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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Hochwasser

Stand: 21. Nov 2012

 

 

 


 

Die Hochwasserkatastrophe von 1919


D
ie Modau – Segen und Gefahr


Pfarrer Weigel hat im Evangelischen Gemeindeblatt für das Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach vom Oktober 1933 einen Augenzeugenbericht über die Hochwasserkatastrophe vom 8. Juli 1919 niedergeschrieben:




Aus den Tagen der Väter:

. . . Es war am 8. Juli, als nachmittags kurz nach drei Uhr zwei schwere Wetter am Himmel aufstiegen, eins im Südwesten heranziehend, das andere mit Höhengegenwind von Nordosten her. Diese beiden Wetter stießen zwischen Nieder- und Ober-Ramstadt widereinander, und die Wolken gossen ihre ganzen Wassermassen auf einmal aus, die sich infolge der raschen Abkühlung über Nieder-Ramstadt schnell in Hagel verwandelten, der nun in Stücken bis zu Walnußgröße so dicht herniederprasselte, daß es fast völlig dunkel wurde und man auf dem Speicher von dem starken Aufschlagen der Hagelkörner auf die Dachziegel das eigene Wort kaum hörte. Dabei blitzte und donnerte es unaufhörlich.

Dieser Hagelschlag dauerte etwa 20 Minuten in unveränderter Stärke. Als er zu Ende war, ertönte die Sturmglocke. Zwischen Ober-Ramstadt und hier hatten sich die Wetter in einem Wolkenbruch entladen, die Modau war über ihre Ufern getreten und hatte das Tal in seiner ganzen Breite in einen reißenden Strom verwandelt, der in einem Nu sämtliche Brücken zwischen hier und Ober-Ramstadt zerbrach und sich an der großen Straßenbrücke über die neue Chaussee nach Darmstadt staute. Auch diese Brücke mußte schließlich dem Wogendrang nachgeben, sie ward zerbrochen wie ein Spielzeug, ihre einzelnen Trümmerstücke, die zum Teil viele Zentner wogen, wurde auf 100 Meter und mehr fortgeschwemmt, ein sechs bis sieben Zentner schwerer Prellstein z.B. bis ganz nahe an das erste Haus von Nieder-Ramstadt, mindestens 300 Meter weit.

Nach dem Einsturz der Brücke kam nun das angestaut gewesene Wasser mit einem großen Schwall in das Dorf hineingeschossen, alle Stege umstürzend oder beiseite schiebend. Die Kesselgasse (Ober-Ramstädter Straße) war plötzlich in ihrer ganzen Breite von Wasser erfüllt, und als ich auf das Sturmläuten hin zur Fahrstraße lief, bot sich mir ein schreckliches, in meiner Erinnerung unauslöschliches Bild:

Das Wasser stand diesseits der Modau bis an das Wirtshaus „Zur Linde“, in dem etwas tiefer gelegenen Beckschen Hause stand es bis in die halbe Höhe des unteren Stockwerks, und ich kam eben dazu, wie die Bewohner sich mit Hilfe von Brettern und Leitern durch die Fenster ins Freie retteten.

Jenseits der alten Straßenbrücke reichte das Wasser bis an die Traisaer Gasse (Bahnhofstraße). Die alte Brücke, völlig vom Wasser überströmt, so daß nur die eisernen Geländer hervorragten, hielt stand. Zwar wurde eben dieses Geländer von anstoßenden Holz- und Trümmerstücken weggerissen und das ganze Pflaster durch einen Wasserschwall herausgehoben und fortgespült, aber die gemauerten Boten trotzten der Gewalt des Elements.

Da stürzte plötzlich das große Hoftor des Schneiderschen Anwesens vornüber in das wogende Wasser, und eine große Wassermasse, die sich nach dem Einsturz der Schneiderschen Gartenmauer in der Schloßgartenstraße durch den Garten wälzte, schoß hinterher.

