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Geschichte

Stand: 10.08.2012

 

 

 




 

Die Kirche zu Nieder-Beerbach


Die Dorfkirche – wie im Odenwald häufig, so auch in der Nachbarschaft in Nieder-Ramstadt und in Frankenhausen – steht auf der höchsten Stelle des alten Dorfes. Zur Kirche gelangt man aufwärts über den Kirchweg ab der Dorflinde, unter der einst die Frankensteiner Herren Hain- und Rügengericht hielten und wo bis 1819 in der „Betzenkammer“ die Tunichtgute eingesperrt wurden.

Ein kirchliches Gebäude besaß Nieder-Beerbach bereits im 14. Jahrhundert.
Die älteste urkundliche Erwähnung hat einen sogar kriminellen Anlaß: Am 26. Nov. 1385 trug das Mainzer geistliche Gericht dem Archivpresbyter (Dekan) zu Bensheim und den Plebanen (Leutpriestern und Inhabern der Pfarrstellen) zu Zwingenberg und Bickenbach auf, den Ritter Schenk Eberhard zu Erbach und die Gebrüder Wilhelm und Gerhard gen. Rauch mit einer Entschädigungssumme von 60 Goldgulden zu belegen und solche im Weigerungsfalle vor ihr Gericht zu laden „wegen ihren an dem Nieder-Beerbacher Pleban Johannes Montze begangenen Gewalttätigkeiten und Verbrennung seiner Kirche“.

Nach der mutwilligen Zerstörung muß die Kirche alsbald wieder aufgebaut worden sein: Bauherren der Pfarrkirche waren die Herren von Frankenstein, deren jüngere Linie in ihr auch ihre letzte Ruhe fand – die ältere Linie dagegen in der Eberstädter Kirche. Aus dieser Zeit stammt das Schiff der jetzigen Kirche, da der um 1404 bis 1433 erscheinende Philipp d.Ä. von Frankenstein schon in ihr beerdigt wurde.

Ältester erhaltener Teil der Kirche ist der quadratische gotische Chorturm mit verschieferter Glockenstube, über den sich ein achtseitiger eingezogener Spitzhelm erhebt. Hier läuten seit 1402 bzw. 1480 die Marien- und die Hosiannaglocke zum Gebet und zu den Gottesdiensten. Die 1753 gegossene Glocke war gesprungen und musste im Ersten Weltkrieg „auf dem Altar des Vaterlandes geopfert werden“ (Dr. Esselborn, Nieder-Beerbach, 1921).

Das Kirchspiel war vor der Reformation dem St. Viktorstift in Mainz unterstellt unter dem Patronat der Herren von Frankenstein.Der Altar der Kirche war in katholischer Zeit der Heiligen Katharina geweiht. Nach langem Streit zwischen den katholischen Frankensteinern und der evangelischen hessischen Landgrafschaft wurde die Reformation endgültig 1560 mit dem Einsatz des ersten protestantischen Pfarrers eingeführt. 1614 wurde ein neuer Altar geweiht. Ein Dokument darüber wurde in Form eines schmalen Pergamentzettels in einem Gläschen beim Umbau 1737 entdeckt.

Bei diesem Umbau wurde die Kirche von Grund auf erneuert, wobei die Gemeinde das nötige Holz lieferte, alle übrigen Kosten dagegen durch eine Kirchenkollekte im ganzen Land gedeckt wurden. Der Umbau wirkte sich recht vorteilhaft für das Innere des Gotteshauses aus. Schwerfällige steinerne Chorpfeiler wurden durch gefälligere hölzerne ersetzt, aber auch der kaum mehr als hundertjährige Altar. An Michaelis (dem Namenstag des Heiligen Michael am 29. September) ist die grundhafte Sanierung des Gotteshauses vollendet worden. Wie eine neue Kirchenweihe dürfte das den Nieder-Beerbachern vorgekommen sein. Deshalb wird seitdem um Michaelis noch heute das Nieder-Beerbacher Kirchweihfest begangen.

Die Vergrößerung der fünf Kirchenfenster unterstrich das neue freundliche Klima im Kirchenschiff, sie erhielten zum Schutz gegen Wind und Wetter sogar Fensterläden. Tauftisch und Kanzel wurden gleichfalls neu hergerichtet, eine Orgel für 100 Gulden gekauft – „und ein besonderer Stuhl für die Frau Pfarrerin hergerichtet“ (Scriba). Die Orgel wurde schon 1837 wieder ersetzt.

Das stattliche Pfarrhaus von 1722 neben der Kirche wurde 1841 gegen eine Hofreite im Dorf getauscht.

Eine weitere Grunderneuerung erfuhr die Kirche 1862, weil Bodenfeuchtigkeit an dem tief in der Erde steckenden Mauerwerk und dem Gestühl Schäden verursacht hatten. Das kam fast einem Neubau des gesamten Kirchenschiffes gleich. Die Kirche wurde bis auf den Turm abgetragen und neu aufgebaut sowie am 2. Weihnachtsfeiertag 1862 feierlich eingeweiht.

