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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 07.12.2012

 

 

 



 

Ein Streifzug durch die Baugeschichte der Dorfkirche Nieder-Ramstadt


Als ich letztes Jahr am Kerbsamstag hier meinen Vortrag zur Geschichte der Kirche hielt, standen die Zusammenhänge unserer Kirchweih mit der mittelalterlichen Heiligenverehrung im Mittelpunkt meiner Ausführungen. Ich machte deutlich, dass der Nieder-Ramstädter Kerbtermin Anfang August Bezug nimmt auf die Weihe der Kirche am 1. oder 2. Sonntag nach dem Namenstag der Heiligen Margareta. Das ist im Kirchenjahr der 25. Juli. Der Heiligen war der Altar der gotischen Kirche bis zur Einführung der Reformation in Nieder-Ramstadt im Jahre 1526 geweiht. Die Ursprungskirche aus romanischer, vielleicht sogar aus vorromanischer Epoche war dem Heiligen Vitus geweiht, der nach Übertragung der Reliquien der Heiligen Margareta in den Altar des gotischen Kirchenbaus in einer Seitenkapelle weiter verehrt wurde.

In meinem heutigen Vortrag werde ich mich auf die bauliche Entwicklung konzentrieren, vom Hochmittelalter an bis in die Zeit, als die Kirche ihr heutiges Aussehen gewann. Anhand zahlreicher Bilder werden Sie an einem Streifzug durch die Jahrhunderte teilnehmen und am Ende erkannt haben, dass in den Mauern unserer Kirche und der nächsten Umgebung mehr als 1000 Jahre lokaler Geschichte sich konzentrieren und an keinem anderen Ort in Nieder-Ramstadt historische Kontinuität so nahe erlebbar ist wie hier.

In Veröffentlichungen zur Nieder-Ramstädter Lokalhistorie gab es mehrere Ansätze zur Darstellung der Geschichte der Kirche, zuletzt in der 1982 von Karl Dehnert verfassten Broschüre zur 650-Jahr-Feier der christlichen Gemeinde Nieder-Ramstadt. Aber auch der für die Heimatgeschichte so verdienstvolle Karl Dehnert musste sich eingestehen, dass es für die Jahrhunderte vor dem ersten schriftlichen Nachweis der Existenz einer Kirche in Nieder-Ramstadt aus dem Jahr 1332 keine weiter zurückliegende schriftliche Überlieferung erhalten geblieben ist.

1332 hatte der Erzbischof Balduin von Trier, der damals das Erzstift Mainz mitverwaltete, die Beschlagnahme der Einkünfte des Nieder-Ramstädter Pfarrers Hermann von Hoinsteyn aufgehoben, nachdem dieser seine Residenzpflicht im Ort wieder nachgekommen war. Der vom Kirchenpatron, das war damals der Landesherr, der Graf von Katzenellenbogen, verpflichtete Pfarrer wohnte wohl vorübergehend nicht mehr in Nieder-Ramstadt. Deshalb war ihm die vom Grafenhaus bewilligte Kirchenpfründe entzogen worden.

Natürlich gab es in Nieder-Ramstadt bereits Jahrhunderte vor 1332 eine Kirche. Allein es fehlt dazu jegliche Überlieferung. Die Urkundenlage ist heute, soweit es Schriftstücke waren, die in die größeren kirchlichen oder staatlichen Archive gelangten, äußerst lückenhaft. In keinem der genannten Archive befinden sich noch Akten zur Baugeschichte der Kirche. So blieben alle Autoren, die sich mit der Historie unserer Kirche beschäftigten auf die Erkenntnisse angewiesen, die Forscher vor dem großen Aktenverlust durch den zweiten Weltkrieg zusammengetragen hatten.

Wenn keine schriftlichen Quellen mehr vorhanden sind, die zu neuen Erkenntnissen über den Kirchenbau führen könnten, dann muss es das Bauwerk eben selbst sein, das als redendes Zeugnis seiner Vergangenheit zu uns spricht. Das bauliches Inventar, seien es Mauerstärken, Gewölbebögen, Gewölberippen, Schmuckformen an Fenster oder Portalen, Grabsteine und anderes mehr, werden uns vom Wandel der Zeiten berichten. Diese Zeugnisse der Vergangenheit gilt es, mit kritischem Verstand und allgemein gültigen Erkenntnissen schlüssig zu interpretieren.

Und genau diesen Weg will ich heute mit Ihnen beschreiten. Ich wünsche Ihnen dazu ein offenes Auge.

Das 1. Bild, das ich Ihnen als Einstieg in unser Thema zeige, ist das bekannte Aquarell aus dem Jahr 1820 des jungen Johann Heinrich Schilbach, der in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein bekannter Landschaftsmaler und Darmstädter Theatermaler war. Schilbachs Aquarell ist sicherlich romantisch verklärt, hält aber eine als realistisch einzustufende Gesamtansicht des Kirchenbaus und seiner unmittelbaren Umgebung in einer Momentaufnahme fest: den 32 Meter hohen Turm mit der spitzen Haube und den vier markanten Ecktürmchen, das steile Dach des gotischen Chores, das wesentlich niedrigere des Kirchenschiffs, die hohe Mauer des alten Kirchhofs mit Aufgang zur Kirche und dem dahinter hervorblickenden alten Rathaus, den Einblick in die ehemalige Kirchgasse mit dem heute noch existierenden Fachwerkhaus.

