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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Einzelthemen > Gewerbe

Stand: 8. Okt 2011

 

 

 


 

Die Zündholzfabriken in Nieder-Ramstadt

Autor:
Karl-Heinrich Schanz:



Eine Hobelmaschine für Holzdraht

 

Die Zündholzfabrikation in der Provinz Starkenburg nahm ihren Anfang um 1832 in Darmstadt, schon bald nach der Erfindung des sogenannten „Streichholzes" durch Johann Friedrich Kammerer in Ludwigsburg. Dr. Friedrich Moldenhauer, Chemiker bei Fa. Merck (Darmstadt) und Lehrer an der Gewerbeschule in Darmstadt, entwickelte eine phosphorhaltige Zündmasse. In der Fabrik von Andreas Link in Darmstadt fertigte man damit die ersten „Streichfeuerzeuge“, wie die Zündhölzchen damals auch genannt wurden. Die Produktion war rein handwerklich und entsprechend mühsam.

Der Mechaniker Johann Ludwig Anton aus Darmstadt baute auf Bitte von Link und Anregung von Dr. Moldenhauer die erste mechanische Hobelmaschine für „Holzdraht", dem Ausgangsprodukt für die Herstellung der Zündhölzchen. Durch diese Maschine wurde der bisher ausschließlich handwerkliche Prozeß der Zündholzherstellung entscheidend mechanisiert.

1837 gründeten Ludwig Anton, der Schönfärber J. Block und Dr. Moldenhauer gemeinsam eine Zündwarenfabrik in Darmstadt die 1845 nach Aschbach bei Waldmichelbach übersiedelte Der gute Fortgang dieser Fabrik regte viele Produzenten an. Überall im Land entstanden Zündwaren-Fabriken.

 

Die Arnoldsche Streichfeuerzeugfabrik

 

In Nieder-Ramstadt stellte Karl Arnold 1856 ein Baugesuch zum Bau einer „Streichzündholzfabrik an der Chaussee von Nieder- nach Ober-Ramstadt", an dem Ort, an dem später der Schützenhof und noch später die Gaststätte „Sportheim" des TSV (also neben der TSV-Turnhalle) stand. Karl Arnold kam aus Darmstadt. Am 5. November 1857 meldete er sein Gewerbe an. Im Brandkataster wird er von 1860 bis 1864 als „Streichfeuerzeugfabrikant"' aufgeführt.

Sein Anwesen bestand aus einem einstöckigen Wohnhaus, Scheuer und Streichfeuerzeugfabrik (Masierküche) mit Seitenbau. Es war offenbar die bescheidene Einraum-Fabrik eines „Hausindustriellen", wie sie sich damals stolz bezeichneten. Die Tochter von Karl Arnold, Elisabetha, heiratete Wilhelm Sebastian Fischer l. den Sohn des Nachbarn Sebastian Fischer, der am Ort der heutigen Turnhalle des TSV eine Brauerei und Wirtschaft mit Kühlschiffbau betrieb. Kühlschiffe waren große, runde, flache Bottiche, in welchen das frische, warme Bier gelagert wurde, wobei ein am Bottich befestigter, horizontaler Windflügel für Kühlung sorgte.

1874 war Wilhelm Sebastian Fischer l. alleiniger Besitzer der beiden Grundstücke. Die Zündholzfabrik bestand offenbar nicht mehr. An Gebäuden sind Scheuer mit Stall und Brauerei aufgeführt. Die Streichfeuerzeugfabrik wird mit „jetzt Magazinraum“ bezeichnet und der ehemalige Seitenbau mit „Kellerbau, Kniestock und Malzraum". Letzterer wurde 1895 zum Tanzsaal umgebaut.

Die erste Nieder-Ramstädter Zündholzfabnk von Karl Arnold bestand demnach ca. 16 Jahre, von 1857 bis ca. 1873

 

Die Zündholzfabrik auf der Oberwiese

 

Bereits 1869 hatte Karl Walger aus Pfungstadt die zweite Zündholzfabrik in Nieder-Ramstadt auf der Oberwiese gegründet, am Ort der späteren Gaststätte von Konrad Breidert, danach Kinosaal von Heinrich Fischer in der heutigen oberen Bahnhofstraße neben dem Blumenladen Becker. Der ursprüngliche Fabrikbau bestand aus einem Gebäude mit Kniestock und einem kleinen Häuschen, den „Abtritten".

1875 wurde das Fabrikgebäude mit einem Vorbau versehen und ein zweites Kniestockgebäude für Stallung und Werkstatt errichtet. Stallung und Scheuer waren damals notwendig, da der „Fabrikant" genötigt war, zusätzlich mit einer Nebenerwerbs-Landwirtschaft zu seinem Unterhalt beizutragen.

