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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 24.06.2012 

 


 

Die frankensteinische Haingerichtsordnung

Im Gemeindearchiv Nieder-Beerbach sind mehrere Abschriften der alten Dorfordnung (Haingerichtsordnung) aus dem 16. Jh. archiviert, die im Aufbau und Wortlaut fast identisch mit den Haingerichtsordnungen der anderen Dörfer der Herrschaft Frankenstein sind, was bedeutet, dass sie von der Herrschaft erlassen wurden.

Die Kommentare der Haingerichtsordnungen ergeben wichtige heimatgeschichtliche Erkenntnisse zum Dorfleben: Dorfbefestigung, Wachdienst, Bewirtschaftung der Fluren und Allmende, Weideordnung, Obstbau, Bestellung der Gemeindebediensteten, Flur- und Personennamen usw., was eben das Leben in einem Bauerndorf ausmacht.

Viele Veränderungen des 16. Jh. betrafen auch die Gemeinden. Überall entstanden, oft auf Weisung der Behörden
10, Rathäuser, in denen künftig die Dorfversammlungen tagten. 1581 haben die Frankensteiner Herren die Nieder-Beerbacher Haingerichtsordnung „auf dem Rathaus unter der Linde“ verkündet und auch in den Nachbarorten Seeheim, Jugenheim, Eberstadt und Pfungstadt entstanden Rathäuser, zur gleichen Zeit wurden die alten, mündlich überlieferten Haingerichtsordnungen schriftlich niedergelegt. Dass dabei die Frankensteiner Herrschaft ihre Hand im Spiel hatte, zeigen die Niederschriften der Haingerichtsordnungen im Ländchen Frankenstein, die im Aufbau und Text so weit übereinstimmen, dass die gemeinsame Urheberschaft, wohl eines gelehrten Schreibers, zu erkennen ist, selbst wenn es in den Ordnungen heißt, die Herrschaft habe die Aussagen der Gemeinsleute nur aufgezeichnet und redigiert. Die jüngere rechtshistorische Forschung sieht die Vorbilder für die in dieser Zeit verstärkt auftretenden schriftlichen Fassungen in den Städten, wo schon längere Zeit Stadt-und Marktordnungen schriftlich vorlagen 11.

Die Haingerichtsordnung von Nieder-Beerbach vom 20. Mai 1581 hatte ursprünglich 41 Artikel, davon fehlten die Artikel 17-22, als man 1612 weitere 8 Artikel neu zufügte. Im Gemeindearchiv findet sich eine Abschrift der Gemeindeordnung von 1647 mit 43 Artikeln, obwohl es 49 sein müssten.

Diese Dorfordnungen sind von der Herrschaft verfasst, sie sind bis auf geringe örtliche Abweichungen identisch. Schon die Überschrift


„Hain-Gerichtsordnung, Statuten, Gerechtigkeit, Brauch und Bußbüchlein“,


aber auch der Inhalt zeigen, dass es sich nicht um das Gewohnheitsrecht eines Dorfes handelt, sondern um Rechtsetzungen der Verwaltung, auch wenn
dienachbaren [Gemeinsleute] daselbsten Bericht gethan“ und die Herrschaft diese Berichte in diese Form Punctenss Weiß“ gebracht hat.

Deutlich zeigt sich die Handschrift der Herrschaft, wenn bei einem Ortsfrevel, neben der Buße des Haingerichts festgeschrieben ist: „undt stehet in Herren Straff“.

Inhaltlich folgen die Frankensteiner Dorfordnungen einem bestimmten Schema, das mit Rudolf Kunz folgendermaßen skizziert werden kann:

1.Die umfangreiche religiöse Einleitung,
2.die Festlegung der Haingerichtstage und die Hegung des Gerichts.
3.die bäuerliche Tätigkeit mit dem Weidebetrieb, Wiesenschluss, Ackern, Haltung der Faseltiere, Hirtenwesen usw.


