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Geschichte > Nieder-Ramstadt > Einzelthemen > Gewerbe

Stand: 26.11.2012

 

 

 


 

Firma Beganie, Gebr. Flechsenhar


Die Firma wurde im Jahre 1925 von den beiden Brüdern Friedrich und Willi Flechsenhar gegründet und unter dem Namen „Beganie“ Gebrüder Flechsenhar Nieder-Ramstadt geführt. Die Firmenbezeichnung „Beganie“ setzt sich zusammen aus:

Bein- und Galalithdreherei Nieder-Ramstadt.

Die Grundlage bildete die schon seit 1922 bestehende Schlosserei sowie eine Dreschmaschine und eine Holzschneidemaschine des älteren Bruders. Anfangs bestand die Belegschaft aus den Familienmitgliedern und zwei Arbeitern. Auf einigen Drehbänken wurden für die im Aufstieg begriffene Rundfunkindustrie Bananenstecker und Anodenstecker sowie für die Elektroindustrie Isolierteile aus den Materialien Galalith und Trolit hergestellt. Außerdem verarbeitete man noch in kleinen Mengen Hartgummi und Vulkanfieber.

Mit zunehmenden Aufträgen vergrößerte sich bis 1927 die Belegschaft auf 8 Personen. Weitere Artikel wie Billardbälle und Möbelbeschläge wurden jetzt in das Fabrikationsprogramm aufgenommen. Da aber die Herstellung auf Drehbänken zu teuer war, musste versucht werden, auf neuen Maschinen rationeller zu produzieren, um im scharfen Konkurrenzkampf bestehen zu können.

Es wurden deshalb Ende 1927 eine Kunstharz-Motorpresse von 50 t Druck und eine Kunstharz-Handpresse von 30 t Druck gekauft. Auf diesen beiden Maschinen stellte man jetzt Pressteile wie Kugeln und Handgriffe her, die im Maschinenbau Verwendung fanden.

Im Jahr 1928 konnte man von dem Erlös der verkauften Holzschneidemaschine und der Dreschmaschine die Fabrikeinrichtung weiter verbessern. In dieser Zeit kam die Verbindung mit einer großen deutschen Musikinstrumentenfirma zustande, die Basstasten in verschiedenen Ausführungen aus Kunststoff für Handharmonika benötigte. Der Bedarf darin war so groß, dass die Belegschaft 1933 auf 55 Personen erhöht werden konnte. Allein 30 bis 33 davon waren mit der wöchentlichen Lieferung von einer viertel Million Teilen beschäftigt.

Durch die günstigen Verhältnisse war man im Jahre 1933 in der Lage die vorhandenen Anlagen durch die Anschaffung einer neuen Spritzgussmaschine, mit einem Spritzteilgewicht von 30 Gramm zu vergrößern. Auf ihr wurden Füllhalterteile, Puderdosen und Fingerhüte in verschiedenen Größen und Farben gefertigt. In den nachfolgenden Jahren konnte die Belegschaft Dank der sehr guten Auftragslage, auf etwa 60 bis 65 Personen erhöht, und alle vorhandenen Maschinen konnten voll ausgelastet werden.

Durch Ausbruch des Krieges im September 1939 verringerten sich die Belegschaft sowie die Auftragseingänge. Um den nun einsetzenden kriegswichtigen Aufträgen, bestehend aus Teilen für Nachrichtenwesen und Luftwaffe, gerecht zu werden, musste man 1941 drei weitere Maschinen anschaffen. Es handelte sich hier um eine weitere Spritzgießmaschine von 30 Gramm Spritzteilgewicht und zwei Kunstharzpressen von 180 t Oberdruck und 90 t Unterdruck. Der Personalmangel konnte durch die Einstellung von 12 Fremdarbeitern (Frauen aus der Ukraine) behoben werden.

Nach dem Krieg nahm man die Herstellung von Schreibmaschinentasten aus Press- und Spritzgießmassen auf und war somit die erste Herstellerfirma von Kunststofftasten in der Bundesrepublik, da die Ostzone, der bisherige Hauptlieferant von Tasten, abgeschnitten war. Im Jahre 1947 war der Bedarf an Schreibmaschinen- und Fernschreibertasten so gestiegen, dass man eine neue Kunstharzmotorpresse mit 80 t Druck und eine Kunstharz Handpresse mit 40 t Druck anschaffte. Die Herstellung von Schreibmaschinen- und Fernschreibtasten betrug auch 1955 noch 50% der Gesamtproduktion.

