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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 19.12.2012

 

 

 




 

Der Name Ramstadt

Text:
Volker Teutschländer



Schreibweisen:


1190: Ramestat
1360: Nyder Ramstat
1383: Niederramstat
1403: Nyder Ramstdat
1450: Niedernramstadt
1509: Nidderramstait
1589: Niederrambstatt

Quelle:
Hessisches Ortsnamenbuch
1937

Seit 1857 musten viele Ortsnamen wie in alteren Zeiten wieder getrennt geschrieben werden.

 

Heinrich Tischner („Siedlungsnamen zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter, www.heinrich-tischner.de/) führt den ersten Teil des Namens auf germ. Hrama = Holzbauwerk, mhd. rame 'Stütze, Gestell, > Rahmen', zurück. wohl kaum vom Romisz-, Romysberg = zu trennen, den Rämster (= Ramstädter?) Berg bei Neutsch. Vielleicht stand auf diesem Berg eine hölzerne Grenzmarkierung.

Dr. Wilhelm Ludwig Friedrich schreibt 1913: „Die Bedeutung des Namens Ramstadt ist ist zwar noch nicht sicher bestimmt, doch hängt der Name zweifellos mit dem Namen des Ramysberges zusammen, über den gemäß einer urkundlichen Nachricht von 1338 der Grenze des Dreicheicher Bannforstes hinwegging, jenes großen Forstbezirkes, worin ursprünglich ohne Erlaubnis der deutschen Könige niemand jagen durfte.

Man wird demnach die beiden Namen als Stadt, d.h. Ansiedlung und Berg des Rami erklären dürfen, der vielleicht ein Vornehmer oder der erste fränkische Ansiedler gewesen ist.

Möglicherweise ist mit dem Ramysberg der Gebirgszug gemeint, der bei Ober-Ramstadt ausgehend Finsterhöllenberg, Hohlert und Schmallert umfaßt und an dessen Ausläufern beide gleichnamige Orte, Ober- und Nieder-Ramstadt, angebaut sind.“

Ganz anders Gernot Scior in der Chronik Nieder-Ramstadts, 1988:

Nieder-Ramstadt ist gegenüber dem modauaufwärts gelegenen Ober-Ramstadt siedlungsgeschichtlich die ältere fränkische Niederlassung. Die Unterscheidung der beiden Ramstadt durch die Zusätze ‚Nieder‘ und ‚Ober‘ bestand sicher nicht von Anfang an. Ober-Ramstadt wird in mittelalterlichen Quellen auch als ‚Ramstadt am Berge‘ bezeichnet. Bis heute ist es umgangssprachlich üblich, von Nieder-Ramstadt als von ‚Ramscht“ zu sprechen, während Ober-Ramstadt in diesem Zusammenhang stets mit dem Zusatz ‚Ober‘, mundartlich verkürzt als ‚Owwe-Ramscht‘ bezeichnet wird.

Der Ortsname Ramstadt, um 1190 in der ältesten Schreibweise ‚Ramestat‘, heißt so viel wie Hofstätte des Hraban oder Hramis. Vermutlich war jener Hraban die ranghöchste Person unter den ersten fränkischen Siedlern. Da sich der Name dieses Hofes später auf die gesamte Siedlung übertragen hat, können wir davon ausgehen, daß die anderen Höfe zu jenem Hramis-Hof in abhängiger Stellung gestanden haben oder das der Anstoß zur weiteren Besiedlung des Nieder-Ramstädter Gebietes von diesem Hof ausgegangen ist.

Wenig wahrscheinlich ist die Ableitung des Nieder-Ramstädter Ortsnamens vom Namen des knapp 355 m hohen östlich Neutsch gelegenen Ramis- oder Rämster-Berges, einem Grenzpunkt es alten Bannforstes Dreicheich.

