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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 30.06.2013

 

 

 



 

An der Kirchhofmauer


Das bekannte Aquarell von Johann Heinrich Schilbach ist die älteste, vermutlich fotogetreue Abbildung der Nieder-Ramstädter Ortsmitte. Es befindet sich im Hess. Landesmuseum Darmstadt. Auch diese Abbildung aus dem Jahre 1820 zeugt bereits von dem unbekümmerten Umgang mit alter Bausubstanz in Nieder-Ramstadt. Wertvolle Teile wurden nicht einmal 20 Jahre nach dem Schilbach-Bild schon dem Durchgangsverkehr geopfert. In den 1960er bis 1980er Jahren nahm eine wahre Abbruchorgie dem Ortskerns sein auch dann noch markantes Bild.

Der Maler

Johann Heinrich Schilbach, geboren 1798 in Barchfeld; gestorben am 1851 in Darmstadt, wird als einer der bekanntesten Maler der Darmstädter Romantik genannt. Schilbach war Schüler des Theatermalers Johann Georg Primavesi. Ein Stipendium des Großherzogs Ludwig I. ermöglichte den jungen Malern Schilbach und August Lucas einen Italien-Aufenthalt, während dem er mehrere deutsche Maler kennenlernte. In Rom wurde er ein gefragter Maler italienischer Landschaften und Stadtansichten. Ludwig berief Schilbach jedoch 1828 zurück, damit er die Stelle eines Hoftheatermalers als Nachfolger von Georg Primavesi antrete.

Schilbachs stärkste Neigung galt der reinen Landschaft und seine Liebe der heimischen Natur. In einem Brief an einen Künstlerfreund (Felsing) schrieb er 1827, nachdem er schon vier Jahre in Rom gearbeitet hatte: „Ach, lieber Jacob, unsere Züge in den Odenwald, Auerbachs Schloß, Erbach, Otzberg, Nieder-Ramstadt, Felsberg, Rothenstein, die sind mir so lieb wie eine Reise nach Neapel.“ Lassen ursprüngliche Arbeiten noch Primavesis Stil erkennen, so zeigt besonders das Aquarell von Nieder-Ramstadt die persönliche Handschrift und mehr und mehr die Eigenart des jungen Malers (nach „Volk und Scholle“, Gisela Bergsträßer, etwa 1920).

In Niederramstadt, 1820“

Schilbach malt detailgetreu die Baulichkeiten in einem romantischen Dorfkern, wie es Katasterunterlagen aus der Zeit vor dem Straßenbau 1838/40 belegen. Der mächtige Turm der Kirche auf dem höchsten Punkt des alten Dorfes beherrscht das Motiv. Von dem um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten Kirchenbau ist der spätgotische Chor noch erhalten, dessen First höher liegt als der des Langhauses. Die äußere Form der heutigen Kirche geht auf einen Umbau in den Jahren 1605/06 zurück.

Zur Orientierung: Verbreitet ist die Meinung, wir schauten aus der Kesselgasse auf die ortsbildprägende Kirche. Die Kesselgasse heißt heute Ober-Ramstädter Straße. Warum nur? Der Name Kesselgasse hatte seinen Ursprung in einer von vielen geschichtlichen Begebenheit, die vor der gänzlichen Vergessenheit hätten bewahrt werden können.

Nein, der Blick ist von der Fahrgasse (später Hindenburgstraße, heute Dornwegshöhstraße) in die Kirchstraße gerichtet. Die Straßenfront des Kirchturmes bildet nämlich ganz anders als heute eine Gerade mit der Friedhofsmauer

Die Sonne steht im Westen, wie die langen Schatten zeigen, also ist es später Nachmittag. Die hohe Mauer mit dem Torbogen rechts dürfte zu Nebengebäuden des Schultheißenhauses gehören, des stattlichen Fachwerkhauses Dornwegshöhstraße 1 (später Gasthaus Linde, heute Gasthaus Mühlrädchen). Nach diesem Bauwerk (südlich) fällt Licht ungehindert in die schattige Gasse, weil dort von Westen der Schulbuckel (Pfaffengasse) einmündet und das älteste Schulhaus (Kirchstraße 3) von der rechten Straßenflucht zurückversetzt ist.

Bleiben wir auf der rechten Straßenseite: Im Hintergrund springt nach der Einmündung des Schulbuckels das Fachwerkhaus des Gasthauses Römer mitten in die Straßenflucht, eines der wenigen markanten Häuser der Dorfmitte, die die Abbruchstürme des „modernen“ Nieder-Ramstadts um 1960 überlebt haben, wenn auch nicht als die bekannte Apfelweinwirtschaft. Die Kirchstraße führt in der Flucht des Kirchturms hinunter zum Unterdorf.

