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Geschichte > Nieder-Ramstadt  

Stand: 30. Jul 2012

 

 

 




 

Die Mühlburg – Adelssitz derer von Reckershausen?



Luftaufnahme von Georg Seeger etwa 1985


Adelssitz derer von Reckershausen auf den Kohlbergen?


Eines der Nieder-Ramstädter Adelsgeschlechter waren die Junker von Reckershausen. Ihr Wappen zeigt einen Schrägbalken, mit drei Ringen besetzt. Die Farben des Wappens sind nicht gesichert, vermutlich aber blauer Schild mit silbernem Balken und blauen Ringen, wie ihn die Echter von Mespelbrunn führen. Beide Familien trugen Breuberger Lehen und scheinen einem gemeinsamen Stamm entwachsen zu sein.

Die Herren von Reckershausen treten erstmals um 1200 auf. Dimarus de Reigershusen macht dem Kloster Eberbach im Rheingau eine Schenkung in Darmstadt. Hen de Regershusen ist 1252 Burgmann auf dem Frankenstein für die Erbauer der Burg, Konrad II. Reiz von Breuberg und dessen Gemahlin Elisabeth von Weiterstadt.

Auf Ruckelshausen“ – dort lagen die Besitzungen

Die Besitzungen der Reckershausen in Nieder-Ramstadt lagen links der Modau, zwischen den Bruchmühlen und der Papiermühle und gingen über den Kohlberg hinweg bis zur Mordach. Diese Gewann nennt sich noch heute „Auf Ruckelshausen“. Ebenso gehörte der schmale Talstreifen links der Modau, zwischen Papier- und Bohlenmühle und der Talgrund rechts der Mordach, zwischen „Haus Burgwald" und der Neuen Bohlenmühle, zu ihren Besitzungen. Sie sollen ehemals nur ca. 100 Morgen groß gewesen sein, wozu noch ca. 60 Morgen verstreut in der Nieder-Ramstädter Gemarkung hinzukamen

Der Heimatforscher Wilhelm Ludwig Friedrich schreibt 1913: "Der Stammsitz, der in der Nähe der Papiermühle anzunehmen ist, wahrscheinlich eine an der Modau erbaute Wasserburg“ (auf den angrenzenden Höhen sind nirgends Spuren einer Befestigung wahrzunehmen), „bestand aus einem befestigten Hof und einer in der Nähe befindlichen oder in den Umkreis des Hofes einbezogenen Walkmühle."

Wie er auf befestigten Hof und Walkmühle kam, ist nicht bekannt. Offenbar gründete er seine Aussage auf die Gewannbezeichnung „Auf Ruckelshausen".

Wasserburg oder Mühlburg?

Sicherheit hierfür besaß er aber nicht, denn sechs Jahre später, 1919, schreibt er über die Lage der ehemaligen Walkmühle:


„..., wo beim Übergang der Dieburger Straße über die Beerbach (d.i. die Mordach) sowohl Bodenreste als Nachrichten auf eine verschwundene, befestigte Walkmühle, den Stammsitz derer von Reckershausen, hinweisen".


Es fehlen leider nähere Angaben. Auch G.W.J. Wagner schreibt 1827:


"Man findet noch mehreres altes Mauerwerk".


1869 berichtet Dr. Ph.A.F. Walther in seiner Arbeit über „Die Alterthümer der heidnischen Vorzeit innerhalb des Großherzogthums Hessen" von der „Mühlburg" wie folgt:


„An dem Vereinigungspunkte der Beerbach (d.i. die Mordach, d.Red.) mit der Modau befinden sich nahe beieinander mehrere Mühlen, welche im Munde des Volkes mit dem Namen, die Mühlenburg' bezeichnet werden. In der nächsten Umgebung dieser Mühlburg hat man zu verschiedenen Zeiten, namentlich im Jahre 1838, ziemlich viele römische Münzen (bis auf Maximilian) gefunden, ebenso auf einer unfern davon liegenden Anhöhe bei der Aufrichtung des Mathildentempels im Jahre 1838 Fundamente eines römischen Gebäudes mit einer Wärmeleitung, Bruchstücke von Gefäßen aus terra sigillata, Ziegelsteine etc. Man hat, von der Ansicht ausgehend, daß hier die angenommene alte Römerstraße von Dieburg nach der Bergstraße ausmündet, an der Mühlenburg eine römische Befestigung annehmen zu müssen geglaubt".


