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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 06.04.2012 

 


 

Die Gemeindeversammlung – das Haingericht


Einmal, bei Bedarf mehrmals im Jahr, traf sich die Dorfversammlung zum „ungebottenen“ Haingericht, dessen Ablauf streng reglementiert war. Zuvor hatte man bei einem Rundgang den Zustand der Dorfbefestigungen, der Grenzsteine und die Feuersicherheit im Dorf geprüft.

Nicht alle Dorfbewohner bildeten das Gericht, nur die vollberechtigten Gemeinsleute waren dort zugelassen, nicht aber die minderberechtigten Beisassen. Nach der Hegung des Gerichts wurden zunächst die neuen Gemeinsleute (nach ihrer Volljährigkeit, Heirat oder Zuzug) angenommen und verpflichtet, nachdem sie zuvor das „Feuereimergeld“ (Einzugsgeld) gezahlt und bei Ortsfremden das Inferendum nachgewiesen hatten. Vor dem Haingericht wurde auch die Dorfrechnung vorgetragen, abgesegnet und danach „vom Tisch gewischt“. Schließlich ahndete das Haingericht Verstöße (Rügen) gegen die Dorfordnung, der Frevler musste eine Geldbuße zahlen, die dann bei der Haingerichtszeche vertrunken wurde. Es gab nicht nur ein Rügerecht, sondern auch eine Rügepflicht, wer einen Frevel beobachtete und nicht anzeigte, musste selbst Buße zahlen.

Gerügt wurden meist Diebstähle von Feldfrüchten oder Obst und Vergehen gegen Weidebestimmungen, Grenzverletzungen, Überfahrtsrechte usw.

Aus dem Kreis der Gemeinsleute wurden die Gemeindeämter besetzt, vorab das Amt des Bürgermeisters, mancherorts auch Hainberger [von Heimbürge = „der die Siedlung zu bergen hat“] genannt.

Der Hainberger war ursprünglich der Sprecher der Gemeinde, der das Haingericht einberief und im Namen der „Nachbaren“ (Dorfgenossen) hegte. Er war auch für die Gemeindefinanzen zuständig, weil damit auch das Einsammeln der herrschaftlichen Abgaben verbunden war, war dies ein recht undankbares Amt, das man gern schnell wieder los werden wollte, meist ging es turnusmäßig im Dorf um und wechselte nach einem Jahr. Êr stand unter besonderem gesetzlichen Schutz, wer ihn beleidigte wurde bestraft. Der von der Herrschaft bestellte Schultheiß, der oft aus den reichsten Bauernfamilien ausgewählt wurde, war nicht nur der verlängerte Arm der Herrschaft, er vertrat auch die Interessen des Dorfes gegenüber der Herrschaft.

Andere wichtige Ämter waren die von der Gemeinde gewählten Feldgeschworenen (Vierrichter), die mit ihrer Amtstracht, lange schwarze Mäntel und als Hoheitszeichen den Feldgeschworenenstab, über die Grenzen und ihre Markierung wachten und der Zöllner, der die Durchgangsstraßen kontrollierte und die Zölle für die Herrschaft erhob. Bestellt wurden auch die Hirten und der Dorfbüttel, sie gehörten zur ärmeren Schicht der Beisassen, hatten keinen Grundbesitz und wohnten im gemeindeeigenen „Hirtenhaus“, das meist zugleich das Armenhaus der Gemeinde war. Die Hirten hatten oft noch zusätzliche Aufgaben, wie etwa das Nachtwächteramt und das Öffnen und Schließen der Falltore. Zwar gab es in Nieder-Beerbach einen Flurschütz, die Chronisten haben allerdings beklagt, dass dieser aus lauter Angst vor den Drohungen von Obstdieben und Störern der Dorfordnung seine Anzeigepflichten nicht erfüllte. Besonders die Grundstücke des Pfarrers, der abseits vom Dorf am Waldrand seinen Besitz hatte, waren Gegenstand von solchen Übergriffen, man neidete ihm seine Sonderrechte beim Weidegeld und seine Erfolge bei der Bewirtschaftung des Pfarrgutes.

Als Scriba vor der Zent klagte und einen Nachtwächter forderte, erwiderten die Gemeinsleute: „Wenn der Pfarrer einen Nachtwächter haben wolle, solle er ihn auch besolden, sie hätten nichts zu stehlen“.

Die Pfarrer der alten Zeit lebten zum überwiegenden Teil von den Einkünften der Pfarrgüter, die sie selbst bewirtschafteten, aus dem Dreißigjährigen Krieg ist mehrfach der Vorwurf überliefert: „die Pfarrer kümmerten sich mehr um ihr Vieh als um ihre Pfarrkinder“. Tatsächlich waren einige Pfarrer bekannte Viehzüchter.

Ein eigenes Schulhaus gab es in Nieder-Beerbach erst seit 1841, zuvor fand (seit 1690) der Unterricht im „Gerlachhaus“, dem Haus der Lehrer- und Pfarrerfamilie, statt.


 

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Heinz Bormuth








Das frühere, restaurierte Pfarrhaus




Das ehem. Haus der Lehrerfamilie Gerlach im Kirchenaufgang, Unterrichtsstätte vor dem Bau eines gemeindlichen Schulhauses