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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 3. Jan 2013

 

 

 




 

Das Dorf und die Frankensteiner

Text:
Volker Teutschländer


Quellen:
Pfarrer Dr. E. Scriba (1853)
Heinz Schenk (1994)





Wappen der ehemaligen Gemeinde Nieder-Beerbach
(bis 1976)



Kein Monster auf dem Frankenstein
(klick ins Bild):



(Wappen der Frankensteiner)



Johann Conrad Dippel
(klick ins Bild):





Hist. Statistik:

Einwohner
1669: 85
1861: 624
1907: 911



Die Nieder-Beerbacher
Autobus-Genossenschaft

wirbt in der Festschrift zum Mittelrheinischen Kreisturnfest 1927
für die Fahrt mit ihrer „Blauen Autobuslinie“ zum Besuch Beerbachs und des Frankensteins. Es war die Zeit, als in Nieder-Beerbach wie auch in den anderen Mühltalortschaften ein ansehnlicher Fremdenverkehr florierte. Die Anzeige der Autobus-Genossenschaft beschreibt das so:

Der Luftkurort Nieder-Beerbach, am Fuße des Frankensteins in herrlichem Tale gelegen, ist rundum von prächtigen Wäldern umgeben. Mit der Burg Frankenstein in enger historischer Beziehung stehend, weist das Dorf an der schön gelegenen Kirche Grabmale und Gedenksteine der Frankensteiner auf, erzählt seine Dorflinde aus alter Zeit und der „Lindwurmbrunnen“ auf dem Wege nach der Burg von der Liebe, Treue und dem Opfersinn des Ritters Georg von Frankenstein zu der schönen Annemarie.

Die Burg selbst liegt 400 m über dem Meere und gewährt einen herrlichen Rundblick in die Gaue des IX. Kreises. Sie ist bequem in 20 Minuten von der Endstation der Nieder-Beerbacher Autobuslinie zu erreichen. Rund- und Extrafahrten zu jeder Tages- und Nachtzeit bei mäßigen Preisen.

Nieder-Beerbach hat vorzügliche Gasthäuser mit ff Speisen und Getränken. Rühmlichst bekannt sind:

„Darmstädter Hof“
(Bes. Ludw. Simmermacher)
„Zur Post“
(Bes. Hch. Stüber Wwe.)
„Zum Mühltal“
(Bes. Chr. Lautenschläger)

die separate Räume für kleinere und größere Gesellschaften aufweisen. Auf dem Frankenstein findet Ihr ein ganz vorzügliches Speisehaus mit gutgepflegten Weinen zu mäßigen Preisen (Bes. Chr. Hechler).

(Text übermittelt von
Karl-Heinrich Schanz)

 

Das Beerbachtal war bereits in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt, wie die zahlreichen aus der Gemarkung bekannt gewordenen Bodenfunde belegen. Volker Reinhardt schreibt in den Kommunalwissenschaftlichen Veröffentlichungen für den Bereich Darmstadt-Dieburg, hrsg. Prof. Dr. Dr. Schmidt, TH Darmstadt, 1976): „Außer einem Stück, das wahrscheinlich in die Zeit der Linienbandkeramischen Ackerbaukultur (nach 4000 v.Chr.; erstmals Seßhaftigkeit, Ackerbau, getöpferte Tonware, erste geschliffene Steingeräte) gehört, sind Steinbeile – und zwar vom Hang des Frankensteins und von anderen Punkten der Gemarkung, auch vom Breitenlohberg – gefunden worden, die der sogenannten „Michelsberger Kultur“ (Ackerbau mit hier schon mehr Weidewirtschaft) zugehören bzw. vom Ende der Steinzeit (um 1900 v.Chr.), am Übergang zur Kupferzeit (vorwiegend Weidewirtschaft) stammen.“ Ob es in Nieder-Beerbach auch eine römerzeitliche Besiedlung gab, ist bisher nicht nachgewiesen.

Der heutige Ort reicht weit in die karolingische Zeit zurück. Eine Fehlinterpretation des Lorscher Totenbuches hat zu der irrigen Meinung geführt, die auch in jüngerer Zeit noch immer verbreitet wird, Nieder-Beerbach sei schon 788 erstmals mittelbar erwähnt worden. Dieser Datierung fehlt jedoch eine konkrete Aussage, siehe > Totenbuch. Tatsächlich wird Nieder-Beerbach in späteren Urkunden als „Bernbach“ (1318), „Niedernbeerbach“ (1363) und „Niedern Bernbach“ (1485) konkret genannt.

Die älteste Angabe über eine Einwohnerzahl stammt aus 1669: 85 Menschen wohnten demnach in dem wenige Jahre zuvor im Dreißigjährigen Krieg völlig zerstörten Dorf. Dr. Eduard Heinrich Scriba war der dritte Pfarrer (1850 – 1857) aus der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Theologen- und Gelehrtenfamilie. Er hat festgehalten, daß 1646 nur noch drei Untertanen das Land bebauten. 1661 seien es wieder „30 Gemeinsleute und 15 Frohnbauern“ gewesen.

