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Geschichte > Nieder-Beerbach > Däs un sell

Stand: 25.08.2012

 



 

Vom Asbest-Vorkommen und vom „Asbestwalzer“

Die Nieder-Beerbacher Gemarkung ist reich an unterschiedlichen Gesteinsvorkommen und daher ein beliebtes Ziel von Mineraliensammlern, die selbst in Silber fündig geworden sind. Ende des 19. Jahrhunderts entzündeten sich an Funden des faserigen Minerals Asbest euphorische Hoffnungen auf wirtschaftlichen Aufschwung für die Menschen im Tal. Das Mineral ist zwar seit dem dritten Jahrhundert vor Christi Geburt bekannt, seine wirtschaftliche Bedeutung wuchs seit Beginn der Industrialisierung und damit auch der Bedarf an dem Stoff, dessen Gefahren für die Gesundheit seinerzeit noch nicht bekannt waren. Asbest kommt in Mitteleuropa in verwertbarem Maße kaum vor, was die Begehrlichkeit der Industrie beförderte. Asbest ist gegen Hitze bis etwa 1000 °C und schwac
he Säuren sowie sehr viele Chemikalien sehr widerstandsfähig und hat eine höhere gewichtsspezifische Zugfestigkeit als Stahldraht. Es ist verrottungsfest.

In verschiedenen Baustoffen, besonders Dach- oder Fußbodenbelägen, in Isolierungen, in Sicherheitsbekleidung, im Brandschutz oder in Bremsbelägen wurde das vielseitige Fasermineral verwendet. Seine Gesundheitsgefahren sind zumindest seit 1942 bekannt. Seit 1993 darf das Material in Deutschland nicht mehr verwendet werden. Dennoch lauern viele Gefahren in alten Elektrogeräten, Wänden und Fassaden. Der frühere Umgang mit Asbest vor allem von Arbeitern löst oft erst nach Jahrzehnten schwere, auch tödliche Erkrankungen aus. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jh. sind jährlich noch bis zu 1500 Menschen in Deutschland an Asbestvergiftungen, zumeist an Lungentumoren, gestorben (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung).


Geologische Untersuchungen unterhalb des Frankensteins versprachen die Möglichkeit wirtschaftlichen Abbaus von Vorkommens in Nieder-Beerbach. Die Gemeinde sicherte 1884 dem Mühlenbesitzer Johann Kaspar Reinhardt aus Hanau, ein halbes Jahr später Georg Herschel aus Mannheim die Abbaurechte auf knapp 20 Morgen in den Rödern zu. Mit bergrechtlicher Genehmigung für einen Über- und Untertagebau konnte das Material mit der damaligen Technik mit Seilen und Winden aus Gruben gefördert werden. Eine Querschnittszeichnung, die sich im Besitz von Adam Breitwieser befindet, zeigt, daß sich unter dem Diluvium Tertiärformationen befinden, in denen um Gabbro, Magnesia und Kalk das gesuchte Asbest lagert.

Der Tagebau befand sich auf einem Grundstück nahe dem Steilen Weg zur Burg Frankenstein unweit des Steinernen Tisches. Wie sich bald herausstellte, war die Fördergesellschaft gut beraten, sich mit aufwendigem Maschineneinsatz zurückzuhalten: Das Aufkommen reichte nicht aus für einen wirtschaftlichen Abbau.

Auch ein neuer Versuch, den Asbestreichtum in der Nieder-Beerbacher Erde wirtschaftlich zu nutzen, scheiterte. 1938 trieb ein Trupp des Reichsarbeitsdienstes aus Remscheid einen Stollen tief in das Gelände zwischen Altem Burgkopf und der Dunkelbach. Auch hier wurden die Bergleute fündig, doch das Aufkommen an begehrten Asbestfasern lohnte nicht die gewerbliche Ausbeutung. Der Einstieg zum Stollen ist inzwischen verschüttet, aber für Beerbachs Heimatkenner Adam Breitwieser noch zu erkennen, der sich an dieser Stelle einen Hinweis auf die wenig bekannte Episode der Heimatgeschichte wünscht.

Die einstige Entdeckung des Asbestvorkommens vor der 1900er Jahrhundertwende muß Gesprächsstoff in der Region gewesen sein. Die Erwartungen auf einen vom Asbestbergbau ausgelösten Wohlstand im ganzen Tal waren wohl hoch. In dieser Begeisterung reimte 1894 der Eberstädter Lehrer H. Gompf im Überschwang die Geschichte in fünf Versen und komponierte dazu gar eine Weise im Dreivierteltakt“ mit dem Kehrvers „Hört und lest es, hört und lest, man fand den köstlichen Asbest, man fand Asbest, teils weich, teils fest.“ Der seinerzeit viel gesungene „Asbestwalzer“ ist nach wie vor in Nieder-Beerbach bekannt. Die Akkordeongruppe unter der Leitung von Gerhard Knopp hat ihn auch in jüngster Zeit vor allem bei heimatkundlichen Anlässen vorgetragen, so bei der 750-Jahr-Feier der Burg Frankenstein 2002 und der 350jährigen Zugehörigkeit der Frankensteiner Herrschaft zu Hessen 2012.

Auf Asbest auch im Nieder-Ramstädter Untergrund waren die Bergleute beim Bau des Lohbergtunnels gestoßen. Dessen Fertigstellung 2007 hatte sich um mehrere Monate verzögert wegen der erschwerten Arbeitsbedingungen durch Schutzmaßnehmen für Arbeiter und Umwelt.

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Titelblatt des Asbestwalzers

Text:
Adam Breitwieser
Volker Teutschländer