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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 26.08.2012

 

 

 



 

Der Weiler Mordach


Die Mordach ist eine romantische, ja liebliche, natürlich gebliebene Landschaft im äußersten Nordwesten des Odenwaldes „hinter“ (westlich) der Bergkette entlang der berühmten Bergestraße. Im Grunde ist die Mordach ein enges, fast schluchtartiges Tal, das nach Norden angebunden ist an das größere Modautal, das in die klimaverwöhnte Landschaft der Bergstraße mündet, der „deutschen Reviera“. Im Süden öffnet es sich zum ebenfalls landschftlich reizvollen, aber deutlich weiteren Beerbachtal.


Mordach – der Name

Jedenfalls hat er nichts mit einem Schwerverbrechen zu tun, auf das die scheinbar erste Namenssilbe hinzuweisen vorgibt. Nur „Mor“ ist ja die erste Silbe, hat vielleicht etwas mit „Moor“ zu tun. „ach“ weist in alter Sprache auf eine Aue, wasserreiche Niederung, hin. Und solches läßt sich in der Mordach noch heute erkennen. Aber wie kommt das „d“ in den Namen? Bis heute weiß das niemand

Durchweg wird ein Zusammenhang etwa mit Tötungsdelikten ausgeschlossen Anders aber Ludwig Hahn (in „Der Odenwald, Land zwischen Rhein, Main und Neckar“, 1959, Burkhard-Verlag, Ernst Heyer, Essen) in seinem Beitrag „Flurnamen“: Gerichtsstätten und und sonstige Rechtsdenkmäler, in Flurnamen überliefert, fänden sich fast in jedem Dorf. Und er nennt u.a. die Mordach in Nieder-Ramstadt.

Mit dem Namen „Mordach“ in unterschiedlichen Schreibweisen wurden in frühen Kartierungen aber auch die Ansiedlungen in den engen Tallagen der Modau (unterhalb der Ortslage Nieder-Ramstadt) und des Mordach-Baches genannt, die sich am „Kühlen Grund“ treffen. Später wurden beide (!) Gewässer-Abschnitte auch Drusbach oder Trostbach genannt. Heute heißt der Mordach-Bach in seinem Oberlauf „Beerbach“, nämlich in den Gemarkungen Nieder-Beerbach und Ober-Beerbach, also außerhalb Nieder-Ramstadts.

Warum die mundartliche Präposition („In der“) im amtlichen Namen des Weilers Eingang gefunden hat, ist nicht bekannt, aber auch unverständlich. Sogar (frühere) Gemeindenamen werden umgangssprachlich mit Präposition versehen, ohne daß diese Eingang in den amtlichen Namen fanden (z.B. Braunshardt, heute Gemeinde Weiterstadt: „In der Brauscht“, oder Hahn, heute Gemeinde Ober-Ramstadt, „Im Hahn).

Das Tal, der Weiler

Unkundige bezeichnen häufig in einem engen (falschen!) Sinne nur die Bebauung auf dem Weg von der Landesstraße bis zum Waldrand des Boschels (amtlich „Bonstal“) als Mordach.

Das enge und landschaftlich reizvolle Mordachtal vom Kühlen Grund bis zum Burgwald unter dem Frankenstein teilen sich Nieder-Ramstadt und Eberstadt, denn der Mordach-Bach bildet die Grenze zwischen beiden Gemarkungen und folglich zwischen den Gemeinden Mühltal und Darmstadt. Die Ansiedlungen bis vor die Gemarkung Nieder-Beerbach stehen rechts des Mordach-Baches, folglich in Nieder-Ramstadt und bilden den Weiler Mordach. Anders als die Waldmühle (oder Mahrsmühle): Ihr Hauptgebäude steht links der Mordach auf Eberstädter Gebiet und wird deshalb nicht zu dem Nieder-Ramstädter Weiler gezählt. „Auf der Mordach“, wie Mühlen-Fachleute sagen, stehen rechts auch die Neue Bohlenmühle und links die Engelsmühle, aber schon an der Einmündung der Mordach und ihres Tales in die Modau und in den im Talkessel des Kühlen Grundes.

Schon 1475 wird zwischen der Eberstädter und der Nieder-Ramstädter Mordach unterschieden.

Nieder-Ramstadt und damit die (Nieder-Ramstädter) Mordach sind Teile der Gemeinde Mühltal, die „In der Mordach“ schreibt und ihr die Bezeichnung „Ortsteil“ verliehen hat, obwohl auf die Mordach eindeutig die Definition eines Weilers zutrifft. Ein Weiler ist eine Wohnsiedlung, die aus wenigen Gebäuden besteht, also kleiner ist als ein Dorf, aber größer als ein Gehöft. Ein Weiler hat in der Regel keine geschlossene Bebauung und keine Gebäude, die wie in einem Dorf zentrale Funktion haben (Kirche, Gasthaus, Marktplatz).