1894 hat Friedrich Kofler erwähnt, daß diese Stelle im Volksmund "Mühlburg" genannt würde und „viele römische Münzen" dort gefunden wurden. W.L. Friedrich kommt dann 1929 zu dem Schluß:


„Beim Übergang über die Beerbach (Die Mordach) ist die ,Mühlburg', nämlich eine ehemalige Walkmühle, als Stammsitz der Adligen von Reckershausen anzunehmen, der von der Familie Stolz von Gaubickelheim geerbt wurde. Da die darauf hindeutenden Bodentrümmer auf der anderen Straßenseite gegen den einst ,Burgberg' genannten Osthang des Riedberges weiter zu laufen scheinen, so hatte hier zugleich wahrscheinlich eine vermutlich schon von den Römern angelegte Wegsperre bestanden."


Auch keine Römeranlage

Den wissenschaftlich eindeutigen Beweis, daß es sich um römische Anlagen handelt, ist man bis heute schuldig geblieben, wie Prof. R.H. Schmidt in den „Ober-Ramstädter Heften" des Vereins für Heimatgeschichte e.V. Ober-Ramstadt Heft 3, 1977, anführt („Die römerzeitliche Besiedlung entlang der Römerstraße Gernsheim - Dieburg, besonders im Odenwald-Abschnitt, von Darmstadt-Eberstadt bis Dieburg". 5. 93-96). Anderer Meinung sind 0. Schäfer und die Arbeitsgemeinschaft Heimatbuch in Nieder-Ramstadt. Er schreibt 1950:

Auf der höchsten Erhebung des Kohlberges liegen Trümmer eines Forsthauses, das in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch bewohnt war. Die Masse der Steinreste und die kreisförmige Abschließung des Berggipfels lassen sehr stark vermuten, daß diese Wüstung einst mehr war als ein einfacher Forsthof. Sie dürfte der Stammsitz der Junker von Reckershausen gewesen sein, der hier im Südwestteil unserer Gemarkung anzunehmen ist."

In der Tat standen in den Jahren zwischen 1856 und 1875 Häuser auf dem Kohlberg. Im Brandkataster von 1827 wird noch nichts erwähnt. 1856 gibt es dann einen „Stall auf dem Kohlberg", Besitzer ist Wilhelm Wagner, 1863 ist es Georg Hofmann. Ab 1858 wird daneben „ein zwei stöckig Haus mit Stallung" genannt, Besitzer ist Georg Gustav Lange, der Verleger aus Darmstadt. 1876 wird dieses Gebäude „das Großherzogliche Haus (Familieneigenthum)" genannt.

Bewohnt waren die Kohlberge!

Bei der Volkszählung am 1. Dezember 1875 wohnt nur noch Frau Maria Mutz mit vier Kindern auf dem Kohlberg. Bei der nächsten Zählung 1895 werden die beiden Grundstücke nur als „Bauplätze" aufgeführt. Der hessische Regierungsbaurat Otto Ehlers, Mitarbeiter des Hessischen Denkmalarchivs, schreibt 1944 in seinen Jugenderinnerungen an die Engelsmühle:


„Es ist zweifellos, daß in dem engen Mühltal, wo diese wichtige alte Verbindung plötzlich aus der Ebene ins enge Gebirge eintritt, einstmals Befestigungsanlagen, ein Wartturm oder Palisadensperren gewesen sind. Und auf der Anhöhe über der Bohlenmühle liegt noch ein Steinhügel, der der Unterbau für einen hölzernen Wachturm gewesen sein kann."