1880 starb Karl Walger. Sein Sohn Julius wird 1890 als Besitzer der „Fabrik chemischer Stoffegenannt, die u. a. „Tinte und Glanzwichse" fabriziert. 1895 wird Jakob Klöppinger als Besitzer des Anwesen aufgeführt. Die Fabrik scheint erloschen zu sein. Nimmt man an, daß Julius Walger in seiner Fabrik chemischer Stoffe auch noch Zündhölzer produzierte, so hatte die zweite Zündholzfabrik in Nieder-Ramstadt einen Bestand von ca. 25 Jahren von 1869 bis ungefähr 1894

 

Die Streichfeuerzeugfabrik und schwierige soziale Lage

 

Waren die beiden ersten Zündholzfabriken bescheidene Unternehmungen sogenannter „Hausindustrieller", so verdient die dritte Fabrik ihren Namen im heutigen Sinne wirklich, erlangte sie im Laufe ihres Bestehens doch einige Größe und Berühmtheit.

Die Vorgeschichte dieser Fabrik begann schon 1846/47 in Bessungen, lange bevor Karl Arnold in Nieder-Ramstadt seine Fabrik eröffnete. Am 4. April 1846 wurde in Bessungen die Streichfeuerzeugfabrik der Gebrüder Reichenbach gegründet.

Etwa 10 Monate später, am 24. Januar 1846, nahm die zweite Bessunger Zündwarenfabrik, von David Bessunger und Co, ihren Anfang. Die beiden Fabriken existierten in Bessungen gleichzeitig, bis 1847 Hermann Reichenbach, einer der beiden Brüder, in Nieder-Ramstadt auf dem Gelände der späteren Füllhalterfabrik und der Gemeindeverwaltung an der Straße nach Ober-Ramstadt eine Zündhölzerfabrik eröffnete.

Im Brandkataster wird ein Fabrikbau mit Kniestock an der Straße, ein zweistöckiger Seitenbau gegen Norden, ein zweistöckiger Magazinbau nach Süden mit Abtritt, ein Holzschuppen und Gartenhaus genannt. 1879 folgt ein Arbeitssaal und ein Hallenbau an dem Holzschuppen, 1887 ein Masierbau mit Trockenstube und Keller. Man sieht daraus, wie sich das Unternehmen zu einer für damalige Verhältnisse großen Fabrik entwickelte.

Im Arbeitssaal von 1879 sollte laut Bauantrag, die „Fabrikation Schwedischer Zündhölzer" aufgenommen werden. In Nieder-Ramstadt befanden sich nur die Fabrikationsstätten, das Verwaltungsbüro dagegen in Darmstadt in der Rheinstraße 23. 1891 ließ man eine eigene Fernsprechverbindung vom Büro in Darmstadt entlang der Kreisstraße Bessungen - Nieder-Ramstadt nach der Fabrik legen. Es heißt in dem Bericht, man habe eigens zu diesem Zweck entlang der Straße Stangen auf eigene Kosten aufstellen lassen.

 

Frauen 12, Männer 30 Mark Wochenlohn

 

Der Fabrikinspektor für das Großherzogtum Hessen berichtete 1883/84, daß der Lohn für Arbeiterinnen in gewerblichen Anlagen 3,50 bis 20 Mark pro Woche beträgt. „Letzterer Lohn wird aber nur selten erreicht, in den meisten Fällen beträgt der höchste Wochenlohn nicht über 12 Mark". Bei den meisten Männern wird ein Wochenlohn von 30 Mark nicht erreicht, einzelne verdienen aber auch 40 Mark pro Woche.

Der durchschnittliche Wochenlohn in den Zündholzfabriken beträgt für Männer 14,21 Mark, für Frauen 6,09 Mark. Die tägliche Arbeitszeit liegt zwischen 10 und 16 Stunden, wobei in den meisten Fällen 12 bis 13 Stunden gearbeitet wird. 14- bis 16stündige Arbeitszeit haben Saisonbetriebe wie Mühlen, Kartoffelmehlfabriken, Klenkanstalten usw. Manche Arbeiter haben dazu einen 1½stündigen Arbeitsweg, d. h. drei Stunden täglich. Der Fabrikinspektor berichtete weiter, daß im Großherzogtum Hessen 21 Zündholzfabriken bestehen, die 400 Arbeiter beschäftigen, davon sind 72 Kinder von 12 bis14 Jahren.