Ein weiterer Pfarrer Nieder-Beerbachs ist zu nennen: Johann Philipp Dippel war bis 1678 ev. Pfarrer in Nieder-Beerbach. Dippel hatte seine hochschwangere Frau hinter den Mauern der Burg Frankenstein in Sicherheit gebracht, und im dortigen Forsthaus wurde am 10. August 1673 Johann Conrad Dippel geboren. Vermutlich hatte die Pfarrfrau mit ihrem Jüngstgeborenen noch mehrfach Schutz hinter den Mauern der Burg gesucht. Besonders 1674 war für Südhessen ein schlimmes Kriegsjahr. Die Bergstraße war direktes Kriegsgebiet. Das dem Frankenstein benachbarte Auerbacher Schloß wurde von französischen Truppen erstürmt, geplündert und zerstört.

Pfarrer Dippel wurde 1678 ins benachbarte Nieder-Ramstadt versetzt, wo Sohn Johann Conrad seine Kindheit und Schulzeit verbrachte. Er wurde der berühmte Theologe, Doktor der Medizin und Alchemist, von dem Prälat Diehl in den Hess. Volksbüchern sagt, daß er „im Zeitalter des Pietismus zu den führenden Geistern ganz Deutschlands gehörte und für die Aufklärung bahnbrechender gewirkt hat als irgend einer seiner hessischen Zeitgenossen“.

Johann Conrad Dippel wurden in den jüngsten Jahrzehnten Schauer- und Gruselgeschichten angehängt, deren Haltlosigkeit Otto Weber in seinem Aufsatz über Dippels Leben und die Bedeutung seiner Leistungen beschreibt. Webers Arbeit ist auf dieser Site nachzulesen (siehe Schalter auf der rechten Spalte).

Johann Conrad Dippel wird häufig der Wiederaufbau des Ober-Traisaer Hofes („Dippelshof“) nachgesagt. Das ist falsch, nämlich eine Verwechslung mit seinem Bruder Johann Albert Dippel. Er hat den Obertraisaer Hof, der seit 1635 wüst lag, wieder aufgebaut, weshalb er noch heute seinen Namen trägt.

Unter den verdienten Lehrern im Dorf wird gerne Johann Daniel Gerlachs gedacht, der sich 1737 sein Haus neben dem Kirchenaufgang errichtete. Obwohl es sein Privateigentum war, diente es knapp 100 Jahre lang als örtliches Schulhaus. Inzwischen ist es abgetragen. In Würdigung seiner Leistungen für das Dorf hat die Gemeinde Nieder-Beerbach die Straße „Gerlachshöhe“ nach ihm benannt.

1836 errichtete die Gemeinde ein neues Schulhaus, das 1878 durch ein weiteres ergänzt wurde. In vier Jahrgangsstufen wurden zeitweise bis zu 170 Kinder unterrichtet. Die Gemeinde Nieder-Beerbach trat 1964 dem Schulverband „Mittelpunktschule Nieder-Ramstadt“ bei, was zur Reduzierung der örtlichen Schule auf die Jahrgänge 1 bis 4 (Grundschule „Frankensteinschule“) führte. Das 1836 erbaute Schulhaus, in dem auch die Bürgermeisterei untergebracht war, wurde zur Vergrößerung des Schulhofes in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts abgebrochen.

 

Beerbach und die Frankensteiner

 

Eng verbunden ist die Geschichte des Dorfes mit der auf dem Höhenzug im Westen liegenden Burg Frankenstein, zu deren Herrschaft Nieder-Beerbach zusammen mit einer Hälfte von Eberstadt sowie Ober-Beerbach, Schmal-Beerbach, Stettbach und Allertshofen gehörte, ferner Bobstadt im Ried.

Die Zentgerichtsbarkeit stand den Grafen von Katzenellnbogen und deren Erben, den Landgrafen von Hessen zu. Nieder-Beerbach gehörte zum Gericht der Cent Pfungstadt. Das Zentgericht fand ursprünglich auf dem Heiligenberg bei Jugenheim, später in Pfungstadt statt.

Vogteiherren waren die Herren von Frankenstein, welche die dortige Pfarrkirche erbaut und zur Begräbnisstätte der jüngeren Linie der Frankensteiner bestimmt hatten. (Die Grablege der älteren Linie ist die Eberstädter Kirche.) Das Vogteigericht hielten die Frankensteiner als Ortsherren viermal jährlich ab.

Das Hain- oder Rügegericht wurde nach der von den Gevattern Ludwig und Philipp Heinrich v. Frankenstein im Jahre 1581 erneuerten Haingerichtsordnung (im Archiv der Gemeinde Nieder-Beerbach) zweimal jährlich, und zwar Donnerstag vor Georgen und Donnerstag vor Martini "durch den Bürgermeister oder Heimberger, welcher jederzeit seyn wird, alter Gewohnheit nach den Abend zuvor bei Sonnenschein berufen und des Morgens mit den gewöhnlichen Gerichtsglocken dreimal eingeläutet und auf dem Rathaus unter der Linde mitten im Dorffe" gehalten.