Die Kirchhofmauer

In der Bildmitte erhebt sich die mächtige Stützmauer, die den östlichen Hang gegen die Dorfmitte abstützt. Der Bergrücken fällt recht steil ins Tal bis zum Bett der Modau und ist ehedem tief abgegraben worden, um die Dorfmitte vor der Kirche zu ebnen. Mit diesem Einschnitt in die Neigung des Geländes entstand ein relativ ebener Platz für den Schnittpunkt der drei ältesten Fahrstraßen des Dorfes (Fahrgasse, Kesselgasse, Kirchgasse). Dennoch lag er immer noch so hoch über dem Terrain des gegenüberliegenden rechten Modauufers. Deshalb blieb bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Furt durch die Modau zur Umfahrung des „Kirchenbuckels“ erhalten. Gegenüber dem Straßenquerschnitt setzt sich die Neigung des Hanges auch auf den bebauten Grundstücken fort, wie die Häuserreihe zwischen Kirchstraße und Pfaffengasse zeigt.

Die ursprüngliche Geländeform ist deutlich am Höhenverlauf der Straße an der Zehntscheuer erhalten. Sie liegt auf der gleichen Höhe wie der Kirchhof und freilich auch der Kirche, die wie ehedem üblich auf dem höchsten Punkt des Dorfes angelegt ist. Die Straße an der Zehntscheuer mündet in den Schulbuckel, der die Neigung des Geländes fortsetzt und steil zur Talsohle abfällt, so wie der ursprüngliche Hang hinunter zur Modau.

Der Kirchhof (und damit das Gelände des heutigen evangelischen Kindergartens) gründen folglich auf dem gewachsenen Grund des Berghanges. Die riesige Stützmauer ist also nicht errichtet worden, weil der Kirchhof aufgeschüttet worden wäre.

Kilianshaus, Kirche, Rathaus

Die Straße war eng und links von der Kirchhofsmauer und dem Haus mit dem Mansarddach und dem Krüppelwalm begrenzt. Hans Rauch nennt es in der Chronik von 1988 „das Stammhaus der Kilians“. Sein Standort ist etwa dort anzusetzen, wo bis 1959 das Denkmal an die Gefallenen des Krieges 1871/72 stand und heute eine Lichtzeichenanlage den verkehr aus der Dornwegshöhstraße regelt. Georg Wendel Kilian aus der großen Sippe der Kilians hatte 1905 der Gemeinde ein stattliches Erbe hinterlassen. Die Gemeinde erfüllte mit dem Bau des Monuments 1912 seinen letzten Willen. Kilianshaus und Kilians-Denkmal standen – auf die heutige Situation projiziert - etwa an der Stelle der heutigen Verkehrsinsel.

Die Pforte am linken Bildrand (man beachte den Klopfring, mit dem man vor der Zeit elektrischer Sprechanlagen Einlaß begehren konnte) ist nach links gewendet. Das deutet die Einfahrt zur Münstergasse an, damals als Durchgangsstraße von Nieder-Modau und dem Modautal über Nieder-Ramstadt Richtung Bergstraße und Darmstadt sehr bedeutend.

Zwischen Kilianshaus und dem Kirchturm ragt über die Stützmauer des abgegrabenen Hanges das Grün des Kirchhofes über, auf dem bis Ende des 19. Jh. die Verstorbenen aus dem Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach bestattet wurden.

Der vor der Mauer sichtbare Aufgang führt am Kirchturm vorbei zum (nicht sichtbaren) Portal der Kirche und zu den Arkaden im Rathaus. Es springt deutlich in den Straßenkörper hinein und war wohl ein nicht unattraktives Haus aus dem Jahre 1729. Das Fenster rechts des Rathausportales ist schon als Nische mit einer künstlerischen Skulptur gedeutet worden. Bei genauem Hinsehen unterschlägt Schilbach aber nicht die Gitterstäbe vor dem Fensterchen. Wie üblich hatte also auch Nieder-Ramstadt eine Betzenkammer (Gefängnis) an zentralem Platz, in die das vergitterte Fenster mehr Einblick für Passanten, denn Ausblick für den Missetäter bot, der in seinem Verlies solchermaßen zur Schau gestellt wurde.


Der Straßenbau 1838/40


Diese Situation des alten Dorfkerns hat der Bau einer neuen Durchgangsstraße zwischen Ober-Ramstadt und Eberstadt 1838/40 grundlegend verändert. Zwischen den Gefällstrecken der Kirchstraße und der Münstergasse, die in der Form einer Gabel in die Dornwegshöhstraße mündeten, brachen die Straßenbauer eine Querspange, aus der nach 1960 der heutige Straßenkörper einer Bundesstraße wurde. Die Kirchhofsmauer, der großzügige Aufgang zur Kirche, das Kilianshaus wurden geopfert. Eine neue Friedhofsmauer verläuft nicht mehr als Gerade mit der Frontseite des Kirchturms, sondern ist stumpf abgewinkelt, was zu einem deutlichen Geländeverlust für den Kirchhof führte.