In der Reichenbach'schen Fabrik beschäftigte man 1885 7 Männer, 13 Frauen, 13 männliche Jugendliche von 12 bis 16 Jahren und 12 weibliche gleichen Alters. Über die Löhne der Jugendlichen findet man keine Angaben. Daß sie an Anzahl über die Hälfte der Belegschaft ausmachen, läßt ahnen, wie billig ihre Arbeitskraft war. Erst am 30.10.1855 regelte das Großherzoglich Hessische Polizeistrafgesetz, daß Kinder unter 10 Jahren nicht in Fabriken beschäftigt werden dürfen. Zwischen 10 und 12 Jahren bedurften sie einer polizeilichen Arbeitserlaubnis. Ihr Arbeitstag sollte dann höchstens 8 Stunden einschließlich der Schulstunden betragen. Die 12- bis 16jährigen durften nicht mehr als 10 Stunden arbeiten. Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz wurden mit 3 bis 50 Gulden Strafe belegt.

In einer Anzeige des „Anzeige-Blattes für den Kreis Erbach", vom 20. September 1856, suchte die Zündholzfabrik von Lyon & Straus in Michelstadt 100 bis 150 Kinder zur Beschäftigung in der Fabrik. Bei den kärglichen Lebensverhältnissen des größten Teils der Odenwälder Bevölkerung waren die Kinder gezwungen, für den Lebensunterhalt der meist vielköpfigen Familien mitzuverdienen. In vielen Fällen ging dies auf Kosten des Schulunterrichts und vor allem der Gesundheit der Kinder.

Lehrer Heinrich Scheerer, der aus Offenbach an die Nieder-Ramstädter Schule gekommen war, berichtete über die Verhältnisse dort in den Jahren 1870 bis 73. Die Kinder arbeiteten in der Zündholzfabrik (wahrscheinlich in der von Karl Walger) und brächten den Gestank von Phosphor und Schwefel mit, der sich mit dem des Aborts am Fuße der Treppe des Schulhauses mische. Offenbar war die Luft im Klassenzimmer, vorwiegend an heißen Sommertagen, kaum noch als frisch zu bezeichnen.

Der weiße oder gelbe Phosphor, der vorwiegend zur Zündmassebereitung verwendet wurde, führte bei den Arbeitern und da in erster Linie bei den weniger widerstandsfähigen Kindern zu furchtbaren Kieferknochenerkrankungen.

 

Mechanisierung und staatliche Reglementierungen

 

1907 richtete man in der Reichenbach'schen Fabrik den ersten Dampfkessel ein, auf dessen Rücken die Dampfmaschine zum Antrieb der Maschinen montiert war. Der Dampf wurde gleichzeitig auch zur Bereitung der Zündmasse verwendet. Hersteller dieser Energieanlage war die Darmstädter Firma Gebrüder Lutz AG.

Der 15 m hohe Schornstein, der für die Feuerungsanlage gebaut wurde, war fortan Wahrzeichen der Fabrik. 1908 erbaute man einen weiteren Arbeitssaal. Eine neue Arbeitsordnung setzte die Arbeitszeit von 6 bis 18 Uhr fest mit täglichen Pausenzeiten von 1½ Stunden.

Im gleichen Jahr erfolgte noch der Zusammenschluß der beiden Fabriken Reichenbach in Nieder-Ramstadt und Bessunger in Darmstadt zur „Vereinigten Zündholzfabrik Reichenbach & Bessunger". Ab 1913 firmierte man unter „Vereinigte Zündholzfabriken Hassia von Reichenbach & Bessunger“. Inhaber waren die Herren Siegfried Reichenbach und Ernst Bessunger, Prokurist Siegmund Bessunger. Markennamen der Zündhölzer waren „Monument", nach der Ludwigssäule in Darmstadt benannt, „Lava“ und „Speerwerfer".

Der Zusammenschluß erfolgte wohl auch unter der drohenden Aussicht auf eine staatliche Zündwarensteuer. Diese kam dann auch 1909 und führte u. a. dazu, daß viele Kleinbetriebe aufgeben mußten und eine Konzentration auf wenige Großbetriebe stattfand. Die stark einsetzende Rationalisierung führte dann dahin, daß Zündhölzer immer billiger wurden. Der enorme Konkurrenzdruck aus dem Ausland zwang dazu. Die folgende Tabelle über die Veränderung der Betriebszahl und der Beschäftigten zeugt davon ganz deutlich:

 

Jahr

Betriebe

Beschäftigte

1895

122

4800

1907

106

5700

1910

74

4850

1912

k.A.

4000

1913

40

k.A.

 

Am langsamen Sinken der Beschäftigtenzahl ist zu erkennen, daß in erster Linie die Kleinbetriebe aufgeben mußten. In Starkenburg gab es laut Bericht der Großherzoglichen Handelskammer Darmstadt, im Jahre 1913 noch 6 Fabriken, die ca. 10 % des deutschen Gesamtertrages der Zündwarenfabriken erwirtschafteten.

