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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 28.06.2012 

 


 

Kriegsende unterm Frankenstein

Als wir im Herbst 1943 noch beim wenige Monate später verstorbenen Lehrer Maul eingeschult wurden, hatten einige in unserer Schule bereits den Vater oder andere Verwandte verloren. Die meisten unserer Väter waren Soldat oder sonst irgendwie dienstverpflichtet. Die älteren Männer, die Generation der Großväter, die zur Arbeitsunterstützung auf die Bauernhöfe aufgeteilten französischen Kriegsgefangenen, "Fremdarbeiter" aus dem Osten und die noch zum Dienst als Soldat noch zu jungen Burschen bestimmten weithin das männliche Bild im Dorf. Aber selbst diese jungen Heranwachsenden wurden in immer jüngeren Jahren gemustert oder als Flakhelfer herangezogen - beneidet von uns jüngeren mit ihrer für die damaligen Verhältnisse schicken Uniform mit der Ski-Überfallhose. Schließlich waren auch wir Buben noch in der kal­ten Jahreszeit mit kurzen Hosen, langen handge­strickten Strümpfen und dem bei uns heranwach­senden Männern besonders verhaßten "Leibchen" ausgerüstet.

So hatten unsere Mütter weitgehend auf sich allein gestellt für uns zu sorgen. Zunächst noch weniger um Nahrungsmittel, obwohl die Zuteilungen mit der Lebensmittelkarte zunehmend knapper wurden, als für ein Paar für die Kinderfuße passende Schuhe per Bezugsschein. Für das Umschneidern eines alten Kleides für die kleine Tochter. Das Aufziehen von alten Socken zum Stricken von Handschuhen oder einer Wollmütze für den Bub. Den Tausch von diesem und jenem auch, um so die rar gewordenen Schulgriffel oder eine Rolle Nähgarn zu erhalten. Brennholz mußte aus dem Wald geholt werden; es wurde nicht nur für den Ofen, sondern auch für den Küchenherd zum alltäglichen Kochen gebraucht. Eingemacht oder "Gedörrt" wurde das, was gerade zu haben oder irgendwie übrig war. Beeren mußten gesammelt, Marmelade gekocht werden. Und zu all diesen Belastungen kam das immer häufiger werdende hastige Rennen mit den Kindern bei Fliegeralarm in die provisorischen Luftschutzkeller hinzu.

Dort verbrachten dann unsere Mütter mit uns so manche Nacht mit Geschwistern, Verwandten, Nachbarn, Kriegsgefangenen, Fremdarbeitern, zufällig anwesenden Auswärtigen oder Fremden, eng gedrängt zwischen Kartoffeln, Rüben und Einmachgläsern. Bei sparsamen, häufig flackerndem Licht, das auch manchmal völlig erlosch, oder dem dämmrigen Schein von Kerzenstummeln.

Erst wenn man sich in diese Situation wieder versetzt, sieht man, was unsere Mütter damals für uns geleistet haben und wie gerne sie wohl mit unseren heutigen Sorgen getauscht hätten. Diese heute unvorstellbare Last wurde allerdings dadurch etwas erleichtert, daß man sich wechsel­seitig half, wo immer es ging.

Trotzdem war für uns Kinder der Krieg noch nichts unmittelbar Beängstigendes und Bedrohendes, vielleicht auch deswegen, weil wir seit unserer ersten bewußten Kindheit nichts anderes kannten. Oder die vielen Tränen, die damals schon flossen, weil ein Angehöriger gefallen oder vermißt war, noch nicht so wahrnehmen konnten.

Nieder-Beerbach blieb unmittelbar vom Krieg zunächst weitgehend verschont. Neben einigen Brandbomben, die ab und an am Dorfrand oder im Wald ausbrannten, war die einzig schwere Bombe eine Luftmine, die glücklicherweise hinter dem Friedhof am Dorfrand niederging. Sie schlug einen von uns Kindern bestaunten riesigen Krater, beschädigte einige Gebäude, deckte Dächer ab, forderte aber als lebendes Opfer nur einen Fuchs.

Wahrscheinlich war es die leichte Orientierung für die englischen und amerikanischen Bomberbesatzungen durch die markante Silhouette des Frankensteins, die verhinderte, daß wir in das Inferno des Bombenhagels hineingezogen wu­den, der nur wenige Kilometer weg über Darm-

nnn

Text:
Georg Bernhardt