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Geschichte > Nieder-Beerbach

 

 


 

Das Alte Schloß

Das Alte Schloß war sicher kein Schloß, sondern eher eine Wallanlage mit einfacher Turmburg aus der späten Salierzeit. Das ist wohl die eine Wahrheit. Die andere: Es handelte sich um eine Vorläuferin der Burg Frankenstein, eine gar nicht so kleine Wohnburg. Sie liegt östlich der Landesstraße nach Ober-Beerbach, ungefähr einen Kilometer südlich der Ortslage Nieder-Beerbach.

Für den spazierengehenden Laien ist die künstliche Oberflächenveränderung nicht mehr als Burganlage erkennbar. Der Wald hat sich den Standort längst erobert. Bemerkenswert ist, daß der ehemalige Ringwall weder auf einer Kuppe noch an einem Hang liegt. Vielmehr nimmt er großräumig die Spitze eines langgestreckten und wenig ausgeprägten Bergspornes ein. Nur nach Westen fällt das Gelände ausreichend steil ins Beerbachtal ab, so daß die Burg nur von hier wehrtechnischen Ansprüchen genügen konnte.

Dokumente, die das Bestehen der Burg, des „Alten Schlosses“, belegen könnten, gibt es (noch?) nicht. Einen Hinweis gibt aber der Name der Gewann in der Nieder-Beerbacher Gemarkung, in der die Burganlage vermutet wird: „Das Alte Schloß“, dazu die eine oder andere mündliche Überlieferung. Noch ein Zeichen: 1855 wurde dort ein Helm wohl aus dem 12./13. Jh. gefunden, der im Hessischen Landesmuseum verwahrt wird. Er wird dort als „der Frankensteiner Helm“ bezeichnet, was dem Ergebnis künftiger Forschungen vorgreift, daß das Alte Schloß nämlich eine Vorgängeranlage der Burg Frankenstein sein dürfte. Der überregional bekannte und geachtete Historiker, der Nieder-Beerbachs Pfarrer
Dr. Heinrich Eduard Scriba (1802 - 1857), hatte schon zehn Jahre vorher Mauerreste beschrieben, die aber von den Menschen aus den umliegenden Dörfern schon Jahrzehnte vorher als Baumaterial abgetragen worden seien.

Als Erbauer des Wohnturmes um 1100 werden heute Gerhard von Beerbach und sein Bruder Heinrich vermutet, daher das Alte Schloß als eine Vorläuferin der Burg Frankenstein.

Um die Zeit Scribas hatte auch Lehrer Leichtweiß, jahrzehntelanger Pädagoge in Eschollbrücken, der Ururgroßvater Adam Breitwiesers, des Kenners der Nieder-Beerbacher Heimatgeschichte, Kenntnis von den Überresten eines Bauwerks auf dem Sporn über Beerbachtal und Bieberwoog. Adam Breitwieser hat Aufzeichnungen seines Vorfahren gefunden und arbeitet seitdem an der Aufklärung der Geheimnisse um das Alte Schloß.

Rudolf Kunz, der bekannte Fachmann der Bergsträßer und Odenwälder Heimatgeschichte (Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße, Band 38, 2005), kommt zu dem Schluß, daß die Anlage von einem Ringgraben und zwei Palisadenringen umgeben war. Für den interessierten Besucher ist noch der Sichelgraben und der dahinter liegende Wall erkennbar. In der Mitte der Burg befindet sich heute eine große Vertiefung. Hier fanden ab 1976 Ausgrabungen statt, bei denen man auf die Fundamente des einzigen Gebäudes der Burg traf, einen Turm in den Ausmaßen von 10 auf 15 Meter bei 2 Meter Mauerstärke. Erhalten sind aber nur noch die Reste der westlichen Seite, die heute wieder unter Laub und Erde verschwunden sind. Hier und da lassen sich Steine entdecken, die aber eher lose in der Umgebung liegen, als daß sie einen Grundriss oder eine Wehrmauer widerspiegeln.

Adam Breitwieser hat selbst gegraben, nicht auf's Geratewohl, sondern nach Abgrenzung eines Grabungsfeldes, das er mit Hilfe seiner Wünschelrute ermittelt hat, die er bei vielerlei Arbeiten mit Erfolg einsetzt. Auf diese Weise kommt Breitwieser zu dem Schluß, daß das Alte Schloß nicht eine schlichte Turmburg gewesen sein kann, sondern auch über Wohnhaus und weitere Baulichkeiten verfügte, es sich also um eine Wohnburg handelte. So konnte er eine steinerne Einfriedigung orten, die vielleicht sogar 15 Morgen Gelände umfaßte.

Auf dem Areal fand er Kräuter, die er als Reste landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Nutzung (etwa in einem Burggarten) identifiziert. Er hat Küchenkräuter, Scharbockskraut oder Bärlapp gefunden, die durchaus nicht als Wildkräuter inmitten der (heutigen) Waldflora zu vermuten sind, sich vielmehr vermutlich über Jahrhunderte aus der Vegetation eines Gemüse- oder Kräutergartens in die Neuzeit herübergerettet haben. Adam Breitwieser hat überdies einen Rosenstrauch aus dem Standort des Alten Schlosses „gerettet“, die sich bis heute als äußerst resistent erweist, äußerst stachelig im Vergleich zu heutigen Arten ist, und deren Blüten nicht duften. Der Strauch wird bis zu 2 Meter hoch und gedeiht mittlerweile in mehreren Gärten Nieder-Beerbachs und der Umgebung, so auch im Botanischen Garten der Universität Darmstadt, dem sie Breitwieser überlassen hat. Fachliteratur bestätigt die Annahme Breitwiesers, daß ein Rosenstrauch durchaus Jahrhunderte, ja ein Jahrtausend, überleben kann, da er sich durch Wurzelausläufer verjüngen kann.

Das Schlößchen in Ober-Beerbach

westlich der Ortslage im Hang zur Bergstraße nach Seeheim – ebenfalls ein Ringwall mit Palisadensicherung und Ringgraben – ist möglicherweise ein Vorläufer des Alten Schlosses und der Alten Burg, folglich der Burg Frankenstein.

Stand: 05.12.2012

Text:
Volker Teutschländer

Quellen:
Adam Breitwieser
Heinz Bormuth
Rudolf Kunz





Adam Breitwieser, Forscher nach dem Alten Schloß, inmitten seiner Rosen, die er als Art aus einem Jahrhunderte vergangenen Garten oder Friedhof des Alten Schlosses vermutet.