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Geschichte > Nieder-Ramstadt  

Stand: 5. Dez 2012

 

 

 



 

Der Meilenstein an der Modau


Als Flurdenkmal sei er zu erhalten, der Sandsteinmonolith auf breitem Sockel, heißt es in der Denkmaltopografie von 1988. Direkt neben der Modau sei dieser Kilometerstein an der Bundesstraße 426 zwischen Nieder-Ramstadt und Eberstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgestellt worden.

Die Geschichte stimmt nicht, so wenig, wie andere, die um den Stein erzählt und geschrieben wurden. Richtig sind nur die Ausmaße sein, die Adam Breitwieser (Nieder-Beerbach) vermessen und über die das Darmstädter Echo 1977 berichtet hat: 1,75 Meter hoch und einen halben Meter im Durchmesser.

Schon ob der Stein ein Monolith ist, erscheint fragtlich, denn er ist beileibe kein Naturstein mehr, wenn auch ein Stein aus einem Guß. 1988, als das Buch der Denkmaltopografie geschrieben wurde, stand das „Flurdenkmal“ überhaupt nicht mehr auf seinem „historisch“ angestammten Platz an der heutigen Rheinstraße.

Auf seinem Standort recht nah am südlichen Fahrbahnrand der inzwischen umgebauten Fernstraße sollen in den „Monolithen“ entweder wegweisende Ortsangaben oder aber Angaben über Ortsentfernungen oder schlicht die Nummerierung des Straßenabschnittes eingemeißelt gewesen sein. Genaues weiß man nicht: Wind und Wetter haben den Sandstein glattgewaschen.

Gemutmaßt wurde 1977 noch, er sei eine Grenzmarkierung zwischen Nieder-Ramstadt und Eberstadt gewesen. Wenn, dann war es eine ungenaue. Aber der Gedanke bietet sich immerhin an: Die Nieder-Ramstädter Gemarkung reicht entlang der Straße talabwärts gegen Westen bis zum Kühlen Grund, genauer: Bis zur Einmündung der Mordach in die Modau. Alle Gebäude auf dieser Strecke stehen links der Straße in Nieder-Ramstadt. Aber die Fahrbahn selbst und die Feldgemarkung nördlich davon gehören zu Eberstadt (nicht aber der sich noch weiter nördlich anschließende Wald des Bordenberges). So gesehen lag der ursprüngliche Standort des Meilensteines doch nicht so weit von der Stelle entfernt, an der die Fahrbahn tatsächlich Eberstädter Gebiet erreicht.

Die Straße aber stammt erst aus dem Jahre 1840. Älter kann der Meilenstein nicht sein. Denn die Straßenbauer verfügten damals über ausreichende Vermessungstechniken, daß an einer Gemarkungsgrenze ein so mächtiger Grenzstein wohl überflüssig gewesen wäre. Und ein steinernes Dokument aus noch älterer Zeit wird er kaum gewesen sein, denn an jener Stelle führte allenfalls ein Feldweg vorbei. Fernverkehr der damaligen Zeit führte von der bedeutsamen Drusbrücke am heutigen Kühlen Grund etwa auf der jenseitigen Alten Dieburger Straße nach Traisa.

Dennoch weckt der ursprüngliche Standort des Steines zumindest ein Gedankenspiel: Diese historische Fernstraße (Drusbrücke – Traisa) verlief auf der heutigen Trasse der Bundesstraße vom Kühlen Grund bis zum Abzweig der Alten Dieburger Straße, dort, wo heute hinter der Orthopädie-Einrichtung der Feldweg nach Trautheim und Traisa verläuft. Und wer nach dem Straßenbau von 1840 umgekehrt von Traisa kommend auf die neue Straße einschwenkte, für denjenigen war ja vielleicht ein hoher Stein mit eingemeißelten Wegweisern hilfreich.

Der moderne Straßenverkehr fragt nicht nach Denkmalschutz und Heimatgeschichte. Ein Lastwagen stieß bei einem Verkehrsunfall den Meilenstein um. Das Straßenbauamt, besorgt um die Verkehrssicherheit, lagerte ihn auf dem damaligen Bauhof der Straßenmeisterei in Jugenheim ein – wohl ohne die Absicht, das „Denkmal“ wieder herzustellen. Viele, die vorüberfuhren vermißten es, aber Adam Breitwieser, dieser umtriebige Heimatkundler nicht nur in Nieder-Beerbach, ermittelte sein Exil bei der Straßenmeisterei und stieß die „konzertierte“ Aktion an, die den Meilenstein fast wieder auf seinen Standort zurückführte.

Hans Martin Scheuch, inzwischen verstorbener Chef der gleichnamigen Folien- und Papierfabrik, bot einen neuen Standplatz auf dem Firmengelände jenseits der Modau an, nur rund 30 Meter vom ursprünglichen Standort. Breitwieser interessierte Bürgermeister Willi Späth, und gemeinsam sensibilisierten sie die Straßenbauverwaltung, Scheuch übernahm 1977 auf Firmenkosten die Umsetzung. Dort steht er noch immer, wenig beachtet und inzwischen von der Unterkunft der Werksfeuerwehr bedrängt.

Noch ein Wort: Südlich hangaufwärts entsteht derzeit das Gewerbegebiet „Auf Ruckelshausen“. Der Name ist eine Verbalhornung von „Reckershausen“, eines mittelalterlichen Adelsgeschlechtes, das dort zwischen Bruchmühlen und Bohlenmühlen seinen Stammsitz hatte. Aber auch damit hat der Meilenstein nichts zu tun, wie schon gemutmaßt worden war.

 

Verfasser:
Volker Teutschländer







Wenig beachtet: Das denkmalgeschützte Flurdenkmal auf neuem Standort an der Modaubrücke an der Papiermühle.



Eingewachsen und bedrängt vom Unterstand der Werksfeuerwehr