Bei einer Erneuerung 1922 gestaltete der bekannte Kirchenmaler Velte (Nieder-Ramstadt) das Innere der Kirche künstlerisch neu. Die letzten größeren Erneuerungen im Innern erfuhr das Gotteshaus schließlich anlässlich des Jubiläums der Burg Frankenstein 1952 sowie im Jahr 1977.

Die Grabdenkmäler

Bei den Umbauten und Erneuerungen wurde wenig Rücksicht auf die Grabmale der Frankensteiner an den Innenwänden und auf dem Fußboden genommen. Sie wurden entweder beseitigt oder an die westliche Außenwand verlegt.

Von mehreren Grabdenkmälern der Herrschaftsfamilie auf der Burg Frankenstein bewahrt die Nieder-Beerbacher Kirche nur noch drei: Das Grabmal Philipps des Alten (gestorben 1443) und der Anna Elisabeth von Frankenstein, einer Tochter eines jüngeren Philipps v. Frankenstein (gestorben 1566). Das dritte, künstlerisch beachtenswerte Grabmal der Frankensteiner, nämlich des Ritters Georg von Frankenstein (gest. 1531), von dem die bekannte Sage berichtet, wurde bei der Restaurierung 1922 ins Kircheninnere versetzt.

Das Epitaph ist vermutlich der Ursprung der Sage vom mutigen, aber tragisch endenden Ritter Georg von Frankenstein: Das giftige Schwänzlein des Untiers schlängelt sich in seinen Harnisch durch die Knieschienen des Helden!

Bemerkenswert ist eine in die Kirchhofsmauer eingelassene Steintafel mit dem eingemeißelten Spruch: "Vile so unter der Erde schloffen liegen, werden ufferstehen; etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach und Schande. Dan. 12 Kap." Die Tafel hatte bis zum Umbau 1862 zusammen mit dem Mal von Anna Elisabeth ihren Platz im Kircheninnern

Ein viertes Grabmal aus der Nieder-Beerbacher Kirche, das prächtigste, nämlich das lebensgroße Alabasterstandbild des Ritters Philipp Ludwig (gest. 1602), wurde1851 in die wiederaufgebaute Burgkapelle versetzt. Philipp Ludwig war am 20. Mai im Alter von 21 Jahren auf dem Wege vom Frankenstein nach Seeheim mit Pferden und Wagen in einen Abgrund geschleudert und tödlich verletzt worden.

Das stattliche Pfarrhaus von 1722 gegenüber der Kirche wurde 1841 gegen einen Hof im Dorf getauscht.

Kirchspiel und Parochie

Nieder-Beerbachs Kirche war zumindest von 1560 an Pfarrsitz für Malchen und Ober-Beerbach mit seinen Filialorten Schmal-Beerbach, Steigerts und Stettbach sowie den Weilern Wallhausen (ehem. Ziegelschall) und Hainzerklingen.

1820 wurde die Pfarrei Nieder-Beerbach in zwei Teile aufgelöst. Das Großherzoglich Hessische Geheime Staatsministerium verfügte am 15. Dezember:

Durch das Absterben des Pfarrers Dingeldey zu Nieder-Beerbach, Amt Pfungstadt, ist die dasige Pfarrstelle in Eröffnung gekommen und diese bisherige Pfarrei zu Folge der höchsten Entschließung des Großherzogs Königl. Hoheit nunmehr in zwei Pfarreien abgeteilt worden.

Die eine davon, für welche der Pfarrsitz zu Nieder-Beerbach fernerhin bleibt und deren reines Einkommen sich auf ungefähr 850 fl jährlich belaufen wird, begreift die Orte Nieder-Beerbach, Malchen, das Schloß Frankenstein und einige Mühlen – die andere mit dem Pfarrsitz zu Ober-Beerbach, welche jedoch erst nach dem vollendeten Pfarrhaus-Bau daselbst vergeben werden kann, die Orte Ober-Beerbach, Schmal-Beerbach, Stettbach und Steigerts in sich; was hierdurch zur öffentlichen Kenntnis mit dem Bemerken gebracht wird, daß über die Besetzung der ersteren nach abgelaufener gesetzlicher Frist Verfügung getroffen werden wird.“

Die Filiale Malchen ist seit 1951 eigenständige Kirchengemeinde und pfarramtlich verbunden mit der Kirchengemeinde Darmstadt-Eberstadt/Süd. Daß seit 1854 mit Frankenhausen ein Kirchspiel bestehe, ist falsch: Frankenhausen ist ebenso eigenständige Kirchengemeinde wie Nieder-Beerbach. Beide bilden vielmehr eine Parochie, d.h. der jeweilige Pfarrer mit Sitz in Nieder-Beerbach verwaltet beide Gemeinden in Personalunion.

