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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Gewerbe

Stand: 09.03.2013

 

 

 


 

Auf der Spur alter Gastwirtschaften . . .


. . . Eine Spurensuche, um historische Gastwirtschaften zu entdecken und eine längst vergessene Gastronomie wieder lebendig werden zu lassen.

Karl Trautmann, der am 16.04.1904 in Nieder-Ramstadt geboren ist und in der Alten Dieburger Straße 51 in Trautheim wohnhaft gewesen ist, hält im Jahr 1977 Rückblick auf alte Nieder-Ramstädter Lokale und widmet dem Stammtisch der „Alten Rämschter“ sein Gedicht „Träumerei“.

Diesem Stammtisch gehörten u.a. folgende Mitglieder an: Willi Schieferstein, Wilhelm Bender, Georg Maul, Fritz Krautwurst, Ernst Hommel, Ludwig Nungesser, Adam Göbel, Karl Albrecht, Friedrich Bender, Karl Burger, Ludwig alias Philipp Emig, Dr. Adolf Franz, Heinrich Göttmann, Josef Ihle, Heinrich Kehr, Willi Kehr, Theo Scheidt, Richard Spieß, Karl Trautmann,

Nach der Melodie „Die kleine Kneipe“ hat er im Februar 1977 dieses Gedicht geschrieben und anlässlich einer Faschingsfahrt nach Gumpen im Odenwald am 9.Februar 1977 zum ersten Mal vorgetragen: eine Träumerei, die Erinnerungen an Alt-Nieder-Ramstädter Lokale wachruft. Achtzehn Lokale werden besungen, an die heute nichts mehr erinnert.

Ich denke zurück an die Jugendzeit,
reich gespickt waren unsere Straßen
mit Gaststätten, Kneipen und nicht so wie heut´,
das musste der Neid uns schon lassen.
Nur die Pfaffengässer und von der Modau die Leute
hatten nichts in ihrem Gebiet.
D`rum konnten sie singen, schon damals, wie heute,
gemeinsam das kleine Lied:

„Es fehlt die Kneipe in unserer Straße,
so wie das früher war, doch heut` nicht mehr ist.
Es fehlt die Kneipe in unserer Straße,
wo du beim Stammtisch deinen Alltag vergisst.

Im Mordachtal steht das“ Haus Burgwald“,
davon haben oft unsere Eltern erzählt.
Wir kennen es nur als Trinkerheilanstalt,
als Gaststätte haben wir`s nie erlebt.
Der Besitzer war einst Bürgermeister bei uns im Ort,
doch das ist schon lange her.
„Haus Burgwald“ – der Name lebt heute noch fort,
nur das schöne Waldgasthaus, es lebt nicht mehr.
(Abb. 01)

Die Familie Schneider hatte die frühere Krug`sche Schleifmühle in der Mordach im Jahr 1865 gekauft. Friedrich Schneider war der jüngere Bruder der letzten Schneiders aus dem Schneidershaus, dem renommierten Gasthaus, dessen volkstümliche Bezeichnung „Schloss“ noch heute im Straßennamen fortlebt. Nach seiner Wahl zum Nieder-Ramstädter Bürgermeister (Amtszeit von 1893 – 1901) verpachtete der Sohn des Käufers die Mühle. Es sollte ein „Kurhaus“, das heißt eine Gaststätte mit Pension erbaut werden.

Weil das Anwesen im Wald am Fuße der Burgruine Frankenstein lag, erhielt das Kurhaus den Namen „Villa Burgwald“. Wegen der idyllischen Lage des Anwesens florierte die Gaststätte. Viele Ausflügler kehrten hier ein, um sich von anstrengenden Wanderungen zu erholen. Erst um 1910 ließ das Geschäft nach, so dass der Besitzer die Gastronomie zum Kauf anbot. Aus der Gaststätte Burgwald wurde eine Fachklinik für alkoholabhängige Männer (früher: Trinkerheilanstalt). Sie besteht heute noch als Rehabilitationsklinik für Suchtkranke (Alkohol, Spielsucht, Tabletten, Drogen).