Straßenbaumaßnahmen in Bereich der Kirche im 19. und 20 Jahrhundert haben zu erheblichen Veränderungen geführt, der Baukörper als ganzes hat aber unverändert die letzte Umgestaltung aus der Zeit kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges bis auf unsere Zeit bewahrt, und dominiert nach wie vor an dieser Stelle das Ortsbild.

Die erste einschneidende Veränderung brachte hier die Verbreiterung der Kesselgasse (heute Ober-Ramstädter Straße) und deren Verbindung mit der Kirchgasse (heute Kirchstraße) in den Jahren 1838/40. Der Aufgang zum nicht sichtbaren Kirchenportal entlang der durch Stützmauern gesicherten Friedhofsmauer fiel genauso den damaligen Straßenbaumaßnahmen zum Opfer wie die Friedhofsmauer selbst, die danach mit stärkerer Neigung zum Abfangen des höher gelegenen Kirchhofs wiederaufgebaut wurde. Ebenso erhalten blieb der Baukörper des alten Rathauses, der der Fluchtlinie des Turmes folgend, aber zurückgesetzt wieder aufgebaut wurde. Wegen des in den endfünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stark zunehmenden Durchgangsverkehrs, die Kirchstraße und die Ober-Ramstädter Straße waren Teile der Bundesstraße B 426, wurde schließlich auch das Rathaus, das jahrelang ungenutzt dahingedämmert hatte, 1966 einem besseren Verkehrsfluss in der Kirchturmkurve geopfert. Damals wurde auch der Zugang zur Kirche aus dem Kurvenbereich in die Straße An der Zehntscheuer verlegt.

Zum besseren Verständnis die folgenden Bilder:

Abb.2 Die Kirchgasse zwischen Kirche und Hofgarten, Lageplan 17. Jh.

Abb.3 Der alte Ortskern um 1955 mit Kirche und altem Rathaus

Abb.4 Altes Rathaus und Kirchturm nach dem Straßenbau von 1838/40

Abb.5 Zugang zur Kirche, rechts altes Rathaus, Zustand vor 1960

Die heutige Ansicht vermitteln die beiden nächsten Bilder.

Abb.6 und Abb.7 Die drei Baukörper der Kirche: Turm, Langhaus und Chor

Schon das äußere Erscheinungsbild verdeutlicht, dass unsere Kirche kein einheitliches Bauwerk ist. Der überhöhte gotische Chor will so gar nicht zu dem viel niedrigeren Dach des Langhauses passen. Der wuchtige, in die Höhe ragende Turm scheint stilistisch eher der Baugesinnung des Chores zu entsprechen, was sich aber bald als Irrtum erweisen wird. Betrachten wir den Grundriss der Kirche.

Abb.8 Grundriss der Kirche, nach dem Heimatbuch von 1950

Der im Heimatbuch von 1950, einer Festschrift aus Anlass der 750-Jahr-Feier der Gemeinde Nieder-Ramstadt, veröffentlichte Grundriss der Kirche geht zurück auf eine 1941 erfolgte Vermessung der Kirche durch Regierungsbaurat Otto Ehlers.

Bei laienhafter Betrachtung des Grundrisses entsteht zuallererst der Eindruck einer Disharmonie der Baukörper zueinander. Nichts scheint hier zusammen zu passen. Der Turm steht verdreht zum Langhaus, das ebenfalls aus der üblichen Symmetrieachse an einer Seite ausbricht. Auch der Chor, scheinbar an den Rand gedrängt, erscheint als ein Bauteil, das mit Turm und Mittelbau augenscheinlich kaum Gemeinsamkeiten aufweist. Der etwas geschulte Betrachter wird aus dieser Disharmonie jedoch den Schluss ziehen, dass die ungewöhnliche Stellung der verschiedenen Baukörper zueinander das Ergebnis verschiedener baulicher Veränderungen sein muss, die die Kirche im Laufe der Geschichte erfuhr. Damit sind wir mitten in unserem Thema.

Abb.9 Der Kirchturm mit romanischem Erdgeschoss und späterem gotischem Portal

Wenden wir uns als erstem Objekt unserer Betrachtung dem Turm zu, einem schlanken zweigeschossigen Bau mit achtseitigem hohen Pyramidendach und vier die Ecken betonenden Türmchen, den sogenannten Wichhäuschen, beliebte Schmuckelemente früherer Jahrhunderte.

Durch ein in späterer Zeit nach gotischem Geschmack verändertes Portal betreten wir die ca. 14 qm große Turmhalle, deren Decke von einem romanischen Kreuzgewölbe gebildet wird. Ein Kreuzgewölbe bildet sich bei der Durchdringung von zwei senkrecht zueinander stehenden Tonnengewölben. Wenn, wie in unserem Falle, die sich kreuzenden Halbtonnen an ihren Schnittstellen Grate bilden, bezeichnet man das so entstandene Gewölbe Kreuzgratgewölbe. Diese Gewölbeart gilt für die romanische Kirchenarchitektur als typisch.

Dem Zugangsportal für die Gottesdienstbesucher auf der Südseite entspricht ein Portal als Ausgang zum Friedhof auf der Nordseite. Wie das Südportal, so ist auch das Nordportal beim Neubau der Kirche nach gotischer Baugesinnung mit einer spitzbogigen Portaleinfassungen versehen worden.

Abb.10 Gotisches Eingangsportal im Süden, der Turmeingang

Abb.11 Friedhofsportal im Norden, Turmausgang

Abb.12 Blick durch Hauptportal und Friedhofsportal

Abb.13 Kreuzgratgewölbe der Turmhalle

Die Turmhalle ist das älteste erhaltene Bauteil einer Vorgängerkirche, die im frühen 13. Jahrhundert, einen vermutlich hölzernen Kirchenbau ablöste.

