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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 14.10.2011

 





 

Das „Schloß“ in Nieder-Ramstadt

oder: Das Volmarsche Gut – später: Das Schneidershaus

In Nieder-Ramstadt gibt es eine Schloßgartenstraße, doch wird man vergeblich nach einem »Schloß« suchen, auf das der Straßenname hindeutet. Und doch gab es einen Adelssitz auf den die umgangssprachliche Bezeichnung zurückgeht. Der letzte Rest dieses mehr als 400 Jahre eng mit der Ortsgeschichte Nieder-Ramstadts verbundenen Gutes, das Schneidershaus, fiel 1972 der Spitzhacke zum Opfer.

Das Gut gehörte 1540 dem Junker Gilbert Waise von Fauerbach, dessen Sohn Balthasar Waise es an den Junker Gilbert von Karben zu Burggräfenrod veräußerte. Von diesem ging es 1589 durch Verkauf zur Hälfte an den landgräflichen Oberförster Valentin Hofmann über, der andere Teil an die Vormünder der Jungfrau Eva Maria Sommerbach.

1593 erwarb Landgraf Georg I. das Gut. Sein Sohn, Landgraf Ludwig V., verlieh es 1596 an seinen adligen Hofmeister Arnold Schwartz als abgabenfreies Besitztum. Im Zuge eines Gebäudetausches übernahm es 1605 Landgraf Ludwig V. wieder und schenkte es 1606 seinem Oberjägermeister Georg Bernhard von Hertingshausen als adlig-freies Rittergut. Dieser erwarb das »von Gemmingensche Gut« in der Nieder-Ramstädter Mordach noch hinzu. Nach seinem Tod verpachtete seine Witwe, Frau von Hertingshausen, das Gut an den damaligen Oberamtmann Volmar von Bernshofen, der es 1649 ganz erwarb.

Nun blieb das Gut fast 100 Jahre im Besitz der Familie von Bernshofen. Diese war mit Nieder-Ramstadt sehr verbunden, was durch die Übernahme zahlreicher Patenschaften und Stiftungen an die Kirche zu ersehen ist. Die beiden letzten Familienmitglieder, zwei unverheiratete Töchter, die das Gut von dem 1690 verstorbenen Oberamtmann geerbt hatten, starben 1744 bzw. 1747. Damit war das Geschlecht erloschen. Das Gut ging in den Besitz von Verwandten über. Der Teil mit dem Wohnhaus, dem »Schloß«, war so in den Besitz des Freiherrn von Botzheim gelangt.

Nun beginnt die »bürgerliche« Periode des Gutes. 1756 hat Freiherr von Botzheim seinen Anteil am Gut mit dem Wohnhaus an den in Roßdorf ansässigen Oberlandkommissar Johann Georg Hoffmann verkauft. Noch im gleichen Jahr ließ dieser das baufällige Herrenhaus größtenteils abbrechen und durch einen Neubau ersetzen. Der neue Besitzer verewigte sich durch eine Tafel über dem Türsturz mit seinem und dem Namen seiner Frau, seinem Familienwappen und der Jahreszahl 1756:




Text im oberen Türsturz:
„Johann Georg Hoffmann – Fürstl. hessen-darmstat. Land – Commissarius
und seine eheliche Hausfrau Maria Catharina gebohrne Eberhornin"
Im unteren Sturz:
„An Gottes Segen ist alles gelegen".



Das Hauswappen im unteren Türsturz

Vor dem Altar in der Nieder-Ramstädter Kirche wurde 1763 Maria Katharina Hofmann geb. Eberhorn bestattet, die Frau des Erbauers des „Schlosses“. Die Grabplatte ist bei der Renovierung des Kirchenraumes 1952 entfernt worden..

Im Erbgang ging das Haus an seinen Sohn, den Nieder-Ramstädter Schultheißen Wilhelm Alexander Emelius Hoffmann, der das Schultheißenamt von 1766 bis 1793 innehatte, über. Mit ihm starb die Familie Hoffmann aus.

Wilhelm Alexander Emelius Hoffmann war mit M. Katharina Illig (1750-1820) aus der bekannten Nieder-Ramstädter Papiermachersippe verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos, weshalb das Ehepaar den gesamten Besitz ihrer Nichte, der M. Katharina Illig (1785-1811), von Elmshausen bei Bensheim vermachte, die mit dem gewesenen Papierfabrikanten zu Ober-Ursel, Gastwirt zu Eberstadt Wilhelm Christoph Schneider, geboren zu Stockstadt/Rhein verheiratet war. Von 1793 an bis 1919 war das Anwesen im Besitz der Familie Schneider, woher sich der in Nieder-Ramstadt übliche Name »Schneidershaus« erklärt.

