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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Gewerbe 

Stand: 21. Jun 2013

 

 

 


 

Die Glasmanufaktur


im Modau- und Mordachtal 1698 – 1706

n der Mordach besaßen die Herren von Wallbrunn um die Mitte des 15. Jahrhunderts einen Hof mit eigenem Gericht, der kirchenrechtlich zur Kirche in Neunkirchen zählte. Links an der Talweitung, umsäumt von einem wohlgepflegten Hausgarten, liegt "Haus Burgwald", eine Therapieeinrichtung für Suchtkranke. Hier stand ehemals die Großherzogliche Glas- und Spiegelhütte der vom Landgrafen Ernst Ludwig 1698 gegründeten Manufaktur.

Landgraf Ernst Ludwig (1678 - 1739) ein Förderer des Gewerbes

Da Landgraf Ernst Ludwig beim Tod seines Vaters 1678 erst 11 Jahre alt war, übernahm seine Mutter Elisabeth Dorothea für zehn Jahre die Regentschaft, bis zu seiner Volljährigkeit. Der Landgraf, ein leidenschaftlicher Jäger, mußte bei seinem Regierungsantritt ca. 2 Millionen Gulden an Schulden mit übernehmen, die ihm sein Vater Ludwig VI. hinterließ. Dazu trug er sich selbst mit großen Bauplänen.

Ein neues Schloß in Darmstadt, ein Opernhaus, die Orangerie, die westliche Vorstadt und einige Jagdhäuser, waren die größten Objekte, die ihm vorschwebten. Dazu brauchte er sehr viel Geld. Eine Möglichkeit, seine Einkünfte zu verbessern, sah er in der Förderung von Handel und Gewerbe. Von Anfang an, bei der Übernahme der Regierungsgeschäfte aus der Hand seiner Mutter, plante er die Einrichtung von Manufakturen. Mit dem Verkauf ihrer Erzeugnisse kam nicht nur Geld ins Land, sondern auch der Eigenbedarf sollte mit ihren Produkten gedeckt werden. Das galt für Papier-, Eisen- und Glaserzeugnisse. Schon der erste Hessen-Darmstädtische Landgraf, Georg der I., mußte 1578 das Glas für 90 Fenster, das waren 150 Schaub, für sein Schloß in Kranichstein bei seinem Bruder Wilhelm in Kassel kaufen. Es kam aus der Hütte in Almerode. Groß war auch der Bdarf des Hofes an Gebrauchsgläsern.

1688 übernahm Landgraf Ernst Ludwig von Henrich von Bohlen die Bohlenmühle und trennte einen Teil der Gebäude ab, um sie zu einem Spiegelscheifwerk ausbauen zu lassen. Die andere Hälfte verpachtete er als Mahlmühle weiter.

Der Aufbau der Glasmanufaktur mit Spiegelschleifwerk und Glashütte dauerte aber noch 10 Jahre. Die Raubkriege des französischen "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. erschütterten die Landgrafschaft 1691 und 1693 schwer. Der Landgraf floh zeitweise nach Gießen.. 1695 wurde dann ein zweites Projekt verwirklicht, die Papiermühle im Mühltal, das einzige, das bis heute Bestand hat. Um die gleiche Zeit kaufte der Landgraf in Ober-Ramstadt eine Mahlmühle auf, um sie zum Eisenhammer umzubauen.

Nun war 1698 endlich auch die Glashütte mit dem Stampfwerk in der Mordach fertig, die Glasmacher waren angeworben und die Produktion konnte beginnen.

Die Mordach, ein idealer Standort für die Glashütte

Die Wahl des Standortes einer Glashütte mußte zur damaligen Zeit gut überlegt werden. Etliche Voraussetzungen für einen rentablen Betrieb mußten gegeben sein:

1. Die Hauptrohstoffe für die Glasherstellung, Quarz, Pottasche und Kalk, sollten in der Nähe gefunden und produziert werden können, um unnötige Transportwege auszuschließen.

2. Für den Schmelzprozeß, der bei Temperaturen zwischen 1400 und 1500° C abläuft, mußte das Brennmaterial - damals ausschließlich Holz - am Ort vorhanden sein.