Wuchtige, 180 cm starke Mauern fangen die Last der Gewölbedecke auf und tragen die untere Turmhälfte. Weitere Merkmale des romanischen Baustils des unteren Turmteils sind das große ursprünglich rundbogige Fenster und das ausladende Turm-Fundament zur Kirchstraße. Übrigens dürfte die Turmhalle ursprünglich Teil des romanischen Kirchenschiffs und offen zum Langhaus gewesen sein, eine Annahme, die sich auf den hohen und breiten Gewölbebogen an dieser Seite gründet. Die heutige dünne Trennwand mit Eingangstür ist ein nachträglicher Einbau vermutlich des frühen 17. Jahrhunderts.

Zwei Stufen führen ins Innere des Langhauses, dessen Boden zum Chor hin leicht ansteigt.

Zur Veranschaulichung die folgenden Bilder:

Abb.14 Fenster der Turmhalle mit nachträglichem gotischem Gewände., Innenansicht

Abb.15 Fenster der Turmhalle, gotisches Gewände, Außenansicht

Abb.16 Blick von der Turmhalle in das Langhaus

Abb.17 Im Mittelteil der Kirche

Ebenfalls als ein Relikt aus der Entstehungszeit der ersten Steinkirche kann der aus Sandstein gearbeitete Taufstein gelten. Seine schlichten, aber klaren Formen, obwohl in späterer Zeit stärker überarbeitet, können als ursprünglich romanisch eingestuft werden.

Abb.18 Romanisches Taufbecken

Die einzigartige Besonderheit des Turmes ist ohne Zweifel seine 20-Grad-Abweichung von der Längsachse des exakt geosteten Kirchenraumes. Eine selbst vorgenommene Kompassüberprüfung der Ausrichtung des Chorraums und des Kirchenmittelbaus und ein Vergleich mit der Ausrichtung des Turmes bestätigten den Wert der Turm-Anomalie. Beim mittelalterlichen Kirchenbau achtete man im Allgemeinen auf die genaue Ausrichtung der Längsachse der Kirche nach dem Sonnenaufgang, der als Symbol der Auferstehung galt. So liegt der Chor mit dem Altar in der Regel im Osten, der Haupteingang entweder im Westen, im Norden oder wie in unserem Falle, der Geländetopographie geschuldet, im Süden.

Warum aber diese ins Auge springende Abweichung von den Regeln des Kirchenbaus ?

Eine einigermaßen plausible Erklärung könnte sein, dass der romanische Vorgängerbau, aus welchen Gründen auch immer, nicht genau geostet war. Der mittelalterliche Kirchenbau kennt allerdings auch bewusst gesetzte Abweichung von der strengen Ostung. So hat man beispielsweise beim Wiener Stephansdom den Sonnenaufgang am 26. Dezember, den Tag des Patroziniumsheiligen St. Stephan zur Bestimmung der Ostrichtung gewählt.

Als man sich im 15. Jahrhundert entschloss, den damals wegen der gestiegenen Einwohnerzahl zu klein gewordenen romanischen Steinbau niederzulegen und einen Kirchenneubau nach gotischem Geschmack errichtete, wurde die Einmessung aus früherer Zeit korrigiert und das massive Turmuntergeschoss in das neue Bauwerk, so gut es ging, integriert, wodurch die 20-Grad-Abweichung des Turmes von der exakten Ost-West-Richtung entstand.

Wie hat man eigentlich im Hochmittelalter die Ostung eines Kirchenbaues bewerkstelligt, als der Kompass noch nicht allgemein in Gebrauch war?

Die naheliegende Vorgehensweise, sich nach dem Sonnenaufgang zu richten, ist ungenau. Je nach Standort des Beobachters und nach der Jahreszeit entstehen ziemliche Differenzen, wo nun Osten ist. Genauer war da schon die östliche Himmelsrichtung über den Umweg über die Ermittlung der Nord/Süd-Richtung zu bestimmen. Hierbei bediente man sich des Schattenstabs, des sogenannten Gnomons, das den Baumeistern des Altertums bereits bekannt war.

Abb.19 Schattenstab

Der Stab stand den ganzen Tag an der gleichen Stelle. In bestimmten zeitlichen Abständen wurden je nach dem Sonnenstand Schattenpunkte auf dem Boden markiert und mit diesem Abstand um den Stab konzentrische Kreise gezogen. Der Sonnenhöchststand entsprach dem Schatten mit dem niedrigsten Abstand vom Stab, wodurch die Süd/Nord-Richtung festgelegt wurde.

Abb.20 Zwölfknotenschnur

Mit Hilfe der sogenannten 12-Knoten-Schnur, einer durch 12 Knoten in 12 gleich lange Abschnitte unterteilten geschlossenen Schnur, konnte man ein rechtwinkliges Dreieck mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 Schnur-Teile gewinnen. Legte man den einen Schenkel des Rechten Winkels an die Schattenlinie, so zeigte der andere die West/Ost-Richtung an.

Betrachten wir nun die obere Turmhälfte.