Und als wir noch kleine Kinder waren
ging`s sonntags zum Mühltal hinaus,
mit Vater und Mutter zum Kaffeegarten
in die Pulvermühle zum Schmaus.
Froh saßen wir dort bei `ner Himbeerlimonade,
die Mutter teilte uns einen Weck.
Vergessen ist heut `dieser Gasthof, wie schade,
der Kaffeegarten ist weg.
(Abb. 02)

Unterhalb der Papiermühle im Mühltal lag die Pulvermühle, in der Schießpulver hergestellt wurde. Sie flog 1852 in die Luft und wurde danach als Mahlmühle wieder aufgebaut. Später wurde ihr eine Gastwirtschaft angegliedert, die der damalige Besitzer Franz Wagner „Gasthaus zur Pulvermühle“ nannte und sich bald als Ausflugsziel allgemeiner Beliebtheit erfreute. Heute ist es nur noch Wohnstätte. Das große Mühlrad ist noch in Betrieb und erzeugt durch Wasserkraft den für das Anwesen erforderlichen Strom. Jedes Jahr am Pfingstmontag, dem „Deutschen Mühlentag“, kann es besichtigt werden. Seit einigen Jahren bemüht sich die Familie Hechler, eine Dauerkonzession für einen Gaststättenbetrieb zu bekommen. Leider war eine öffentliche Bewirtschaftung in den letzten drei Jahren nur anlässlich des dort stattfindenden Mühlengottesdienstes (Freiluftgottesdienst) am Pfingstmontag möglich.

Viel später dann, als wir selbst Taschengeld hatten,
ging`s wieder „Zum Mühltal“, nicht weit.
Die Wirtin, Frau Geibel, zum Dämmerschoppen hatte
stets Hausgeschlachtetes bereit.
Die gemütliche Gaststube, sie ist nicht mehr da,
inzwischen sind wir ergraut.
Doch den Namen „Mühltal“, was jüngst erst geschah,
haben unsere Nachbarn geklaut.
(Abb. 03)

Die Wirtschaft bestand etwa bis 1956. Da die Inhaber eine eigene Landwirtschaft hatten, war es überwiegend eine Feierabendwirtschaft. Gäste waren meistens Arbeiter aus dem Steinbruch bzw. `freitagabends, wenn`s Geld gab, kamen auch Arbeiter der Fa. Wacker und Dörr, um ihr Schöppchen zu trinken. Es handelte sich um keine direkte Speisewirtschaft, kleinere Speisen wie Wurst- oder Schinkenbrot, Handkäs, Speck und Eier konnte man jedoch immer bekommen. Wenn im Frühjahr und im Herbst geschlachtet wurde, freute man sich auf deftige Schlachtplatten

Nur wenige Schritte die Kirchstraße lang
stand die „Krone“, ein würdig Gasthaus.
Die Gemeindekasse, ein Tante-Emma-Laden
und die Gastwirtschaft in einem Haus.
Vom Steuerzahlen in der Nebenstube
zum Biertisch, ging`s nur über`n Flur.
Die Steuern, das macht heut der Computer,
von der Gastwirtschaft fehlt jede Spur.
(Abb. 04)

Der Besitzer Georg Wagner war seinerzeit auch Gemeindesteuereinnehmer (1927). Der Gaststätte angeschlossen war ein Verkaufsladen, damals Kolonialwarenhandlung genannt. Aus Datenschutzgründen wäre das heute nicht mehr denkbar!

Kaum hundert Schritte weiter der Kirche zu
stand das Gasthaus “Zur frischen Quelle“.
Eine gute Metzgerei gehörte dazu,
das Haus steht noch an der Stelle.
Die gute Küche uns stets verband,
die Getränke immer quellfrisch.
Am Eingang groß geschrieben stand:
„Gutbürgerlicher Mittagstisch“.
(Abb. 05)

Bis zu seinem Wegzug nach Waschenbach betrieb das Ehepaar Franz und Dora Emich in der Kirchstr. 21 eine alteingesessene Metzgerei und Gastwirtschaft. Für viele Waschenbacher war die Gaststätte der Emichs eine beliebte Anlaufstation. Waschenbacher Konfirmanden bekamen hier bei ihrer Konfirmation ein Essen spendiert; eine willkommene Stärkung, die nach dem langen Vormittag in der Kirche vor dem Nachhauseweg dankbar entgegengenommen wurde. Sohn Alois war als Geselle im elterlichen Betrieb tätig und hat zusammen mit seinem Vater auch viele Hausschlachtungen durchgeführt. Bei Emichs Schlachtfesten konnte man so richtig, wie früher üblich, Metzelsuppe, Pfeffer, Wellfleisch und kleine Blut- und Leberwürstchen genießen!

Und wieder ein Stück vor der Kirche ein wenig
das Gasthaus „Zum Römer“ einlud.
Den Wirt nannte man nur den Schippekönig,
sein selbstgekelterter Apfelwein war gut.
In seiner Küche war er sein eigener Koch,
drum schmeckte das Essen feudal.
Das alte Rathaus, es stand damals noch gegenüber,
das war einmal.
(Abb. 06)

Das war seinerzeit „die“ Apfelweinwirtschaft in Nieder-Ramstadt. Nach Aussage älterer Bürger konnte man dort nicht nur Speisen und Getränke konsumieren, sondern es wurde auch selbstgemachtes Eis verkauft. Viele Kinder schwärmten von diesem einzigartigen Haselnusseis! Einer der damaligen Wirte war Adam Schumacher. Das Haus hieß daher später noch „bei Schumachers“.