3. Ausreichende Wasserkraft für den Antrieb der Pochwerke und Glasschleifmaschinen sowie Wasser zum Reinigen der Rohstoffe waren nötig.

4. Feuerfestes Material für den Ofenbau und die Glasschmelzöfen sollte möglichst in der Nähe anstehen.

5. Für die Arbeiten auf der Glashütte, im Spiegelschleifwerk und bei der Rohstoffgewinnung waren Arbeiter aus zahlreichen Berufszweigen nötig.

6. Die leicht zerbrechlichen Fertigprodukte mußten auf sicheren Wegen an die Absatzorte, wie Darmstadt, Frankfurt und Worms gebracht werden können.

Die meisten dieser Voraussetzungen waren im Gebiet Mühltal, Mordach und Beerbachtal gegeben. Quarzsand wurde an den Ausläufern der Eberstädter Dünen, an der Alten Dieburger Straße, reichlich gefunden. Kalk gab es ebenfalls, was aus den Gewannamen "Mordach" und "Kalkofen" hervorgeht. Diese Vorkommen genügten aber wohl nicht; Kalk für die Glashütte wurde sicher noch anderen Orts gewonnen.

Der Holzverbrauch einer Glashütte war enorm. Um einen Zentner Glas zu erschmelzen, wurden 8 Zentner Holz benötigt. Jährlich wurden von einer Hütte 20 - 25 Morgen Wald als Brennholz verbraucht. Dazu kamen noch große Mengen Holz, die zur Pottasche-Herstellung verbrannt wurden. Dieser gewaltige Raubbau führte oft zur völligen Verödung ganzer Landschaften bei den Hütten. Dem Waldbestand auf Kohl- und Glasberg wurden damals schwere Wunden geschlagen. Wegen der schwierigen Holzabfuhr aus diesem unwegsamen Gelände konnte man das Holz entweder nur an Ort und Stelle zu Holzkohle verarbeiten, oder man baute Glashütten, die große Mengen Holz zum Schmelzen des Glases oder zur Pottascheherstellung benötigten. Die Gewannbezeichnungen Kohl- und Glasberg entstanden damals. "Glasberg" nimmt direkt Bezug zur Glashütte. "Kohlberg" wurde seither als Köhlergebiet gedeutet. Eher ist anzunehmen, daß der Holzmacher bei der Glashütte, Johann Kohl, der Namensgeber war.

Feuerfeste Materialien gab es an der Schabeck, wo später die Ziegelei Mordach entstand und auf dem Breitenlohberg. Den idealen Transportweg zu entfernten Märkten stellte die Alte Dieburger Straße dar. Wasserkraft war ebenfalls reichlich vorhanden. Nur eine Voraussetzung war sehr schwierig zu erfüllen: Erfahrene Glasmacher waren in Hessen-Darmstadt nicht vorhanden, sie mußten von weither angeworben werden.

Glasmacher-, Spiegel- und Schleifmeister

Als Faktor für die Gesamtmanufaktur stellte der Landgraf Johann Adam Bergmeister ein. Aus einer der berühmtesten hessischen Glasmacherfamilien holte er den Spiegelmeister Johann Georg Gundelach. Weitere Fachleute waren der Schleifmeister Asspalt Brede und der Glasmachermeister Johann Georg Wentzel aus einem ebenfalls berühmten hessischen Glasmachergeschlecht. Diese Meister brachten die zum Bau und Betrieb der Hütte notwendigen Kenntnisse und Fachkräfte mit. Sie wohnten in der Mehrzahl in Nieder-Beerbach, einige auch in Eberstadt und Nieder-Ramstadt. In den Kirchenbüchern der drei Gemeinden sind ihre Namen zu finden. Neben den oben genannten drei Meistern und dem Faktor werden Glasmacher, Feuerschürer, Römer- und Kelchmacher, Fuhrknechte, Holzmacher, Glasträger und Taglöhner aufgeführt. Der Mühlarzt Johann Peter Grimm aus Culmbach war für den Bau der "Wasserkünste" zuständig.