Hier, bei Punkt 3, begegnen wir am ehesten lokalem Gewohnheitsrecht, es fehlen aber überraschend Regelungen zum Flurzwang der Dreifelderwirtschaft, wichtige Probleme des internen Dorflebens, die zu den Aufgaben der Dorfversammlung gehörten. Reichlich sonderbar empfinden wir heute eine Bestimmung, die sich in allen Frankensteiner Haingerichtsordnungen findet:

Item ein jeder Pfarrer ist schuldig, als von alters her auf uns erwachsen, ein Faselvieh [Zuchtstier für die Rindviehhalter in der Gemeinde] jährlich zu halten, und wenn dieser untauglich würde durch einen tauglichen zu ersetzen“.


Termin des Haingerichts

Zum Termin des Haingerichts heißt es:

Erstlichen sol ides jars uff den Donnerstag vor Georgi (23. April) das gemein gericht, welches man nendt zu offenen tagen [offene Tage= (nach Kunz): Tage, an denen z. B. im Wald Holz gelesen werden darf, hier vielleicht im Zusammenhang mit dem Wiesenschluss zu sehen] einmal gehalten werden, durch den burgemeister oder hainberger, welcher ider zeit sein wirdt, alter gewonheit nach den abent zuvor bey sonnenschein in ein ides hausgeseß beruffen [in jedem Haus angesagt wird] und des morgens mit der gewoncklichen gerichtsglocken dreymal beleuten“.


Diese Formalitäten waren für die Hegung des Gerichts wichtig. Die erste Frage des Vorsitzenden lautete: Ist das Gericht ordnungsgemäß gehegt“ und dann : „In wessen Namen ist es gehegt“, die Antwort: „ Im Namen der Nachbaren“ worunter die Gemeinsleute, welche die Gemeinde bildeten, verstanden wurden.

Gerichtsort

Versammlungsort der Haingerichte waren Plätze in der Nähe der Kirche unter der Gerichtslinde. Die Eberstädter Dorfordnung von 1557 stellt die Gerichtslinde (am Kirchenaufgang) unter besonderen Schutz, es heißt dort: Item die Linde soll vor einen Obstbaum gehalten werden, dieweil dieselbig mitten im Dorf [steht] und die Gemein-Versammlung (Haingericht) darunter beschieht“, ganz ähnlich bestimmt auch die Gemeindeordnung von Nieder-Beerbach:

Undt wirdt die Lind Kron für ein Obstbaum gehalten, die weil dieselbig mitten im Dorff, undt die Gemeinversammlung darunter geschieht, Bei vorgesetzter Straff [drey Pfund Heller] welcher sie beschädigt, verbotten“.


Damit ist gemeint, dass die Gerichtslinde strafrechtlich wie ein Obstbaum behandelt wird, dessen Beschädigung hart bestraft wurde, weil die Herrschaft den Obstbau sehr gefördert hat.

Die Rolle, die der Obstbau spielte, hat 1791 Pfarrer Johannes May (1724-1796) in seiner wichtigen Schrift Anmerkungen über die Ab- und Zunahme des Nahrungsstandes in Eberstadt“ geschildert. In Nieder-Beerbach ist der Gerichtsplatz noch gut bei der sogenannten „Betzekammer“ zu sehen, auch die Gerichtslinde ist noch erhalten, verschwunden ist jedoch das Rathaus, wo, wie in vielen anderen Orten, später das Gericht auf dem Rathaus unter der Linde“ getagt hatte, belegt ist dies für 1581, dies ist allerdings der einzige Hinweis auf ein Rathaus im Ort. Diese alte Gerichtslinde sollte 1819 gefällt werden, der in Nieder-Beerbach geborene spätere Pfarrer Philipp Moritz Scriba hat dies verhindert [Die Haingerichtslinde ist 2011 gefällt worden].

UnterBetzekammer“ (von bözen = schrecken) oder „Narrenhäuschen“ versteht man örtliche Verliese, oft unter der Außentreppe des Rathauses, in denen, wie anderswo am Pranger, Ehrenstrafen vollstreckt wurden, die von der Kirche oder dem Niedergericht verhängt wurden. Dr. Scriba beschreibt die Betzekammer wie folgt:


Ein gräuliches Loch von nur wenigen Schuhen Länge, Höhe, Breite, in dessen Tür sich nur ein etwa faustgroßes Luftloch befand“.