Nur zwei Häuser weiter, die nächste Schänke,
Zum goldenen Löwen“ genannt.
Vorzügliche Speisen, gepflegte Getränke,
war weithin jedem bekannt.
Das beliebte Lokal, wie vom Winde verweht.
Es lebt fort nun im neuen Rahmen.
Am gleichen Platz jetzt eine Apotheke steht,
zur Erinnerung trägt sie den Namen.
(Abb. 07)

Bei der Gründung der Freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1881 war der Löwenwirt Friedrich Bender deren erster Feuerwehrkommandant. Nach jeder Brandbekämpfung war dann großes „Nachlöschen“ angesagt.Der Löwe war auch Vereinslokal der Sängervereinigung 1890. Das Gasthaus wurde Anfang der 1970er Jahre abgerissen und an seine Stelle das sogenannte Ärztehaus erbaut, eines der hässlichsten Betonbauten Nieder-Ramstadts. Das Bild zeigt das Gasthaus um 1905. Das stattliche Haus gegenüber der evangelischen Dorfkirche mit seinem Gartensaal war damals ein beliebter Treffpunkt bei Festen und Tanzveranstaltungen. Auch Darmstädter Studentenverbindungen schätzten den Löwen für ihre Aktivitäten. Hier im Löwen seien auch die besten Rumpsteaks serviert worden, erzählen ältere Mitbürger. Die Rumpsteaks, mit einem kleinen Fettrand versehen, wurden nicht wie heute üblich als „englisch“, „medium“ oder „durch“ geordert, sondern kamen stets in der Variante „richtig“ auf den Tisch.

Und gleich nebenan sang die „Harmonie“
Von dem Brunnen und dem Lindenbaum.
Zur Linde“ hieß auch das Lokal und Café,
da gab`s guten Heidelbeerkuchen, man erinnert sich.
Und draußen auf der Straße, einst hoch und hehr,
stand das Denkmal, der Brunnen, die alte Linde.
Doch alles musste weichen dem Verkehr,
zerstoben in alle Winde.
(Abb.08)

Bei dem ehemaligen Gasthaus „Zur Linde“ handelt es sich um eines der schönsten noch verbliebenen Zeugnisse des historischen Ortskerns des alten Nieder-Ramstadt, ein Fachwerkhaus mit aufwendigem Ziergefüge aus dem 17. Jh. Familie Arnheiter verkauft 1915 das Haus an Georg Hieronymus, der die Gaststätte bis 1970 geführt hat. Sein Sohn Karl übernahm sie dann bis zum 21.7.1971. Der Gasthausname war nach der nur wenige Meter entfernt gelegenen Friedenslinde genannt, die hier 1886 als Erinnerung an den Friedensschluss nach dem Krieg 1870/71 gepflanzt wurde.

1965 fiel diese dem Bundesstraßenbau mitten durch den Ort zum Opfer. Das „Haus Hieronymus blieb jedoch erhalten. Nach Aufgabe der Wirtschaft durch die Familie stand das Haus lange leer, bis es von 1983 – 1985 von dem Türken Bayram Yilmas als Teestube geführt wurde. Nach zähen Verhandlungen kaufte dann die Gemeinde Mühltal das Gebäude, um es an Peter Amann weiter zu verkaufen, der es im Dezember 1993 als „Weinstube Amann“ wiedereröffnete und unter der Pächterin Annette Hejny zu neuem Glanz brachte. Nachdem später auch Amanns Weinhaus geschlossen hatte (vermutlich wegen der hohen Pachtsumme), konnte sich kein neues Lokal hier etablieren. Ein kurzes Gastspiel führte noch ein Portugiese mit einem Fischrestaurant, das jedoch nicht lief. „Zum Glück“, sagen viele Anwohner, denn es roch in der gesamten Umgebung widerlich nach Fisch! Seit Juni diesen Jahres ist es von dem Ehepaar Krause gepachtet worden und wird unter dem Namen „Mühlrädchen“ als Cafe und Weinstube betrieben. Es ist das einzige der alten Lokale, das heute noch betrieben wird und. wieder eine Konzession hat.

Dann quer über die Straße „Zum Darmstädter Hof“
an der Ecke der Münstergasse,
hier saßen beim Essen und Trinken wir oft,
das Rippchen mit Kraut das war Klasse!
Eine Gaststätte wie diese, die gibt es nicht mehr,
sie ist geschlossen schon viele Jahre.
Doch die Metzgerei, sie ist gewachsen bisher
Und liefert heut `noch vorzügliche Ware.
(Abb. 09)

Im ersten Stock des Hauses befand sich ein Tanzsaal mit Bühne. Hier fand während der Kerb immer der Kerbetanz statt. Die Kerb war bei der Bevölkerung das Fest für Jung und Alt. Es wurde bis zum Umfallen gefeiert und Bäcker und Metzger machten gute Geschäfte. Aus nah und fern kamen die Gäste, besonders aber aus Darmstadt, um zwei Tage lang zu feiern. Jede der sieben Gaststätten im Ort, in denen der Tanz stattfand, hatte seine eigenen Kerbeburschen und alle waren bestrebt, den schönsten Wagen beim Kerbeumzug zu stellen.

