Startseite

Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

Inhalt

Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 05.12.2012

 

 

 


Zimmergesellen am Landgrafenschloß


Zweieinhalb Arbeitstage für ein Paar Schuhe

Verfasser:
Karl-Heinrich Schanz

 

Graf Philipp der Ältere von Katzenelnbogen versah 1454 seine Wasserburg in Rüsselsheim mit einem neuen Wohnbau. Aus der ganzen Grafschaft ließ er die zu diesem Vorhaben nötigen Handwerker von seinem Burggrafen zu Rheinfels bei St. Goar zusammen holen und für diesen Schloßbau verdingen.

Unter anderen kamen auch zwei Zimmerleute aus Nieder-Ramstadt aus der Obergrafschaft südlich des Mains. Sie wurden in einer Abrechnung des Darmstädter Landschreibers Johann Meilsheimer aus dem Jahre 1454 mit Namen benannt:

1 fl. 6h han ich Henchin Reynhart von Nedder Ramstadt geben von 13 tagen, er mir eyn Kerben geben hait, von edem tag 4 engl.

1 fl. 6h. han ich Philipps Luczen son von Nedder Ramstadt geben von 13 tagen, er zu Rosselheym gearbedt hait."

"Philipps Luczen son von Nedder Ramstadt" wurde in der Abrechnung des Landschreibers später noch einmal genannt, als er 1 fl. 11 s für 23 Tage Arbeit an der Scheune in Reinheim bekam.

Die tägliche Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Verdienst und Arbeitsbedingungen waren 1450 in einer Darmstädter Handwerksordnung festgelegt worden. Danach bekamen Zimmerleute, Maurer und Dachdecker vom 16. Oktober bis zum 22. Februar 1 Turnos = 3 Engels täglich, dazu ihre Kost. Vom 22.Februar bis zum 16.Oktober gab es 4 Engels und die übliche Kost.

Der niedrigere Verdienst im Winter ergibt sich aus der kürzeren Arbeitszeit wg. des kürzeren Tageslichts.

Die Handwerker, die im Tagelohn verdingt waren, mußten mit dem Keller (Beamter des Grafen) täglich den Kerbstock vergleichen. Beide benutzen dabei einen Holzstab. Die beiden Stäbe wurden nebeneinander gelegt und im gleichen Abstand von den Stabenden mit Kerben versehen. Bei der Abrechnung mit dem Landschreiber wurden die beiden Stäbe verglichen und die Kerben gezählt. Im Sommer 1454 gab es also 4 Engels pro Kerbe und Tag.

Um eine Vorstellung von der Kaufkraft des Verdienstes unserer beiden Zimmerleute aus Nieder-Ramstadt zu haben,seien die Währung und einige Preise aus damaliger Zeit angegeben.

 

Währung:

1 Goldgulden (fl) = 25-28 Schilling (heute etwa 60 EUR)
1 Schilling = 6 Pfennige = 9 Heller (h)
2 Schillinge = 1 Turnos = 3 Engels (engl)

 

Es kosteten:

1 Pferd

4-9 Gulden

1 Kuh

2 Gulden

1 Huhn

8 Pfennig

1 Gans

16 Pfennig

1 Schwein

30 Schilling

1 Hammel

9 Schilling

1 Pfd. Fleisch

3 ½ Heller

1 Mahlzeit (Ymß)

8 Pfennig

1 Pfd. Butter

10 Pfennig

1 Maß Wein

4 Heller

1 Brot

3 Heller

1 Paar Schuhe

5 Schillinge

1 Knechtsrock

15 Schilling

 

Danach hätten die beiden Zimmerleute über die Hälfte ihres Tagesverdienstes für eine Mahlzeit ausgeben müssen, die ihnen allerdings in Rüsselsheim kostenlos verabreicht wurde; sie war Bestandteil ihrer Entlohnung.

Für ein Paar Schuhe mußten sie 2 ½ Tage arbeiten, für einen Rock 7 ½ Tage, also über eine Woche lang, wobei 6 Tage in der Woche gearbeitet wurde. Mußten sie eine Familie zu Hause in Nieder-Ramstadt miternähren, so konnte deren Mahlzeit nicht sehr üppig sein.