Einige Zeilen weiter:


„Auf dem Kohlberg über dem großen Steinbruch waren noch die Kellerruinen eines Häuschens zu sehen vor 30 Jahren, das ,Mitzehäusche', wie mir eine Tante mal sagte, es mag wohl ein Lusthäuschen gewesen sein, was sich solch ein Schwärmer aus der Zeit der ausgehenden Romantik gebaut hatte. Ich habe nie in Erfahrung bringen können, was es für eine Bedeutung hatte."


Ehlers hatte mit der Vermutung des „romantischen Schwärmers" also recht. Der Verleger G. G.Lange kann sicher als solcher bezeichnet werden. Und die Bezeichnung ,Mitzehäusche' kommt offenbar von der letzten Bewohnerin Maria Mutz. Ein Forsthaus war diese Anlage also nicht, das ältere Gebäude eher die Feldscheune eines Bauern oder der Geräteschuppen eines Holzmachers.

Den Stammsitz der Herren von Reckershausen dort anzunehmen gibt es keinen Beweis. Es ist dann doch eher zu vermuten, daß er im Talgrund am Zusammenfluß von Mordach und Modau, im „Kühlen Grund" lag. Ebenso könnte die Gewannbezeichnung „Auf Ruckelshausen" einen Hinweis auf den Stammsitz geben. Weitere Gewanne „Auf der Wettermühle", „Hinter der Wettermühle" und „Hinter dem Weihergarten", die alle unmittelbar zusammen in der Nähe der Bruchmühlen liegen, könnten auf eine weitere Mühle hinweisen. Daß dies eine befestigte Walkmühle gewesen sein könnte, ist nicht belegt. Nur künftige Bodenuntersuchungen könnten das Dunkel über den Stammsitz der Herren von Reckershausen erhellen.

Anmerkung:

Fest steht nur, daß der Name Reckershausen noch einmal im Zusammenhang mit dem vermuteten Sitz am Zusammenfluß von Mordach und Modau erwähnt wird, nämlich als Besitzer der heutigen „Alten Bohlenmühle“: Von Stefan von Reckershausen (genannt 1412 - 1454, gestorben vor 1463) ging der Besitz in Nieder-Ramstadt auf seine Tochter Margarete über, die mit Hans Stoltz von Gau-Bickelheim verheiratet war. Sie ist 1475 und 1487 als Witwe genannt. Die Nachkommen der Margarete Stoltz geb. von Reckershausen, darunter ihr Sohn Friedrich und ihr Enkel (oder Urenkel) Philipp, besitzen dieses adlige Gut bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.

Autor:
Karl-Heinrich Schanz





Mit „Die Beerbach“

in hier erwähnten Zitaten ist wie auch in anderen Artikeln ungenau der Modau-Nebenfluß gemeint, der im Oberlauf zwar „Beerbach“, auf Nieder-Ramstädter und Eberstädter Gemarkung aber „Die Mordach“ heißt.



Die Alte Bohlenmühle

an der Modau ist die spätere alte (!) Folienfabrik Scheuch, der heutige Handwerkerhof an der B 426 (Rheinstraße).

Über die weitere Geschichte der Bohlenmühle:




Die Kohlberge
oder der Kohlberg?


„Der Kohlberg“, auf dem jener Adelssitz vermutet wird, heißt im Sprachgebrauch der Einheimischen „Die Kohlberge“. Karten mit Höhenlienen bestätigen das:

Die mächtige Erhebung, die Modau- und Mordachtal teilt, hat tatsächlich drei „Gipfel“, die nicht einzeln benannt sind (270, 232,5 und 232 m über NN) .


Woher der Name „Kohlberge“?

Otto Ehlers 1961:
Der Name hängt wahrscheinlich mit der einstigen Glashütte des Landgrafen an der Mordach zusammen, indem auf den Kohlbergen die nötige Holzkohle gebrannt wurde.

Mehr über die Glashütte: