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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 07.12.2012

 

 

 



 

Die Reformation im Kirchspiel Nieder-Ramstadt


Mit der Einführung der Reformation endete für die Nieder-Ramstädter Kirche das im 15. Jh. entstandene Filialverhältnis zur Darmstädter Stadtkirche, als die Grafen von Katzenellenbogen eine Aufwertung der Kirche in ihrer Residenzstadt vorgenommen hatten mit weitgehenden Konsequenzen für das Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach. Für Eheschließungen und Taufen war dadurch der Gang nach Darmstadt notwendig geworden. Die seelsorgerische Arbeit und den sonntäglichen Gottesdienst vor Ort leistete stellvertretend für den Darmstädter Pfarrer ein Pleban, was soviel wie Leutepriester bedeutete.

Erst ab 1509 waren wenigstens wieder Taufen in Nieder-Ramstadt möglich. Die üblichen Taufheller standen aber weiterhin dem Darmstädter Pfarrer zu. Dessen letzter Vertreter in Nieder-Ramstadt war der Pleban Wendelin Dorsch, der 1526 von Nikolaus Maurus nach Langen versetzt wurde. Sein Nachfolger in Nieder-Ramstadt wurde der Lutheranhänger Laurentius Motz mit dem Auftrag, hier das Reformationswerk zu vollenden. Motz blieb 34 Jahre im Amt.

Der Übergang zum evangelischen Gottesdienst dürfte sich ohne große Widerstände vollzogen haben, denn sein Vorgänger Wendelin Dorsch scheint sich bereits in seinen letzten Nieder-Ramstädter Jahren zum Anhänger der Lehre Luthers gewandelt zu haben. Mit seiner Versetzung nach Langen war nämlich auch der Auftrag verbunden, dort die Reformation durchzuführen.

Bis 1529 gab es etwa in der Hälfte der Pfarreien der Obergrafschaft Katzenelnbogen evangelische Prediger.

Durch die Einführung der Reformation veränderte sich in Nieder-Ramstadt die Gottesdienstordnung, die Liturgie. Seitdem wird der Gottesdienst in all seinen Elementen wie Bibellesung, Gebet, Predigt, Gesang und Glaubensbekenntnis grundsätzlich auf deutsch gefeiert. Ausnahmen gelten lediglich für bestimmte feststehende liturgische Gesänge.

Wesentliche Änderungen betrafen die Abendmahlsfeier. Nach Luther ist Christus beim Austeilen von Brot und Wein an die Gemeinde durch den Pfarrer zwar weiterhin gegenwärtig, jedoch nicht im Sinne einer Wesensverwandlung von Wein und Hostie zur leibhaftigen Gegenwart Jesus Christi. Brot bleibt zugleich Brot, Wein zugleich Wein. Außerdem bleibt die mit den Einsetzungsworten „dies ist mein Leib“ geschehende Selbstzueignung Jesu Christi auf die Abendmahlsfeier beschränkt. Dagegen bleibt nach römisch-katholischem Verständnis in einer geweihten Hostie Jesus Christus auch weiterhin gegenwärtig. Dies hatte eine entsprechend ehrerbietige Aufbewahrung der geweihten Hostie verlangt. In der evangelisch gewordenen Kirche verlor jetzt die Sakramentsnische als Aufbewahrungsort für den Hostienbehälter durch diese Änderungen ihre Funktion. In vielen Kirchen wurde diese Nische zugemauert. In unserer Kirche blieb sie dagegen erhalten.

Weiter veränderte sich in den evangelischen Gemeinden die Einstellung zur Verehrung der Heiligen und Märtyrer. Zwar bekannten sich auch die Lutheraner in der Confessio Augustana, dem evangelischen Glaubensbekenntnis von 1530 in Artikel 21 zur Heiligenverehrung, aber nur in dem Sinne, dass man der Heiligen wegen ihres Vorbildcharakters, was Glaubensstärke und Lebensführung angehe, gedenken solle. Auch werde an ihnen erkennbar, wie ihnen göttliche Gnade widerfahren und ihnen durch den Glauben geholfen worden sei. Abgelehnt wurde dagegen sowohl die Anrufung der Heiligen um Hilfe als auch die ihnen seither zugedachte Mittlerrolle zwischen den Gläubigen und Gott. Die bisher in Nieder-Ramstadt als Nothelfer verehrten Heiligen, Heiliger Veit und Heilige Margareta, verloren so ihre Bedeutung. Ihre Reliquien wurden entfernt.

Auch die Wahrnehmung der Kirche selbst wurde allmählich eine andere. Die reich mit Fresken verzierten Wände in Chor und Schiff des gotischen Kirchenbaus aus der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden zwar nicht zerstört aber mit Kalkfarbe übermalt, was man bei einer gründlichen Renovierung des Chorraumes und den Resten der N-Wand des gotischen Kirchenschiffs im Jahre 1908 feststellen konnte. Die damals entdeckten Wandmalereien zeigten u. a. Heilige und Apostelbilder und eine Szene, wie Christus unter der Last des Kreuzes niedersinkt.

Allmählich verschwand selbst der Name der Kirche aus dem Bewusstsein der Gottesdienstbesucher. Aus St. Margareten wurde schlicht die evangelische Kirche zu Nieder-Ramstadt.

Aus dem Vortag von
Gernot Scior


zum Reformationsfest
am 31.Okt. 2011
in der Kirche Nieder-Ramstadt