Turmbekrönung und Turmuhr

Karl Schwinn (†), namhafter Volkskundler aus Reichelsheim, hat die Turmkrone gezeichnet und in seinem Buch über „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ (Verlag Marga Hoseman Mörlenbach, 1985) abgebildet wie rechts wiedergegeben: Dazu schreibt er:

„Der senkrechte Schaft des Kreuzes ist aus drei, der waagrechte Balken aus zwei Stäben zusammengesetzt. Sie sind durch leicht gebogene Bänder verstrebt. Die drei oberen Arme sind an den Enden lilienartig verziert. Den Rautenseiten sind nach innen kleine Dreiecke aufgesetzt. Die um den Mittelpunkt herum gruppierten Dreiecke bilden paarweise vier Rauten. Das Kreuz sitzt unmittelbar über dem Knopf. Auf der Spitze befindet sich ein Hahn.“

Die Turmuhr wird von einem mechanischen Uhr- und Schlagwerk angetrieben, die 1924 eingebaut wurden. Die Antriebsenergie liefern zwei Metallgewichte über ein Flaschenzuggetriebe. Einmal nach oben gekurbelt halten die Gewichte die Uhr eine Woche lang in Gang.

Der Kirchhof und der Karner

Begräbnisstätte für die Dorfbewohner waren seit alter Zeit die Kirchhöfe der Pfarrkirchen, so auch in Nieder-Beerbach. Wenn eine Weiterbelegung nicht mehr möglich war, nahm man die Skelette der Vorbestattungen aus dem Grab und überführte sie in das Beinhaus, den Karner. Diese Karner wurden in den evangelischen Gegenden nach der Reformation aufgegeben. Aus der bekannten Reichenbacher Chronik (1599 – 1620) wissen wir, dass am 16. Juli 1611 „die Totenbein zu Beerbach begraben worden“. Das Nieder-Beerbacher Beinhaus wurde also aufgelöst und die Gebeine wurden begraben. Die Chronik hält sorgfältig fest, „dass keine Predigt bei solcher Sepultur (= Bestattung) gehalten ward“.

Wieso berichtet die Reichenbacher Chronik von der Auflösung des Nieder-Beerbacher Beinhauses? Die Antwort schreibt der Reichenbacher Pfarrer zwei Jahre später: Vierzehn Tage vor Michaelis (29. Sept.) 1613 sind der Nieder-Beerbacher Pfarrer Johann Waldschmidt und seine Frau an der Pest gestorben. Folglich hat in Nieder-Beerbach die Pest gewütet, so daß der Reichenbacher Pfarrer das eine oder andere Amtsgeschäft in Nieder-Beerbach zu vollziehen hatte.

In der Reichenbacher Chronik ist sogar weiter zu lesen, daß ein Plaustrarius, Pfarrer aus Beedenkirchen, „eine Abfuhr erlitt“, also seine Bewerbung abgewiesen wurde. „Dran gekommen“ ist dagegen Leonhardus Crispinus, bis dahin Pfarrer in Gräfenhausen. Der Gemeinde in Nieder-Beerbach ist er am Vierten Advent 1613 vorgestellt worden.

Der Gottesacker um die Kirche wurde 1842 geschlossen in einer Zeit, in der allgemein Friedhöfe aus vermeintlich hygienischen Gründen aus der Dorfmitte vor die Dörfer verlegt wurden. Zeitzeugen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wissen, daß bei Schachtarbeiten zur Fundamentierung einer neuen Stütz- und Einfriedigungsmauer für den Kirchhof große Mengen an Resten menschlicher Gebeine gefunden wurden, offenbar ein Teil des Massengrabes, in dem die Überreste aus dem aufgelösten Karner bestattet wurden.

 

Text:
Volker Teutschländer

Quellen:
Pfarrer Dr. Heinrich Eduard Scriba (1853)

Dr. Karl Esselborn (1921)

Denkmaltopografie für den
Landkreis Darmstadt-Dieburg
(1988)

Karl Schwinn
„Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“
(Verlag Marga Hosemann Mörlenbach, 1985)

Jakob Reiß
Darmstädter Echo (Kreisblatt)
3.8.1977

Hessia sacra
Baubuch für die ev. Pfarreien
der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt
1931







Ansicht vor und nach der umgebenden Wohnbebauung der Nachkriegszeit,die die Sicht auf die schöne Schlichtheit der Kirche stört



Vor dem Portal nach dem beschwerlichen Aufstieg vom Dorf



Die Nordwand der Kirche mit Grabmalen der Frankensteiner im Hintergrund und Denkmäler des 1842 aufgelassenen Friedhofs auf dem Kirchhof



Grabmal Philipps des Alten, gest. 1443



und Anna Elisabeth, gest. 1566



Ritter Georg im Innern der Kirche,
gestorben 1531.
Der zu seinen Füßen abgebildete Drachen nimmt Bezug auf seinen Namenspatron, den Heiligen Georg, und ist wohl Ursprung der Sage vom „Ritter Schorsch vom Frankenstein“.



Das ehemalige Pfarrhaus von 1722





Die Turmbekrönung