Startseite

Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

Inhalt

Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 02.01.2013

 

 

 


 

Die erste Schule im Kirchspiel Nieder-Ramstadt


Pfarrhaus, Schule, Kirche, Gemischtwarenladen, Wohnhaus

Die wechselhafte Geschichte eines standfesten Hauses

Vermutlich seit 1577 hat der Pfarrer für das Kirchspiel den Kindern aus Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach Schulunterricht gehalten. In der Folge der Reformation hatten die hessischen Landgrafen Philipp der Großmütige und Georg I. auf die Einrichtung von Volksschulen gedrängt. Für die Ankauf eines Schulhauses verehrte die Obrigkeit „gnädigst“ einen Betrag von 50 Gulden.

Auch die Kirchengemeinde, offenbar betuchte Privatleute und sogar die Kirchengemeinde Auerbach beteiligten sich an den Anschaffungskosten für das Haus gegenüber der Kirche, Kirchstraße 3, im ursprünglichen Kern des Dorfes. Förmlich gegründet wurde die Schule am 21. Januar 1583. Gleichzeitig trat der erste Schulmeister sein Amt an, das im allgemeinen hoch angesehen war, aber oft genug nicht einmal ein Auskommen zum Lebensunterhalt einbrachte.

Das Haus war bis zur Einrichtung der neuen Volksschule Pfarrhaus, also Wohn- und Amtssitz des Pfarrers noch aus vorreformatorischer Zeit, sehr sinnvoll und zweckmäßig gegenüber der Kirche. Sein Baujahr – und ob zu diesem Zweck gebaut – ist nicht bekannt.

Im Schulhaus versuchten die – zumeist nicht studierten – Schulmeister zeitweise bis zu 240 Kindern zumindest Lesen und Schreiben beizubringen. Es verfügte über eine Schulstube mit gestampftem Lehmboden von 11 mal 4,5 Meter mit einer Küche und einer Scheune. Im oberen Stock wohnte die Lehrerfamilie in einer Stube mit zwei Kammern. Die Chronik spricht von miserablen Arbeitsbedingungen nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer, die stets über mangelnden Schulbesuch klagten – die Kinder aus Traisa und Waschenbach kämen überhaupt nicht.

Erst der kämpferische Pfarrer Vietor setzte durch, daß in Waschenbach 1807 und in Traisa 1813 eigene Schulen eingerichtet wurden. Er erstritt auch 1817 den Ankauf der Zehntscheuer und ihren Umbau zur Schule 1821. Kirchstraße 3 wurde Knabenschule, die aber wegen des schlechten baulichen Zustandes ins gegenüberliegende Rathaus verlegt werden mußte. In der Zehntscheuer richtete die Gemeinde eine Mädchenschule ein und erwarb für die Knabenschule das Haus Kirchstraße 36, errichtete dann aber für die Mädchenschule das Haus Ober-Ramstädter Straße 18. Beide Schulhäuser wurden noch genutzt, bis das heutige Schulhaus von 1885/86 (Bahnhofstraße 16) 1904/05 erweitert war.

Das älteste Schulhaus wurde 1821 an privat verkauft. Ortskundige nennen die kurze, steile Gasse hinunter zur Modau noch heute (leider nicht amtlich) „Schulberg“, nicht – wie irrtümlich oft behauptet – nach dem ursprünglich gegenüberliegenden Rathaus, in dem bis 1956 auch gelegentlich Schulunterricht gehalten wurde.

1912 fanden in zwei Räumen die ersten katholischen Sonntagsmessen in Nieder-Ramstadt seit der Reformation statt, wegen der beengten Verhältnisse nur bis zur Verlegung ins gegenüberliegende Rathaus im gleichen Jahr. Zuvor schon fanden sich katholische Gläubige zu Andachten in den dazu ausgestalteten Privaträumen ein. Wandmalereien aus dieser Zeit sind nicht mehr vorhanden. Für angebliche vorreformatorische Fresken evtl. aus der Zeit als Pfarrhaus gibt es keine Belege.

Um die 1900er Jahrhundertwende richteten die Eigentümer eine Gemischtwarenhandlung an mit Ladentür und zwei Schaufenstern an der Frontseite. Sie sind zurückgebaut zur ursprünglichen, harmonisch gegliederten Fassade. Die Giebelwand des denkmalgeschützten Hauses zeigt im Giebelfeld unter dem Krüppelwalm dreifach den Mann im fränkischen Fachwerk. Das Wohnhaus ist saniert und gepflegt.

























Text:
Volker Teutschländer






Gepflegtes und saniertes Wohnhaus
2010



„Material, Kolonialwaren, Tabak, Zigarren
Georg Neumeister“
1910



Die erste Schule
in der ursprünglichen Dorfmitte
gegenüber der Kirche
1955
Im Hintergrund das ehem. Gasthaus
zum Römer