Hier verlassen wir kurz Trautmanns Gedicht „Träumereien“ und hören einige Verse zum Lokal Brückenmühle, das wir auf unserem Weiterweg passieren. Dieses Gedicht wurde der „Rämschter Kerbezeitung“ aus dem Jahr 1996 entnommen.

Das Lokal „Zur Brückenmühle“ hatte schon der Wirte viele.
Haute Cuisine mit feinen Speisen, sollt zuerst den Weg uns weisen.
Doch uns Rämschter, Ihr wißt`s selbst, solch Lokal nicht recht gefällt.
Wird auch noch der Service schlecht, bleiben Tische leer erst recht.
Das muss anders werden ihr Leut`, wir suchen mehr Gemütlichkeit!
Gut essen, trinken, fröhlich sein, dann kehr`n auch wieder Rämschter ein!
Der Wunsch von vielen ward erfüllt, die Wirtschaft macht ein gutes Bild.
Irene heißt die Wirtin nun, und hat auch meistens viel zu tun.
Die Gäste fühlen sich sehr wohl und das Lokal ist oft sehr voll.
Ich kann nur sagen, weiter so, die Brückenmühle macht uns froh!

Wenn wir jetzt schon vom Ausgangsgedicht abgeschweift sind, etwas zum damaligen Wirtschaftsleben, das auch nicht uninteressant ist.

Viele Darmstädter Bürger unternahmen Familienausflüge nach Nieder-Ramstadt, um hier in den weithin bekannten Gaststätten einzukehren. Obwohl in den Gaststätten stets Hochbetrieb herrschte, gab es seltsamerweise wenig Ruhestörungen. Dafür sorgte schon der von der Gemeinde angestellte „Nachtschutzmann“, der allabendlich die Gaststätten zur festgesetzten Zeit aufsuchte und mit strenger Miene „Feierabend“ gebot. Spätestens eine Stunde danach erschien er wieder , wo er dann die „Sitzenbleiber“ mit einem Strafbescheid beehrte. Da, wie bereits erwähnt, einige Gaststätten auch die Heimat Darmstädter Studentenverbindungen war und hier sogar Mensuren ausgetragen wurden, hatte der Nachtschutzmann Dieter oftmals alle Hände voll zu tun. Auch Originelles hatte Ramscht damals zu verzeichnen. Es soll einen „Hös`chen-Club“ gegeben haben, dessen Mitglieder stets gesalzene Eisbeine verspeisten, die im Volksmund als Hös`chen bezeichnet wurden. Eine tolle Abwechslung zum sonstigen stumpfsinnigen Kartenspiel und Dummgebabbel an den zahlreichen Stammtischen!

Und nun über die Brücke, Richtung Dornwegshöh`,
hier stand im Blickpunkt das „Schneidersche Haus“,
großer Parkgarten, Gasthaus, Hotel und Cafe´
ist verschwunden, man radierte es aus.
Man redet so viel von Kultur hierzuland,
doch lässt sich hier unmöglich schildern,
was hier bei uns an Kulturgut verschwand.
Man sieht es heut nur noch auf Bildern.
(Abb. 10)

Der letzte Rest dieses mehr als 400 Jahre eng mit der Geschichte Nieder-Ramstadts verbundenen Gasthofs fiel 1972 der Spitzhacke zum Opfer. Von 1793 -1919 war das Anwesen im Besitz der Familie Schneider, woher sich auch der Name erklärt. Auf Wilhelm Christoph Schneider folgte Adam Christian Schneider und auf ihn der letzte Besitzer Emil Wilhelm Alexander Schneider, der wie seine Vorgänger Küfer, Gastwirt und Landwirt war. Der letzte Schneider starb 1916. Die Schneiders betrieben im Haus und in dem dazu gehörenden schönen Garten eine Gaststätte mit Gartenwirtschaft, die weit über die Grenzen Nieder-Ramstadts hinaus bekannt war. Obwohl die Schneiders seriöse und tüchtige Gasthalter waren, ging es mit dem Gut immer weiter abwärts. 1909 erfolgte ein Teilverkauf des Anwesens als Baugelände. Der ehemalige Komplex umfasste ein Wohnhaus, das sog. „Schloss“ mit Nebengebäude, Hof und Park (Gartenwirtschaft) mit einer Gesamtgröße von 1469 qm, der sich anschließende Schlossgarten umfasste 4252 qm. Durch dieses Gelände wurde eine neue Straße gebaut, das parallel zur Modau verlaufende Teilstück der Schlossgartenstraße.