Mit der Zündwarensteuer wurde auch eine staatliche Zwangskontingentierung auf ca. 45 % der seitherigen Produktionsmenge eingeführt. Die Zündholzfabrikanten führten ständig Klage, so z. B. auch, weil Benzinfeuerzeuge nicht besteuert wurden.

Ernst Bessunger legte im Juni 1913 in der Zeitschrift „Deutsche Industrie" dar, daß vor 1909 ein Benzinfeuerzeug 2,50 bis 3,00 Mark gekostet habe, wobei man bis 6000 Zündungen vornehmen konnte. 6000 Zündhölzer hätten damals 1.00 bis 1.50 Mark gekostet. Man habe deshalb die Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen.

Nur 1913 sei der Preis des Benzinfeuerzeuges auf 0,20 bis 0,30 Mark gefallen. Dazu mache man noch Reklame „Feuer ohne Steuer“. Je 6000 Zündhölzer wurden aber seit 1909 mit 15 Pfennig Steuer belegt, so daß ihr Verkaufspreis auf 0 25 bis 0.30 Mark komme, wobei die Fabrikanten den um 30 bis 40 % gestiegenen Holzpreis an den Kunden nicht weitergeben könnten. Als Folge blieb nur die weitere Rationalisierung durch Mechanisierung und Druck auf die Löhne.

 

Das Zündwarenmonopol führt ins Aus

 

Die Nieder-Ramstädter Fabrik hatte in den Jahren 1906/08 einen durchschnittlichen Jahresversand von 10 000 Kisten, das sind 15 Millionen Zündhölzer. Nun durften pro Jahr nur noch 4500 Kisten verkauft werden. Mit der Umfirmierung 1913 gab es auch eine Umstellung in der Produktionsweise. Von Teil- stieg man auf Vollmechanisierung um. Laut Anzeige in der „Deutschen Zündwarenzeitung" sollten verkauft werden:

5 Einlegemaschinen für Riemenbetrieb
1 Rollersche Tunkmaschine (runder Tisch)
1 Dampf-Vorwärme- sowie 1 Dampf-Paraflinierapparat von Roller
2 Auslegemaschinen, System „“Schnetzer“
Eine größere Anzahl fahrbarer Gestelle mit je 16 Rahmen.

Dafür wurde von der Maschinenfabrik A. Roller in Berlin eine Komplettmaschine Type „Simplex" für ca. 50 000 Mark gekauft. Diese Maschine, 7,5 m lang, 3,7 m breit und 2,6 m hoch, konnte täglich 7 bis 10 Millionen Zündhölzer fertigen. Zur Bedienung wurden „zwei Mädchen“ benötigt. Zum Füllen der Schachteln waren separate Maschinen vorhanden, Fabrikat Roller (Berlin) und Arehn (Stockholm).

Offenbar waren solche komplizierten Maschinen doch auch störanfällig. In mehreren Anzeigen suchte man einen „tüchtigen Maschinenschlosser". Auch ein Meister oder Vorarbeiter wurden gesucht. Hierfür fand man auch einen Kriegsbeschädigten als durchaus geeignet. Auch Fremdfirmen boten ihre Dienste zur Reparatur und Wartung an. In Ober-Ramstadt annoncierte Konrad Hirsch: „Maschinenwerkstätte und Reparatur-Anstalt für Zündholzmaschinen aller, vorwiegend ausländischer Systeme"

1928 schloß die letzte Nieder-Ramstädter Zündholzfabrik nach 54jährigem Bestand ihre Tore. Georg Hanstein kaufte die Fabrikgebäude für 20 000 Mark, um darin eine Kammfabrik einzurichten. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus eine Füllhalterfabrikation, die bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fortbestand. Das Rathaus im ehemaligen „Steuerbau“ bestand noch bis zum Neubau eines Mühltaler Rathauses in den achtziger Jahren.

Als sich abzeichnete, daß ab 31. März 1921 das staatliche Zündwarenmonopol eingeführt werden sollte,
ließ man Ende 1919 die Liegenschaften zum Zweck des Verkaufs taxieren. „Hofraihte, Fabrik und Steuerbau" (später Gemeindeverwaltung) wurden mit 151 000 Mark veranschlagt. Die Gemeinde Nieder-Ramstadt kaufte den „Steuerbau“ 1919 für 37 000 Mark um darin ihre Verwaltung unterzubringen. Nach Einführung des Monopols produzierte der Betrieb noch: unter dem Namen „Mitteldeutsche Zündholzfabriken AG. Werk Nieder-Ramstadt" bis 1928. Im Darmstädter Adreßbuch von 1924 findet man noch eine Zündwarengroßhandlung Ernst Bessunger und Co.