Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

 

Geschichte > Nieder-Ramstadt > Ein Bäckerdorf

Stand: 16. Okt 2011

 

 

 


 

Nieder-Ramstadt – ein Bäckerdorf

Wieso soll Ramscht ein Bäckerdorf gewesen sein, wenn heute bei wesentlich größerer Einwohnerzahl im Grunde 2 Bäckereien die Versorgung sicherstellen? Auf diese Frage eines aufgeklärten Zeitgenossen gibt es nur eine logische Antwort: Die Rämschter Bäcker stellten nicht nur Backwaren für den örtlichen Bedarf her, sondern für die gesamte Region! Daß es dazu kam, muß im Zusammenhang mit den Mühlen in Nieder-Ramstadt gesehen werden.

Die erste urkundliche Erwähnung von 2 Nieder-Ramstädter Mühlen erfolgte 1303. Es war die spätere Schachenmühle und die Quicksmühle. 1456 waren es bereits 5 Mühlen; hinzugekommen waren die Bruchmühle, die Brückenmühle, und die Schneckenmühle. 1507 lassen sich 7 Mühlen nachweisen; hinzugekommen waren eine weitere Schachenmühle und eine weitere Bruchmühle. Schließlich kam 1549 noch die Stolzenmühle (Bohlenmühle) im Mühltal hinzu.

Wenn man davon ausgeht, daß beim Stand der damaligen Mühlentechnik in 24 Stunden 400 bis 500 kg Korn verarbeitet werden konnten, dann ergibt für die erwähnten 8 Mühlen mit insgesamt 15 Mahlgängen täglich 6 bis 7 Tonnen vermahlenes Getreide, genug Mehl für viele tüchtige Bäckerhände.

So wird schon 1406 erwähnt, daß während einer landesherrlichen Fehde drei Rämschter Bäckern bei Dieburg drei Pferde und ihr gesamtes Geld abgenommen wurde. 1420 besuchten Rämschter Bäcker schon den Gernsheimer Markt. 1450 wird erwähnt, daß sie den Darmstädter und den Groß-Gerauer Wochenmarkt beschicken. 1521 beliefern sie den Reichstag zu Worms, 1522 das Belagerungsheer des Landgrafen Philipp bei Kronberg im Taunus. Die Aufzählung läßt sich fast beliebig bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein fortsetzen.

Wenn man zum Vergleich das Jahr 1595 bzw. 1596 und die Darmstädter und die Nieder-Ramstädter Zunft heranzieht, stellt man fest: In der Residenzstadt Darmstadt gab es gerade einmal 6 Bäckermeister, während für Nieder-Ramstadt und Traisa 40 Bäckermeister bezeugt sind, die zum Teil auch Mühlenbesitzer waren.

Hier zeigt sich in großer Deutlichkeit, daß die Rämschter Zunft voll und ganz auf Export eingestellt war. Dementsprechend lassen sich auch gewisse genossenschaftliche Strukturen nachweisen (z. B. gemeinsamer Einkauf von Getreide). Bei einer Erneuerung des von Landgraf Georg I. verliehenen Zunftbriefs im Jahre 1596 wurde betont, daß der Nieder-Ramstädter Zunft das ganze hessen-darmstädtische Land zum Handel offenstehe. Darüber hinaus ging der Backwarenhandel auf Wochen- und Jahrmärkte bis Friedberg, Hanau, Heppenheim, Worms, Mainz, Bingen und zu den Frankfurter Messen.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg war die Blütezeit des Bäckerhandwerks zu Ende, obwohl 1627 bei Erneuerung des Zunftbriefes für das Müller- und Bäckerhandwerk noch 58 Zunftgenossen verzeichnet sind, davon 5 in Traisa.

Ab 1700 begann mit behördlicher Unterstützung das Bäckerhandwerk wieder zu erstarken, ohne jedoch seine frühere Blüte wieder zu erreichen. Beliefert wurden aber immerhin noch Märkte in Darmstadt, Dieburg, Bensheim, Heppenheim, Lorsch, Gernsheim und Oppenheim. Besonders in Bensheim und Heppenheim wurden die Rämschter Bäcker als Konkurrenz empfunden. So wird aus dem Jahre 1717 berichtet, daß die dortigen Bäcker mit List und Tücke den Verzicht auf ihre Märkte von den Rämschtern zu erzwingen suchten. Bezeichnend für die Verhältnisse auch ein Bericht aus Bensheim aus dem Jahre 1743:

Bensheimer Zunftgenossen stellten fest, daß die Rämschter „Zweikreuzerweck“ um 7 Lot zu leicht waren. Zur Rede gestellt gaben die Rämschter an, das Mindergewicht sei gerechtfertigt, weil es Milchwecken seien. Zwei als Sachverständige herangezogene Heppenheimer Bäckermeister erkannten jedoch die Wecken als Wasserware. Die Rämschter wurden vom Marktgericht zum „Schnellkorb“ verurteilt. Das heißt, sie mußten einen Korb besteigen und und sollten mehrmals im Wasser der Lauter untergetaucht werden. Just in dem Moment hallten Feuerrufe über den Marktplatz, die Sturmglocken läuteten: Ein Brand war ausgebrochen! Die neugierige Volksmenge eilte zum Brand, die Rämschter entkamen ungeschoren. Angeblich wurde den Rämschtern dort der Marktbesuch fortan untersagt.

Tatsächlich wurden die Rämschter Bäcker und Müller 1789 wegen ihrer guten Leistungen vom kurmainzischen Oberamt Starkenburg bei der Regierung in Darmstadt belobigt und die Belieferung der kurmainzischen Märkte wie seither für die Zukunft zugesichert.

Mit der Jahrhundertwende 1900 ging es dann mit dem Müller- und Bäckergewerbe rapide bergab, bedingt durch den Einsatz der Dampfmaschine als Mühlenantrieb. Heute erinnern nur noch die „gestürzten Brezeln im roten Feld“ im Wappen der damaligen Gemeinde Nieder-Ramstadt an die hohe Zeit der Bäcker.

Autor:
Hans Hohlmann †



Mehr über Mühltals Mühlen:




Das Zunftwappen der Bäcker
über dem Torbogen des
großen Bäckerhofes
Ecke Bahnhofstraße / Dornwegshöhstraße



Aus den Zunftwappen der Bäcker und Müller war das Gemeindewappen geworden.