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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 29.07.2012

 






 

Die Dorfkirche zu Nieder-Ramstadt

 

Die ev. Kirche Nieder-Ramstadt ist heute Heimstatt einer ev. Kirchengemeinde, die Nieder-Ramstadt (ohne die Nieder-Ramstädter Diakonie), Waschenbach und Trautheim südlich der Odenwaldstraße umfaßt. Das historische Kirchspiel umfaßte bis 1952 die Gebiete der bürgerlichen Gemeinden Nieder-Ramstadt, Waschenbach und Traisa.

Auf dem höchsten Punkt des Dorfes stand die Kirche einst inmitten des „Kirchhofes“, des Friedhofes. Der untere Teil des Turmes stammt aus dem 13. Jh. Er ist 32 m hoch und gegenüber dem Schiff um 20 Grad nach Norden gedreht. Charakteristisch der Spitzhelm mit den 4 Wichhäuschen.




Von der Straße an der Zehnscheuer sind die drei Glieder des Baukörpers zu erkennen: Der Turm, das Schiff in seiner erweiterten Form von 1608 und der Chor aus dem 15 Jh. Der Straßenname erinnert an das dortige Lagerhaus für die früheren Abgaben an die Landesherren in Naturalien (den „Zehnten“).



Vom Schleifweg „hinter den Gärten“ überragt der Kirchturm das alte Dorf, das sich ins enge Tal schmiegt – anders als die neuen Siedlungen. Im Hintergrund der Kirchberg (280 m), weit entfernt von der Kirche, trotzdem „Kirch-“ nicht „Kirschberg“, weil von der 280 m hohen markanten Erhebung der Nieder-Ramstädter Kirchturm zu sehen war, bevor der Hochwald die Sicht versperrte.

Die Kirche wirkt nicht nur ortsbild-, sondern gar landschaftsprägend - hier eine Sicht vom ähnlichen Standort, dem Schleifweg, aber weiter im Süden.



Nach Osten gerichtet ist der Kirchenbau mit einer Abweichung nur des Turmes, der sich damit markant vom Baukörper abhebt. Schiff und Chor wurden wohl im 15. Jh. anstelle des schmalen romanischen Schiffes erbaut.



Der spätgotische Chor, eine Stufe gegenüber dem Kirchenschiff erhöht, ist wohl der schönste Teil des Gotteshauses unter seinem schlichten Netzgewölbe, dessen Rippenbündel auf Konsolen mit leeren Schilden sitzen.
Vor dem Altar wurde 1763 Maria Katharina Hofmann geb. Eberhorn bestattet, die Frau des Erbauers des Nieder-Ramstädter „Schlosses“, des späteren und 1972 abgebrochenen Schneidershauses. Beweise für eine einstige Grabplatte vor dem Altar fehlen bisher.



Das Kirchenschiff nach Westen. Seine heutige Form geht auf die Erneuerungen des Jahres 1978 zurück. Der gesamte Innenraum wurde vom heimischen Kirchenmaler Hermann Velte (Trautheim) und seiner Tochter Gisela neu ausgemalt.



Seit 1714 erklingt die Königin der Instrumente in der Rämschter Kirche. Die derzeitige Orgel auf der Emporen-Brüstung gegenüber dem Chor stammt aus dem Jahr 1973. Sie verfügt über 14 Register mit 988 Pfeifen.



Auch ein Ergebnis der Renovierung von 1978: Unter der alten Farbe kam die schöne Holzkanzel aus dem Jahr 1743 zum Vorschein, ebenso die Gestaltung der Kirchenvorsteherbank aus dem gleichen Jahr.
Links der Kanzel der „Leichenstein“ der 1739 verstorbenen Pfarrfrau Moter. Links davon (nicht im Bild) der Gedenkstein an Pfarrer Vietor, gestorben 1674.



Der neue Altar wurde im Zuge einer Innenrenovierung der Kirche aufgestellt und am Reformations-Sonntag 1974 eingeweiht. Er besteht aus roten Sandsteinblöcken und entspricht daher der Gestalt der Gewölberippen im Chor, dem Taufstein , den Gewänden der Fenster und den Fußbodenplatten. Er wiegt über 12 Zentner. Er wird überragt vom Kruzifix, das ehedem in der Turmhalle hing und aus dem 18. Jh. stammt.