B.21 Die obere Turmhälfte, 1606

Die obere Hälfte des Turmes entspricht weder romanischer noch gotischer Baugesinnung, sondern dieses Turmteil wurde erst 1606 errichtet als Ersatz für einen maroden Fachwerkaufbau, der vermutlich mit dem gotischen Neubau der Kirche im 15. Jahrhundert entstanden war. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, so wird berichtet, habe das Fachwerk auf dem romanischen Turmstumpf jedoch gravierende Mängel gezeigt. Der ganze Aufbau habe sich derart zur Seite geneigt, dass er einzustürzen drohte. Es bleibt zu vermuten, dass das altersschwache Fachwerk des Turmobergeschosses mit der 1572 hinzugekommenen zweiten Glocke überfordert gewesen war, obwohl man zuvor die Fachwerkkonstruktion wegen der Aufnahme der neuen Glocke verstärkt hatte. Diese Glocke gehört noch heute zum Geläut. Die erste Glocke, die Sankt-Margareta-Glocke von 1507, zersprang 1901 mitten im Läuten. Ihr Umguss ging im zweiten Weltkrieg verloren.

Abb.22 Die Glocke von 1572

Abb.23 Detail der Glocke von 1572

Die Glocke trägt am oberen Hals die Umschrift: Georg Wagner Schult (Schultheiß), Christophel. Kreps Pfarher. Enders Bender. Hans Spies o hat mich gegossen Gregor von Trier. Darunter die Jahreszahl 1572. Von ehemals vier kleineren Reliefs zeigen noch drei Stationen aus dem Leben Jesu.

Eine ungefähre Vorstellung vom Aussehen der oberen Turmhälfte vor dem Abbruch des baufälligen Fachwerkobergeschosses vermittelt ein Bild des Turmes der Reinheimer Stadtkirche, deren Bauzeit nicht spätmittelalterlich ist, sondern vor und nach dem Dreißigjährigen Krieg anzusetzen ist.

Abb.24 Die Reinheimer Stadtkirche

Hier befindet sich ebenfalls das Geläute im Fachwerkteil.

Zurück nach Nieder-Ramstadt.

Mit finanzieller Unterstützung durch die Darmstädter Kirchenleitung wurde in Nieder-Ramstadt ein Stockwerk aus Bruchsteinen errichtet und der noch heute vorhandene spitze, achtseitige Turmhelm mit den vier flankierenden ebenfalls achteckigen Türmchen aufgesetzt.

Abb.25 Stockwerksfries und Fenstergewände

Ein umlaufender Stockwerksfries aus Sandstein markiert den Übergang vom romanischen Unterbau des Turmes zum Neubau des Obergeschosses. Ein Trauffries betont den oberen Abschluss. In Anlehnung an die gekehlten Gewände der beiden Turmportale wurden auf den Schauseiten des Turmes drei der vier Schallfenster in gotisierender Art mit gekehltem Gewände ausgeführt, während das nach Osten zur Rückseite zeigende Schallfenster mit rundem Bogen abgeschlossen wurde.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts erwies sich der Kirchenbau aus dem 13. Jahrhundert wieder als zu klein für die angewachsene Bevölkerung der drei Kirchspielgemeinden Nieder-Ramstadt, Waschenbach und Traisa.

In den 250 Jahren seit der Errichtung des gedrungenen romanischen Kirchenraums hatte sich auch die Baugesinnung gründlich gewandelt. Dem Geschmack der Spätgotik entsprechend, war um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Betonung der Vertikalen angesagt, wie der aus dieser Bauphase stammende Chorraum zeigt.

Abb.26 Chorraum um eine Stufe erhöht

Der um eine Stufe höher als der Kirchenraum liegende Chor ist das wesentliche aus dieser Bauphase erhalten gebliebene Bauteil und ist zugleich das eigentliche Schmuckstück der Kirche. Das Gewölbefeld besteht aus einem Joch, dessen Bögen, die sogenannten Gurte, sich kreuzend den Raum überspannen.

Der hintere Teil des Gewölbefeldes bildet einen halben Stern, wobei zwei von drei Rippenbündeln sich auf Konsolen mit leeren Schilden stützen.

Abb.27 Halber Stern

Abb.28 Halber Stern, Detail

Abb.29 Halber Stern, Idealdarstellung, Kulm, Polen

Abb.30 Gotische Rankenmalerei um die Gewölbeknoten

Die Rankenmalerei um die Gewölbeknoten ist letzter verbliebener Rest der ehemals reichen spätgotischen Bemalung des Chores. Als man im November 1908 mit umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Kirche begann, waren die Handwerker gehalten, mit großer Vorsicht die alte Tünche von den Innenwänden abzuwaschen, da die Denkmalschutzbehörde unter dem ergrauten Weiß vorreformatorische Bemalungen vermutete, eine Annahme, die sich schnell als zutreffend erweisen sollte. Am 3. November 1908 berichteten die in Ober-Ramstadt erscheinenden »Odenwälder Nachrichten« in einem etwas euphorischen Ton:


„In der Kirche zu Nieder-Ramstadt wurde beim Ausbessern der Wände ein prachtvolles Gemälde entdeckt, welches den Kreuzgang Jesu bis zur Kreuzigung darstellt. Hoffentlich bleibt es der Kirche erhalten!“

Und am 5. Dezember:


„Beim Entfernen der Tünche kommen immer wieder Sprüche und Wandgemälde zum Vorschein, die ihrer Schönheit wegen allgemeine Bewunderung erregen. Eines der Bilder stellt den Moment dar, als Jesus beim Gang zur Kreuzigung niedersinkt, während andere Darstellungen Apostel und Heilige zum Motiv haben.

