 7. bis 10. Oktobris 1573 rückten die „Niederrambstädter Schüzzen“ bewaffnet mit „dem Armbruost ider Stahel“ unter ihren Rottmeistern Hans Weiß und Georg Wagner ca. 40 Mann stark auf.

Die im Großh. Geheimen Staatsarchiv zu Dasrmstadt vorhandenen alten Schützenacten enethalten Nachrichten über die Gesellschaft bis in die Zeiten Anfangs des 30jährigen Kriegs. Dessen zur Urkunde widme ich der Niedrramstädter Schützengesellschaft hiermit diesen Gedenkschild, damit derselbe im Schützensaal aufgehängt und bei den Festschießen aufgestellt werde.

Die Darmstädter Schützenchronik enthält eine Abschrift der der vorgedachten Verfügung vom 1. Sept. 1573 und der alten Schützenliste d ist ein Auszug daraus der Niedrramstädter Schützengesellschaft zu deren Acten von mir mitgeteilt.

Darmstadt, im April 1878
Der seitherige Schützenmeister der Darmstädter Schützuengesellschaft
Heinrich Kraft

 

Der Schießstand in der „Nebengriesbach"
(auf den heutigen Schrebergärten am Weg zur Griesbach)

 

Die Schützengilde Nieder-Ramstadt verfügte über einen Schießstand im Griesbachtal. Sie ist jedoch ist wie alle Vereine am Kriegsende 1945 von den Besatzungsmächten verboten worden. Mit der zwangsweisen Auflösung der Schützenvereine ist auch das Schießplatzgelände der Schützengilde aufgelassen worden. Es ist entschädigungslos an die Gemeinde Nieder-Ramstadt gefallen.

 

Der Standort der Schießhalle in der Nebengriesbach
nach der Topografischen Karte von 1889

 

Bemühungen, den Verein in den 1950er Jahren wieder zu beleben, schlugen fehl. Es durfte seinerzeit nur mit Luftdruckwaffen auf 10 m geschossen werden. Die dazu erforderlichen Räumlichkeiten waren nicht vorhanden.

Ein wichtiger Zeitzeuge ist der inzwischen im Taunus lebende Helmut Neuroth, der zu dem heutigen Kenntnisstand beigetragen hat.

 

Sein Vater Georg Neuroth ist 1904 dem Schützenverein beigetreten. Oben Abdrucke seiner Mitgliedskarte des Vereins aus jenem Jahr, ferner die Mitgliedskarte des Deutschen Schützenbundes von 1905.

 

 

Die Mitgliedskarte von Friedrich Bayer aus dem Jahr 1934 trägt im Stempelaufdruck das Gründungsjahr 1573.

 

 

Rätselhaft erscheint dagegen die Beitragskarte von Friedrich Bayer für den Schützenklub „Freischütz“im Jahre 1926. Es ist kaum anzunehmen, daß Verantwortliche eines Schützenvereins aus einer Laune heraus einen anderen Vereinsnamen führten. Oder bestanden vorübergehend zwei Schützenvereine in Nieder-Ramstadt? Sollte aber Friedrich Bayer zwei Vereinen angehört haben? Wer zu Beantwortung dieser Fragen beitragen kann, wird höflich darum gebeten.

Ein weiteres Rätsel gibt ein Siegerpreis von Ludwig Burger jun. auf, über den Enkel Volker Burger verfügt:

(Die Aufnahme befindet sich vorübergehend zur neuen Bearbeitung)

Eingraviert ist folgender Text:

Gestiftet von August Gascard, gewonnen von Louis Burger jun. am 11.9.97
Zimmerstutzen-Gesellschaft Nieder-Ramstadt“

Stifter ist der Eigentümer der Papiermühle. Die abgekürzte Jahreszahl bedeutet 1897! Eine Zimmerstutzen-Gesellschaft ist in bisherigen Dokumenten und Archivarbeiten nicht aufgetaucht. Wer etwas zur Aufklärung beitragen kann, wird herzlich darum gebeten.

 

In Waschenbach,

dem nahen Nachbardorf Nieder-Ramstadts, entstand 1955 der Schützenverein "Diana", der im örtlichen Saal des Gasthauses Haas (heute: Waschenbacher Hof) den Schießsport mit den Luftdruckwaffen ausübte. Die immer strengeren Sicherheitsvorschriften beim Schießen zwangen den Verein Anfang der siebziger Jahre zu Überlegungen, wie der Schießsport an geeigneterer Stelle aufrecht erhalten werden könne.

 

Der TSV Nieder-Ramstadt

schloß sich 1973 mit dem Schützenverein "Diana" Waschenbach zusammen. Damals stellte der TSV eine eigene Turnhalle fertig, in deren Untergeschoß eine Reihe von 10-Meter-Ständen für das Schießen mit den Luftdruck- bzw. CO²-Waffen sowie eine Schützenstube eingerichtet werden konnten.

 

Den Schützen vom Schützenverein Waschenbach war damit die Fortführung des Schießsportes möglich.

Der Schießsport in Nieder-Ramstadt lebte damit genau 400 Jahre nach der Gründung der Schützengilde im Jahre 1573 wieder auf. Deshalb versammelten sich in einem Festakt die Veteranen der Schützenvereinigung von 1573 (darunter der oben erwähnte Friedrich Bayer), um symbolisch als Schützverein 1573 dem TSV beizutreten, der damit Gründungsdatum und Tradition der Nieder-Ramstädter Schützen von 1573 führt.

 

Die TSV-Schützenabteilung,

die damit entstanden war, errichtete 1980/81 zusammen mit dem Hauptverein ein großes Vereinshaus, das "Chausseehaus", in dem moderne Schießstandanlagen für alle gängigen Disziplinen und Waffenarten eingerichtet wurde.

 

Das Chausseehaus mit Aufenthalts- und Versammlungsräumen, Funktionsräumen für Sportler, Kegelbahnen und Schießsportanlagen für 50-, 25- und 10-Meter-Wettbewerbe