Zur Spiegelhütte bei der Glashütte an der Mordach gehörten Spiegelmacher, Glasschneider und Spiegelbeleger. Berufsbezeichnungen im Spiegelschleifwerk an der Modau waren Spiegelschleifer, Polierer, Glasschleifer, Schleifer und Schreiner. Sicher sind nicht alle in der Manufaktur Beschäftigten in den Kirchenbüchern verzeichnet. In den drei genannten Orten sind es aber allein 46 in sechs Jahren. Vier Namensträger der Familie Gundelach und drei der ebenso berühmten Familie Wentzel sind vertreten. Sie kamen aus den Glaszentren Groß-Almerode bei Kassel, Lohr am Main, Königstein im Taunus, Breitenborn bei Geinhausen und Heilbronn am Neckar.

Hohlgläser, Fenster- und Spiegelscheiben

Der Glashüttenbetrieb bestand meist nur aus einem scheunenartigen Hauptgebäude mit dem Schmelzofen. Dazu kamen einige kleinere Nebengebäude wie das Siedehaus für die Pottasche, die Vorrats- und Lagerschuppen.

In der Mordach gab es neben der Glashütte, in der Hohlgläser geblasen wurden, die unmittelbar angrenzende Spiegelhütte, in der die Spiegel- und Butzenscheiben geblasen wurden. Es war ein Stampfhaus vorhanden, in dem Holzasche, Quarz und Glasbruch zerkleinert wurde.

Aus einem Verzeichnis des Faktors Bergmeister aus dem Jahre 1699 ist die Produktion aus vier Monaten ersichtlich:

7.000 Römer, 9.300 Schockgläser, 5.000 Weißgläser, 2.800 Blättergen (Arznei- und Parfümfläschchen), 28.950 Schlechtglas (schlichte, einfache Gläser oder Flaschen?), 1.200 Rauppen (Bier- oder Salbengläser mit Binderand) und 200 Kristallgläser. Das bedeutet, daß ca. 2.000 Hohlgläser pro Woche gefertigt wurden.

Daneben nennt das Verzeichnis auch Flachglas:

23.300 kleine Scheiben (Butzenscheiben) und 20.600 Spiegelscheiben.

Nach Abzug von Lohn- und Materialkosten errechnete der Faktor einen Profit von 865 Gulden für den Landgrafen. Verkaufseinheit für geblasene Gläser war das "Hüttenhundert", kleinste Verpackungseinheit ein Bund oder Schaub. Die Gläser wurden an Strohseilen einzeln wie Perlen aufgereiht, zu einer Kette zusammengebunden, zu einem "Bund". Ein solcher Bund konnte je nach Glasart unterschiedliche Stückzahlen haben. Ein Hüttenhundert Römer waren z. B. 26 Stück. Sie kosteten im Verkauf l Gulden. Die Herstellungskosten betrugen 12 Albus (1 Gulden = 30 Albus = 240 Pfennig = 60 Kreuzer). Der Gewinn betrug bei Römern also 150 %. Die Bezeichnung "Rauppe" rührt wohl auch von der Verpackungsart mancher zylindrischer Gläser her. Sie wurden aneinander gereiht, mit Stroh umwickelt, und sahen so wie eine vielgliedrige Raupe aus.

Bis zum 18. Jahrhundert bekamen die Glasmacher als Lohn einen Teil des gefertigten Glases, das sie dann selbst verkauften. Gundelach zahlte in der Mordach Stücklohn. Ein Hohlglasbläser erhielt für 100 Wassergläser 0,25 Gulden.

Da der dortige Quarzsand sehr eisenhaltig war, konnte nur grünes Glas, sogenanntes "Waldglas", hergestellt werden. Für Spiegel und klare Butzenscheiben mußte reiner Quarz verwendet werden, der vielleicht am "Glasberg" gebrochen wurde. Abbauspuren finden sich überall an den Hängen der umliegenden Berge, ob sie die Glasmacher hinterließen, ist allerdings nicht zu beweisen.

Butzenscheiben wurden aus einer kleinen Glasblase hergestellt. Sie wurde mit einem Spatel geöffnet und geschleudert, so daß sie unter der Fliehkraft zu einer runden Scheibe aufging. Auf einem Stein wurde sie nun flach gedrückt und der Rand zur Verstärkung umgewulstet. Die kalte Scheibe, von der Glasmacherpfeife getrennt, behielt an der Trennstelle den "Butzen". Die Herstellungskosten für 100 Stück betrugen 9 Albus, zu 14 Albus wurden sie, einzeln in Stroh verpackt, verkauft.

