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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 07.12.2012

 

 

 




 

Kirchweihfest und Heiligenverehrung

Zur Geschichte der Kerb in Nieder-Ramstadt


Die Kerb is do, was sin die Leit so froh“. Auf Hochdeutsch: Wir feiern wieder Kirchweihe. Vielen von uns ist jedoch nicht mehr bewusst, dass dieses Fest in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der mittlerweile rund 1200 Jahre währenden Geschichte unserer Kirche steht. Die Kerb oder wie in anderen Orten unserer engeren Heimat auch Kerwe genannt, ist von ihrem Ursprung ein Fest, das zur Erinnerung an die erste Weihe der Kirche auf den Namen des Ortsheiligen, bzw. der Ortsheiligen gefeiert wird, unter deren Patronat, d. h. Schutz, die Kirche stand. Höhepunkt der Weihe war die Einbettung der Reliquie des oder der Heiligen in den Altar. Am jährlichen Kirchweihtag kamen viele Menschen zusammen, die im Anschluss an die liturgische Feier auf ihre Weise ihre Kirchmesse, Kirmes oder Kerb weiter feierten, Meinungen und Nachrichten austauschten oder sich nur amüsieren wollten. In Städten und Dörfern, wo an diesem Fest viele Menschen zusammenkamen, entwickelten sich daraus Jahrmärkte, auf denen die Bevölkerung ihren Bedarf an Gerätschaften, Bekleidung oder Vieh decken konnte.

Mit der Einführung der Reformation hat sich die Heiligenverehrung grundlegend gewandelt. Galten vorher die Heiligen den Gläubigen als Mittler zu Gott, die bei allen möglichen individuellen Nöten als Fürsprecher verehrt und in direktem Anruf um Hilfe gebeten wurden, so reduzierte sich die Heiligenverehrung in der evangelischen Kirche auf den Vorbildcharakter der Heiligen im Hinblick auf deren Glaubensstärke und Lebensführung.

In den evangelisch geprägten Gebieten ist daher zwangsläufig der in vorreformatorischer Zeit bestehende enge Bezug zwischen dem Volk und den von ihm verehrten Kirchenheiligen verloren gegangen; die Kirchweihfeier dagegen hat sich in den evangelischen Gebieten vom Patroziniumsfest zu Ehren des Kirchenheiligen an seinem Namenstag zu einem Volksfest mit allen weltlichen Spielarten des gemeinsamen Feierns entwickelt und ist heute insbesondere im ländlichen Raum längst zum festen Bestandteil der Jahresfeste geworden.

Im Gedächtnis des Volkes ist allenfalls die eine oder andere Bauernregel geblieben, die weniger mit einer Heiligenverehrung in Verbindung zu bringen ist als mit der Verknüpfung von über die Jahrhunderte entstandenen Erfahrungen der Landbevölkerung zu Wetter, Aussaat und Ernte mit den Namenstagen bestimmter Heiliger.

Unsere Kirche hatte bis zur Reformation zwei Altäre, die dem Heiligen Veit und der Heiligen Margareta geweiht waren. Der ältere Kirchenpatron war der Heilige Veit , dem der Altar des ersten Steinbaues ( Erbaut um 1200. Das Untergeschoss des Turmes stammt noch aus der Zeit) geweiht war. Sein Altar befand sich später in einem Kapellenanbau, als man sich im 15. Jahrhundert entschloss, einen gotischen Neubau der Kirche zu errichten, dessen Altar der Heiligen Margareta geweiht wurde.

Im Chor wurde 1908 ein Ganzkörperfresko der Heiligen bei einer Innenrenovierung der Kirche im Jahr 1908 entdeckt.

Die Reformatoren lehnten die Kirchenweihe im Sinne der Übertragung göttlicher Kraft auf einen heiligen Ort ab. Für sie stand dagegen eine in feierlicher Form vorzunehmende Widmung des Gebäudes zum kirchlichen Gebrauch im Mittelpunkt. Insbesondere lehnten die Reformatoren mit dem Heiligenkult die Weihe einer Kirche an Heilige ab.

So wurde aus der Kirche Sankt-Margareta und der Kapelle des Heiligen Veit durch die Reformation allmählich die namenlose evangelische Kirche für das Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach. Ebenfalls verschwand während der bilderstürmenden Phase der Reformation die Bemalung der Innenwände des gotischen Kirchenraumes unter einer weißen Kalkschicht.

In Nieder-Ramstadt wird die Kerb alljährlich am ersten Wochenende im August gefeiert. Diese Terminierung ist in engem Bezug zu sehen mit dem Namenstag der Heiligen am 20. Juli, auch wenn es früher üblich war, das Kirchweihfest am ersten Sonntag nach dem Gedenktag zu feiern. Unser Kerbtermin fällt traditionsgemäß auf den zweiten Sonntag nach dem Namenstag der Heiligen Margareta.

Margareta war eine frühchristliche Märtyrerin. Die Legende spricht ihr zahlreiche Wunder zu. Sie soll die Tochter eines heidnischen Priesters aus Antiochia in der römisch-kleinasiatischen Provinz Pisidien gewesen sein. Der Legende nach habe ihre Amme sie zum christlichen Glauben erzogen. Der Stadtpräfekt von Antiochia habe die schöne Jungfrau begehrt, als sie die Schafe ihres Vaters hütete. Da sie sich standhaft verweigerte, ließ der Präfekt sie mit eisernen Kämmen reißen, mit Fackeln sengen und ins Gefängnis werfen. Dort sei ihr der Teufel in Gestalt eines Drachens erschienen, der sie zu verschlingen drohte. Sie machte das Kreuzeszeichen über ihm und entkam so seinen Krallen. Dem nun in Menschengestalt erschienen Teufel setzte sie ihren Fuß auf den Scheitel, um ihm seine Machtlosigkeit zu zeigen. Allen weiteren Martern zum Trotz heilten ihre Wunden immer wieder. Als das Volk dies erkannte, ließen sich viele taufen. Als Margareta schließlich zur Richtstätte geführt wurde, betete sie vor ihrer Enthauptung für ihre Verfolger und alle die in Zukunft ihr Gedächtnis anrufen würden, insbesondere aber für die Frauen in Kindsnöten.

Die Margaretalegende entspricht dem Typus der Jungfrauenpassion Als Attribute bei bildlichen Darstellungen finden wir: Kreuz, Drachen, Fackel und Kamm.

Sie gilt als Schutzheilige der Bauern und Hirten, der Jungfrauen, Mädchen, der Gebärenden und unfruchtbaren Ehefrauen, bei schweren Geburten, bei Gesichtskrankheiten und Wunden. Früher begann an ihrem Gedenktag die Ernte.

Zahlreiche Bauernregeln verbinden sich auch mit ihrem Namen, wie:

> Wenn es an Margareta regnet, kommt das Heu schlecht rein.
> Regen am Margaretatag, sagt dem Hunger guten Tag.
> Die erste Birn bringt Margaret, dann überall die Ernt angeht.

Verfasser:
Gernot Scior






Hinter der alten Orgelwand an der linken Chorwand das Fresko der Heiligen Margareta
bis zum Umbau des Chores 1952

Seitdem befindet sich dort ein weiteres Chorfenster