In die neue Mauer eingelassen hatte die Gemeinde Nieder-Ramstadt die öffentliche Brückenwaage, zeitweise eine Plakatwand und im Zweiten Weltkrieg auch einen Luftschutzstollen.

Das in den Straßenkörper ragende das Rathaus wurde abgebrochen und ebenfalls in die neue Straßenflucht versetzt. Es diente der Gemeindeverwaltung als Amtsgebäude, bis die Gemeinde 1908 dafür (und für die Einrichtung eines Elektrizitätswerkes) die Brückenmühle erwarb. Dieses „alte Rathaus“, diente danach unterschiedlichen öffentlichen Zwecken, der Rathaussaal verschiedentlich auch dem Schulunterricht und auch als Gottesdienst-Raum der entstehenden katholischen Pfarrgemeinde. Auch der schmucke Pferdewagen, mit dem die seinerzeit die Verstorbenen zur Bestattung gebracht wurden, hatte hier seine Unterkunft. Der Schlußstein im Arkadengewölbe des Rathauses mit Sandstein-Relief des Gemeindewappens soll im weniger attraktiven Nachfolgebau erhalten worden sein, hat aber dessen Abbruch 1959 nicht überlebt.

Der Luftschutzbunker

(nach Informationen von Helmut Neuroth)

1937 hat die Gemeinde einen Konzessionsvertrag über die Versorgung mit elektrischem Strom mit der Heag geschlossen und das eigene E-Werk in der Brückenmühle aufgegeben. Die Werkstatträume wurden an eine Firma Heilmann vermietet. Georg Huthmann leitete den Konstruktionsbetrieb, der während des Zweiten Weltkrieges Zulieferungen für die Raketenentwicklung und -produktion erzeugt haben soll. Zum Schutz der Konstuktionspläne wurde 1942 ein 5 m tiefer Stollen von der Kirchstraße in das Erdreich tief unter dem Kirchhof gegraben.

Die Gemeinde genehmigte dem Nachbarn Knapp, seinerseits von seinem Grundstück einen Stollen unter den Kirchhof zu treiben und rechtwinklig mit dem gemeindlichen Bunker zu verbinden, der damit einen Notausgang auf das Knappsche Grundstück erhielt.

Zeitzeugen beobachteten, wie Huthmann bei Luftalarm regelmäßig sich mit einem Aktenköfferchen, das vermutlich die mutmaßlich geheimen Konstruktionspläne enthielt, im Bunker in Sicherheit brachte. Der Bunker war nicht öffentlich zugänglich und soll nur der Sicherheit der Angehörigen dieses Rüstungsbetriebes gedient haben – und den Angehörigen des Nachbarn.

Huthmann gründete nach dem Krieg in der Schmiedewerkstatt in der Waschenbacher Straße eine Schlosserei, die er später als Landmaschinen-Handel und -Werkstatt nach Rohrbach verlegte.


Der Straßenbau 1959

Trotz der Opfer beim Straßenbau 1838/40 war Nieder-Ramstadt ein ansehnlicher Altstadt-Kern verblieben. Nicht nur der Umbau der Durchgangsstraße in Bundesstraßen-Format zu einer „modernen“ autogerechten Straßenkreuzung, sondern auch der Abbruch wertvoller Baudenkmäler haben die heutige Situation geschaffen, Der Gottesacker, den auch die Stützmauer von 1840 noch trug, war 1897 geschlossen, aber erst beim Bau des evangelischen Kindergartens 1969 aufgelassen.

Text:
Volker Teutschländer






Johann Heinrich Schilbach Bleistiftzeichnung von August Hopfgarten, 1827/28
(aus Wiki)





Als Grafik eines unbekannten Künstlers dem Schilbach-Bild nachempfunden findet sich das Motiv häufig in Nieder-Raumstadt



Die ähnliche Motiv knapp 100 Jahre später:
Das Ensemble mit neuer Kirchhofmauer. Aufgang zum Kirchenportal und Kilianshaus sind mit dem Bau der Ortsdurchfahrt 1838/40 verschwunden. Die Fahrbahn ist unmittelbar an eine neue Kirchhofsmauer und den Kirchturm gerückt.



1912 entstand unter der Friedenslinde das mächtige Monument für die Opfer des Krieges 1870/71, letzter Wille von Georg Wendel Kilian, dort wo einst das Stammhaus seiner Sippe stand.