Ähnlich verlief die "Mondglas"-Herstellung. Sie ergab nur wesentlich größere, tellerartige Scheiben von einigen Kilogramm an Gewicht. Der Glaser schnitt aus ihnen die benötigten Größen für die bleiverglasten Fenster und Spiegel zu.

Neben Fensterscheiben wurden große Mengen von Spiegelscheiben in der Mordach hergestellt. Die Landesfürsten, vor allem in Süddeutschland, bauten in ihre Schlösser Spiegelkabinette ein. Sie ließen die Räume größer erscheinen und die darin gesammelten Kunstschätze besser zur Geltung kommen.

Die Spiegelgläser wurden im Streckglasverfahren hergestellt. Eine geblasene zylindrische Glaswalze wurde an beiden Enden geöffnet, längs aufgeschlitzt und zu einem Flachglas auf einer Steinplatte ausgerollt. Diese unregelmäßige Scheiben mußten geschliffen und poliert werden. Bei kleineren Scheiben geschah dies von Hand, große wurden zur Schleifmühle an der Modau transportiert.

Die größten in der Mordach hergestellten Scheiben waren 1,10 x 0,81 m groß und kosteten 105 Gulden, später nach neuer Taxe 135 Gulden. "Kutschengläser" (Mondglas) hatten als größten Durchmesser 680 mm und kosteten 12 Gulden.

Die Arbeit in der Schleifmühle

In der Schleifmühle wurden die Spiegelscheiben mit Gips auf einem Tisch festgelegt. Eine kleinere Glasscheibe, am Boden eines rechteckigen Holzkastens befestigt, schliff über die Spiegelscheibe. Als Schleifmittel dienten Quarzsande und geschlämmter Schmirgel. Die hin und her gehende Schleifbewegung wurde durch eine vom Wasserrad bewegte Kurbel und einem Gestänge erzeugt. Der Schleifkasten war mit Steinen beschwert, deren Gewicht den nötigen Schleifdruck erzeugten. Poliert wurde von Hand mit einem lederüberzogenen Holz. Als Poliermittel diente Trippel oder Zinnasche.

Untergang eines aussichtsreichen Werkes

1699 war ein gutes Jahr für die Produktion in der Glasmanufaktur. Aber schon ein Jahr später, am Ende der Saison im Oktober, liest man in den Akten von Schwierigkeiten. Der Landgraf hatte für die Erstellung der Glashütte bereits 14.133 Gulden aufgebracht. Gundelach wollte weitere 10. bis 12.000 Gulden zum weiteren Ausbau haben
.

Dem Landgrafen wurde von seinen Beratern empfohlen, sein Kapital aus dem Unternehmen herauszuziehen, indem er Gundelach die Hütte für einen jährlichen Zins von 200 Gulden überlassen und jährlich 100 Gulden seines eingebrachten Kapitals zurückverlangen sollte. Diesem Rat folgte er aber nicht. Es ist auch möglich, daß Gundelach auf diesen Vorschlag nicht einging.

Gundelach war offenbar unumschränkter Herrscher in der gesamten Manufaktur. Im Juni 1702 drängte er den Schleifmeister Brede aus seinem Amt und stellte dafür Christoph Mick ein. Er gab den Leuten auf dem Schleifhaus Anweisung, von Brede keine Befehle mehr anzunehmen. Er selbst wollte dem Landgrafen darüber berichten.

Der Kammerschreiber Zühl mißtraute ihm aber und schrieb an seinen Herrn: "Ich sorge, wann dem Gundelach dieser Streich angehet, daß er dergleichen noch mehr ausübe, mit dieser und anderen Passionen aber das Werk zum Untergang befördern wird". Er schlug vor, Brede ein Jahr zu halten, da wohl kein besserer Schleifmeister zu bekommen sei. Nach Ablauf des Bestandjahres von Mick, sollte man Brede wieder einstellen.

Der Faktor Bergmeister war Gundelach gegenüber ebenfalls machtlos. Er war von Darmstadt auf die Bohlenmühle gezogen, um bessere Aufsicht auf das Werk zu haben. Kummer bereitete ihm vor allem, daß ihm nicht ständig ein Pferd aus dem Marstall in Darmstadt zur Verfügung stand.