Das Wohnhaus mit Nebengebäuden wurde 1919 von der Gemeinde erworben, die dann Mietwohnungen einrichtete. Als das Gebäude dann 1972 abgerissen wurde, wurde für die Unterbringung der Bewohner eigens ein 30-Familienwohnhaus im Baugebiet Hag errichtet. Heute erinnert lediglich der Parkplatz an der Schlossgartenstraße und eine vom Arbeitskreis Heimatgeschichte Mühltal angebrachte Gedenktafel an das ehemals stattliche „Schneiders Haus“.

Gleich gegenüber das „Deutsche Haus“ lud ein
zu seinen leiblichen Genüssen.
Hier sang einst die Eintracht von Liebe und Wein
Und was sonst noch im Leben gepriesen.
Das letzte Gasthaus, das seine Pforten schloss.
Vor kurzer Zeit war es hier noch gemütlich.
Doch die Metzgerei, sie ist jetzt ganz groß
und die Erzeugnisse immer vorzüglich.
(Abb. 11)

Hier wurde, damals noch unter dem Namen „Gaststätte Rossmann“ bekannt, am 13. Mai 1922 die Ortsgruppe Nieder-Ramstadt des Odenwaldklubs gegründet. Unter dem späteren Besitzer Gräff war die Gastwirtschaft wegen ihrer vorzüglichen Fleischwurst, ihrer „ Grindköpp“ und Rumpsteaks weithin bekannt.

Einem Zeitungsartikel vom 18.10.1922 wurde folgende „Schiedsgerichtsgeschichte“ entnommen, die sich hier abspielte:

Der Kaufmann Karl Block in der Ober-Ramstädter Straße macht der hiesigen Bürgermeisterei bzw. dem Ortsgericht insofern „Konkurrenz“, als er im Gasthaus „Zum Deutschen Haus“ dahier eine Nebenstelle zum Abhalten von „Sühneterminen“ bei vorgekommenen Streitigkeiten und Beleidigungen errichtet hat. Sein „Institut“ ist bereits schon von Erfolg gekrönt. Dies beweist die Erledigung einer Angelegenheit, bei der er eine Einigung zustande brachte. Die Frau N. in der Kirchstraße ließ sich dazu hinreißen, einen kleinen Jungen aus nichtigen Gründen zu verprügeln. Herr Block, der als „Fezereißer“ bekannt ist, erhielt hiervon Kenntnis und griff die Sache auf. Er ging zu Frau N., machte diese auf die Schwere ihrer Tat aufmerksam , wies auf die sehr erheblichen Unkosten hin, die evtl. entstehen könnten und erbot sich gleichzeitig, vermittelnd einzugreifen. In einer geschickt abgefassten „Ladung zum Sühnetermin“, die mit dem Namen „Rechtsanwalt Frühwein“ unterzeichnet war und die den amtlichen Charakter insofern erhielt, als der Stempel des Kaninchenzuchtvereins dazu herhalten musste, brachte Block es fertig, die Parteien im Nebenzimmer des „Deutschen Hauses“ einander gegenüberzustellen. Die „Verhandlungen“, die, wie Augenzeugen berichten, unter dem Zeichen des bekannten Grundsatzes standen, „je dümmer das Volk, umso besser ist es zu regieren“, zeitigten das Ergebnis, dass sich Frau N. bereit erklärte, 50 M. Buße zu zahlen. Die Beschuldigte war insofern zu diesem Opfer gleich bereit, als in dem abgefassten Protokoll der Zusatz aufgenommen wurde, diese 50 M. Buß- oder Schmerzensgeld seien sofort in Wein anzulegen. Bei der darauffolgenden heiteren Stimmung wurde der oben bewilligte Betrag aber noch bei weitem überschritten und als die, nebenbei bemerkt, streng religiöse Frau wankenden Schrittes den Heimweg antrat, konnte man es ihr aus dem weinfrohen Gesicht deutlich ablesen, dass sie mit dem Ausgang dieser Angelegenheit befriedigt war.“

Weiter Karl Trautmanns „Träumerei“:

Nur einige Schritte der Bahnhofstraße zu,
das Gasthaus „Zum Englischen Hof“ am Eck.
Ein kleines Cafe gehörte dazu,
auch gab es zum Bier einen guten Weck,
denn im Mittelpunkt stand hier eine Bäckerei,
die frischen Brötchen dufteten ganz besonders.
Heute stehen auf dem Hof Tankfahrzeuge bereit,
deren Inhalt duftet ganz anders.
(Abb. 12)

Hier handelte es sich um das spätere „Cafe Bender“. Mit den im Text genannten Tankfahrzeugen sind die Puhlfahrzeuge der Fa. Kindinger gemeint, mit denen seinerzeit die den Häusern angeschlossenen Klärgruben entleert wurden. Heute handelt es sich um Umweltschutz-Fahrzeuge, die neben der Aral-Tankstelle in der Odenwaldstraße jetzt ihren Standplatz haben.