Die Erhaltung ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass sie, um sie zu retten, übertüncht wurden, als die sogenannten Bilderstürmer in den bildreichen Kirchen bei Einführung der Reformation ihr fanatisches Zerstörungswerk trieben.“

In den Jahresberichten der Denkmalpflege 1908-1911 schrieb Prof. Wickop, der für Starkenburg zuständige Denkmalpfleger im Großherzogtum Hessen:

Gleich bei Beginn fanden sich im Chor und im Langschiff hochinteressante Wandmalereien aus dem 14. -17. Jahrhundert, bestehend aus figürlichen Darstellungen, Ornamenten und Inschriften. Sie wurden teils von dem Maler Hermann Velte, teils von Carl Lanz, dem die Ausmalung der Kirche übertragen worden war, kopiert und, soweit dies möglich erschien, wieder hergestellt.“

Eine Anmerkung zu Wickops Zeitrahmen sei hier noch angefügt: Sollte es zutreffend sein, dass unter den Malereien auch solche gewesen sind, die stilistisch dem 14. Jahrhundert zuzuordnen waren, dann folgt daraus logischerweise, dass der gotische Umbau der Kirche und Neubau des Chores nicht um die Mitte des 15. Jahrhunderts, sondern möglicherweise bereits einhundert Jahre früher erfolgt sein muss.

Leider blieben die genannten Kopien bislang unauffindbar. Von diesen Bildern wurden damals von dem Kirchenmaler Hermann Velte nur die Pflanzenranken farblich aufgefrischt und an Fehlstellen ergänzt.

Abb.31 Heilige Margareta

Ebenfalls erhalten blieb bis 1952 eine wandhohe Darstellung der Heiligen Margareta im dritten Feld der Nordwand des Chores. Die anderen Wandmalereien wurden nach ihrer Dokumentation wieder übermalt.

Sicherlich ist von der übrigen Bemalung unter der derzeitigen weißen Übermalung noch manches verborgen. Ihre Restaurierung ist damals aber wegen fehlender Geldmittel nicht zustande gekommen.

Das vorliegende Bild ist vermutlich nach 1909 aufgenommen worden. Mir liegt die Kopie einer Fotografie einer Teilansicht des Chores vor, die nach 1909 aufgenommen worden sein muss, denn Weihnachten 1909 brannte in der Kirche erstmals elektrisches Licht. Siehe die elektrische Lampe! Das Foto zeigt den gelockten und mit Glorienschein umgebenen Kopf einer weiblichen Figur, die ein Kreuz in der linken Hand hält. Zweifelsfrei handelt es sich hierbei um die Darstellung der Heiligen Margareta von Antiochia, der Schutzheiligen der Hauptkirche. Bedauerlicherweise verstellte damals noch die quer zum Chor stehende Orgel den Blick auf die Wandmalerei. Eine ungefähre Vorstellung vom Aussehen dieses Wandbildes vermittelt das nächste Bild, eine Darstellung der Heiligen Margareta aus einer bayerischen Kirche.

Abb.32 Hl. Margareta, Originalfoto

Abb.33 Fenster, wo nie ein Fenster war

In das Wandfeld mit der Darstellung der Schutzheiligen der gotischen Kirche wurde 1952 ein den übrigen Chorfenstern angeglichenes Fenster ausgebrochen Durch diese wenig einfühlsame Maßnahme wurde zwar ein harmonisches Erscheinungsbild des Chorraums durch die Symmetrie der Chorfenster erreicht, die jedoch so zu keiner Zeit bestanden hatte, dafür aber das bedeutende mittelalterliche Wandbild mit der Heiligen Margarete unwiederbringlich zerstört.

Der Chorschluss wird von dem für Dorfkirchen weit verbreiteten 3/8-Abschluss (drei Seiten eines Achtecks) gebildet. Das schmückende Maßwerk der ursprünglich 4 hohen Spitzbogenfenster wurde leider in späterer Zeit ausgebrochen.

Abb.34 Ehemaliger Zugang zu Veitskapelle

Die Nordwand zeigt eine auffällig hohe mit einem gotischen Spitzbogen abschließende Vertiefung der Mauer, aller Wahrscheinlichkeit nach der vermauerte Zugang zur früheren Seitenkapelle, deren Errichtung als zeitgleich mit dem Chor zu betrachten ist. Diese Kapelle war vermutlich dem Heiligen Veit geweiht und wurde von einem Frühmesser belesen.

Abb.35 Zugang zur Sakristei

Der heutige Zugang zur Sakristei wurde dagegen aus der N-Wand des Chores ausgebrochen, wie die oben rechts grob verputzte Mauerstelle vermuten lässt. Der Durchbruch, wie die Sakristei selbst, kann einer späteren Zeit zugeordnet werden, als die Seitenkapelle bereits nicht mehr existierte. Als Zeitrahmen könnten die Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg infrage kommen. Den Berichten nach, hatte die Kirche insgesamt unter den Schrecken dieses Krieges stark gelitten.

Abb.36 Teilstück der gotischen Nordwand

In der N-Mauer des Langhauses setzt sich die Fluchtlinie der Chormauer übrigens noch etwa vier Meter fort, um dann 50 cm nach außen zu springen. Daher kann davon ausgegangen werden, dass das Mauerstück bis zu dieser Stelle die Linie der Nordwand des gotischen Langhauses bildet. Zur Verdeutlichung hier noch eine Aufnahme aus entgegen gesetzter Blickrichtung

Abb.37 Wandknick gotische Nordwand / Wand von 1608

Abb.38 Vermuteter Verlauf der Nord- und Südmauern des gotischen Langhauses

Weiter kann angenommen werden, dass Chor und gotisches Langhaus dasselbe Breitenmaß hatten. Daraus ergibt sich die Vorstellung eines schmalen, ca. 5,45 Meter breiten und mit Einschluss der Raumtiefe des Chores ein etwa 23 Meter messender Innenraum der gotischen Kirche.