Auch scheint ihn die Anlegung eines Hausgartens bei der Bohlenmühle mehr beschäftigt zu haben als die Geschäfte der Manufaktur. Er beschwerte sich in einem Brief an den Landgrafen über Gundelach, daß dieser ihm die ganzen Bestellungen und Anschaffungen auf den Hals lade, nur um selbst die Verantwortung los zu werden. Auch der Glasschneider Jacob aus Eberstadt beschwerte sich, daß Gundelach nicht das versprochene Glas lieferte. Er habe keine Aussicht, daß dies besser werde, da dem Glasmeister keine geeigneten Leute zur Verfügung stünden und sie kein feines Glas zu Wege bringen.

Gundelach war in der Tat ein eigenwilliger Mann. In erster Linie auf seinen Vorteil bedacht, brachte er zum Gelingen des Werkes wenig zustande. Dies bestätigte sich auch später in Spiegelberg bei Heilbronn, wohin er 1705 mit großen Schulden abging. Auch dort entließ man ihn 1712 nach vielen Querelen und großer Erfolgslosigkeit. Man hatte ihn ohne die übliche Prüfung seines Könnens angenommen, da er aus einer der berühmtesten Glasmacherfamilien Hessens stammte und zum anderen aus Darmstadt einige Römer und Spiegel nach Stuttgart geliefert hatte, die seine Tüchtigkeit "bewiesen". Auch sein Favorit Mick tauchte mit ihm zusammen in Spiegelberg auf.

Mit Gundelachs Weggang im Jahre 1705 ging auch die Manufaktur in der Mordach zu Ende.

Die Gebäude der Spiegelhütte verkaufte der Landgraf 1705 an Johann Georg Frankenberger, zusammen mit sieben Morgen Feld, für 350 Gulden. Frankenberger war Müller auf Heil Eberhards Mühle, der Mittleren Schachenmühle. Er baute die Spiegelhütte zu einer Mahlmühle um.

1707 kaufte Johann Ludwig Braun, der ehemalige Schleifmüller, die zur Glashütte gehörende Langwiese und erbaute darauf eine eine Mahl- und Schneidmühle, die heutige Frankenbergersmühle.

Der Landgraf versuchte, durch die Verkäufe zu retten, was noch zu retten war, um wenigstens noch einen Teil seines aufgewendeten Kapitals zurückzuerhalten. Wahrscheinlich wurden beim Bau der beiden Mühlen die Glashütte und das Stampfwerk abgerissen und als Baumaterial verwendet.

Ein hoffnungsvolles Unternehmen war schnell zu Grunde gegangen. Landgraf Ernst Ludwig hatte am Ende wieder einmal ein paar tausend Gulden Schulden mehr

Die Betriebsorganisation in der Glasmanufaktur

Die Glas- und Spiegelhütte an der Mordach liegt ca. 2 km von der Spiegelschleifmühle an der Modau entfernt. In der Mordach war der Wald besser zugänglich, aber die Wasserkraft reichte nur für das Stampfwerk aus. Das Spiegelschleifwerk mit seinem großen Kraftbedarf richtete man an der Modau ein.

Als kaufmännischen Leiter des gesamten Unternehmens setzte Landgraf Ernst Ludwig den "Glas-Factor" Johann Adam Bergmeister ein. Ursprünglich leitete dieser von Darmstadt aus die Geschäfte, mußte dann aber seine Wohnung auf der Bohlenmühle nehmen, was ihn vom städtischen Leben in der Residenz völlig ausschloß und ihn äußerst unglücklich machte. Mit seinem "Spiegelmeister" Johann Georg Gundelach lag er in ständiger Auseinandersetzung um die Führung der Geschäfte.

Im Kirchenbuch von Nieder-Beerbach taucht 1705 ein "Spiegel-factor bei der Hütte", Bernhard Christoph Brehm, auf. Es scheint so, als habe man für die Spiegelhütte an der Mordach einen eigenen Faktor eingestellt oder Brehm hat Bergmeister in der Gesamtleitung abgelöst.

Johann Georg Gundelach war der technische Leiter der Gesamtmanufaktur und speziell für die Spiegelproduktion verantwortlich. Dort stand ihm noch der "Spiegelmeister" Johann Georg Kendlen zur Seite.