Die Bahnhofstraße lang bis zur Schulstraßenecke,
das Gasthaus „Zum Schwanen“ hier stand.
Auch hier steht heut eine neue Apotheke,
die Metzgerei und das Gasthaus verschwand.
Die Sängervereinigung sang hier zum ersten Mal,
damals galt es für den Frieden zu mahnen.
Nichts ist geblieben von diesem Lokal,
nichts erinnert mehr an den „Schwanen“.
(Abb. 13)

Metzger Pullmann hat seinerzeit das Haus an Familie Löbel verkauft, die es dann umgebaut hat. Das Bild zeigt links die Metzgerei, deren Spezialität sogenannte „Semmelsäck“ waren, ein graues Geheimnis des Metzgers. In der Mitte war der „Schwaneneingang“ und daneben befand sich das Uhren- und Schmuckgeschäft Partheil. Zur Schulstraßenseite hin ist der früher obligatorische Wirtshaussaal zu erahnen.

Zum „Bayrischen Hof“ hieß die nächste Gaststätte,
man erreicht sie schnell ohne Hatz.
Hier hat die „Modaulust“ ihre Lieder einst geschmettert,
direkt hier am Russenplatz.
Das Haus hat man später zur Kirche gewandelt,
dann kehrte man es wieder um.
Für die Kultur ist es wieder zurückgehandelt,
doch die Gaststätte blieb ein Provisorium.
(Abb. 14 und 15))

Hier stand das Traditionslokal der Nieder-Ramstädter Sozialdemokraten. Seit Eröffnung im Jahr 1903 diente es ihnen als Parteilokal. Erbauer und erster Wirt war Andreas Eberth, der im Jahr 1910 dem Lokal einen Saal mit kleiner Bühne angliederte. Doch das Geld saß bei der Bevölkerung nicht mehr so locker, so dass bereits 1911 Konkurs angemeldet werden musste. Nach kurzer Weiterführung durch seine Ehefrau ist dann der Schreiner Georg Keil von 1911 – 1914 als Nachpächter eingetreten. Von 1915 an war Ludwig Büscher Interimswirt, bis Georg Keil dann wieder selbst die Gaststätte betrieb. Aber auch er musste 1917 Konkurs anmelden. Im Jahr 1919 erhielt Georg Krämer aus Eberstadt eine Schankerlaubnis und der Wirtschaftsbetrieb schleppte sich so dahin. 1920 trat Theobald Amann für kurze Zeit die Nachfolge an, doch auch das war nicht auf Dauer.

Später diente das Haus als katholische Kirche, als Turnhalle, Kindergarten und Kulturhalle, die als Bürgerhaus von den gemeindlichen Gremien und den Vereinen genutzt wurde. Heute ist es die Kirche der Baptisten.

Im Gedicht wird der „Russenplatz“ erwähnt: hier handelte es sich um den freien Platz unterhalb des Saalanbaus, auf dem während des ersten Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen im Feldbrandverfahren Ziegelsteine gebrannt wurden, die im Volksmund als „Russen“ bezeichnet wurden.

Wir kommen wieder die Bahnhofstraße lang.
Hier stand das alte Gasthaus „Zur Traube“,
hier wo die „Freundschaft“ einst ihre Lieder sang
in einer Zeit der Gartenlaube.
Von Lenz und von Liebe haben sie gesungen,
sie singen nimmermehr.
Die Lieder, die Weisen, sie sind verklungen,
und auch die “Traube“, sie ist nicht mehr.
(Abb. 16)

Diese Gasthaus stand in der Bahnhofstraße zwischen der ehemaligen Quicksmühle und einem Zigarrengeschäft. Besitzer war ein Herr Hanst.

Kaum hundert Schritte weiter, Ecke Kilianstraße,
der „Goldene Anker“ ganz groß.
Man erkennt ihn heut noch so einigermaßen,
doch die Gaststätte vor Jahren man schloss.
Wir erlebten so oft hier Vergnügliches
hinten im großen Saal
und vorne gab`s dann was Vorzügliches in der Gaststube.
Auch das war einmal.
(Abb. 17)

Viele erinnern sich noch an die spätere Metzgerei Flinner, an das erste Kino in Nieder-Ramstadt und an die nebenan stehende einstige Discothek, später „Happycat“.

