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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Einzelthemen > Gewerbe

Stand: 22. Nov 2012

 

 

 


 

Die Backsteinfabrik in der Mordach

Text:
Volker Teutschländer

Aufnahmen aus dem Besitz der
Familie Kobow (5)
und von
Karl-Heinrich Schanz (2)






Blick gegen die Kohlberge:
Rechts das Verwaltungsgebäude steht noch und wird als Wohnhaus genutzt. Die Wirtschaftsgebäude links dienten bis etwa zur Jahrtausendwende einer Landwirtschaft. Der Schornstein steht nicht mehr, ebensowenig wie die Fabikationsgebäude.



Auf dieser Aufnahme stehen noch die Brennkammern rund um den Schornstein



Teilansicht des Ringofens mit seinen 70 Brennkammern



Nebengebäude



Ein Teil der Belegschaft vor dem Krieg



Lieferfahrzeug der „Dampfziegelei“, aufgenommen 1926 im Hof der Untersten Schachenmühle („Spenglersmühle“), die der Ziegelei-Gesellschafter Ferdinand Adolf Pertsch erworben hatte.
Der Knabe im Führerhaus ist der auf der Mühle geborene noch nicht einjährige Wilfried Spengler.



Die letzten Gebäude der Russenfabrik in der Mordach heute

Dampfziegelei“, „Russenfabrik“, „Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“

Die Geschichte der industriell arbeitenden Ziegelei in der Mordach ist bisher nicht aufgearbeitet. Das Thema steht dennoch bereits jetzt als Beitrag zur Geschichte Nieder-Ramstadts auf dieser Seite, vor allem, um die alten Fotoaufnahmen der Familie Kobow der Öffentlichkeit nicht vorzuhalten.

Das Verzeichnis der Wohnplätze im Großherzogtum Hessen nennt 1902 unter dem Stichwort „Nieder-Ramstadt“:

Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“.

Damit ist der Standort eines „Wohnplatzes“ benannt, das heißt von dauerhaft bewohnten Gebäuden außerhalb der geschlossenen Ortslage (von Nieder-Ramstadt). Er liegt westlich des Weges „Viehtrift“ am Boschel-Abhang, südlich der Gewann Schabeck.

Damit wissen wir, daß die Ziegelei um die Jahrhundertwende längst bestanden hat. Daß hier industrielle Fertigungsanlagen bestanden, ergibt sich daraus nicht – auch Ziegeleien im Nebenerwerb konnten als „Wohnplätze“ benannt sein, wenn sie außerhalb der Ortschaft lagen.

Rhein und Neckar (die ja einst in der Rheinebene parallel auch an der Mühltal-Öffnung des Gebirges vorbeiflossen) haben Sande abgelagert, die vom Wind während der Eiszeit wegen der fehlenden Vegetation zu ausgedehnten Dünenfeldern zwischen dem Odenwald-Abbruch und der Ebene angehäuft wurden.

Die feineren Sande wurden durch Talöffnungen wie dem Mühltal ins Gebirge geweht und als Löß abgelagert. Trotz der Enge des Mordachtales ist der Dünensand auch bis weit ins darüberliegende Beerbachtal eingedrungen, wie mehrere Lößvorkommen in der Tallage auch in Nieder-Beerbach beweisen. Sie lieferten jahrzehntelang Rohstoff für die industrielle Ziegelei in der Nieder-Ramstädter Mordach sowie für 5 Ziegeleien in Nieder-Beerbach.

Bevor Archivarbeiten durchgeführt sind, gibt es einen „Beleg“ besonderer Art für die „Backsteinfabrik“ - niemand nannte sie nur Ziegelei. 1922 nämlich dichtete Nieder-Ramstadts Heimatdichter Johannes „Jean“ Heppenheimer in einem Karnevalslied, das später zu einem Heimatlied werden sollte:

. . . Und schweift dann übers Boschel 'naus dein Blick siehst du den Schornstein von der Russefawerik“.

Russefawerik = mundartlich für Russenfabrik. „Fabrik“ weist auf industrielle Fertigungsweisen hin. 46 Meter soll der Fabrikschornstein gewesen sein.

Jochen Kobow, dessen Familie nach dem Kriege den größten Teil des Fabrikgeländes erworben hat, hat mit Hilfe des Zeitzeugen Christian Heußer eine Skizze der Produktionsanlagen rekonstruiert. Danach verfügte der Ringofen über 70 Brennkammern, der Schornstein ragte 46 Meter über den Talgrund und hatte an seinem Fuß einen Durchmesser von 9 m. Feldbahngleise umrundeten das weite Areal, über die auf Loren (Rollwagen) das Material von den den Gruben zum Preßhaus und zum Ofen, von dort zu den Lagerplätzen geschoben wurden – eine Lokomotive gab es nicht.

Ein Bild unten zeigt ein Lieferfahrzeug der „Dampfziegelei“ im Hof der Untersten Schachenmühle. Die Aufnahme aus dem Jahr 1930 zeigt im Führerhaus den damals noch nicht einjährigen Wilfried Spengler. Die Aufschrift „Dampfziegelei“ verweist auf den Einsatz von Dampfmaschinen. Die Unterzeile verrät, daß der Sitz der GmbH in der Neckarstraße in Darmstadt war.