Johann Georg Wenzel, "Glasmachermeister", war zuständig für die Hohlglasproduktion am Schmelzofen in der Mordach. Er war bis 1698 Hüttenbeständer der Glashütte bei Königstein im Taunus gewesen. Wegen hoher Verschuldung mußte er die Hütte aufgeben, behielt aber das Recht, jederzeit am dortigen Ofen arbeiten zu können. Der Erzbischof von Mainz räumte ihm dieses Privileg ein, da er als ein hervorragender Glasmeister galt.

"Fürstlicher Schleifmeister" in der Schleifmühle an der Modau war Asspalt Brede. 1702 setzte Gundelach an seiner Stelle Christoph Mick ein. Kammerschreiber Zühl riet aber dem Landgrafen, Brede, der ein guter Schleifmeister sei, zu halten. Brede scheint auch nach Schließung der Manufaktur noch für den Landgrafen tätig gewesen zu sein, denn 1709 ließ dieser bei Brede ankündigen, daß er noch "einige große Siebener Stücke" anfertigen lassen wolle.

Drei "Spiegelmeister" mit Namen Johann Georg Gundelach

Bei der Nachforschung über den Lebensweg von Johann Georg Gundelach bin ich auf einige überraschende Schwierigkeiten gestoßen. Drei Männer gleichen Namens hatten mit der Hütte in der Mordach zu tun:

Hans Georg Gundelach (I), Sohn aus 1. Ehe des Breitenborner Hüttenmeisters Henrich Gundelach, war 1665, zusammen mit seinem Vater und drei weiteren Glasmachern, Beständer der Breitenborner Glashütte. 1696 wird er im dortigen Einwohnerverzeichnis genannt. In einem Schreiben vom 5. 8. 1704 aus Frankfurt beklagte er sich beim Grafen Carl August von Ysenburg, daß er von der Erbschaft seines Vaters ausgeschlossen sei. Er unterschrieb mit: "Johann Georg Gundelach, Spiegelmeister auff der Fürstl. Hütten Darmstadt und hochgräfl. Hanauischen Glashütte". Die hessen-darmstädtisehe Hütte an der Mordach wurde 1706 geschlossen. 1707 starb er in Breitenborn.

Johann Georg Gundelach (II), Sohn von (I), leitete zwischen 1705 und 1712 die Glashütte in Spiegelberg bei Heilbronn. Er nannte sich "Landgräflich hessisch-hanauischer Spiegelmeister", und gab an, als Spiegelmeister in Neustadt an der Dosse und in der Mordach bei Eberstadt gearbeitet zu haben. Beides kann nicht stimmen. Es sei denn, er habe die Hütte in der Mordach an Stelle seines Vaters geleitet. Vielleicht auch mit diesem zusammen? Gundelach war jedenfalls in Stuttgart durch die Lieferung sogenannter "flammischer Scheiben" nach Ludwigsburg und einiger Trinkgläser für den Hof bekannt geworden. Flammische Scheiben sind geschleuderte runde Butzen- oder Mondglasscheiben. Erst im Laufe seiner Tätigkeit in Spiegelberg entdeckte man, daß er in Darmstadt "mit großem Schaden und vielen hinterlassenen Schulden" weggegangen war. Nun entließ man ihn auch hier 1712 wegen Unfähigkeit in der Leitung der Hütte. Warum hatte er sich aber als Spiegelmeister aus Neustadt an der Dosse ausgegeben?

Der wirkliche Neustädter Spiegelmeister war Johann Georg Gundelach (III). Er wurde wahrscheinlich in Auerbach 1662 geboren und kam 1664 mit seinen Eltern nach Lüttich und 1681/82 nach Altmünden, wo der Vater die dortige Glashütte gründete. 1688 wurde er von Landgraf Friedrich von Hessen-Homberg als Spiegelmeister nach Neustadt a. d. Dosse berufen.

Im gleichen Jahr noch heiratete er Catharina Margarete Eck, Tochter des Amtmannes Liberius Eck von Neustadt. 1694 ging die Neustädter Glashütte in den Besitz von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg über. Dieser berief ihn 1695 an die Kristallhütte in Berlin. Diese Hütte hatte bis 1692 der berühmte Johann Kunckel geleitet, der Erfinder des Goldrubinglases. 1679 hatte er sein Buch über die Glasmacherkunst "Ars vitraria experimentalis" veröffentlicht. Nun trat Gundelach, nach kurzer Zwischenleitung durch einen Franzosen Tournay, die Nachfolge Kunckels an.