Das Überleben dieser weit über 400 Jahre alten Linde ist zum Beginn des neuen Jahrtausends von der Gemeinde Mühltal mittels einer Sanierung sichergestellt worden. Unter dieser Linde befand sich früher auch das Ortsgefängnis, Betzenkammer genannt, ein greuliches Loch von nur wenigen Schuh Länge, Breite und Höhe, in dessen Tür sich nur ein etwa faustgroßes Luftloch befand. 1819 wurde dieses "Gefängnis" geschlossen und die Linde mit der heute noch vorhandenen Mauer umgeben. Humorvolle Nieder-Beerbacher wollen glauben machen, daß ein örtliches Gefängnis habe geschlossen werden können, weil es überflüssig geworden sei, so sehr hätten sich die Menschen im Dorf gebessert.

Seit dem 14. Jahrhundert war Nieder-Beerbach Sitz einer Pfarrei. Ab 1560 war Nieder-Beerbach kirchlicher Mittelpunkt mehrerer Dörfer in der Umgebung, bis Mitte des 20. Jh. noch für Malchen an der Bergstraße jenseits der Bergstraßen-Bergkette. Seit Mitte des 19. Jh. ist die ev. Kirchengemeinde in Personalunion mit der (eigenständigen) Kirchengemeinde Frankenhausen verbunden.

In der Kirche befindet sich die Grablage der jüngeren Linie der Frankensteiner. Ein reich ausgestattetes Epitaph des 1521 verstorbenen Georg von Frankenstein gab Anlaß zu der Sage vom tödlichen Kampf des Ritters mit dem Lindwurm.

Nach langen Auseinandersetzungen und Prozessen vor dem Reichskammergericht verkauften die Frankensteiner 1661/62 Burg und Herrschaft an die Landgrafen von Hessen. Die Burg verfiel, und erst in der Romantik erwachte wieder das Interesse an der Ruine, die zwischen 1835 und 1893 in ihrem Bestand gesichert wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erbaute das Land Hessen hier ein modernes Restaurant, das ein sehr beliebtes Ausflugsziel ist und einen herrlichen Blick in die Rheinebene und den Odenwald bietet. Heute ist die Burg Frankenstein nicht nur das Wahrzeichen der Gemeinde, sondern auch eines des Landkreises Darmstadt-Dieburg.

 

Eine moderne Wohngemeinde

 

Nieder-Beerbach war bis in die Zeit zwischen den Weltkriegen ein weitestgehend landwirtschaftlich orientiertes Dorf. Die vom Klima begünstigte Tallage erlaubte einen nennenswerten Obstbau. Bedeutend waren daneben vier Getreidemühlen sowie fünf Ziegeleien, von denen über die 1960er Jahre allerdings kein Betrieb überlebte. Nieder-Beerbach profitierte vor allem im vergangenen Jahrhundert als Ausflugsziel Naherholungssuchender von der nahen Burg Frankenstein und von seiner eigenen landschaftlich reizvollen Lage im engen Beerbachtal. Als Arbeitgeber und als Steuerzahler ist der Tagebaubetrieb der Odenwälder Hartsteinindustrie für Nieder-Beerbach wichtig.

Bis 1853 gehörte Nieder-Beerbach zum Kreis Bensheim. Durch dessen Auflösung kam Nieder-Beerbach zum Kreis Darmstadt, 1977 zum Landkreis Darmstadt-Dieburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Nieder-Beerbach durch den allgemeinen wirtschaftlichen Wandel vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zur Gemeinde mit bevorzugten Wohnlagen und einer vollständigen kommunalen Infrastruktur. Nieder-Beerbach war eine der ersten Gemeinden im Umkreis mit einer Kläranlage zur Reinigung der örtlichen Abwässer vor der Einleitung in den Beerbach. Die Bevölkerungszahl war nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte deutlich angewachsen, anschließend durch den Zuzug von Neubürgern in neu ausgewiesenen Baugebieten. Regelmäßige und mehrfach verbesserte ÖPNV-Verbindungen machen es Arbeitnehmern leicht, im klimatisch und landschaftlich begünstigten Beerbachtal zu wohnen und zu den Arbeitsstätten des Rhein-Main-Gebietes zu pendeln.

1930 betrug die Einwohnerzahl noch 930, bis 1973 war sie auf über 1500 angewachsen, zehn Jahre später auf über 1800.

Das örtliche Gemeinschaftsleben befördert ein gemeindliches Gemeindezentrum mit Kindergarten, den die Ev. Kirchengemeinde betreibt. Bürgerschaftliche Initiativen schufen Ende des vergangenen Jahrhunderts einen Dorfbrunnen sowie ein Denkmal zur Erinnerung an die ehemals hohe wirtschaftliche Bedeutung von vier Wassermühlen am Beerbach.