1955 wurde eine weitere Spritzgießmaschine angeschafft zur Herstellung von Ölstandsgläsern, Sektstopfen und Teilen für die Kosmetikindustrie. Die Belegschaft bestand in dieser Zeit aus ca. 50 Personen. Da die Produktion von Sektstopfen aus Kunststoff dermaßen zunahm, wurden in den nächsten Jahren zwei weitere Spritzgießmaschinen mit 50 t und 100 t Schließkraft angeschafft.

1960 bestand die Belegschaft aus ca. 80 Personen. Der Betrieb befand sich in der Ecke der Schlossgartenstraße gegenüber des ehemaligen Lebensmittelgeschäftes Stephan. Da es dort mittlerweile zu eng wurde (neue Spritzmaschinen standen in einer Baracke im Hof) trug man sich mit dem Gedanken, neu zu bauen. Dabei trennten sich die Wege der beiden Brüder.

Friedrich Flechsenhar führte das Unternehmen weiter und konnte den Neubau verwirklichen. 1961 wurden in der Industriestraße (heute ALDI ) eine neue Fabrikhalle und ein Verwaltungsgebäude erstellt, und am 01. April 1962 konnte man in die neue Fertigungsstätte mit ihren großzügigen Raumverhältnissen umziehen. In den folgenden Jahren wurde der eigene Werkzeugbau vergrößert, Kunstharzpressen wurden dazugekauft und etliche Spritzgießmaschinen wurden erneuert.

Im Jahre 1967 verstarb Friedrich Flechsenhar, seine Tochter Hilde führte den Betrieb weiter. Der Maschinenpark bestand aus 12 Kunstharzpressen und 13 Spritzgießmaschinen. In den Jahren 1972/73 geriet der Betrieb in finanzielle Turbulenzen und musste verkauft werden. Am 1. April 1973 übernahm die Firma EFFBE Fritz Brumme GmbH aus Raunheim (ein Kunde von Beganie) den Betrieb. Das Werk lief noch einige Jahre unter dem Namen Beganie weiter und wurde später in

EFFBE Kunststofftechnik Werk Nieder-Ramstadt

geändert.Es wurde in den Folgejahren renoviert und modernisiert, eine neue Lagerhalle wurde erstellt und der Maschinenpark zum Teil auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Auch konnten in dieser Zeit namhafte Kunden dazu gewonnen werden, unter anderen einen Hersteller von Zigarettenanzündern für die Automobilindustrie. Gefertigt und bedruckt wurden ca. 5.000.000 Zigarettenanzünderknöpfe pro Jahr für fast alle Deutschen und Europäischen Automobilhersteller.

Ebenso wurden für einen Anlagenbauer für Klimatechnik große Spritzgussteile zur Klimatisierung von Großraumbüros und Fabrikationsräume gefertigt, aber auch viele andere technische Teile.

Leider wurde das Werk im Jahre 1994 geschlossen, das Gelände wurde an den Discounter ALDI verkauft, heute ist dort ein ALDI Markt anzutreffen.

Anzumerken ist, es wurde niemand entlassen. Etwa die Hälfte der Belegschaft wurde im Hauptwerk in Raunheim weiter beschäftigt, ein Teil konnte aus Altersgründen in Rente gehen. Die Spritzgießmaschinen, Werkzeuge und etwa die andere Hälfte der Belegschaft wurde von der Firma Hofferbert KG, einem Spritzgussbetrieb in Reinheim, übernommen und konnte dort weiter arbeiten.

Verfassser:
Volker Teutschländer

Quellen:
Werner Dohn
Erich Himrich

Werner Dohn hat als Schüler zeitweise bei Beganie gearbeitet. Erich Himrich war bei Beganie von 1959 bis zur Schließung des Werkes 1994 als Technischer Zeichners tätig.





Das Firmenlogo



Die erste Spritzgießmaschine der Firma Beganie



Eine Spritzgießmaschine in der Baracke im Hof



Das Verwaltungsgebäude kurz nach dem Umzug



Das Verwaltungsgebäude nach der Übernahme durch EFFBE und der ersten Renovierung



Die Druckerei im Keller des Verwaltungsgebäudes zum Bedrucken von Zigarettenanzünderknöpfen



Messestand auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse, schon unter EFFBE, aber noch unter dem Namen Beganie



Ausschnitt aus dem Stand der Beganie auf der Gewerbeschau auf der 750-Jahr-Feier Nieder-Ramstadt 1950



Eine Dreschmaschine, gewerbliches Standbein der Brüder Flechsenhar, auf denen 1925 die Firma Beganie gegründet wurde.



Thermometer mit Firmenlogo, vermutlich für Repr.-Zwecke