Mordach – die Verkehrslage

So versteckt, wie die Mordach zwischen die Erhebungen der Bergstraßenkette und den Kohlbergen eingebettet liegt, so günstig tangiert sie die Schnittpunkte europäischer Verkehrsströme drunten in der Ebene des Oberrheines. Von der Drehscheibe des internationalen Luftverkehrs in Frankfurt, der Mitte der pulsierenden Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar, erreicht man in nur einer guten halben Autostunde die Autobahnausfahrt 27 (Darmstadt-Eberstadt ... Mühltal).

Ja, und von hier zeigt es den Weg auf die B 426 in Richtung Mühltal. Wir brauchen nicht einmal bis in die Kerngemeinde Mühltal vorzudringen, denn schon nach ein paar Minuten biegt nach rechts die Landesstraße unmittelbar in die Mordach ab - „Lautertal“ und „Mühltal – Nieder-Beerbach“heißt es auf dem Wegweiser.

Die Straße schlängelt sich 3 km auf der engen Talsohle der Mordach flußaufwärts, vorbei an jahrhundertealten ehemaligen Wassermühlen. Ein einziger Weg zweigt nach links ab – grüner Wegweiser für eine abseits liegende Ortschaft: „Mühltal – In der Mordach“, nein, kein „Ortsteil“, sondern klassischer Weiler.

Mordach – die Landschaft

Die Mordach ist ein Seitental der Modau, das sich vom Kühlen Grund aufwärts nach Südosten erstreckt, vom Bachlauf der Mordach durchflossen und von der Landesstraße ins Lautertal durchzogen.

Mordach ist das sehr romantische Tal zwischen dem "Burgwald", das sind die Hänge unterhalb der Burg Frankenstein, im Südwesten, den Kohlbergen im Norden und dem Kastenwald im Osten. Die östlichen Erhebungen begrenzen das Mordachtal zu den Tälern von Modau und Waschenbach. Das westliche Gebirgsmassiv bildet mit seinem markanten Höhenzug den Westrand des Odenwaldes. Er fällt jenseits steil zur Tiefebene des Rheins ab und sorgt so für die klimatische Begünstigung des breiten Landschaftsstreifens von Darmstadt über Weinheim und Heidelberg nach Wiesloch, der unter dem Namen „Bergstraße“ seit Römerzeiten berühmt ist.

Die Erhebungen rundum sind bewaldet bis in die Tallage, durch saftige Wiesen fließen kleine Gewässer dem Flüßchen Mordach zu. Es mündet am Kühlen Grund in die Modau und betrieb einst 6 große Mühlenbetriebe, davon 2 auf Eberstädter Gebiet, 4 in der erfolgreichen Müller- und Bäckerzunft Nieder-Ramstadt. In seinem Oberlauf, in der Gemarkung Nieder-Beerbach, ändert der Mordach-Bach wie auch das Tal seinen Namen in Beerbach. Hier betrieb er einst vier weitere Mühlen.

Das Mordachtal ist ein beliebtes Wandergebiet. Gegenüber der Frankenbergersmühle führen die Himmelsleiter im Direktaufstieg oder der Herrenweg kommod für den Familienspaziergang hinauf zur Burg Frankenstein. Durch die Mordach führen der Fernwanderweg Odenwald – Vogesen sowie markierte Wanderwege des Naturparks Bergstraße-Odenwald und der UNESCO-Geopark-Lehrpfad „Müllers Lust“ zu Mühltals Mühlen.

Mordach – die Gewerbelandschaft

Die Mordach ist nicht nur Teil des Territoriums der Gemeinde Mühltal und des Naturraumes Mühltal, sondern auch der historischen Gewerbelandschaft Mühltal. Die hier so zahlreich wie in wenig anderen Gegenden angesiedelten Mühlenbetriebe nutzten die Kraft des ausreichend verfügbaren Wassers, das hier in den engen Tälern der tief gegliederten Odenwald-Landschaft in günstigem Gefälle zu Tale strömt. Zur Gunst der Wasserkraftnutzung kamen die Vorteile schon damals vergleichsweise günstiger Verkehrswege zu den Märkten und Städten in der Oberrheinebene, ja bis ins lothringische Metz und ins elsässische Straßburg. Der blühende Wirtschaftszweig mitsamt den Sekundärbetrieben brachte nicht nur den „Bachprinzen“, wie die reichen Mühlen-Unternehmer wegen ihres wirtschaftlichen Erfolges genannt wurden, einen ansehnlichen Wohlstand, sondern über sieben Jahrhunderte einem Gutteil der Menschen in den Tälern Arbeit und Brot.


Mühltal nennen die Menschen deshalb den mittleren Teil des Modautales mitsamt den hier einmündenden Tälern der Nebenflüsse wie der Mordach.. Das Gebiet der seit 1977 bestehenden Gemeinde deckt sich großenteils mit jener Landschaft und trägt deshalb auch deren Namen. Ein Lehrpfad des Geo-Naturparks Bergstraße Odenwald führt zu 31 ehemaligen Mühlenstandorten an Modau, Mordach, Beerbach und Waschenbach.