Wilhelm Christoph Schneider hatte an der Erbschaft wenig Freude, denn der Besitz war verschuldet. Er verlor den Wald auf dem Kohlberg und den größten Teil der Ländereien im Stettbachtal. Er setzte 1824 seinem Leben ein Ende. Das Haus wurde aus der Masse für die Kinder aus erster Ehe angekauft. Bis 1830 war es vermietet.




Auszug aus einem von Hans Rauch † bearbeiteten Abdruck aus der Flurkarte von 1841:
Gelb eingerahmt das Gut, darin schwarz das Schloß oder Schneidershaus. Schraffiert die Nebengebäude und Remisen.

Zwischenzeitlich, um 1830, waren Überlegungen angestellt worden, das Schneidersche Haus in ein Schulhaus umzubauen, da das alte Schulhaus am Schulberg baufällig war. Es gab bereits schon konkrete Pläne, doch wurden diese nicht verwirklicht, unter anderem auch deswegen, »weil das Klappern der benachbarten Brückenmühle den Unterricht allzu sehr stören würde«.

Wilhelm Christoph Schneider folgte der noch in Eberstadt geborene Adam Christian Schneider und auf ihn der letzte Besitzer Emil Wilhelm Alexander Schneider, der wie sein Vorgänger Küfer, Gast- und Landwirt war. Der letzte Schneider starb 1916. Die Schneiders betrieben im Haus und in dem dazu gehörenden schönen Garten eine Gaststätte mit Gartenwirtschaft, die weit über die Grenzen Nieder-Ramstadts bekannt wurde.

Obwohl die Schneiders seriöse und tüchtige Gasthalter waren, ging es mit dem Gut abwärts. Äcker und Wiesen ebenso die Baumbestände des Waldbesitzes wurden verkauft. 1909 erfolgte dann der Verkauf eines Teils der Hofreite und des Schloßgartens als Baugelände. Der damalige Komplex umfaßte mit Wohnhaus (Schloß), Nebengebäuden, Hof und Park (Gartenwirtschaft) 1469 m
2, der sich anschließende Schloßgarten 4252 m2. Durch diesen Komplex wurde eine neue Straße gelegt, das parallel zur Modau verlaufende Teilstück der Schloßgartenstraße. Die Bauplätze lagen beiderseits des neuen Straßenstücks im ehemaligen Schloßgarten.

Das Wohnhaus mit den Nebengebäuden wurde 1919 von der Gemeinde erworben, die darin Mietwohnungen einrichtete. 1969 beschloß die Gemeindevertretung die Sanierung des Ortskernes und die Errichtung eines Gemeindezentrums. Im Bereich Dornwegshöhstraße/Schloßgartenstraße sollte ein Bürgerhaus mit Rathaus sowie ein Feuerwehrgerätehaus mit Räumen für das Deutsche Rote Kreuz und die Ortsvereine entstehen. Durch Beschluß der Gemeindevertretung war festgelegt, alle im Bereich der Schloßgartenstraße liegenden Gemeindehäuser nach ihrem Freiwerden abzutragen. Für die Umquartierung der Bewohner wurde eigens ein 30-Familienwohnhaus im Baugebiet Hag errichtet.

In der Bevölkerung war der Plan, das Schneidersche Haus ebenfalls abzutragen, nicht unumstritten. Noch in letzter Minute versuchte ein Bürgerkreis den Abbruch mit dem Hinweis auf den historischen Wert des Hauses zu verhindern. Doch alle Einwände halfen nichts. Der Abbruch wurde noch vor Weihnachten 1972 vollzogen. Damit war nach der Beseitigung des Alten Rathauses von 1840, der Friedenslinde mit dem Kriegerdenkmal von 1912 und dem alten Zollhaus ein weiteres Stück des alten Nieder-Ramstädter Ortskernes verschwunden. Bald folgten auch noch das Gasthaus zum Löwen und das Brückenscholzsche Haus, wodurch die bauhistorische Substanz des alten Nieder-Ramstädter Ortskernes zwischen Kirche und Dornwegshöhstraße nur noch vom ehem. Gasthaus Zur Linde und dem ehem. Bäckerhof Bahnhofstraße 1 repräsentiert wird.


Der Rest vom Schloß: Der Wappenstein

Hans Möller † war unter den wenigen Einheimischen, die 1972 gegen den Abbruch des Schlosses (des Schneidershauses) vergeblich protestierten. Er hat den Wappenstein aus dem Sturz über dem Portal sichergestellt und bis zu seinem Tod aufbewahrt.