Abb.39 Sakramentsnische und Epitaph an der linken Chorwand

Zunächst einige Informationen über Zweck und Sinn der Sakramentsnische.

Abb.40 Sakramentsnische

Aus der Erbauungszeit des Chores stammt die in die Chornordwand eingefügte und mit einem Eisengitter verschlossene Sakramentsnische. Sie ist damit das einzige nie veränderte Bauteil der Kirche. Die in Sandstein gefertigte Umrahmung bildet in ihrem Oberteil ein an einen Dachgiebel erinnerndes Dreieck. In dessen Mitte ist ein von gotischem Maßwerk eingefasster Christuskopf dargestellt, der umgeben ist von einem Kreuznimbus, einer besonderen Form des Heiligenscheins. Zweck dieser Nische war die Aufbewahrung des Hostienbehälters. Während nach evangelisch-lutherischer Auffassung die mit den Einsetzungsworten „dies ist mein Leib“ geschehende Selbstzueignung Jesu Christi sich auf die Abendmahlsfeier beschränkt, bleibt Christus nach römisch-katholischem Verständnis in einer geweihten Hostie auch weiterhin gegenwärtig. Dies verlangt ihre entsprechend ehrerbietige Aufbewahrung.

Sakramentsnischen, in größeren Kirchen häufig sogar ein eigenständiges kunstvoll gestaltetes Sakramentshäuschen, blieben bis in das 16. Jahrhundert üblich und erfolgten in der Regel schon bei der Erbauung der Kirche. Mit der Reformation verloren die Nischen bzw. die Sakramentshäuschen diese Funktion und wurden oft zugemauert oder wurden, wie in unserem Falle, zur Aufbewahrung anderer Gegenstände weiterbenutzt und blieben aus diesem Grunde erhalten.

Abb.41 Epitaph mit Kreuzigungsdarstellung

Links neben der Sakramentsnische ist in späterer Zeit ein Grabstein, ein Epitaph aus dem 18. Jahrhundert mit einer Kreuzigungsdarstellung eingemauert worden, dessen Inschrift nicht mehr lesbar ist. Die Verwitterungsspuren zeigen, dass der Stein sich ursprünglich auf dem die Kirche umgebenden Kirchhof befunden haben muss.

Wenden wir uns jetzt dem jüngsten Bauteil der Kirche, dem Langhaus, und den Veränderungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu

In den Friedensjahrzehnten vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges waren Wohlstand und Bevölkerungszahl gewachsen. Da war die gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert längst wieder zu klein geworden. So bleibt es nachvollziehbar, warum man sich im Zusammenhang mit der Turmsanierung zugleich entschloss, das viel zu eng gewordene schmale gotische Kirchenmittelteil, das Langhaus größtenteils niederzulegen, um mehr Raum für die Kirchgänger durch einen breiteren Neubau zu schaffen, der in den Jahren 1606 bis 1608 erstellt wurde.

Abb.42 Veränderungen durch den Neubau 1606/08

Abgebrochen wurde die komplette Süd-Mauer und 3,80 Meter nach außen versetzt, die Nord-Mauer größtenteils dagegen nur um 0,50 m. Der Grund hierfür dürfte die damals wohl noch in Teilen erhaltene Seitenkapelle gewesen sein, die zur Sakristei umgebaut wurde. Dabei wurde der alte Kapellenzugang zugemauert und in die alte Nordwand der vorhin erwähnte schräg verlaufende Sakristeizugang gebrochen. Das Innenmaß des Langhauses ist daher in diesem Teil auf einer Länge von 4 Meter um 50 cm schmaler.

Abb.43 Die Fenster im neuen Langhaus, Südseite

Die neue Südwand erhielt zwei raumhohe Fenster, die, dem Zeitgeschmack entsprechend, durch in Sandstein gefertigtes Stichbogenmaßwerk gegliedert wurden.

Im Bereich des Aufgangs zur Empore sorgen ein kleines Fensteroval und eine viereckige kleine Fensteröffnung für das nötige Tageslicht.

Abb.44 Fensteroval am oberen Treppenaufgang zur Empore

Am oberen Treppenende der Süd-Empore spendet ein Fensteroval das nötige Tageslicht.

Abb.45 Fenster am Beginn des Treppenaufgangs

Der untere Treppenabschnitt wird durch eine viereckige Fensteröffnung erhellt.

Das nächste Bild zeigt die Außenansicht dieser beiden kleinen Fenster.

Abb.46 Die Fenster am Aufgang zur Empore, Außenansicht

Die Nordwand erhielt wegen der dahinter sich befindenden Sakristei nur ein hohes Fenster in der Bauart der beiden hohen Fenster der Südwand. Hier ist das Maßwerk in späteren Jahren ausgebrochen worden.

Abb.47 Die Fenster der Nordseite des Langhauses

Die Bankreihen unter der West-Empore erhalten ihr bescheidenes Tageslicht wie an der Südwand durch ein kleines Fensterviereck.

Abb.48 Fenster unter der Westempore

Abb.49 Emporen und Stuckdecke

Um die Aufnahmefähigkeit des Kirchenraumes für Gottesdienstbesucher weiter zu erhöhen, wurden 1606/08 entlang der Süd- und der Westwand die Emporen eingebaut, die auf drei gegliederten Holzsäulen und zwei ebenfalls gegliederten hölzernen Pfeilern mit profilierten Unterzügen ruhen.

1608 wurde der Kirchenraum ähnlich dem heutigen Erscheinungsbild von einer flachen, vermutlich durch geometrische Stuckfelder verzierten Decke abgeschlossen und der Abschluss durch ein 20 cm breites umlaufendes, farbiges Ornamentband betont, dessen Teilstück das nächste Bild zeigt.

