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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 24.06.2012 

 


 

Die Herrschaft Frankenstein, die Vogtei und die Zentherrschaft


Im 13. Jh. war an der Bergstraße eine kleine Herrschaft entstanden, die vor 1250 ihre Residenz auf dem Frankenstein erbaute und sich nach dieser Burg „
von Frankenstein“ nannte. Zu dieser Herrschaft gehörten Eberstadt, Nieder- und Ober-Beerbach mit dem schon im Lorscher Codex erwähnten Wallhausen, ferner Schmal-Beerbach, Stettbach, Allertshofen und Hoxhohl. Dazu hielten die Frankensteiner Rechte in Pfungstadt (Frankensteiner Mühle), Hahn, Weiterstadt usw.

Nieder-Beerbach mit den später untergegangenen Weilern Dunkelbach und Dornbach waren mit der Burg Frankenstein seit dem 15. Jh. Reichslehen der Frankensteiner.

Abseits des Herrschaftsgebietes lag der Ort Bobstadt (heute Ortsteil von Bürstadt), der seit 1447 als Wormser Burglehen zur Herrschaft Frankenstein gehörte. Anders als die Orte an der Bergstraße war er von dem Verkauf der Herrschaft Frankenstein an die Landgrafschaft Hessen im 17. Jahrhundert nicht betroffen und blieb der Familie Franckenstein bis zur Säkularisierung im 19. Jh. erhalten.

Die Frankensteiner erlangten niemals die volle Landeshoheit über ihr kleines, keineswegs geschlossenes Gebiet, denn die Zentherrschaft, die Hohe Obrigkeit mit dem Halsgericht, stand den Grafen von Katzenelnbogen und deren Rechtsnachfolgern, den Landgrafen von Hessen, zu. Ober-Beerbach, Schmal-Beerbach und Stettbach gehörten zur Zent Jugenheim („Heiligenberg“), Allertshofen und Hoxhohl zur Zent Ober-Ramstadt („Birkey“), Eberstadt und Nieder-Beerbach zur Zent Pfungstadt. Für die Zenten Ober-Ramstadt und Pfungstadt liegen Zentweistümer von 1558 und für Jugenheim von 1588 vor, die in der Sammlung von Jakob Grimm gedruckt sind. Sie sind interessante Quellen für die Verfassung der Zenten und die Rechtsprechung jener Zeit. Alle drei Zenten gehörten zur Obergrafschaft Katzenelnbogen.

Die katzenelnbogische Zent Pfungstadt


Mittelpunkt der Zentherrschaft für Nieder-Beerbach war das Zentgericht in Pfungstadt, vor das die Zentfälle („Strafen an Hals und Hand“) gehörten, dazu auch die Polizei- und Heerfolge. Gerichtsstätte war 1492 in Pfungstadt im Dorf auf dem Plan bei dem Born“. Der Galgen, das Symbol der Halsgerichtsbarkeit, ist noch an der Grenze zu Eberstadt erhalten. Nieder-Beerbach stellte zwei der 15 Bergschöffen zur Zent, deren oberster herrschaftlicher Beamte der Zentgraf war. Er führte die Zentmannschaft bei Polizei- und Militäreinsätzen, auch war er zuständig für die Kontrolle der Eichmaße, Gewichte usw., dazu war er Vorsitzender des Gerichts, leitete die Verhandlung, verkündete und vollstreckte das Urteil der Schöffen. Dr. von der Au schreibt im Eberstädter Flurnamenbuch zu dem Namen Hochgericht:

Darunter wird der Pfungstädter Galgen verstanden. In einer Vernehmung vor dem Zentgericht in Pfungstadt 1599 heißt es: Die Türckensteuer haben Eberstat und Berbach allwegen, wie andere Dorff, erlegt, sie hatten sich Eins mal geweigert, am Hochgericht mit zu bauen, darum ihnen die Kue genommen und etzlich Mann eingezogen worden. Sie hatten auch selbsten alle Costen und Schaden erlegen müssen“.

Die Zentdörfer mussten den Zentgalgen in Pfungstadt unterhalten, was sie offenbar auf Weisung ihrer Frankensteiner Vogteiherrschaft im Streit um die Zentrechte mit Hessen abgelehnt haben. Deshalb hatte man ihre Weidekühe gepfändet und etliche Bürger als Geiseln genommen. Über Hinrichtungen am Galgen ist nichts bekannt. Wohl aber stand dort früher eine Tafel mit der Inschrift:

Hier wurde der Leichnam des Posträubers Kiefer, genannt Katzuf, der mit Gundermann am 23. 4. 1780 [zwischen Bickenbach und Eberstadt] die Post berauben wollte, eingescharrt, er starb im Stockhaus am Läusefraß“.

Nach der Überlieferung sollen Unbekannte den Leichnam ausgegraben und entführt haben. Die Tatgenossen, Gundermann und Gansert, wurden am 4. Mai 1782 am Tatort hingerichtet. Dabei musste die Pfungstädter Zentmannschaft die Richtstätte absperren und vor zahllosen Zuschauern sichern.


Interessant ist der Hinweis auf die Entrichtung der Türkensteuer, denn deren Zahlung wurde von der Reichsritterschaft, zu der die Frankensteiner gehörten, abgelehnt, in den Dörfern ihrer Reichslehen (Nieder-Beerbach, Eberstadt zum Teil), aber offenbar erhoben. Die Zenten verloren an Bedeutung, als viele ihrer Aufgaben, so die Peinliche Gerichtsbarkeit, auf die Ämter übergingen, formell bestanden sie als Beurkundungs- und Vollstreckungsorgane weiter bis zu den Reformen im 19. Jh.

Die Frankensteiner Vogtei

Die Frankensteiner Herrschaft hatte in Nieder-Beerbach die Rechte der Vogtei mit der Niedergerichtsbarkeit: Zivilstreitigkeiten, freiwillige Gerichtsbarkeit, [die Beurkundung von Testamenten, Verträgen, Währschaften usw.], dazu Strafen an „Haut und Haar“.

Dieses Gericht tagte viermal im Jahr zu „ungebotenen Terminen“ unter der Linde in Eberstadt, mit dem Amtmann als Vorsitzenden und 14 Schöffen aus den Vogteidörfern. Das Vogteigerichtsbuch ist oft in zwei Teilen geführt worden, der erste Teil als Protokollbuch, der zweite Teil als „Währbuch“ für Grundstücksgeschäfte. In der Folge versuchten sowohl Katzenelnbogen und Rechtsnachfolger Hessen als auch Frankenstein, ihre Rechte zur Landesherrschaft auszubauen, was zu ständigen Reibereien und Prozessen führte.

 

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Heinz Bormuth




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