Die Gemeinde Mühltal hat den Stein auf Veranlassung des Arbeitskreises Heimatgeschichte Mühltal zur Erinnerung am ehemaligen Standort des Hauses in eine Einfriedigungs-Mauer eingefügt.

Das Rätsel des Wappensteins
von Heinz Bormuth

Das Wappen des ehem. Schneiderschen Hauses gibt Rätsel auf. Eindeutig ist es ein Wappen im Renaissancestil mit allen Stilmerkmalen dieser Zeit: Der Helm über dem Wappenschild mit dem Anker, der Helmzier als tuchschwingende Frau und ausgeprägtgen Helmdecken.

Das Datum ist offenbar in jüngster Zeit überarbeitet worden, m. E. falsch, denn die zweite Ziffer müsste eine 5 und nicht eine 7 sein, im 15. und 16. Jh. hat man die 1 mit dem dargestellten Schnörkel, die 5 aber ähnlich wie später die 7 geschrieben. Dies hat man bei der Restaurierung offenbar nicht verstanden. Die zwei Balken (Fenstersturz und Türsturz) gehören deshalb wohl nicht zusammen.

Möglicherweise stammt der untere Balken mit dem Wappen von dem Vorgängerbau und der Balken mit der Hoffmann-Inschrift vom Neubau.

Dabei muss auch folgendes überprüft werden: Die hess. Landkommission wurde 1777 nach der Berufung des Kanzlers Frh. von Moser begründet. Damals lebte „Landcommissarius“ Hoffmann offenbar nicht mehr, denn Maria Catharina Hoffmann wird im Hess. Ortsnamenbuch (S. 513) schon 1760 als Witwe bezeichnet. Hier gibt es noch Forschungsbedarf.

Baurat Fritz Nodnagel beschreibt in einer Beilage „Heimatliche Bauweise“ zum Gewerbeblatt im Februar 1911 Hauszeichen und Zunftwappen. Er zeigt die Abbildungen zweier identischer Schlußsteine. Beide enthalten in einem Wappenschild den Anker als Symbol und darüber eine aufrecht stehende weibliche Gestalt „in gesegneten Umständen“, ein Tuch über dem Kopfe schwingend.

Eine der Abbildungen stellt das Wappen an der Haustüre des Gasthauses Schneider in Nieder-Ramstadt dar und scheint nach Nodnagel das jüngere von beiden zu sein (Jahreszahl 1756). Die Jahreszahl des anderen abgebildeten Wappens am Torbogen des Hauses Geistberg Nr. 7 in Mainz ist undeutlich. Nach der Zwei zu schließen (172x) dürfe es aber das ältere sein. In welchem Zusammenhang die beiden Wappen stehen, ist nicht bekannt.



 

Autor:
Karl Dehnert †
Heinz Bormuth †

Der Aufsatz von Karl Dehnert ist weitgehend inhaltsgleich in der Chronik für Nieder-Ramstadt, 1988, Gemeinde Mühltal, erschienen



Christel Franze-Merlau
(Roßdorf):


Johann Georg Hofmann, * ca. 1699
verh. vor 1725 mit
Maria Catharina Eberhorn(in),

war 1733 bis 1756 mit dem herrschaftl. Hof in Roßdorf belehnt. Es handelt sich um das Bobenhausensche Gut unterhalb der Kirche, später genannt
"die Ochsenschule", leider in den 80er Jahren abgerissen für einen Parkplatz.

Das Hauptgebäude war genutzt seit 1828 als Gastwirtschaft "Zum
Odenwald", später als Schulhaus. In dieser Zeit war der Faselstall in den Stallgebäuden untergebracht (daher der Name Ochsenschule). Nach 1945 im Hauptgebäude Unterbringung von Vertriebenen/Flüchtlingen.

7 Kinder des Ehepaares Hofmann sind in in Roßdorf bekannt. Die Kinder 6 und 7 sind in Roßdorf geboren, und zwar 1735 und 1737. Das 3. Kind Wilhelm Alexander Emil war von 1766 bis 1793 Schultheiß in Nieder-Ramstadt.





Das Schneiderdhaus:
Ansicht von Süden vor 1970



Ansicht von Norden vor 1970









Zwei identische Schlußsteine, gezeichnet von Nodnagel 1911 (s. „Das Rätsel des Wappensteines“ links). Oben das Nieder-Ramstädter, mitte das Mainzer Sandsteinrelief. In beiden Wappenabbildungen hat der Künstler den obligatorischen Helm über dem Wappenschild (Anker) vernachlässigt, nicht aber die Helmzier (die Dame) und die Helmdecke (Verzierungen).

Unten: Der Helm im Ausschnitt aus der Fotografie des Nieder-Ramstädter Wappensteines.