Der diesseits der Modau gelegene Ortsteil war nun von dem jenseits des Baches vollständig abgeschnitten, zwischen beiden ein breiter, rasender Strom. Jammernde Menschen standen hüben und drüben. Leute, die im Felde von dem Unwetter überrascht worden waren, liefen nach den Ihrigen, in in den tiefer liegenden Ortsteilen, namentlich in der Bachgasse, wohnten. Dort mußten das Wasser bis über das unterste Stockwerk der Häuser stehen. Aber von keiner Stelle des Dorfes konnte man dorthin sehen, niemand konnte Hilfe bringen.

Da stiegen einige Männer auf den Kirchturm und konnten von da aus feststellen, daß sich die Bewohner der Bachgasse in die oberen Stockwerke ihrer Häuser oder unsers Dach gerettet hatten, und daß die Häuser alle noch fest standen. Das war immerhin ein Trost. Auch in der Pfaffengasse stand in deren unterem Teil das Wasser stockwerkhoch, ebenso in der unteren Schloßgartenstraße.

Es dauerte noch etwa eine Stunde, bis das Wasser sich wieder so weit verlaufen hatte, daß man über die Gewölbebogen der alten Steinbrücke gehen konnte, aber welch ein Anblick der Zerstörung bot sich dem erschreckten Auge! Die Bachgasse und Pfaffengasse waren mit fußhohem bis meterhohem Schlamm bedeckt, die Stuben in den Erdgeschossen, wo da Wasser hier und da bis an did Zimmerdecke gestanden hatte, waren ebenfalls voll Schlamm, in dem die Möbelstücke, die vom Wasser in die Höhe gehoben und umgestürzt worden waren, und Bettstücke und aus den Kleiderschränken herausgefallene Kleider übel zugerichtet herumlagen. Ein schreckliches Bild der Zerstörung, vor dem die Hausbewohner jammernd oder stumm dastanden.

Aber bald regten sich die Hände. Mithelfend sprangen andere Menschen hinzu. Bald sah man, wie aufgeräumt und gewaschen wurde, wie der Schlamm von der Straße und aus den Höfen weggeschafft wurde. Die Feuerspritzen erschienen, um die Keller auszupumpen, kurz: Überall wurde gegriffen und geholfen. Auch die Müllersche Hofreite unmittelbar an der alten Straßenbrücke (Brückenscholz), mehrere Häuser in der Pfaffengasse und zwei Häuser in der Schloßgartenstraße waren stark mitgenommen.

Zum Glück ist kein Menschenleben zu beklagen, auch der Verlust von Vieh ist nur ganz gering, da dieses zum größten Teil noch durch die hinter den Häusern liegenden Gärten gerettet werden konnte. Auf den Feldern und in den Gärten ist der Schaden, der durch die Wasserflößung und Hagelschlag angerichtet worden ist, natürlich auch außerordentlich groß.

Durch den Hagelschlag litten namentlich der östliche und nordöstliche Teil der Gemarkung und die Gärten, die hinter den Häusern der Kesselgasse und Kirchgasse liegen. Hier hingen an den Bäumen nur noch kleine Blattreste, und die Äste und Zweige waren total zerschlagen, so daß wohl auf Jahre hinaus mit der Obsternte kaum zu rechnen ist. Gemüse, Bohnen usw. waren durchaus vernichtet. Wo eine Salatpflanze gestanden hatte, war vielfach nur noch eine grüne, schleimige Masse. Auch waren die Gärten völlig verflößt, Haufen von Schlamm, mit Hagelbrocken vermischt, lagen da. Im ganzen wird der Schaden an Gebäuden, und Möbeln, auf den Äckern und in den Gärten, ferner an den Brücken auf mehrere Millionen Mark geschätzt. (Wl.)“

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Ev. Gemeindeblatt für das Kirchspiel
Nieder-Ramstadt / Traisa / Waschenbach
vom Oktober 1933









Einen breiten Strom der Zerstörung hinterließ die Modau nach dem Hochwasser von 1919

(Aus der Dokumentation von Gernot Scior „Vom Wahlverein zur politischen Partei“, 2003, erhältlich im Mühltaler Buchhandel).