Noch weiter ein Stück nach dem Dorfende raus
Stand das Gasthaus „Zur Post“, ideal.
Manch große Veranstaltung erlebten wir drauß´
In dem zugehörigen Saal.
Hier haben wir so manch frohe Stunde genossen,
doch das ist schon lange her
und auch so manch guten Tropfen vergossen,
doch das Gasthaus „Zur Post“ ist nicht mehr.
(Abb. 18)

Besitzer des Hauses war ein K. Breidert und ab ca. 1928 ein Friedrich Luckhaupt. Wie auch der „Bayrische Hof“ war es das Vereinslokal des Gesangvereins „Modaulust“ sowie des Radfahrvereins „Solidarität“. Hier fand am 22.10.1904 die Gründungsversammlung einer „ Gartenstadtgesellschaft Nieder-Ramstadt-Traisa“ statt, die sich jedoch nicht so entwickelte, wie die Gründungsväter sich das vorgestellt hatten. Das Projekt, das Städter in die waldreiche Umgebung locken sollte, wurde bald wieder eingestellt.

Im März 1920 wurde im Saal des Gasthauses für alle Heimkehrer aus dem 1. Weltkrieg ein großer Begrüßungsabend abgehalten, an dem alle Ortsvereine teilnahmen.

Und als letztes am Ende der Bahnhofstraße
Stand ganz allein das „Chausseehaus“.
Die Gaststätte war ganz einsame Klasse,
bei ihr einzukehren gingen gern wir aus.
Gefüllte Hähnchen zur Kirchweih,
ich darf nicht dran denken.
Die Gasträume stehen lange schon leer.
Der geliebten Gaststätte gilt unser Gedenken,
ein „Chausseehaus“ gibt es nicht mehr.
(Abb. 19)

Das Haus wurde 1905 erbaut und erfreute sich als Rast- und Einkehrstätte an der Straße nach Ober-Ramstadt großer Beliebtheit. Zur Verbesserung der Verkehrssicherheit an der Einmündung Bahnhofstraße wurde es 1980 abgerissen. Heute befindet sich auf dem Gelände die Fa. Riegler. Zur Erinnerung nannte der TSV sein später gegenüber in der Bahnhofstraße am Sportplatz neuerbautes Sportheim mit Gaststätte ebenfalls Chausseehaus, so dass wenigstens der Name erhalten blieb.

Der letzte Rest, der geblieben im Ort
ist der „Schützenhof“, „Sportheim“ nennt er sich heut`.
Er setzt die Tradition hier fort der Nieder-Ramstädter Gastlichkeit.
(Abb. 20)

Noch zwei Lokale gehören dazu,
jedoch außerhalb liegen die beiden.
Es sind das „Trautheim“ und die „Waldesruh“,
mit dem Bus sind sie heut zu erreichen.
(Abb. 21 und 22)

Auch der Schützenhof existiert nicht mehr; er wurde 1994 abgerissen und ein Eigentumswohnungskomplex erbaut. Zur Fastnacht 1912 lässt der Heimatdichter Jean Heppenheimer in seinem Gedicht „Lokalpatriot“ den „Schützenhof“ hochleben:

Will aaner Meenzer Aktienbier mol drinke,
da geht er schnell in Schützenhof eneu,
da wird er lauter gute Sache finde,
wie Meenzer Bier und alle rhein`sche Woi.
In Ramscht – ihr kennt mer`s glaawe –
is alles stets zu haawe.
Drum Rämschter hebet hoch die Gläser all,
es leb` des scheene Ramscht im Modautal.

Das „Trautheim“ und die „Waldesruh“ bestehen zwar noch heute, befinden sich jedoch nicht mehr in Nieder-Ramstadt, sondern gehören seit der Gebietsreform 1977 zum Mühltaler Ortsteil Trautheim.

Noch drei neue Kneipen, bescheiden und still,
sind die Weinstube „Am Dornwegseck“,
(Abb. 23)
eine „Imbissstube“, da gibt`s Hähnchen vom Grill
und „Der Dicke“, er selbst ist ja weg.
(Abb. 24)
Auch sie sind bemüht. Über Zeit und Raum
den Wirtschaftsnotstand zu beheben.
Im Vergleich zur Vergangenheit merkt man das kaum,
doch die Nieder-Ramstädter Wirtschaft soll leben.