Der zweite Teil des Namens Ramstadt (Ramestat) ist nur als Hofstatt zu deuten.“

 

Der Rämster („Rämschter“) Berg bei Neutsch

 

Die Bewandtnis des Ortsnamens Ramstadt (mundartlich „Ramscht“) mit dem Rämsterberg (mundartlich „Der Rämschter“!) und der Südgrenze des Wildbanns Dreieich hat Dr. Adolf Müller in einer Skizze veranschaulicht (Neutsch im Odenwald, 1956):

 

 

Die Skizze zeigt die markanten Punkte, die die Grenze des Wildbanns kennzeichneten. Im frühen Mittelalter war eine Kartierung im heutigen Sinne nicht möglich, man schrieb in der Landschaft vornehmlich Erhebungen oder andere Fixpunkte fest. Dr. Müller schreibt dazu:

Über den Verlauf der Südgrenze des Bannforstes hat die Forschung sich schon viel Kopfzerbrechen gemacht, ohne zu sicheren Ergebnissen zu gelangen. . . . Nach dem Dreieicher Weistum von 1338 ging die Grenze: „über den Bintzelberg (nordöstlich Raibach) vorwarter mitten über den thorn zu Otzberg und von dannen bis zu Ryneheym an den Westen Giebel da vorbaß über den Romisberg vorbaß an die Drostbrucken in die Mudawe inne bis gein Stockstadt mitten in den Ryne, den Ryne inne mitten abe Widder bis geyn Meynsgmonden", d. h. bis zur Mainmündung.

Mancherlei, wie ich glaube, falsche Vermutungen wurden bei der Festlegung der Grenzen im Gelände vorgetragen. Die einen ließen sie von Klein-Zimmern über die Nikolauskapelle bei Reinheim, den Wembach entlang, über den Schloßberg von Nieder-Modau, den Breiten Stein und die Kohlberge zur Spenglersmühle laufen, während die anderen in dem Wester Giebel den Westgiebel der Kirche zu Reinheim sahen; die Neunkircher Höhe könne nicht gemeint sein, da zwischen Neunkircher Höhe und Trostbrücke kein hervorragender Punkt sei, den man als den Ramisberg ansprechen könne.“

Zweifel an der Neunkircher Höhe als Wester Giebel räumt das landgräfliche Weistum von 1492 aus, in dem sich Wilhelm III, nicht nur zum alleinigen Gerichtsherrn, sondern auch zum Vogt

uber halß unnd heupt, uber wasser unnd weydt, vonn Newkirchen dem weysen geben an biß gehn Stoxstatt eyn messerode in Rhein . . .“

In beiden Varianten stellt die Drusbrücke unterhalb Nieder-Ramstadts einen entscheidenden Eckpunkt der Grenze dar. Drusbrücke hieß die Brücke über die durchaus wilde Modau, die auf der Teilstrecke des starken Gefälles selbst Drusbach (oder Drostbach) genannt wurde. Die hohe Verkehrsbedeutung der Drusbrücke wird dadurch deutlich, daß seinerzeit sogar Traisas geografische Lage mit „an der Drusbrücke“ beschrieben wird. Später wurde diese wichtige Brücke als Koppenbrücke nach dem Müller der gegenüberliegenden Koppenmühle genannt. Heute nennen wir diesen Teil des Modau- oder Mühltales „Im Kühlen Grund“. Dort steht auch die Spenglersmühle, die heute „Alte Bohlenmühle“ heißt.

Die von Dr. Müller favorisierte Meinung der Heimatforscher über die Wildbanngrenze rückt folglich die Linie Neunkircher Höhe – Rämschterberg – Drusbrücke (Gemarkung Nieder-Ramstadt) in den Vordergrund. Nieder-Ramstadt an der Drusbrücke ist somit die nächste Ortschaft auf einer Linie von der Neunkircher Höhe über dem Rämschterberg nach „Ramscht“ (Nieder-Ramstadt).

Die von Dr. Müller für wenig wahrscheinlich gehaltene Variante des Grenzverlaufes rückt Nieder-Ramstadt noch mehr in das Interesse, nicht aber die Namensfindung von Ramstadt. Die Grenze verläuft – in der Skizze grün dargestellt – von Reinheim kommend über den Schloßberg bei Nieder-Modau, den Breiten Stein und die Kohlberge hinunter zur Spenglersmühle und die Drusbrücke.