Die Bild und Schrifttafeln hinter der Kirchenvorsteherbank stammen aus dem Jahr 1743 und wurden von heimischen Bürgern gestiftet.



Es mag überraschen, daß der ebenfalls aus Sandstein gearbeitete Taufstein möglicherweise der älteste Teil der Kirche ist! Seine ursprünglich romanische Gestalt wurde allerdings vielfach überarbeitet, „vielleicht ein letzter Zeuge der Vorgängerkirche aus dem 13. Jahrhundert“, schreibt Karl Dehnert in der Chronik von Nieder-Ramstadt.



Original und Fälschung?“ Die Kirche im Modell vor dem Original beim historischen Festzug 1994 zur Feier der ersten urkundlichen Erwähnung Nieder-Ramstadts vor 800 Jahren.



So schön (und so groß) sieht der Kirchturms-Hahn aus der Nähe aus – hier bei der jüngsten Erneuerung in den achtziger Jahren. In der Mitte die vergoldete Dokumenten-Urne, auf der er sitzt, rechts davon die verbrauchte alte Kugel.



Die Wichhäuschen
an den vier Ecken der Turmbedachung geben dem mächtigen Turm eine markante Note, den einen oder anderen Vorübergehenden machen sie dagegen nachdenklich. Was sind das für Türmchen, und was heißt Wichhaus?
Der Duden kennt den „Wich“ nicht mehr. Als Bauwich wird jener Abstand zur Grundstücksgrenze des Nachbarn oder zur Straße bezeichnet, den die Bauordnung vorschreibt – deshalb im Baurecht neuerdings auch „Abstandsfläche“. Den Wich gibt es auch als Bestandteil von Namen historischer Bauwerke, etwa als vorkragender Wach- und Aussichtsturm von Stadtbefestigungen. Das beschreibt etwa den Namen der Wichhäuschen auf dem Nieder-Ramstädter Kirchturm – Funktionen als Wehrbauten hatten sie aber wohl nie.
Unsere Wichhäuschen haben eine Höhe von rund vier Meter und einen massiven Holzkern.

 

Text:
Volker Teutschländer

Alle Fotos:
Dr. Günther Weyhrauch






Der Grundriß
der Kirche, von Otto Ehlers 1941 vermessen und gezeichnet.
1952 wurde im Chor zur Herstellung der Symmetrie ein weiteres Fenster gebrochen, 1959 der Aufgang umgestaltet.



Eine anerkannt schöne Turmbekrönung hat die Nieder-Ramstädter Kirche:

Karl Schwinn (†), namhafter Volkskundler aus Reichelsheim, hat die Turmkrone so gezeichnet und in seinem Buch über „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ (Verlag Marga Hosemannm Mörlenbach, 1985) abgebildet:



Wörtlich schreibt er: „Den Nieder-Ramstädter Kirchturm ziert ein mächtiges Raumkreuz. Von der Mitte des senkrechten eisernen Ständers gehen in rechten Winkeln vier waagrechte Arme ab. Sie enden in Lilien. Der Stamm hat unten und oben vier gebogene Ecken. Die waagrechten Arme sind untereinander und mit dem senkrechten Teil durch ein fast
unübersehbares Gewirr von geschweißten Verstrebungen verbunden. Darüber dreht sich der Hahn.“

Hier irrt der Autor!

Er hat vom falschen Standort beschrieben! Von vier Seiten des Kirchturms ergibt sich nämlich folgende Sicht:



Diese Aufnahme von Dr. Günther Weyhrauch zierte eine Einladung zum Gottesdienst am Pfingstmontag, 23. Mai 1994, im Rahmen der 800-Jahr-Feiern Nieder-Ramstadts.

Pfarrer Christoph Mohr schrieb dazu:

Vier Herzen habe der Künstler in alle Himmelsrichtungen geschmiedet. „Herzen nach Norden, nach Süden, nach Westen, nach Osten, dazu je eines zum Himmel hoch oben und zur Erde nach unten. In allen Windrichtungen soll das Herz schlagen, mehr noch: die Liebe regieren. Denn diese Herzen sind Symbol und Zeichen für die Liebe. Für unsere Liebe, die wir uns gegenseitig schenken, aber noch mehr für die Liebe, die diese Welt trägt und oft genug uns lieblose Menschen ertragen muß . . .“