Abb.50 Teil des Ornamentbandes von 1608

Die nach außen versetzte Südwand des Langhauses erhielt zwei schmale Nebenportale, deren Sandsteineinfassungen vermutlich wiederverwendete Elemente der Südwand des gotischen Langhauses sind.

Abb.51 Linkes Nebenportal

Die meisten Kirchenbesucher benutzen heute dieses Portal, um in den Innenraum zu gelangen. Drei Sandsteinstufen gleichen den Niveauunterschied zwischen Innenraum und Außengelände aus. Im Vergleich zu diesem Portal ist das rechte höher, wie das nächst Bild zeigt.

Abb.52 Rechtes Nebenportal

Bei genauerem Hinsehen erkennen wir allerdings, dass dieses Portal mit 6 Reihen Backsteinen neuzeitlichen Formats unterfüttert worden ist. Das Portal hatte also ursprünglich die gleiche Höhe wie das linke. Der Grund für diesen Unterschied ist einfach zu erklären. Die Renovierung der Kirche 1908 bezog sich nicht nur auf den Innenraum. Bodenfeuchtigkeit hatte seit der Erbauung des Langhauses infolge des ansteigenden Bodenniveaus zu Staunässe im unteren Teil der Südmauer geführt mit der Konsequenz, dass sich im Inneren an dieser Stelle ein starker Schimmelbefall entwickeln konnte. Begünstigt wurde dies auch durch eine später angebrachte Verbretterung der Innenwand etwa bis zur Höhe der Bankreihen, eine Art Kälteschutz für die Kirchenbesucher. 1909 wurde diese Wandverkleidung entfernt und im Außenbereich der Boden entsprechend abgesenkt, die die Mauer getrocknet und zur Vermeidung künftiger Feuchtigkeitsprobleme eine Drainage am Fundament eingebaut.

Diese Sicherungsmaßnamen führten dann zur Tieferlegung der Basis des linken Portals und zur Unterfütterung mit Ziegelsteinen.

Abb.53 Ziegelunterfütterung des rechten Seitenportals

Die Umbaumaßnahmen der Jahre 1606 bis 1608 haben das Erscheinungsbild der Kirche bis auf den heutigen Tag bestimmt. Die in den späteren Jahrhunderten durchgeführten Maßnahmen im Äußeren wie im Inneren, so wichtig sie für die Sicherung des Gebäudes waren, würden den zeitlichen Rahmen noch weiter ausdehnen und sollen hier nicht mehr beschrieben werden. Doch will ich nicht versäumen Ihre Aufmerksamkeit noch auf weitere Ausstattungsdetails unserer Kirche hinzulenken

Abb.54 Kanzel, 1743

Die beeindruckende aus Eichenholz gefertigte Kanzel mit Baldachin ist vermutlich eine Arbeit einheimischer Schreiner. Sie wurde 1743 in die Kirche eingebaut, wie die als Intarsienarbeit Ausgeführte Jahreszahl mit hellerem Holz am unteren Rand des Baldachins aussagt.

Abb.55 Kanzel, Jahreszahl

Abb.56 Bilderzyklus, 1742

Über der Kirchenvorsteherbank an der nördlichen Chorwand befindet sich ein fünfteiliger Bilderzyklus mit Szenen aus dem Leben Jesu: Geburt, Taufe, Abendmahl, Auferstehung und Himmelfahrt. Die Tafeln wurden 1742 von Nieder-Ramstädter Bürgern der Kirche gestiftet.

Abb.57 Abendmahl

Abb.58 Taufe Jesu

Das Kreuz über dem Altar ist eine Arbeit aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert.

Abb.59 Das Altarkreuz

Am erhalten gebliebenen Teilstück der gotischen Nord-Wand befinden sich links neben der Kanzel zwei gut erhaltene Grabsteine, die sich schon immer in der Kirche befunden haben.

Abb.60 Grabstein Moter

Nächst der Kanzel befindet sich der Grabstein für die 1739 kurz hintereinander gestorbene Ehefrau und die Tochter des Nieder-Ramstädter Pfarrers Johann Heinrich Moter. Beide wurden im Chor der Kirche beigesetzt.

Abb.61 Grabstein Vietor, 1674

Etwas verdeckt von der ersten Bankreihe vor der Kanzel befindet sich der Grabstein des Pfarrers Johann Heinrich Vietor, der mitten im Dreißigjährigen Krieg sein schweres Amt antreten musste. 1636 war zum Pfarrer nach Nieder-Ramstadt berufen worden und durchlebte gemeinsam mit seinen Pfarrkindern die Schrecken dieses Krieges. Danach setzte er sich energisch für den Wiederaufbau des Ortes ein.

Abb.62 Detail der Inschrift PASTOR NATUS

Auf seinem Grabstein steht auf der unteren Steinseite als Abschluss der Umschrift ein kurzer lateinischer Halbsatz, der treffend seinen Charakter und die Verehrung durch seine Gemeinde beschreibt: PASTOR NATUS, zu deutsch: Ein geborener Pfarrer.


Die Kirche und der sie umgebende ehemalige Kirchhof stehen am Anfang des Wandels der ursprünglich weilerartigen Bebauung mit Einzelgehöften zum Dorf Nieder-Ramstadt. Eine Entwicklung, die im Reiche Karls des Großen vor über 1000 Jahren begann. Damals wurden die der heidnischen Tradition folgenden privaten Begräbnisstätten in der Nähe der Einzelsiedlungen verboten. Stattdessen sollten Bestattungen nur noch auf geweihtem Boden erlaubt sein. Der Bau der ersten Kirche und die Anlage des die Kirche umgebenden Kirchhofs gehen auf diese Begräbnisreform zurück.