Auch das „Dornwegseck“ musste weichen; heute gehört das Haus der Nieder-Ramstädter Diakonie. Der Gaststättenbetrieb wurde 1990 eingestellt. Doch das kleine Haus mit seinem wesentlich größeren Biergarten wird wie seine Wirtin Greta Ritsert den Einheimischen in guter Erinnerung bleiben. Hier war zeitweise der Stammtisch „Alt-Rämschter“ zu Hause mit unserem „Wirtschaftsdichter“ Karl Trautmann. Die Wirtin war nicht auf den Mund gefallen und hat ihren Gästen, zwar rau aber herzlich, immer gesagt, wo`s lang geht. Nächtelang wurde hier am Stammtisch gequalmt, diskutiert und dumm gebabbelt. Die Bewohner der „Heime“ waren hier auch willkommen und hatten ihren eigenen Tisch. Öfters ist es auch vorgekommen, dass die Gäste sich selbst versorgt haben, weil die Wirtin zwischendurch ein Nickerchen gemacht hat und dabei laut schnarchte.

Als Auffangbecken für Gretas Stammgäste etablierte sich in der Stiftstraße schräg gegenüber in einer ursprünglich als Garage vorgesehenem Gebäude die „Weinstube“, die heute noch besteht. Anstelle der „Imbissstube“ in der Bahnhofstraße wird heute ein Thai-Restaurant betrieben.

Auch der „Dicke“ war eine Institution.
Die Wirtschaft hieß eigentlich "Henninger Eck", doch das sagte keiner; man ging einfach zum Dicken oder zum Fats. Klaus Burger und seine Frau Lucie haben zusammen nicht nur einige Zentner auf die Waage gebracht, sondern waren durch ihre Leibesfülle in Funk und Fernsehen gern gesehene Gäste. Was Wunder, wenn jeder zum Kaffee eine ganze Sahnetorte aufgegessen hat! Die Autositze und die heimischen Betten sollen mit Backsteinen unterfüttert gewesen sein!

So lasst uns mal schön weiter träumen,
so wie es damals war im trauten Stammlokal.
Wir dürfen und wollen doch nichts mehr versäumen,
denn wir leben ja nur einmal.
Die gute alte Zeit, sie wird nimmer sein,
in der uns das Herz oft vor Freud´ überfloss.
Wir müssten alle nochmal zwanzig sein,
dann wäre gewiss der Teufel los.

Neben der schon erwähnten „Brückenmühle“ und der „Weinstube“ gibt es in Nieder-Ramstadt heute noch folgende Gaststätten: „Chausseehaus“, „Mühlrädchen“, ein „Thai-Restaurant“, die Pizzeria „La Casa Marcello“, das „Wacker-Restaurant“ und einen Verkaufskiosk mit Ausschank in der Rheinstraße. In Planung ist ein weiterer Kiosk am Bahnhof und nebenan in der ehemaligen Güterhalle ein „Spezialitätenrestaurant“. Lassen wir uns überraschen, was daraus wird!

Meinen Rundgang will ich hiermit beschließe,
ihr seht, früher jedenfalls, gab`s hier keine Wirtschaftskrise.

 

Vortrag von
Harald Zeitz


während eines öffentlichen Rundganges
zu den Standorten ehem. Gasthäuser in Nieder-Ramstadt am 13.10.2012,
einer Veranstaltung des
Arbeitskreises Heimatgeschichte
Mühltal

Alle Abbildungen
aus der Sammlung von
Harald Zeitz






(Abb. 01)
Der Gasthof Villa Burgwald



(Abb. 02)
Das Gasthaus Zur Pulvermühle



(Abb. 03)
Das Gasthaus Zum Mühltal



(Abb. 04)
Das Gasthaus Zur Krone



(Abb. 05)
Das Gasthaus Zur frischen Quelle



(Abb. 06)
Das Gasthaus Zum Römer
(links)



(Abb. 07)
Das Gasthaus Zum Goldenen Löwen“
(vorn rechts)

(Abb.08)
Das Gasthaus Zur Linde



(Abb. 09)
Gasthaus Zum Darmstädter Hof



(Abb. 10)
Der Gasthof Schneider



(Abb. 10a)
Gasthof Schneider mit Garten



(Abb. 11)
Gasthaus Deutsches Haus



(Abb. 12)
Das Kaffeehaus „Zum englischen Hof“
(rechts)



(Abb. 13)
Das Gasthaus Zum Schwanen



(Abb. 14)
Das Gasthaus Zum Bayerischen Hof



(Abb. 15)
Der Bayerische Hof
als katholische Kapelle



(Abb. 16)
Das Gasthaus Zur Traube



(Abb. 17)
Das Gasthaus zum Goldenen Anker



(Abb. 18)
Das Gasthaus Zur Post



(Abb. 19)
Der Gasthof Chausseehaus



(Abb. 20)
Das Gasthaus Schützenof



(Abb. 21)
Das Kurhaus Trautheim



(Abb. 22)
Das Kaffeehaus Waldesruh



(Abb. 23)
Die Weinstube Zum Dornwegseck



(Abb. 24)
Das Gasthaus Henninger Eck
(„Beim Dicken“ oder „Beim Fats“)