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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Gewerbe

Stand: 17. Jun 2012

 

 

 


 

 Die wirtschaftliche Nutzung des Wingertsberges

Der an der östlichen Gemarkungsgrenze Nieder-Ramstadts gelegene Wingertsberg wurde bereits im 16. Jahrhundert als bedeutendes Weinbaugebiet wirtschaftlich genutzt. Nach dem 30jährigen Krieg verlor der gewerbsmäßige Weinanbau in der Gemarkung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seine Bedeutung. Mit dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden wirtschaftlichen Wandel in Deutschland, verbunden mit reger Bautätigkeit von Häusern und Straßen, wurde der Wingertsberg als Gesteinslieferant interessant.

1886 erteilte das Großherzogliche Kreisamt Darmstadt Herrn Wilhelm Bender aus Nieder-Ramstadt die Genehmigung, die „projektierte Steinbruchanlage auf dem Wingertsberg“ zu betreiben. Wie Aufzeichnungen von 1892 belegen, beschäftigte Wilhelm Bender zu dieser Zeit „5 Mann täglich 10 Stunden“. Gebrochen wurden hauptsächlich „raue Steine“, die beim Häuserbau verwendet wurden.

1893 verkaufte Bender den Steinbruch an die aus Heidelberg stammenden Gebrüder Leferenz. Mit der Übernahme erfolgten eine beachtliche Erweiterung der Abbaufläche und ein außerordentlich hoher Anstieg an Mitarbeitern. Bereits 1894/95 wurden 80 Personen im Steinbruch beschäftigt, darunter 16 Italiener. Alle anfallenden Arbeiten wurden von Mineuren, Steinbrechern, Erdarbeitern und Steinklopfern in Handarbeit ausgeführt. Der Transport der Erzeugnisse, hauptsächlich Bruchsteine und Schotter, erfolgte mit Pferdefuhrwerken.

Neben dem Steinbruch der Gebrüder Leferenz auf dem Wingertsberg in Nieder-Ramstadt betrieb die Familie Breitwieser aus Ober-Ramstadt zur damaligen Zeit den Steinbruch auf dem Roßberg bei Roßdorf. Auf Grund der geografischen Nähe behinderten sich beide Unternehmen gegenseitig in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. So kam es zu Verhandlungen zwischen Eigentümern der beiden Betriebe, deren 1898 erzieltes Ergebnis die Gründung der Odenwälder-Hartstein-Industrie AG (OHI) mit Sitz in Ober-Ramstadt war.

Noch im gleichen Jahr trat die Firma Stein + Co., Limburg, Betreiber von Basaltbrüchen im Westerwald, der OHI bei. Der Zusammenschluss der drei ehemals eigenständigen Steinbrüche führte zu einer nutzbringenden Ergänzung des Lieferprogramms. So steht im ersten Geschäftsbericht der OHI für das Jahr 1898, dass das Absatzgebiet der neuen Gesellschaft ganz erheblich erweitert wurde und „nunmehr die ganzen Rheinlande von Baden bis zur Rheinmündung umfaßt“.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde der Betrieb von August 1914 bis ca. Jahresmitte 1915 eingestellt. Weitere Stilllegungen folgten in den Jahren der Wirtschaftskrise 1930, 1931 und 1932. Während des Zweiten Weltkrieges wurde wegen Betriebsmittel- und Personalmangel der Betrieb 1943 stillgelegt. Mit der Betriebseinstellung waren auch keine Entwässerungspumpen mehr im Einsatz, so dass das Grundwasser bis zur Wiederinbetriebnahme im Jahr 1954 ansteigen konnte, mehrere Sohlen überschwemmte und einen Badesee entstehen ließ.

Mehr als je zuvor wurde ab 1953, ein Jahr vor der Wiederinbetriebnahme, in moderne Technik investiert. Dazu zählten Betriebsgebäude, Großanlagen, Maschinen, Abbau- und Transportmittel und Gerätschaften. Diese Investitionen zahlten sich offenbar aus. Im OHI-Geschäftsbericht 1956 ist dieses Jahr als das mit dem besten wirtschaftlichen Ergebnis der AG aufgeführt.

Ebenfalls im Geschäftsbericht 1956 ist der Erwerb der OHI-Aktienmehrheit durch die Mitteldeutsche Hartstein Industrie AG (MHI), Frankfurt, vermerkt. Förmlich erfolgte die Mehrheitsbeteiligung der MHI 1966. Am 1. Januar 1972 gingen Pacht und Anlagevermögen der OHI an die MHI über.

Die vorübergehende, wohl aber endgültige Stilllegung des Steinbruchs am Wingertsberg erfolgte im Mai1974.

Text:
Wolfgang Valter






Blick über Nieder-Ramstadt nach Frankenhausen 1951



„Standbad“ 1951



Betriebsgelände, Landschaftsschaden, Biotop?
Unten Nieder-Ramstadt, links Trautheim, rechts Traisa

Bergsee 1981