1698 reichte Gundelach seinen Abschied in Berlin ein und begab sich nach Hessen, wo er vorübergehend bei Johann Heinrich Gundelach, dem Halbbruder von Johann Georg (I) wohnte. Ob verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, ist nicht bekannt.

Auf der Suche nach neuer Betätigung kam der Spiegelmeister nach Königstein im Taunus zur Hütte des Hans Georg Wenzel, der sie wegen hoher Verschuldung abtreten wollte. Dort traf er den Franzosen Tournay mit seiner Glasblsermannschaft bei der Arbeit am Ofen, der ihm den Zutritt verwehrte. Gundelach hatte aber auch Angebote aus Homburg und Hessen-Darmstadt, wo er beidemal Proben ablegen sollte. Wie der Königsteiner Rentmeister nach Mainz berichtete, traf Gundelach einen Reiter der Hessen-Darmstädtischen Leibgarde, der ihm einen Kontrakt zur Errichtung einer Glashütte in der Mordach Überreichte. Gundelach werde sich demnach mit dem seitherigen Königsteiner Hüttenmeister Hans Georg Wenzel in Darmstadt engagieren. Beide sollten aber weiterhin auch in Königstein für den Mainzer Erzbischof Glas machen können, der Darmstädter Kontrakt lasse dies zu. Gundelach (III) starb am 22. Juni 1701 in Altmünden.

Hans Georg Wenzel taucht als Glasmachermeister 1699 in der Mordach auf. Ein anderer Gundelach, (I) oder (II), übernahm die Stelle als Spiegelmeister und profitierte in der Folge von der Berühmtheit seines Namensvetters.

Gläser aus der Manufaktur an Mordach und Modau

Trotz jahrelanger intensiver Bemühungen ist es seither noch nicht gelungen, Produkte aus der Glasmanufaktur zu finden. Ebenso ist der genaue Standort des Glasofens und der anderen Hüttengebäude nicht bekannt. Am vermutlichen Standort des Ofens wurden Glasfragmente und Schlacken als Lesefunde sichergestellt. An den Scherben ist zu erkennen, daß dickwandiges, grünes Waldglas, klares "Kristallinglas" und weißes "Beinglas" mit blauer Fadeneinlage hergestellt wurden.

1896 soll bei dem Brand in der Glashüttenmühle auf dem Dachboden eine Kiste mit letzten Glasresten vernichtet worden sein. 1965 tauchten nochmals Gläser auf, die inzwischen aber leider verschollen sind.

I

 

Verfasser:
Karl-Heinrich Schanz




Die Geschichte der Glashüttenmühle
in der Nieder-Ramstädter Mordach:






Darstellung einer Werkstätte zur Streckglasherstellung




Vier Schritte zur Herstellung von Mondglas in einer Glashütte






Die Krugsmühle“
nennt der unbekannte Maler sein Motiv.
„Krugsmühle“ hat man die Nachfolgerin der Glashüttenmühle nach der Müllerfamilie Krug genannt. Daß das Bild ein Motiv auf dem Standort der Glashüttenmühle darstellt ist jedoch nicht verbürgt.




Das Haus Burgwald: Gasthof, dann Fachklinik für Alkoholkranke und Suchkranke auf dem Standort der Glashüttenmühle auf der Mordach




An der engsten Stelle des Mühltales steht die ehemalige Spiegelschleifmühle „auf“ der Modau, in der ursprünglich die Gläser aus der Glashüttenmühle „auf“ der Mordach weiterbearbeitet wurden. Die Schleifmühle ist baulich eng verbunden mit der Alten Bohlenmühle und beherbergt heute die Christophorusschule, läßt aber noch ihren Ursprung als Mühlen-Hofreite erkennen.

Auf der Zeichnung von Zernin: Flußaufwärts Alte Bohlenmühle, Schleifmühle, Pulvermühle und Papiermühle auf der Modau



Die ehemalige Schleifmühle als heutige Christophorusschule