Die Geschichte

Erstmals wird „die Mordach“ 1390 als „Mortart" anläßlich eines Waldkaufs durch Hans den Älteren von Walbrunn genannt, dessen unmittelbare Vorfahren sich noch „von Ramstadt“ (das ist Nieder-Ramstadt) nannten. Daß das Gebiet ein eigenes Gericht hatte und in vorreformatorischer Zeit zur Pfarrei Neunkirchen (1475) gehörte, läßt auf eine ursprünglich selbständige Gemarkung schließen.

Es gibt Dokumente, die von den Strapazen für Mensch und Tier berichten, wenn Verstorbene aus der Mordach im Winter auf einer Mehr-Tages-Reise mit dem Pferdefuhrwerk zum Kirchhof auf die bald 25 km entfernte und rund 600 m hohe Neunkircher Höhe mit ihrerm Schneereichtum geschafft werden mußten.

1698 gründete Landgraf Ernst Ludwig von Hessen hier eine Glas- und Spiegelmanufaktur zur Fertigung von Hohlgläsern, Butzen- und Spiegelscheiben. Da sich der Betrieb als unrentabel erwies, wurden die Gebäude schon 1705 verkauft und zu einer Getreidemühle umgebaut. Als diese 1896 niederbrannte, errichtete Friedrich Ludwig Schneider auf dem Standort der Brandruine das Gast- und Kurhaus Burgwald. Schneider war Nieder-Ramstädter Bürgermeister von 1893 bis 1901, er verstarb 1904. 1909 verkaufte Familie Schneider die „Villa Burgwald“ an den „Verein zur Heilung von Alkoholkranken“, der eine Heil- und Rehaeinrichtung betrieb, aus der das heutige „Haus Burgwald“ als Einrichtung für Suchtkranke hervorgegangen ist. Daß sie als ihre Anschrift „Nieder-Beerbach“ angibt ist ein Fehler.

Im Verzeichnis der Wohnplätze im Großherzogtum Hessen von 1902 werden unter „Nieder-Ramstadt“ die einzelnen Wohnplätze in der Mordach genannt. Nach Wikipedia sind Wohnplätze im engeren Sinne die von einer Stadt oder Gemeinde "abgesonderten Gemeindeteile", also Siedlungen mit eigenem Namen, die vom Hauptort räumlich getrennt sind und im Laufe der Geschichte schon immer zu dieser Gemeinde gehörten. 1902 befinden sich demnach folgende Wohnplätze im Tal der Mordach:


Zwei Mordachmühlen: Die vormals dritte Mordachmühle bestand bei der Erstellung des Wohnplatzverzeichnisses (1902) ja nicht mehr und wurde schon als Villa Burgwald aufgeführt. Für die beiden verbliebenen Mordachmühlen sind die Namen Frankenbergersmühle und Zehmühle geläufig.

Burgwald: Das ist die bis dahin dritte Mordachmühle (auch Krugsmühle), die 1896 total abbrannte. 1909 wurde an dieser Stelle das „Gast- und Kurhaus“ errichtet.

Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei: Das ist die ehemalige Dampfziegelei, im Volksmund Russenfabrik.


Insgesamt versorgte der Mordach-Bach mittels seiner Wasserkraft sechs ehemalige Mühlenstandorte mit Antriebsenergie. Die Gehöfte lassen noch heute ihre frühere gewerblichen Bedeutung als Wassermühlen recht gut erkennen. Vier weitere Mühlen betrieb der emsige Bach weiter oberhalb in Nieder-Beerbach, wo er „Beerbach“ heißt.

Nichts mehr zu sehen ist von der „Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“ genannt „Russenfabrik“ in der Mordach unterhalb des Boschels, eine industriell arbeitende Ziegelei, die den am Ort vorkommenden Rohstoff verwendete. Der Betrieb wurde nach dem Krieg stillgelegt, alle Betriebseinrichtungen wurden geschleift.

Text:
Volker Teutschländer



Der Name Mordach in alten Dokumenten (aus: Hess. Ortsnamenbuch,
Wilhelm Müller, 1937):

1445 Mortart
1475 Mordthardt
1513 Mortart
1560 Mordach
1746 Morthart
1927 Mordach

Bitte beachten Sie:
Zu keiner Zeit war der Name mit einer Präposition verbunden.





Ins breitere Beerbachtal
läuft das Mordachtal unter dem Frankenstein aus



Die Zehmühle,
die oberste Mordachmühle, heute ein Reiterhof




Das Haus Burgwald:
Blickfang auf der Fahrt durch das Mordachtal nach Lautertal
auf dem Standort der ehem. Glashütte:




Die Frankenbergersmühle




Die Waldmühle (Mahrsmühle) links der Mordach, deshalb in der Gemarkung Eberstadt




Die ehem. Russenfabrik,
die industriell arbeitende Ziegelei, die „Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“