Der Kirchhof ist Vergangenheit. Er wurde 1897 zugunsten des neuen Friedhofs an der Waschenbacher Straße aufgegeben. Die Kirche ist geblieben und ist, wie wir heute gesehen haben, durch die Vielfalt ihrer Bauteile ein einzigartiges Zeugnis der Ortsgeschichte, wie es hier kein zweites gibt.

Ihr besonderer Wert für Nieder-Ramstadt als einzigartiges Kulturdenkmal ergibt sich vor allem aus der Tatsache, dass sie trotz der immensen Veränderungen des Dorfes, vor allem in jüngster Vergangenheit, ihren das Ortsbild prägenden Charakter und ihre Einzigartigkeit bewahren konnte.

Bleibt zu wünschen, dass auch nach Ablösung der Pflicht zur Bauunterhaltung durch die Gemeinde, alle politischen Entscheidungsträger sich trotzdem ihrer Mitverantwortung für die Bewahrung dieses Bauwerks nicht entziehen. Denn an keinem Ort in Nieder-Ramstadt ist Geschichte so unmittelbar gegenwärtig wie hier.


 

Ein Vortag von
Gernot Scior


zur Kirchweih Nieder-Ramstadt
am 4. Aug. 2012
in der Kirche,
einer Veranstaltung des
Arbeitskreises Heimatgeschichte
Mühltal

Grafikarbeiten:
Volker Teutschländer





Abb. 1
Schilbach 1820



Abb. 2
Die Kirchgasse zwischen Kirche und Hofgarten, Lageplan 17. Jh.



Abb. 3
Der Ortskern 1955



Abb. 4
Altes Rathaus und Kirchturm nach dem Straßenbau von 1838/40



Abb. 5
Zugang zur Kirche, rechts altes Rathaus, Zustand vor 1960



Abb. 6
Die drei Baukörper der Kirche: Turm, Langhaus und Chor



Abb. 7
Die drei Baukörper der Kirche: Turm, Langhaus und Chor



Abb. 8
Grundriss nach Aufmaß von
Otto Ehlers 1941



Abb. 9
Der Kirchturm mit romanischem Erdgeschoss und späterem gotischem Portal



Abb. 10
Gotisches Eingangsportal im Süden, der Turmeingang



Abb. 11
Friedhofsportal im Norden, Turmausgang



Abb. 12
Blick durch Hauptportal und Friedhofsareal



Abb. 13
Kreuzgratgewölbe der Turmhalle



Abb. 14
Fenster der Turmhalle mit nachträglichem gotischem Gewände, Innenansicht



Abb. 15
Fenster der Turmhalle, gotisches Gewände, Außenansicht



Abb. 16
Blick von der Turmhalle in das Langhaus



Abb. 17
Im Mittelteil der Kirche



Abb. 18
Romanisches Taufbecken



Abb. 19
Schattenstab



Abb. 20
Zwölfknotenschnur



Abb. 21
Die obere Turmhälfte, 1606



Abb. 22
Die Glocke von 1572



Abb. 23
Detail der Glocke von 1572



Abb. 24
Die Reinheimer Stadtkirche



Abb. 25
Stockwerksfries und Fenstergewände



Abb. 26
Chorraum um eine Stufe erhöht



Abb. 27
Halber Stern



Abb. 28
Halber Stern, Detail



Abb. 29
Halber Stern, Idealdarstellung, Kulm, Polen



Abb. 30
Gotische Rankenmalerei um die Gewölbeknoten



Abb. 31
Heilige Margareta



Abb. 32
Heilige Margarete hinter dem Orgelprospekt



Abb. 33
Fenster, wo nie ein Fenster war



Abb. 34
Ehemaliger Zugang zu Veitskapelle



Abb. 35
Zugang zur Sakristei



Abb. 36
Teilstück der gotischen Nordwand



Abb. 37
Wandknick gotische Nordwand / Wand von 1608



Abb. 38
Vermuteter Verlauf der Nord- und Südmauern des gotischen Langhauses



Abb. 39
Sakramentsnische und Epitaph an der linken Chorwand



Abb. 40
Sakramentsnische



Abb. 41
Epitaph mit Kreuzigungsdarstellung



Abb. 42
Veränderungen durch den Neubau 1606/08



Abb. 43
Die Fenster im neuen Langhaus, Südseite



Abb. 44
Fensteroval am oberen Treppenaufgang zur Empore



Abb. 45 Fenster am Beginn des Treppenaufgangs



Abb. 46
Die Fenster am Aufgang zur Empore, Außenansicht



Abb. 47
Die Fenster der Nordseite des Langhauses



Abb. 48
Fenster unter der Westempore



Abb. 49
Emporen und Stuckdecke



Abb. 50
Teil des Ornamentbandes von 1608



Abb. 51
Linkes Nebenportal



Abb. 52
Rechtes Nebenportal



Abb. 53
Ziegelunterfütterung des rechten Seitenportals



Abb. 54
Kanzel, 1743



Abb. 55
Kanzel, Jahreszahl



Abb. 56
Bilderzyklus, 1742



Abb. 57
Abendmahl



58 Taufe Jesu



Abb. 59
Das Altarkreuz




Abb. 60
Grabstein Moter



Abb. 61
Grabstein Vietor, 1674



Abb. 62
Detail der Inschrift PASTOR NATUS