Wilfried Spengler und Bruder Hugo wissen aus eigenem Erleben, daß die der Schweizer Ferdinand Adolf Pertsch und der Nieder-Beerbacher Ludwig Georg Bernhardt den Betrieb und die GmbH leiteten. Pertsch betreibt lt. Adreßbuch von 1927 ein „Conventionsbureau“ in Darmstadt und eine „Mühlenhof-Verwaltungs-GmbH“ in der Untersten Schachenmühle („Spenglersmühle“) in Nieder-Ramstadt. Bernhardt begründete das Zimmergeschäft in Nieder-Ramstadt, das derzeit von der vierten Generation betrieben wird. Peter Germann (Bensheim), Mitarbeiter im Arbeitskreis Heimatgeschichte Mühltal, weiß noch, daß seinerzeit Arbeiter „beim Bernhardt“ gearbeitet waren, wenn sie in der Backsteinfabrik beschäftigt waren.

Ein jüngerer Beleg ist der abgebildete Teil einer Rechnung des Ton- und Klinkerwerkes Pfaffen-Beerfurth von 1938. Peter Germann III – der Vater von Arbeitskeis-Mitarbeiter Peter Germann – hat 1000 Ringofensteine ab Werk zu 28 Reichsmark erworben, und zwar im Zweigwerk

Mordach-Ziegelei Nieder-Ramstadt.

Die GmbH ist offenbar aufgelöst und die „Dampfziegelei“ an das Werk in Pfaffen-Beerfurth verkauft worden.

Spätestens gegen Ende des Krieges endete die Ziegelbrennerei. Maschinen und Gerät sollen nach Rußland in die eroberten Gebiete verschafft worden sein. Sogar eine Legende hielt sich für einige Zeit: Auch der Schornstein sei nach Osten geschafft worden sein – in fein numerierten Einzelsteinen. Gelogen oder schlecht erfunden: Der Schornstein wurde erst in den 1950er Jahren gesprengt!

Viele Geschichtchen ranken sich um die Geschichte der Russenfabrik während, am Ende und gleich nach dem Kriege. Die Wehrmacht war da zugange, worüber sich später Amis und Sowjets versuchten kundig zu machen. Aber auch zivile „Anrainer“ sollen mit und ohne Erfolg versucht haben, sich von dem, was an Betriebseinrichtungen übrig war, etwas Brauchbares zu organisieren.

Nach dem Kriege wurde der nordöstliche Teil der riesigen Tongrube jenseits des Schabeckweges verfüllt, u.a. mit Erdaushub vom Bau des benachbarten Sonnenhofes. Das Wohn- und Verwaltungsgebäude wurde verkauft und von einem landwirtschaftlichen Betrieb genutzt. Das eigentliche Betriebsgelände erwarb die Familie Kobow, die anfangs dort ein Kinderheim betrieb.

 

Wieso eigentlich „Russenfabrik“?

 

Aber wieso Russen? Eine Erklärung, die durchaus in der Gemeinde verbreitet ist, erläuterte der verstorbene Oberstudienrat Hans Hohlmann, selbst gelernter Maurer vor seiner Lehrerausbildung: Beim Brennen sei es vorgekommen, daß einzelne Ziegel glasig verformt, evtl. auch schwarz (wie Ruß) verfärbt waren. Und so sei der Spottname für die Backsteinfabrik geboren worden, der die Backsteinfabrik über die Jahrzehnte überlebte.

Ganz so eindeutig wie bisher angenommen, ist diese Erklärung aber doch nicht. Bei der Beschäftigung mit den vielfältigen erfolgreichen wirtschaftlichen Betätigungen von vier Generationen der Familie Bayer (Nieder-Ramstadt, Bahnhofstraße) war zu erfahren, daß sie bis vor dem Ersten Weltkrieg eine Feldofenziegelei auf dem Grundstücke Ecke Gartenstraße / Schulstraße in Nieder-Ramstadt betrieb – auf dem „Russenplatz“! Auf dem Gelände befand sich später ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges. Heute dient es als Parkplatz unterhalb der Kulturhalle.

Frau Frieda Bayer verh. Mühr, weiß noch, daß jährlich im Sommer russische Saisonarbeiter angereist sind, um in der Bayerschen Landwirtschaft, vor allem in der Bayerschen Ziegelei auf dem (deshalb so bezeichneten?) „Russenplatz“ zu arbeiten.

Des Rätsels Lösung ist aber einfacher:

Russenfabriken gab es als aufgelassene Ziegeleien zumindest in der Region zuhauf, was mit einer Internetabfrage leicht nachprüfbar ist. Das wird mit einem Blick ins Südhessische Wörterbuch (1965 – 1985) bestätigt: Zumindest bei uns im Odenwälderischen sind oder waren „Russenfabriken“ Ziegeleien, Backsteinbrennereien oder Backsteinfabriken, weil man hierzulande „Russen“ zu Ziegelsteinen oder Backsteinen sagte..

 

1938: Die „Mordach-Ziegelei Nieder-Ramstadt“ als Zweigwerk von Pfaffen-Beerfurth