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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 10.07.2012 

 


 

Die Dorflinde, die Haingerichtsordnung und die Betzenkammer

An Geschichte, Geschichten und Mythen ist Nieder-Beerbach vermutlich die reichste Ortschaft im Mühltal. Das macht nicht nur die historisch bedeutsame Burg Frankenstein aus oder die Tatsache, daß sich im kommenden Jahr zum 350. Male jährt, daß die Nieder-Beerbacher verkauft wurden und der Knute der Frankensteiner unter die Knute der hessischen Landesherren „entkamen“.

Eine Reihe augenfälliger Zeugnisse der Nieder-Beerbacher Vergangenheit sind erhalten, sogar - weniger augenfällig - ein Kleinod besonderer Art, nämlich die Gerichtsordnung, die Ludwig und Philipp Heinrich zu Frankenstein im Jahre 1581 seinen Beerbacher Untertanen verordnet hat. Die Ordnung wurde 1980 amtlich als der überraschendste Fund in der hessischen kommunalen Archivpflege bezeichnet. Jährlich am Donnerstag vor dem Namenstag des Heiligen Georg sollte nach dieser Ordnung „unter der Linde mitten im Dorf“ Gericht gehalten werden.

Die Linde ist am 1. November 2011 von uns gegangen, unter der nicht nur die frankensteinische Obrigkeit Gericht halten hat, sondern die über Jahrhunderte der Mittelpunkt des örtlichen Geschehens war. Sie ist gefällt worden, weil nach einem Sachverständigengutachten, das die Gemeindeverwaltung eingeholt hatte, der Baum keine Überlebenschance mehr hatte.

Noch 2003 hatte das Rathaus dem ortsbildprägenden Baum nach einer aufwendigen und kostspieligen Sanierung gute Chancen eingeräumt, noch weitere Menschengenerationen zu überleben: Frisch gestutzt sah man ihm bis vor kurzem die historische Würde an, von der eine Tafel berichtet, die ein Freund der Beerbacher Heimatgeschichte an ihrem Fuße angebracht hatte:

Hier tagte von 1581 bis 1819 das Hain- oder Rügegericht. Unter der Linde befand sich das Ortsgefängnis, die sogenannte Betzenkammer. Sie wurde 1819 geschlossen, da sich die Bürger gebessert hatten.“

Für die angebliche Begründung der Auflassung der Betzenkamer liegen keine Belege vor, auch nicht für das Alter des Baumes von 450 Jahren. Fachleute gingen 2003 immerhin von mehr als 250 Jahren aus. Nachzählen an Jahresringen ließ sich das nicht mehr, als der mächtige Stamm im Grase lag: Der Kern mußte bei der damaligen Sanierung vollständig von der Wurzel bis zum Kronenansatz mit Beton ausgegossen werden, um die Standfestigkeit zu sichern. Der Spezialfirma aus Michelstadt, die jetzt den weniger hohen als breiten Riesen zu Fall bringen mußte, sind am Betonkern einige Sägeketten zerborsten.

Die gut gemeinten lebensverlängernden Maßnahmen von 2003 wirkten nur wenige Jahre. Der Fachmann aus Michelstadt meinte, heutzutage würde man zwar auch den erkrankten Kern aushöhlen, gleichzeitig aber die noch lebende Hülle so stützen und fördern, daß die Linde lebensfähig geblieben wäre. So aber war sie inzwischen zusätzlich von Pilzkrankheiten geschwächt – das Todesurteil war nicht zu verhindern.

Nieder-Beerbachs Heimatkenner und -forscher Adam Breitwieser hat die Höhe des Stammes bis zum Ansatz der Krone mit 3,20 m vermessen, den Stammumfang in 1,60 m Höhe mit 3,85 m. Breitwieser hat zugleich die Gelegenheit genutzt, mit der Wünschelrute zu versuchen, Reste unter der Oberfläche liegenden Mauerwerkes der Betzenkammer zu orten, in der ehedem Bösewichte weggesperrt wurden. Die Rute deutete einen Innenraum von 3,60 mal 5,70 m bei einer Mauerdicke von 0,60 m an. Das war keine Wohlfühlbehausung, sondern wird in alten Beschreibungen als „gar greuliches Loch“ geheißen.

Grabungen nach der Betzenkammer hat es bislang nicht gegeben. An gleicher Stelle setzte zwar der Nieder-Beerbacher Georg Steiner jun. am 1. Mai 2012 eine junge Linde zur Erinnerung an die Dorflinde. Fünf Kubikmeter Erdreich grub er zu diesem Zweck mit schwerem Gerät aus, ganz bestimmt nicht tief genug, um Hinweise auf das tiefe „gar greuliche Loch“ zu finden.

Text:
Volker Teutschländer





Die Dorflinde
vom Kirchweg her gesehen



Die Informationstafel
bis zur Fällung der Dorflinde 2011
(Die angegebenen Daten sind nicht belegt)



Die Dorflinde
nach der lebensverlängernden Sanierung 2003



Ein Herz aus Eisen und Beton von der Wurzel bis zur Krone verlängerten das Leben der Dorflinde nur um wenige Jahre.



Lebendig war nur noch eine schmale Hülle des mehrhunderjähri
gen Baumstammes.