Als 1581 die Nieder-Beerbacher Haingerichtsordnung von den Frankensteiner Dorfherren, den Vettern Ludwig und Philipp Heinrich zu Franckenstein, der ganzen Gemeinde mitten im Dorf, unter der Linde“ erstmals bekannt gegeben wurde,

nachdem die „nachbaren [die Gemeinsleute] doselbsten bericht gethon“[über Dorfgewohnheiten gehört wurden],werden als Nieder-Beerbacher Gemeinsleute verzeichnet: „Hans Kreuder, Schultheiss, Hans Berg,Schultheiss, [jeder der beiden Dorfherren hatte einen eigenen Schultheiss], Hanns Reuß, Hanns Müller, Adam Weyß, Hans Usener, Philips Rauch, Hans Geier, Hans Heylig der alt, Herman Noett, (alle Gerichtspersonen), Gemeinsleut: Niclas Schmidt, Niclas Brandt, Kuntz Rauch, Peter Weyß, Lenhart Lotz , Philipps Korpf, Hans Roß, Niclass Feder, Hans Bausch, Conrad Schwenck, Sixtus Madern, Peter Schlaudes Lenhart Emig (?), Michel Madern, Hans Helig der mittler, Hans Helig der jung, Peter Groß, Hans Geibel, Hanns Gebel, Conradt Jeger, Hanns Kessler“.

Dies waren 1581 die vollberechtigten Gemeinsleute in Nieder-Beerbach, die sich unter der Gerichtslinde versammelten, um zum ersten Mal die Frankensteiner Dorfordnung zu hören. Die gleichen Namen finden sich in einer Musterungsliste von 1588. In der Folge wurden die Artikel der Dorfordnung bei jedem Treffen des Haingerichts verlesen, den späteren Ausgaben sind allerdings einzelne Artikel zugefügt oder weggelassen worden, für die Nieder-Beerbacher mag die den Kuhhirten betreffende Anweisung interessant sein, zumal sie offenbar alte Ortsgewohnheit enthält:

... soll die gemein ein kuhirt, alter herkommen und gewonheit nach, dingen, das er meniglich [jedermann] ohne schaden fleißig hutten [hüten] und zum ersten bei Hermans hauß bloßen [blasen], zum ander mall bey der linden und zum dritten bey Reiß Hanßen hauß bloßen, do soll von den nachbaren ihme das vihe vorgedriben [zugetrieben] werden.“

Bevor die Tiere auf die Weide gingen, wurde ihnen das Hofzeichen ins Fell gebrannt, in die Hörner oder die Ohren geritzt, beim Weidebetrieb auf der Koppelweide dazu das Ortszeichen. Diesen pittoresken Weideauftrieb konnte man in manchen Dörfern des Hohen Odenwaldes noch bis zum 2.Weltkrieg erleben.

Das Ende der Haingerichte

Später, etwa ab 1750, übernahm der herrschaftliche Schultheiß den Vorsitz und hegte das Gericht im Namen der Herrschaft. Aus der dörflichen Versammlung, dem Haingericht, das im Namen der Nachbarn vom Heimbürger oder Bürgermeister gehegt wurde, wurde nun eine Einrichtung der Herrschaft. Dadurch änderten sich auch Anzahl und Termine.

Als Sitzungstermine für dieses „ungebottene Gericht“ werden genannt:

Vier Ding im Jahr, das erste uf Montag nach Niederbeerbacher Kirchweyhung, das andere uf Montag nach Bartholomai (24. 8.), das dritte uf Montag nach Martini (11.11) und das vierte uf Montag nach dem Achtzehnten (13.Januar, der Gemeine Tag).“

Wie auch der frühere Termin am St. Georgitag, sind die neuen Termine dem bäuerlichen Tagwerk angepasst. Am Georgitag endete die sogenannte Vorweide, damit sich das Gras bis zur ersten Schur („der Haamed“) wieder erholen konnte, die anderen Tage waren wichtige Lostage im Bauernleben. Gelegentlich hat gar der Amtmann den Dorfversammlungen beigewohnt, er achtete u. A. darauf, dass sich die anschließende Haingerichtszeche im Rahmen hielt und das Geld nicht, wie etwa die Erbacher Haingerichtsordnung befürchtete: “alsbald ins Wirtshaus getragen und auf einmal durch die Gurgel gejagt wird“. Im übrigen vertrat er die Interessen der Herrschaft.

 

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Heinz Bormuth